Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Schadet Psychotherapie meiner Lehramtskarriere?

In der amtsärztlichen Untersuchung wird der Einzelfall geprüft.

[Symbolfoto: Anna Riemen]

18.11.2019 16:33 - Anna Riemen

„Wer eine Psychotherapie gemacht hat, ist direkt raus.“ Dieses Gerücht hält sich hartnäckig unter Lehramtsstudierenden, wenn sie über ihre zukünftige Verbeamtung und die dazugehörige amtsärztliche Untersuchung sprechen. Wir haben nachgefragt, was dran ist. 

„Der Beamtenstatus ist für mich etwas, worauf ich als Lehrer hinarbeite", sagt Alex*. Er ist Lehramtsstudent an der Universität Duisburg-Essen. Die Verbeamtung im Schuldienst ist für ihn ein attraktives Karriereziel: Beamte genießen die besondere Fürsorge des Staates. Etwa die Sicherheit des Arbeitsplatzes sowie die Möglichkeit, bei vorzeitiger Dienstunfähigkeit im Vergleich zum üblichen Rentensystem gut abgesichert zu sein. Die Sorge, sein Ziel nicht zu erreichen, erlebt Alex täglich: Schon seit einigen Jahren leidet er an Motivationslosigkeit, tut sich schwer in seinem Studienalltag. Doch aus Angst, seine Karriere zu gefährden, versucht er, seine Sorgen ohne eine Psychotherapie zu bewältigen. Er befürchtet, bei der sogenannten „Bestenauslese“ nicht bestehen zu können, wenn ihm ein chronisches Leiden diagnostiziert wird.

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Der Staat hat seinen Beamt*innen gegenüber besondere Fürsorgepflichten: Er muss sie auf Lebenszeit versichern, ihnen bei krankheitsbedingten Ausfällen ihr volles Gehalt sowie bei einer Frühpension aufgrund von Dienstunfähigkeit hohe Pensionen zahlen. Eine dauer erkrankte Person verursacht ihm somit hohe Kosten.
Anwärter*innen des Beamtenstatus werden deswegen von einem Amtsarzt bzw. einer Amtsärztin untersucht und ihre körperliche und geistige Gesundheit protokolliert. Ebenfalls im Protokoll enthalten ist eine Prognose hinsichtlich der voraussichtlichen gesundheitlichen Entwicklung der*des zukünftigen Angestellten.

Was passiert bei der Untersuchung?

Während der amtsärztlichen Untersuchung schildern Anwärter*innnen auf einem Anamnesebogen die persönliche Gesundheitsbiographie. Eine Psychotherapie muss dort angegeben werden. Dann fragt der*die Ärzt*in, weswegen die Psychotherapie gemacht wurde und ob sie abgeschlossen ist. Anschließend wird in der Regel ein Gutachten vom behandelnden*r Psychotherapeuten*in angefordert, wo etwa Diagnose und Anzahl der Therapiestunden sowie Klinikaufenthalte vermerkt sind.

Die Patient*innen stimmen der Akteneinsicht zu. Tun sie dies nicht, sei das ihr gutes Recht, könne aber auch ihren Ausschluss aus dem Verfahren bedeuten, gibt Jörn Sickelmann, Leiter des Akademischen Beratungs-Zentrums, zu bedenken. „Im Verbeamtungsverfahren besteht eine Mitwirkungspflicht. Ich darf auch nicht lügen beim Amtsarzt oder Dinge verschweigen.“ Dies kann auch zutreffen, wenn eine Psychotherapie privat bezahlt wird, sodass sie nicht aktenkundig wird: Im schlimmsten Fall können falsche oder verschwiegene Angaben zur eigenen Gesundheit zur Nichtigkeit des Beamtenverhältnisses und damit zur Entlassung führen.

Ist Psychotherapie ein No-Go?

Das amtsärztliche Gutachten wird dem Land Nordrhein-Westfalen, vertreten durch die jeweilige Bezirksregierung, vorgelegt. Sie ist der Dienstherr und entscheidet darüber, ob sie den*die Beamt*in einstellt. Hauptaugenmerk liegt bei der Berücksichtigung des amtsärztlichen Gutachtens nicht darauf, ob ein Leiden vorliegt - sondern, ob dieses Leiden nach ärztlicher Einschätzung das Potenzial hat, für häufige Dienstausfälle oder eine frühzeitige Arbeitsunfähigkeit zu sorgen.

Beratungen oder Coachings müssen nicht angegeben werden.

Werden Personen mit psychotherapeutischer Vorgeschichte automatisch nicht verbeamtet? Sickelmann verneint dies. Natürlich müssten Amtsärzt*innen ihre ehrliche Einschätzung festhalten, wenn sie zu dem Schluss gekommen sind, dass die betroffene Person psychisch oder körperlich voraussichtlich nicht in der Lage sein wird, bis zum festgelegten Ruhestandsalter zu arbeiten. Doch träfen sie diese Entscheidung nicht leichtfertig. In der Untersuchung werde stets der Einzelfall geprüft. „Sie dürfen eines nicht machen, nämlich sagen: Diese Diagnose geht immer durch und diese Diagnose nicht. Sie werden als Individuum gesehen“, so Sickelmann. Seien sich Amtsärzt*innen etwa unschlüssig, holten sie zweite Meinungen ein, ordneten gegebenenfalls weitere fachärztliche Untersuchungen an. Sickelmann gibt ebenfalls zu bedenken, dass ein bewältigtes Problem einen besseren Eindruck hinterlässt als ein unbewältigtes: „Ein Amtsarzt merkt auch irgendwie, wenn ich stark belastet bin und das würde vielleicht eher Fragen aufwerfen, als wenn ich reingehe und sage, ich hatte da einmal ein Problem im Studium, das hab ich bearbeitet und jetzt fühle ich mich gut.“ 

Therapie oder Beratung?

Wer sich nicht sicher ist, ob eine Psychotherapie notwendig ist, kann dieser psychologische Beratungen oder Coaching vorschalten. Sie müssen auf dem amtsärztlichen Anamnesebogen nicht angegeben werden. „Bei der psychologischen Beratung kann man erstmal zusammen schauen, wo die Hintergründe von den Symptomen sind, die in letzter Zeit aufgetreten sind. Es gibt auch das Konzept der Selbstwirksamkeit“, rät Thomas Interbieten, psychologischer Berater im Akademischen Beratungs-Zentrum der UDE. Greife dieser Ansatz der Psychoedukation zu kurz, würde er Psychotherapie als nächsten Schritt empfehlen. „Es gibt eine klare Unterscheidung zwischen Beratung auf der einen und Therapie auf der anderen Seite. Wir stellen weder irgendeine Art von Diagnose, noch führen wir irgendeine Art von therapeutischer Behandlung aus“, stellt Interbieten klar.

Sickelmann bemerkt in seinem Arbeitsalltag, dass die differenzierte Betrachtung mentaler Gesundheit in den letzten Jahren gesamtgesellschaftlich zunimmt. Dana* ist heute verbeamtete Lehrerin, trotz zwölf Wochen stationärer Behandlung und 18 Monaten weiterer ambulanter Therapie. „Ich sah keine Alternative, denn ich konnte manchmal tagelang das Haus nicht verlassen. Das war kein Leben, das ich mir wünsche. Bei der Amtsärztin habe ich von Anfang an mit offenen Karten gespielt und konnte ihr klar machen, dass Schule eher zu meiner Genesung beiträgt, als mich krank zu machen“, erzählt sie. 

Wie stark ist mein Leid?

Sickelmann ist der Auffassung, dass jede*r Betroffene selbst genau abwägen müsse, was es bedeutet, mit einer unbehandelten psychischen Erkrankung zu leben, zu studieren und zu arbeiten: „Eine wichtige Frage ist: Wie stark ist mein Leidensdruck? Ich habe auch oft Studierende darauf hingewiesen, dass man erstmal gucken muss, ob sie überhaupt durchs Referendariat kommen, in dem Zustand, in dem sie gerade sind. Ob sie überhaupt unbehandelt durchs Studium kommen.“ Interbieten ergänzt: „Man weiß aus der Forschung, dass es bestimmte psychische Problemlagen gibt, die sich verschlimmern, je länger ich damit warte, zu intervenieren.“ Dana* sieht dies ähnlich. Anderen Betroffenen rät sie: „Lass dir helfen, sobald du eingesehen hast, dass du Hilfe brauchst. Ohne Therapie wäre die gute Zeit, die ich jetzt habe, nie möglich gewesen.“ 

*Namen von der Redaktion geändert. 

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