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STUDIUM & FREIZEIT

Referendariat auf Distanz

Wegen des Distanzunterrichts sind die Klassenräume leer. [Symbolbild: pixabay]

09.02.2021 12:19 - David Peters

Durch die Coronapandemie und die damit verbundenen Schulschließungen können viele Schüler:innen nicht wie gewohnt am Unterricht teilnehmen. Auch für die Lehramtsanwärter:innen ist die Situation herausfordernd. Die Pandemie erschwert ihre Ausbildung.

Bevor Studierende nach dem Lehramtsstudium im Lehrerberuf durchstarten können, absolvieren sie ein 18-monatiges Referendariat. Dabei lernen sie die praktische Seite des Jobs kennen und sollen zeigen, dass sie das theoretische Wissen in die Praxis umsetzen können. Durch die Coronapandemie hat sich aber nicht nur der Schulunterricht geändert, sondern auch die Herausforderungen für die Referendar:innen.

Esther Fischer* ist Lehramtsanwärterin an einer Förderschule für körperlich-motorische Entwicklung. Schon der Beginn ihres Referendariats an der Schule im Mai 2020 verzögerte sich aufgrund der Coronapandemie. Auch das persönliche Kennenlernen der anderen Lehramtsanwärter:innen und der damit verbundene Austausch fiel der Pandemie zum Opfer. „Eigentlich beginnt das Referendariat mit einer Hospitationsphase, um mich auf den Unterricht vorzubereiten. Das Studium selbst ist recht theoretisch“, erzählt sie.

Die Phase entfiel aufgrund der Schulschließungen vor den Sommerferien komplett. Sie fühlte sich dadurch ins kalte Wasser geworfen und ihr Unterricht sei zu Beginn nicht so gut gewesen, wie er hätte sein können. „Ich konnte die Kinder zu Beginn gar nicht richtig kennenlernen. An einer Förderschule ist das allerdings besonders wichtig, weil wir die Inhalte des Unterrichts auf die einzelnen Kinder zuschneiden“, führt Fischer aus.

Ihre Unterrichtsbesuche finden aktuell nur theoretisch statt. „Das ist quasi nur eine halbe Vorbereitung für meine Abschlussprüfung.“ Wie gut der Stoff individuell auf die Schüller:innen abgestimmt ist, könnten die Fachleiterin:innen nicht bewerten, wenn die Kinder am Unterricht nicht teilnehmen können. So können mögliche Fehler nicht korrigiert werden.

Distanzunterricht nicht für alle Förderschulen geeignet

Der Distanzunterricht über Videokonferenz ist an einer Förderschule nicht so einfach umzusetzen, wie an anderen Schulformen: „Ich arbeite mit Schüler:innen, die teils keine Lautsprache haben, die eine andere Ausdrucksweise haben. Viel Kommunikation läuft über Körperkontakt oder Beobachtung der körperlichen Reaktionen ab.“ Das ist auf digitalem Weg nicht möglich. „Manche Schüler:innen kann ich momentan also gar nicht richtig erreichen. Ein Teil der Ausbildung besteht aber aus diesen Aspekten. Das kann ich gerade überhaupt nicht üben“, so die Lehramtsanwärterin.

Auch Per Angenfort hat mit den aktuellen Bedingungen zu kämpfen. Er hat 2019 sein Referendariat an einem Gymnasium begonnen, seine Abschlussprüfung ist für den März geplant. Ein Teil seiner Unterrichtsbesuche fand digital statt, ein Teil in Präsenz. Der Distanzunterricht sei kein Nachteil für ihn, erklärt er. Seine Schule sei digital gut ausgestattet gewesen. Dies sei aber nicht bei allen Schulen der Fall, manchen seiner Kolleg:innen fehle das entsprechende Equipment. „Die digitale Infrastruktur der Schulen ist sehr unterschiedlich. Dadurch haben wir eine ungleiche Verteilung und damit verbunden eine Verstärkung der Bildungsungerechtigkeit“, so der ehemalige UDE-Student.

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Digitaler Unterricht als Herausforderung [Foto: pixabay]
 

Die Ausbildungsbedingungen beschreibt Angenfort als „herausfordernd“. Manche Bezirksregierungen hätten die Anforderungen des Referendariats an die aktuelle Situation angepasst – andere nicht. Auch wenn er keine großen Probleme habe, „für manche Lehramtsanwärter:innen bedeutet das erhebliche Nachteile“, berichtet er. Er hofft, dass seine Abschlussprüfung in Präsenz stattfinden kann. „Die Lehramtsausbildung möchte ich nicht mit einer Simulation, sondern einer real durchgeführten Stunde beenden.“

Gewerkschaft fordert einheitliche Regelungen

Anna Cannavo ist Jugendbildungsreferentin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW. Die aktuelle Situation führe zu großer Unsicherheit bei Referendar:innen, die kurz vor den Prüfungen stehen. Es sei nicht absehbar, wie und in welcher Form, diese stattfinden können. Aktuell ist noch nicht klar, ob und wie lange die Schulschließungen und der Distanzunterricht fortgesetzt werden.

Für die unterrichtspraktische Prüfung, die Abschlussprüfung der Referendar:innen, müssten transparente Rahmenbedingungen geschaffen werden, fordert Cannavo. „Es muss eine landesweite, einheitliche Lösung geben.“  Eine Verlängerung der Ausbildung lehnt sie ab: „Eine Verlängerung des Referendariats kann nicht das Maß der Dinge sein. Die Situation darf nicht zum Nachteil der Lehramtsanwärter:innen ausgelegt werden.“

*Name von der Redaktion geändert

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