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STUDIUM & FREIZEIT

„Oh je, das ist ein Mensch.“

Mit Formaldehyd werden die Körperspender konserviert. [Foto: Vicky Groß]

17.05.2019 11:18 - Anna Riemen

Vicky Groß studiert seit dem Wintersemester 2018 Medizinische Biologie an der Universität Duisburg-Essen, vorher arbeitete sie bereits als pharmazeutisch-technische Assistentin im medizinischen Bereich. Nach ihrem Studium will sie in der Forschung tätig sein. Was sie bisher über die menschliche Anatomie gelernt hat, wurde ihr schließlich auch praktisch vermittelt. Wie sie ihr erstes Zusammentreffen mit einem Leichnam und die wissenschaftliche Arbeit daran erlebt hat, hat sie der akduell erzählt.

ak[due]ll: Worum ging es in deiner ersten Makroskopiestunde und wie seid ihr sie angegangen?

Groß: Wir hatten den Kurs Makroskopische Anatomie für Medizinische Biologen. Makroskopie heißt, dass wir, im Gegensatz zur Mikroskopie, die entsprechenden Teile nicht auf Gewebeebene untersuchen, sondern in ihrer Originalgröße. Wir beschäftigen uns mit dem gesamten menschlichen Körper, aber in der ersten Makroskopiestunde ging es um den Bewegungsapparat, also erstmal um Muskeln und Knochen der Extremitäten und des Rumpfes. Zunächst wurden wir in einer dreiviertelstündigen Vorlesung auf das Thema vorbereitet. Mit dem Bewegungsapparat wird angefangen, weil er vom Schwierigkeitsgrad her als emotional noch vertretbar gilt, gerade am Anfang, um die Studierenden vorzubereiten.

ak[due]ll: Wie sah der praktische Teil der Stunde aus?

Groß: Wir arbeiteten an fünf Körperspendern. Vier Männer, eine Frau. Bis auf Haut und Fettgewebe ist der Körper vollständig erhalten. Die Muskeln sind freigelegt, um sie sich genau angucken zu können, doch es wurde noch nicht so weit herunterpräpariert, als dass man etwa in die Bauchhöhle hätte gucken können.

ak[due]ll: Was sind Körperspender?

Groß: Körperspender sind Menschen, die ihren Körper nach ihrem Tod an medizinische Einrichtungen spenden. Das sind meistens Menschen, die wissen, dass sie in naher Zukunft sterben werden. Sie werden vorher darüber aufgeklärt, wie das ganze Prozedere abläuft. Etwa, dass ihr Körper einige Jahre bei uns verbringen wird. Für unsere aktuellen Spender sind es zwei, es können aber auch drei oder vier Jahre werden.  An den Körperspendern wird dann den ganzen Kurs lang präpariert. Alles vom Körper, auch, was ihnen entfernt wird, wird komplett in einer bestimmten Tonne gesammelt. Das Skelett und alles, was sich von ihnen in dieser Tonne befindet, wird schließlich zusammen eingeäschert und dann beerdigt.

Die Muskeln sind freigelegt, um sie sich genau angucken zu können

ak[due]ll: Wie werden die Körperspender vor der Verwesung bewahrt?

Groß: Die Körperspender müssen feucht gehalten werden, das Gewebe würde sonst austrocknen, brüchig werden und wir könnten dann nicht mehr daran arbeiten. Deswegen werden die Leichen mit Tüchern zugedeckt, die in Formalin getränkt sind und in blaue Plastiktüten gepackt, wenn nicht an ihnen gearbeitet wird.

ak[due]ll: Durftet ihr die Körperspender selbst präparieren?

Groß: Wir dürfen selber nicht präparieren. Das dürfen nur die Mediziner. Sie haben das so vorbereitet, dass an den besagten Stellen nur noch Muskeln, Knochen, Nerven- und Blutbahnen zu sehen waren. Auch Organe lagen noch darunter, bei denen sind wir aber noch nicht.

ak[due]ll: Wie haben euch eure Dozierenden darauf vorbereitet?

Groß: Unsere Dozentin macht das jetzt schon seit einigen Jahren und sie wirkt sehr beruhigend, sie macht das alles sehr sachlich. Sie sagte, dass wir vorher ausreichend essen und trinken sollen. Es gibt mal zwischendurch Leute, denen ein bisschen schlecht wird oder die Kreislaufprobleme bekommen und die sich dann setzen müssen. Aber so kippt niemand um. Unserer Dozentin zufolge ist das während ihrer gesamten Lehrzeit hier noch nicht passiert.

ak[due]ll: Es ging um den Bewegungsapparat. Was genau habt ihr während der Stunde dafür untersucht?

Groß: Wir sind quasi von einer Station zur nächsten gehoppt und haben uns die verschiedensten Körperpartien angesehen. Wir haben an der einen Station Oberarme und Schulterblatt betrachtet, an der zweiten dann Oberschenkel und Hüfte, die dritte Station zeigte, wie der Knochen aufgebaut ist und die vierte Station war bei einer Person, die auf dem Gesicht lag, da ging es um den Rücken. An einem fünften Körperspender haben wir uns die Bauch- und Brustmuskulatur angesehen. Wir wurden auch dazu aufgefordert, die Körper anzufassen. Etwa, um zu vergleichen, wie viel dicker sich eine Arterie im Gegensatz zu einer Vene anfühlt.

ak[due]ll: Wie hast du dich in den einzelnen Etappen des Ablaufs so gefühlt?

Groß: Natürlich war es ein bisschen gruselig, als uns gesagt wurde „Okay, jetzt können Sie aufstehen und wir gehen rüber in den Präparationssaal.“ Man hatte ja noch keine Leiche gesehen, wusste nicht, was einen genau erwartet, wie eine präparierte Person aussieht. Wir haben Kittel angezogen, uns in Gruppen aufgeteilt und dann standen wir vor einem Tisch mit Leiche. Es war schon befremdlich. Man wollte nicht nah dran gehen. Der Formalingeruch war unbekannt und es sah auch nicht unbedingt schön aus. Diese Person hat ja auch schon zwei Jahre gelegen. Es hat so ein bisschen etwas Unwirkliches, wie in einem Krimi.

ak[due]ll:War dir die ganze Zeit bewusst, dass du da einen Menschen vor dir hast?

Groß: Nein, das war es mir nicht. Am Anfang vielleicht, so die ersten fünf bis zehn Minuten, wo die Berührungsängste noch größer waren. Aber hinterher ist man so sehr in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise drin, dass man das gar nicht mehr wahrnimmt. Das kommt nur zurück, wenn man etwa in die Nähe des Gesichts kommt, obwohl es abgedeckt ist. Oder sich die Hände ansieht. Das ist so der Moment, in dem man merkt „Oh je, das ist ein Mensch.“ Aber es ist nur noch der Körper. Wie er da so vor einem liegt, hat er nichts mehr mit einer Seele zu tun. Trotzdem ist einem ab und an unwohl.

Der Formalingeruch war unbekannt und es sah auch nicht unbedingt schön aus.

ak[due]ll: Wie wird die Trauerfeier für die Körperspender aussehen?

Groß: Die Beerdigung wird von allen, die mit diesen Körperspendern etwas zu tun hatten, mit ausgerichtet. Mit Chor, mit Instrumenten, einer Rede, Kränzen, auch die Angehörigen werden dabei sein. Das ist obligatorisch, jeder muss hin, es ist der ethische Teil. Man bedankt sich bei dem Spender dafür, dass er das alles überhaupt erst möglich gemacht hat und man geht auch sehr respektvoll mit ihm um. Es ist eben immer noch ein Mensch.

ak[due]ll: Müsst ihr noch weitere Male mit den Spender*innen arbeiten?

Groß: Ja, wir haben verschiedene Themenreihen. Eine haben wir jetzt schon fertig, es werden aber noch andere Themen besprochen, wie Herzkreislaufsystem, Gastrointestinaltrakt, Urogenitaltrakt und Nervensystem. Dann haben wir auch immer die Möglichkeit, ins freie Präparieren zu gehen, also den Medizinern dabei zuzusehen, wie sie präparieren. Wir müssen uns dann auch selber damit vertraut machen und viel, viel lernen.

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