Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Lernen, Schlange stehen, Verklagen

Bis man einen Termin in der Ausländerbehörde bekommt, ist das Visum manchmal schon abgelaufen. [Symbolbild: flickr.com/A. Strakey/CC BY-NC-ND 2.0]

21.01.2019 13:15 - Julia Segantini

 
 

Schon Anfang Dezember schrieb die WAZ über menschenunwürdige Zustände vor der Ausländerbehörde in Duisburg, vor der Studierende bereits nachts Schlange stehen, um einen Termin zu bekommen. Wir haben mit zwei Betroffenen und dem Akademischen Auslandsamt (AAA) der Universität Duisburg-Essen (UDE) über die Situation gesprochen.

Duminda* hat einen ganz Ordner mit Dokumenten von der Uni und von der Ausländerbehörde. Trotzdem steht er noch am Anfang der Auseinandersetzung um sein Visum. Warum ausländische Studierende zur Ausländerbehörde müssen, erklärt das AAA: Sie unterliegen der Meldepflicht und den Aufenthaltsgesetzen. Während sich EU-Staatsangehörige wie Deutsche im zuständigen Bezirksamt anmelden, müssen sogenannte Drittstaatsangehörige (Staatsangehörige, die vom Recht auf europarechtliche Freizügigkeit ausgeschlossen sind) bei der Ausländerbehörde vorstellig werden. Dort können sie zum Beispiel ihr Einreisevisum in eine Aufenthaltsgenehmigung umwandeln lassen.

Die lästige Bürokratie der Ausländerbehörde

Nicht reisen, Gewahrsam, Arbeitslosigkeit: Das droht Malina aus Georgien, weil die Ausländerbehörde keinen Termin für sie frei hat
 

Auch Duminda, Mechanical Engineering-Student im 10. Semester, war mehrfach dort, um sein Visum zu verlängern. Bisher klappte das, bis er nach Mülheim an der Ruhr zog und eine Mitarbeiterin der dortigen Ausländerbehörde ihm eine weitere Verlängerung verweigerte. Die Gründe dafür seien ihrer Meinung nach, dass Duminda die durchschnittliche Dauer seines Studiums überschritten und nicht genügend Creditpoints gesammelt habe, wie sie ihm schriftlich mitteilte.

Falsche Berechnungen

In diesem Dokument wird von durchschnittlich 6,62 Semestern als Regelstudienzeit ausgegangen. Für das Fach, das Duminda studiert, sind allerdings neun Semester der Durchschnitt, internationale Studierende dürfen darüber hinaus sogar noch drei Semester länger studieren, also insgesamt 12. Auch die im Dokument angegebenen Creditpoints entsprechen nicht den tatsächlichen Leistungen.

Duminda hat schon deutlich mehr Punkte erlangt, ist mit seinen zehn Semestern voll im Plan. Das hat er sich von der UDE bescheinigen lassen. „Sie trifft hier eine Entscheidung für mein Leben“, beschwert sich Duminda über die für ihn zuständige Mitarbeiterin der Ausländerbehörde.

Als er die Behörde damit konfrontierte, habe die Sachbearbeiterin das nur mit einem „Ich habe mich schon entschieden. Sie können ja klagen“ quittiert, erzählt er. „Ganz ehrlich, ich glaube, sie wollen, dass ich gehe, deshalb behandeln sie mich so. Ich bin wohl jemand, den sie leicht loswerden können. Es gibt mehrere Wege, diese Zahlen auszurechnen und sie hat es so gemacht, dass es möglichst ungünstig für mich ausfällt“, sagt Duminda dazu.

Sandhya macht gerade ihren Doktor in Soziologie an der UDE. Auch sie hat negative Erfahrungen mit der Duisburger Ausländerbehörde gemacht. Tagelang harrte sie vor dem Büro aus, „immer ab fünf, sechs Uhr morgens, mindestens für zweieinhalb Stunden“, erzählt sie. Sie hatte geplant, ebenfalls nachts Schlange zu stehen, um ihre Chancen zu erhöhen, sich dann jedoch dafür entschieden, sich zunächst beim AAA zu beschweren. „Ich wurde unterstützt, nachdem meine Beschwerde sie erreicht hatte. Sie vereinbarten einen Termin für mich, das war sehr nett“, berichtet sie. „Als Ausländer an einem neuen Ort haben wir schon genug Ängste und Dinge, mit denen wir fertig werden müssen. Durch solche Probleme ergeben sich nur noch mehr frustrierende Situationen für uns“, meint sie. Deshalb habe sie dem AAA einige Vorschläge zur Verbesserung gemacht.

Wenn die Existenz bedroht wird

Auch das AAA weiß, dass ein Termin bei der Ausländerbehörde von existentieller Bedeutung ist. „Ohne Anmeldung kann man weder ein Bankkonto eröffnen, noch einen Arbeitsvertrag bekommen, noch zum Beispiel Mobilfunkverträge abschließen“, so das AAA. Auf einen Termin müsse man derzeit aber drei bis vier Monate warten.

Zur Zeit hält die Universität nur Professor*innen, nicht aber für Studierende, Termine frei.

Nach der Einreise hat ein Visum oft nur eine dreimonatige Gültigkeit. Das AAA erklärt: „Wenn man rechtzeitig einen Termin vereinbart hat, das Visum aber zwischenzeitlich schon abgelaufen ist, ist man trotzdem nicht ‚illegal‘. Man sollte aber dennoch besser die Staatsgrenzen nicht verlassen, um bei einer Einreisekontrolle keine Probleme zu bekommen.“

Dass dies keine zumutbaren Zustände sind, sollte für jede*n außer Frage stehen. Der Uni-Rektor stehe dazu im Kontakt mit dem Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, Sören Link, der Personalverstärkung zugesichert habe. Zur Zeit hält die Universität nur Professor*innen, nicht aber für Studierende, Termine frei. Erst durch die von Link versprochene  Personalverstärkung sei dies künftig möglich, so das AAA. „Rektor Ulrich Radtke ist es ein Anliegen, eine solche Zweiklassengesellschaft zu vermeiden“, versichert das AAA.

Die letzte Chance

Während sich die Situation für Sandhya inzwischen gebessert hat, geht es für Duminda erst richtig los. Er wandte sich an den Vorgesetzten der Mitarbeiterin in der Mülheimer Ausländerbehörde. Der habe allerdings seine Kollegin unterstützt und nichts für ihn getan. „Ich habe jetzt 800 Euro für einen Anwalt ausgegeben. Ich hatte keine andere Wahl“, sagt Duminda. Er habe sehr viel Zeit in die Angelegenheit investiert, besonders, da er sich in einem fremden Land befinde, wo er sich mit den Gesetzen nicht auskenne. Er sei froh, überhaupt das Geld für den Anwalt zusammen bekommen zu haben. Arbeiten kann er nicht, dazu fehlt ihm das Visum. Nun muss seine Mutter für ihn aufkommen.

Er will so schnell wie möglich mit dem Studium fertig werden. „Deshalb schreibe ich jetzt acht sehr schwierige Klausuren. Ich werde dazu gezwungen, denn sie geben mir ja keine Zeit. Jeden Tag komme ich nach Hause, lerne und schlafe, das war’s.“ Sein Anwalt habe ihm erklärt, dass ihm bei einem Fehlschlag nur übrig bliebe, eine Ausbildung zu machen. Das setzt ihn noch massiver unter Druck: „Das werde ich nicht tun. Ich bin hergekommen, um Ingenieur zu werden. Zu Hause in Sri Lanka ist es sehr schwierig, in eine Uni zu kommen. Aber dann gehe ich lieber wieder zurück, als eine Ausbildung zu machen“, sagt er und ergänzt: „Es ist sehr unfair. Aber egal was es kostet, ich ziehe das durch. Ich gebe unter keinen Umständen auf. Ich bin optimistisch.“

*Name ist der Redaktion bekannt


 

Hannover: Demonstration gegen kritische Journalisten

In Hannover demonstrierten Neonazis gegen Journalist*innen und Pressefreiheit. Es kam zu Übergriffen auf Pressevertreter*innen.
 

UA Ruhr Bib-Guide: Ruhr Uni Bochum

Unser Bibliotheksführer verrät dir, warum sich ein Blick in andere Universitätsbibliotheken lohnen kann. Teil 1: die UB der Ruhr-Uni Bochum.
 

Freilaufender Alligatoah in Köln gesichtet

Alligatoah schloss am Sonntag, 15. September, seine Wie Zuhause-Tour mit einem Konzert in der Kölner Lanxess Arena ab.
 
Konversation wird geladen