Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Leinen los für Flüchtlingsfrauenrechte

In 55 Stationen von Nürnberg nach Berlin: Geflüchtete Frauen demonstrieren gegen miserable Zustände. (Foto: mac)

23.08.2014 00:18 - Maren Wenzel

Der Himmel über dem Rhein-Herne-Kanal ist wolkenverhangen, das Wasser fließt trüb den begradigten Verlauf hinunter. Trotzdem drängen sich rund 250 Menschen auf der Zweigertbrücke an der Karnaper Straße. Und dann sind von weitem Sprechgesänge zu hören: „We are here and we will fight! Freedom of movement is everybody‘s right!“ Zwei mit bunten Transparenten geschmückte Holzflöße durchbrechen das typische Bild aus Yachten, Industrieschiffen und Ausflugsdampfern. Die selbst gezimmerten Boote gehören zur Sommer-Floßtour, bei der Flüchtlinge und Unterstützer*innen in sechs Wochen von Nürnberg nach Berlin fahren, um für die Rechte von Geflüchteten und insbesondere von Flüchtlingsfrauen zu kämpfen.

Die kreative Protestaktion hat einen ernsten Hintergrund: So schätzt eine Gruppe europäischer Journalist*innen in ihrem umfassenden Recherchebericht „The Migrant‘s Files“, dass seit dem Jahr 2000 rund 23.000 Menschen an den Außengrenzen der EU während ihrer Flucht gestorben sind. Eine große Mehrheit von ihnen sind im Massengrab Mittelmeer ertrunken. „Unsere Flöße symbolisieren auch auf deutschen Flüssen die Unsicherheiten, denen die Menschen während ihrer Flucht ausgesetzt sind“, sagt der Liedermacher Heinz Ratz, der mit seiner Band Strom & Wasser die Tour unterstützt und mitorganisiert. „Statt nur in den Nachrichten wird die Bevölkerung direkt mit den zerbrechlichen Schiffen konfrontiert“, sagt Ratz weiter.

Mehrfache Diskriminierung: Flüchtling und Frau



Bereits bei der 1.000 Brücken-Tour im Jahr 2011 hat Heinz Ratz mit seiner Band Strom & Wasser rund 80 Flüchtlingslager in Deutschland besucht und ist gemeinsam mit Geflüchteten aufgetreten. Seit vielen Jahren beschäftigt sich der Künstler mit den desaströsen Lebensumständen von Geflüchteten hierzulande. Jetzt geht es in 55 Stationen quer durch die Bundesrepublik: An jedem Tag sind die Aktivist*innen in einer neuen Stadt und organisieren gemeinsam mit dem Menschenrechtsverein Pro Asyl und den Flüchtlingsräten Informationsveranstaltungen und Konzerte mit wechselnden Gastauftritten. Die Floßtour 2014 hat dabei eine explizit feministische Perspektive. „Ganz besonders betroffen sind Frauen. Vor allen wenn sie alleine reisen oder mit kleinen Kindern, sind sie Gewalt viel mehr ausgesetzt. Auch das Leben in den Lagern ist sehr schlimm“, so Heinz Ratz. Zwischen häuslicher Gewalt und Sexismus hätten die Frauen gelernt sich unsichtbar zu machen.

Mit den Flüchtlingsfrauen auf den Flößen unterwegs sind auch Unterstützer*innen. In der Initiative „Women in Exile“, die sich 2002 in Brandenburg gründete, kämpfen geflüchtete Frauen zusammen mit Unterstützer*innen gegen Diskriminierung und rassistische Politik. Und das gelingt ihnen eindrucksvoll. Fatuma Musa, eine Geflüchtete mit somalischem Pass, erklärte während der Essener Station der Floßtour auf der Zeche Carl in einer Rede: „Ja, ich bin ein Flüchtling. Ja, ich bin eine Frau. Und ja: Ich verdiene meine Rechte in diesem Land, so wie alle anderen Menschen!“

Übergriffe, Residenzpflicht und mangelnde Unterstützung

In vielen Städten auf der Tour besuchen die Floß-Aktivist*innen auch Flüchtlingsunterkünfte, im Ruhrgebiet beispielsweise in der Duisburger Friedensstraße. Dort sammeln sie dann Eindrücke und sprechen mit den Frauen über ihre Probleme. Neben geschlechtsübergreifenden Themen wie der Residenzpflicht, stark einschränkenden Essensausgaben und Arbeitsverboten stehen auf der Tour Themen wie sexualisierte Gewalt und andere gewalttätige Übergriffe, fehlende Privatsphäre und Schutzräume sowie mangelnde Unterstützung für Frauen mit Kindern im Fokus.



Auf dem Weg vom Anlegesteg zur Zeche Carl in Essen erzählt Flüchtlingsaktivistin Elisabeth Ngari von ihren Erfahrungen: „Wir haben eine Frau in Brandenburg beraten, die von ihrem Freund geschlagen wurde. Sie ist damit zum Heimleiter gegangen und der hat sie daraufhin auf ihr Zimmer geschickt. Absurd! Wir sind dann mit ihr zur Polizei gegangen und haben Anzeige erstattet.“ Sexuelle und andere gewalttätige Übergriffe kommen in Lagern wie im Rest der Gesellschaft vor. Allerdings ist es für geflüchtete Frauen noch deutlich schwerer sich gegen solche Situationen zu wehren. Viele Frauen seien eingeschüchtert, sagt Elisabeth Ngari: Schließlich müssten sie nach einer Anzeige noch lange Zeit eingepfercht in dem Flüchtlingslager leben, häufig sogar zusammen mit dem Täter. Dazu komme, dass viele Frauen trotz der negativen Erfahrungen durch die Täter nicht der Grund dafür sein wollen, dass der Mann Probleme mit seinem Asylverfahren bekomme, so Ngari.

Fehlende Privatsphäre, fehlende Schutzräume

Und auch das Wort Privatsphäre ist ein großes Stichwort mit Blick auf die desolaten Lebensumstände für Frauen in Flüchtlingslagern. Menschen, von ihrer Flucht oft traumatisiert, sind gezwungen auf engstem Raum zusammen zu wohnen. „Ich bin seit 15 Jahren aktiv, aber so etwas wie in Duisburg habe ich noch nicht gesehen“, sagt Elisabeth Ngari. „In einem winzigen Zimmer leben zwei Frauen mit jeweils zwei Kindern – also sechs Menschen auf engstem Raum.“ Ngari ist selbst vor Jahren mit zwei Kindern aus Somalia nach Deutschland geflohen und kennt die Probleme sehr gut: „Gemischte Duschen, zu kleine Gemeinschaftsräume und Küchen, und Personal, das ohne zu klopfen in den Raum kommt. Privatsphäre gibt es nicht“, so Ngari.

Dazu kommt die oftmals prekäre Versorgungslage, die auch Kinter trifft. „Besonders, wenn es nur Sachmittel oder Gutscheine gibt, ist das schwierig. Eine Frau in Bayern hat mir einmal erzählt, dass die Ration für Babymilch nie reicht“, sagt die Flüchtlingsaktivistin. Viele Frauen prangern die fehlenden Perspektiven an: Während es schon sehr schwierig ist an einen Platz in einem Deutschkurs in der Erwachsenenbildung zu kommen und ihn dann noch zu finanzieren, müssen Flüchtlingsfrauen häufig noch zusätzlich um die Betreuung ihrer Kinder während der Zeit des Sprachkurses kämpfen.

Neben den Aktivist*innen von „Women in Exile“ fahren auch Frauen aus den Lagern ein Stück weit auf dem Floß mit, um die Kampagne zu unterstützen. Viele geflüchtete Frauen sind jedoch aufgrund der europäischen Dublin-III-Verordnung von Abschiebungen bedroht: Die Anordnung besagt, dass das Verfahren von Asylsuchenden in dem Staat bearbeitet werden müsse, wo die Personalien der Geflüchteten das erste mal aufgenommen wurden. Andere Frauen wiederum konnten nicht mitfahren, weil sie aufgrund der Residenzpflicht keine Reiseerlaubnis erhalten haben. „Das zeigt, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben: Die Abschaffung der Lager, der Dublin-III-Verordnung und der Residenzpflicht“, sagt Flüchtlingsaktivistin Ngari. [mac]

Mehr Infos zur Floßtour auf:



Blog zur Tour (Women in Exile):

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