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STUDIUM & FREIZEIT

Herr Dings hat Satidealismus

Foto: sel

26.11.2014 01:13 - Anett Selle



Martin Sonneborn ist derzeit mit seinem Programm „Krawall und Satire“ auf Tour. Am vergangenen Mittwoch gab er sich die Ehre in der Essener Zeche Carl. Neben PARTEI-Geschichte und Anekdoten aus Brüssel präsentierte der EU-Abgeordnete und ehemaliger Chefredakteur des Satiremagazins Titanic eine Fülle an Zielen und Projekten. Die PARTEI rühmt sich zwar, Inhalte zu überwinden, doch der Vorsitzende und die anwesenden Mitglieder zeigen: Politik provoziert – und Provokation macht Politik. Was passiert, wenn politische Satire und Idealismus miteinander ins Bett gehen – ein politischer Porno.

Der Abend beginnt im Vorraum der Veranstaltungshalle der Zeche Carl am Stand der Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI). Hier trifft man unter anderem Jürgen Lukat, Oberbürgermeisterkandidat für die Wahl 2015 in Essen. Gut gelaunt repetiert er zunächst ausgewählte Statuten seiner Partei: „Wir werden das Gleiche machen wie alle anderen auch – nichts.“ Doch dann äußert er sich auch zu Missständen vor Ort. „Es gibt manche Sachen, da hört der Spaß auf: Flüchtlinge. Und, dass immer mehr Jugendhäuser und Bandräume dicht gemacht werden.“ In Essen bilden PARTEI und Piraten eine Ratsfraktion. Die heißt Geflüchtete im Opti-Gewerbepark mit Kaffee und Kuchen willkommen und engagiert sich gegen die undurchsichtigen Pläne zum Messeumbau sowie die Lärmbelästigung, die vom Flughafen Essen-Mülheim ausgeht.

Fraktionslos (un)glücklich

In der Halle klingt zunächst Nina Simone aus den Boxen, wird jedoch leider allzu schnell abgelöst durch eine -Dauerbeschallung mit Titeln wie „Mein Herz kann man nicht kaufen“. Währenddessen sorgt eine Slideshow auf der Leinwand für erste Lacher aus der eng bestuhlten, voll besetzten Halle. „Willkommen heute Abend in Dings“, heißt Sonneborn das Publikum willkommen. Die erste Hälfte widmet er der „Propaganda für die PARTEI“. Es folgt ein chronologischer Umriss der 2004 gegründeten Partei. Aus ihren ursprünglichen, zur Zulassung benötigten 400 Mitgliedern sind laut Sonneborn inzwischen 13.000 geworden. Videos zu Aktionen und TV-Berichte werden eingestreut, ebenso erste Eindrücke aus Brüssel. Sonneborn sei im Europa-Parlament in eine fragwürdige Ecke gesetzt worden: „Links von mir ist die FPÖ, rechts die AfD. Marie Le Pen ist da und Udo Voigt von der NPD.“ Fraktionslose unter sich – herzlich willkommen im EU-Parlament.

Für krumme Dinger in der EU

Satire stammt, wenig überraschend, aus dem Lateinischen: Eine Satira ist eine Schale mit verschiedenen Früchten. Auch Sonneborns Show ist bunt gemischt; sie verbindet satirisches Spektakel mit PARTEI-Infoabend. Schallendes Gelächter und nachdenkliche Gesichter wechseln sich ab. Bei den meisten Themen trägt die PARTEI hinter ihrer exorbitanten Spaßmaske eine ernste Miene spazieren. Sonneborn äußert sich kritisch zu Lobbyismus und auch das Freihandelsabkommen TTIP bekommt sein Fett weg: „Die Leute, die sich das ausgedacht haben, werden an die Wand gestellt, sobald wir die Macht erlangt haben.“ Er lässt gern solche Sprüche los. „Europa und Deutschland – das ist ja das Gleiche. Wir fordern ein Kerneuropa mit 27 Satellitenstaaten“, so beschreibt er eines seiner drei Ziele als EU-Abgeordneter. Die anderen beiden: Der Amazon-freie Mittwoch („Durch Nichtstun etwas Gutes tun.“) und die Einführung der EU-Gurkenkrümmungsverordnung für Exportwaffen.

Was nicht im Programm steht

Die PARTEI fordert satirisch. Aber sie fordert, und das nicht zu knapp. Die infamsten Punkte sind wohl die Überwindung von Inhalten und der Wiederaufbau der Mauer. Genüsslich referiert Sonneborn über diese Seite seiner Partei. Im Programm der PARTEI findet sich auch ein atmender Haushalt. In der Fragerunde zu Beginn der zweiten Programmhälfte wird Sonneborn gebeten, die Bezeichnung zu erklären: „Keine Ahnung, was das ist. Das haben wir von den Grünen abgeschrieben.“ Luftikus lässt grüßen. Der atmende Haushalt ist eine keynesianisch orientierte Wirtschaftspolitik des Staates: Geld ausgeben in der Rezession, Geld einsparen im Aufschwung. Diese Art des Wirtschaftens ist seit 1967 durch das Stabilitätsgesetz im deutschen Recht verankert – gut zu wissen. Aber selbst mit bestem Willen ist die PARTEI nicht auf Spaß und Schabernack zu reduzieren.

Ein Beispiel dafür ist eine Aktion im Jahr 2005, mit der sie auf Missstände im Zusammenhang mit Product Placement und den Öffentlich-Rechtlichen aufmerk- sam machte. 2009 wollte sie zur Bundestagswahl antreten, doch der Bundeswahlausschuss unter Roderich Egeler (CDU) versagte ihr die Teilnahme. Es folgte ein Kampf um Neuwahlen. Am Ende des Jahres sprach sich die OSZE für eine Überarbeitung des Zulassungsprozesses aus, um die subjektive Entscheidungen weniger stark zu begünstigen. Auch der Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) äußerte sich kritisch darüber, dass etablierte Parteien über die Zulassung ihrer potentiellen Konkurrenz entschieden. Satire lenkt Aufmerksamkeit. Die PARTEI stößt sich die Hörner am politischen Establishment ebenso wie an der freien Wirtschaft. Wie weit können Unternehmen gehen? Die Deutsche Bank nimmt sich heraus, die Interviews der freien Presse, inklusive der Fragen, selbst zu schreiben. Sonneborn zeigt das Ergebnis des Drehs und so bringt die traurige Tatsache wenigstens ein bisschen Bewegung ins Zwerchfell. In einer anderen Aktion gaben Sonneborn und Andere sich als Google-Mitarbeiter*innen aus, mit der Mission, Privatwohnungen von innen abzulichten. Sie trafen auf Menschen, die „Google Home View“ nicht nur hereinbaten, sondern sich auch noch für die Unordnung im eigenen Zuhause entschuldigten. Das Eigenheim soll ja nicht chaotisch wirken – wer weiß wie viele Menschen sich die Bilder im Internet später ansehen.



Sonneborn unternimmt keine Anstrengungen, um als Politiker ernst genommen zu werden. Doch von seinem Idealismus könnten sich einige Kollegen*innen ein Beispiel nehmen. Zu seiner Tätigkeit im EU-Parlament sagt er: „Ich sitze in einem Parlament ohne Initiativrecht. Alles, was wir tun können, ist abnicken.“ Trotzdem spricht er davon, Unterstützung für eigene Vorschläge zu suchen. „Ich gehe, wenn ich sehe, dass ich wirklich nichts erreichen kann.“ Wenigstens länger als Martin Schulz (SPD) will Sonneborn bleiben. Der hielt 365 Tage durch. Dafür erhielt er 365-mal Tagegeld, ohne sich in Listen einzutragen, wie es sonst alle tun müssen. Und das zusätzlich zu seiner Dotierung. Sonneborn spricht von Hartz 33. „Auf‘s Jahr gerechnet arbeitet man wöchentlich 120 Se- kunden für 33.000 Euro.“ Ihren Wahlkampf führt die PARTEI aus Geldmangel gerne mal mit Aufklebern und feindlichen Übernahmen konkurrierender Plakate. Die Praxis der Betrachtung des Geschehens von außen hat sie hinter sich gelassen und steht jetzt mittendrin. Wenn man eh nichts ausrichten kann, kann man es wenigstens versuchen. Satire und Realpolitik werden oft als Gegensätze angese- hen. Politik mag vielleicht Satire machen. Aber der Satiriker Sonneborn Politik? Bei der PARTEI funktioniert die Kombinationjedenfalls ausgezeichnet. Sie provoziert ohne Punkt und Komma und verfolgt Visionen auf ihre Art und Weise; mit Humor. Die Partei ist angekommen in der realen Politik – engagiert sich vielseitig, arbeitet mit Floskeln und plakatiert, was sie nicht hält: Die Überwindung von Inhalten sieht anders aus.

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