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STUDIUM & FREIZEIT

Erstes Staatsexamen, zweiter Versuch

Maren teilt auf Instagram ihren Lernalltag und will damit
eine wichtige Botschaft transportieren. [Foto: privat]
14.05.2020 11:37 - Sophie Schädel

Maren schreibt im Juni das erste juristische Staatsexamen – zum zweiten Mal, denn sie ist durchgefallen. Wie viel Druck lastet auf Jurastudierenden? Und was hat Maren aus ihrem Fehlversuch gelernt?
 
„Heute beginne ich mit meinem absoluten Endgegner: Sachenrecht“, sagt Maren in ihrem neuesten Vlog und stöhnt. Sie teilt ihren Lernalltag auf YouTube und Instagram. „Ich mache das jetzt relativ weit vor dem Examen, damit ich das gut wiederholen und zur Not etwas länger durcharbeiten kann.“ Sachenrecht lag Maren noch nie so richtig. Aber dass sie das erste juristische Staatsexamen nicht bestehen würde, hätte sie nicht gedacht. Denn im Studium an der Uni Bielefeld lief alles recht gut, sie kam in Regelstudienzeit durch die Semester und war mit ihren Noten zufrieden.

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Im Jurastudium kommt am Ende des Studiums mit dem Staatsexamen die Herausforderung, den gesamten Stoff noch einmal abrufen zu müssen. Außerdem liegen hier die fachlichen Anforderungen weit über denen in den Uniklausuren. Warum ist hier die Einstiegshürde in den Beruf so hoch im Vergleich zu anderen Studiengängen? „Ich glaube, das hängt mit der Mentalität zusammen“, mutmaßt Maren. „Der Gedanke ist konservativ, nur die Elite soll das Examen bestehen. Darum auch der andere Bewertungsmaßstab.“

Zur Vorbereitung auf dieses Examen nimmt sich Maren die üblichen drei Semester Zeit, nachdem sie den universitären Teil ihres Studiums mit Vorlesungen und Seminaren abgeschlossen hat. Dazu belegt sie wie alle um sie herum ein Repetitorium, kurz Rep. In diesen Veranstaltungen wird der gesamte Stoff des Studiums wiederholt, detaillierter besprochen und auf Fallbeispiele angewandt. Weil ihr die Dozierenden des kostenlosen Reps ihrer Uni nicht zusagen, belegt Maren ein privates Repetitorium – Kostenpunkt ca. 200 Euro pro Monat.

Dass es so katastrophal enden würde

Sie verbringt dort viele Stunden, danach arbeitet sie den Stoff nach und fasst alles zusammen. Maren stürzt sich in eine Flut aus Karteikarten, Definitionen und Schemata und ist schnell überfordert. „Wie das so richtig funktioniert, wie man lernen soll, sagt einem keiner“, kritisiert sie. „Das Zusammenfassen hat so lange gedauert, dass ich bis zum Examen nicht fertig war und nicht richtig wiederholen oder Fälle lösen konnte. Da hätte mir eigentlich schon klar sein müssen, dass meine Rechnung nicht so ganz aufgeht“, sagt sie rückblickend. „Aber ich dachte wirklich nicht, dass es so katastrophal enden würde.“

Denn Maren fehlte es vor allem an Übung. Übung, für die Maren beim ersten Versuch zwischen all den Definitionen und Karteikarten kaum noch Zeit blieb. Im Staatsexamen muss man Wissen auf konkrete Rechtsfälle anwenden. „Ich konnte alles auswendig, aber ich konnte es nicht anwenden. Wie wenn man beim Führerschein nur die Verkehrsregeln lernt, aber Fahren allein lernen muss“, erklärt Maren.
Im Mai 2019 schreibt sie das Staatsexamen. Am Morgen der Ergebnisverkündung im August muss ihr Mann die Homepage aufrufen und nachsehen, weil Maren sich nicht traut. „Deine Nummer steht bei den Durchgefallenen“, sagt er. „Da habe ich angefangen zu heulen“, erinnert sie sich. „Das war echt ein ganz schöner Schlag ins Gesicht.“

Fast ein Drittel fällt durch

Maren ist nicht allein. „Leider sind die Zahlen derjenigen, die beim ersten Versuch das Examen nicht bestehen, relativ hoch“, schreibt die Bielefelder Fakultät für Rechtswissenschaft auf ihrer Homepage. Laut Bundesamt für Justiz ist 2016 fast jede*r dritte Studierende in NRW und auch deutschlandweit durch das juristische Staatsexamen gefallen.
Maren nutzt das Angebot der Uni, sich die korrigierten Klausuren aus dem Fehlversuch durchzulesen. Die Bewertungen der Prüfenden sind teilweise niederschmetternd. „Nicht zu gebrauchen“ steht da, oder „Der Verfasser hat keine Ahnung von dem Gebiet“. „Das ist schon peinlich“, sagt Maren offen. Doch sie schafft es, das als Ansporn zu nehmen. Nach monatelangem Hin- und Herüberlegen entscheidet sie sich dazu, es noch einmal zu versuchen. Gar nicht so leicht mit der Angst vor Versagen und dem großen Stress im Hinterkopf.

Für ihren zweiten Versuch besucht sie noch einmal sechs Monate lang ein Repetitorium, lernt viel über Grundlagen, die ihr vorher gefehlt haben. Und sie ändert ihre Lerntechnik: Statt danach zuhause viel auswendig zu lernen, ergänzt sie erstmal ihre Karteikarten. Das dauert nicht lange, denn Maren hat sie gekauft, um sich die vielen Stunden Zusammenfassen zu sparen. Karten, Skripte, Repetitorien: Insgesamt hat sie für das Staatsexamen zwischen 5.000 und 10.000 Euro ausgegeben, überschlägt sie. „Gut dass ich das vorher noch nie ausgerechnet habe“, ruft sie erschrocken.

Der Kopf ist voll

Obwohl Maren jetzt keine Anfängerin mehr ist, setzt ihr der Druck zu. „Jetzt habe ich nochmal ein ganzes Jahr da reininvestiert. Ich habe jetzt zehn Semester studiert und nichts in der Hand“, ärgert sich die 25-Jährige. „Ich würde gerne vorankommen im Leben und irgendwann gerne in den Beruf starten.“

„Ich habe jetzt zehn Semester studiert und nichts in der Hand.“

Der Stress schlägt ihr auf die Stimmung. „Es ist schon kräftezehrend. Das Pensum ist extrem hoch.“ Man könnte sich viele Informationen auch in der Prüfung aus dem Gesetzestext herleiten. Aber das kann sie nicht so gut, gibt sie offen zu. Lernen wird zur Grenzerfahrung. „Oft muss ich mich, wenn ich morgens drei Stunden gelernt habe, mittags erstmal hinlegen, weil ich so schlapp bin. Das Gehirn muss so viel verarbeiten!“ Sie arbeitet viel länger als jemand mit einem klassischen Nine-to-Five-Job. „Wie lange genau, kann ich nicht sagen, aber aktuell sitze ich sieben Tage die Woche am Schreibtisch“, fasst sie zusammen. Sie bekommt Kopfweh. Oft ist ihr Gehirn so voll, dass sie das Gefühl hat, wenn sie neue Informationen hineinstopft, vergisst sie andere wieder. „Aber es muss ja noch was reingehen“, sagt sie und zuckt etwas hilflos mit den Schultern.

Der Misserfolg vom ersten Versuch kratzt außerdem am Selbstbewusstsein. „Man kommt sich schon… ich will jetzt nicht sagen minderwertig vor. Viele alte Schulfreunde haben bestanden und man selbst muss dann sagen, dass man durchgefallen ist“, erklärt Maren. „Da fühlt man sich schon irgendwie doof.“ Sie versucht sich dann selbst zu sagen, dass im Leben nicht nur das Staatsexamen zählt. Egal ob sie im Juni das Examen besteht oder nicht, eines ist für sie sicher: Sie hat auf jeden Fall vieles gelernt. Und zwar fürs Leben.

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