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STUDIUM & FREIZEIT

Duisburg ist, wo die Delfine sterben

Sieht niedlich aus, ist aber hoch umstritten: Delfinshows in Duisburg. (Foto: Gérard Van Drunen/flickr.com, CC BY 2.0)

07.06.2013 20:55 - Rolf van Raden



Ist das Tierquälerei? Von den ehemals zehn deutschen Delfinarien haben inzwischen acht geschlossen. Viele Expert*innen sind der Überzeugung, dass eine artgerechte Haltung von Delfinen nicht möglich ist: Eklatanter Platzmangel, Kleingruppenhaltung und unnatürliche Lebensbedingungen sorgen in Gefangenschaft dafür, dass die Tiere stark leiden, so die Kritik. Trotzdem will der Duisburger Zoo als einer der letzten Tiergärten in Deutschland weiterhin Delfine halten, in Shows vorführen und nachzüchten. In dieser Woche entscheidet sich, ob ein Antrag der Grünen, der das verbieten würde, im Plenum des Bundestags diskutiert wird. Auch wenn der Vorstoß der Oppositionspartei kaum Chancen auf Erfolg hat: Durch eine Ausschussanhörung im Vorfeld sind jetzt brisante Einzelheiten über das Duisburger Delfinarium bekannt geworden.

EEP – das ist die Abkürzung für das „Europäische Erhaltungszuchtprogramm“, an dem sich der Duisburger Zoo mit seinen Delfinen beteiligt – und zwar mit großem Stolz. In einer Sitzung des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ist jetzt allerdings bekannt geworden, wie es um die Nachzucht-Erfolge in Duisburg tatsächlich bestellt ist: Von den 26 im Duisburger Delfinarium geborenen Großen Tümmlern haben demnach nämlich nur sieben überlebt. Dagegen gab es fünf Totgeburten, elf Jungtiere starben in den ersten 13 Lebenstagen. Ein Jungtier starb nach 67 Tagen, und ein weiteres nach zwei Jahren.

Nur jeder vierte Delfin überlebt



Was der Grund dafür ist, dass so viele junge Delfine in Duisburg gestorben sind, darüber herrscht unter Expert*innen Uneinigkeit. Fest steht jedenfalls: Die Zahlen stellen keine Ausnahme dar. Weil Nachzuchten regelmäßig nicht gelingen, sind die meisten in Gefangenschaft gehaltenen Delfine Wildfänge. Im Tiergarten Nürnberg, neben Duisburg inzwischen das einzige weitere Delfinarium hierzulande, wurden innerhalb von 40 Jahren 21 Tiere geboren – erfolgreich aufgezogen werden konnten davon allerdings nur fünf.

Für den Biologen Philip Loos vom Walund Delfinschutz-Forum aus Hagen sprechen diese Zahlen eine deutliche Sprache. Loos, der als Sachverständiger dem Bundestagsausschuss Bericht erstattet hat, legte den Abgeordneten Studien vor, wonach Delfine in der Natur bis zu 40 Kilometer pro Stunde schnell schwimmen und bis zu 450 Meter tief tauchen. Strecken von 85 Kilometer pro Tag seien keine Seltenheit. Er ist der Überzeugung, dass Wasserbecken von Delfinarien mindestens eine Länge von 800 Metern und eine Tiefe von 45 Metern haben müssten, um den Tieren annähernd erträgliche Lebensbedingungen zu bieten. Das würde bedeuten, dass ein Delfinarium nach diesen Kriterien rund 14 Millionen Kubikmeter Wasser umfassen müsste – eine faktisch unbezahlbare Anlage. In den nur sechs Meter tiefen Betonbecken des Duisburger Delfinariums haben zusammengenommen lediglich 3.500 Kubikmeter Wasser Platz.

Selbst 20 Mal mehr Platz wäre zu wenig

Ähnlich sieht das auch Delfinforscher Karsten Brensing von der Arten- und Tierschutzorganisation Whale und Dolphin Conservation (WDC). Auch er ist als Sachverständiger vor den Bundestagsausschuss geladen. „Delfine können sich auf Grund des beschränkten Raumangebotes in deutschen Delfinarien nicht artspezifisch bewegen“, sagt Brensing. „Delfine können in Delfinarien auch kein Futter suchen, sondern bekommen Nahrung verabreicht, die sie im Freiland unter keinen Umständen verzehren würden.“ Seine Forschungen hat der Wissenschaftler unter anderem an einem von der FU Berlin betriebenen Forschungslabor am ‚Dolphin Reef’ im israelischen Eilat durchgeführt. Dabei handelt es sich um eine abgetrennte Meeresbucht, die fast 20 Mal so groß ist wie das Duisburger Delfinarium. Doch selbst dort habe er feststellen müssen, „dass die Dimensionen nicht ausreichen, um ein natürliches Sozialverhalten zu ermöglichen. Die Anlage war und ist nicht groß genug, um aggressives Verhalten durch Wegschwimmen (dies ist im Freiland die typische Entschärfungsreaktion für Konflikte) zu ermöglichen.“

Zugepumpt mit Psychopharmaka

Dass die Tiere in den Mini-Becken der deutschen Delfinarien unter Aggressionen leiden, konnten die Delfinschützer*innen der Whale und Dolphin Conservation inzwischen schwarz auf weiß belegen. Gegen den Widerstand des Nürnberger Tierparks haben die Delfinschützer*innen vor Gericht durchgesetzt, dass die Stadt Nürnberg als Träger des Zoos Einsicht in die Akten über die Delfinhaltung gewähren muss.

In den Unterlagen des Tierparks ist zu lesen, dass die Delfine Psychopharmaka wie Diazepam verabreicht bekommen, weil sie sich aggressiv verhalten. Das Medikament ist besser unter dem Namen Valium bekannt und wird gewöhnlich zur Behandlung von akuten Spannungs-, Erregungs- und Angstzuständen eingesetzt. Außerdem sind langfristige Behandlungen mit Hormonen dokumentiert, um die Aggressionen der Tiere in den Griff zu bekommen. Dazu Delfinforscher Brensing: „Die Gabe von Psychopharmaka und Hormonen zur Verhaltenskontrolle macht deutlich, dass die Tiere nicht – wie vom Gesetzgeber vorgesehen – verhaltensgerecht untergebracht sind, denn dann bräuchte das Verhalten nicht medikamentös beeinflusst zu werden.“

Delfinarien: tödlicher als Fressfeinde und Umweltgefahren

Auch der Duisburger Zoo weigerte sich über Jahre hinweg, die Akten über die Delfinhaltung unabhängigen Forscher*innen zur Verfügung zu stellen, so dass das Wal- und Delfinschutz-Forum ebenfalls vor Gericht ziehen musste – mit Erfolg: Im vergangenen Sommer stellte das Verwaltungsgericht Düsseldorf fest, dass Zoo Duisburg AG der Organisation Einblick in alle Unterlagen zur Pflege und medizinischen Versorgung seiner Großen Tümmler geben muss. Eine Auswertung der Unterlagen liegt jedoch noch nicht vor.

Delfinforscher Brensing widerspricht auch der Behauptung vehement, dass es den Tieren trotz der Enge und der Psychopharmaka in Gefangenschaft besser gehe als in Freiheit. Es handle sich um „Tiere mit komplexen Gehirnen“. Durch die Enge, in der die Delfine ihr Sozialverhalten nicht ausleben können, würden sie „der wesentlichen Funktion ihres Gehirns beraubt und somit kognitiv verstümmelt“. Ihre biologischen Bedürfnisse würden zwangsläufig nicht erfüllt, so Brensing weiter. „Die Tiere dürfen in Europa unter diesen Bedingungen nicht gehalten werden.“ Auch könne keine Rede davon sein, dass die Tiere in Gefangenschaft länger und gesünder lebten als in Freiheit, weil ja Fressfeinde und Umweltgefahren fehlten. Gegen diese von den Zoos häufig angeführte Argumentation setzt der Delfinforscher nackte Zahlen: Im Jahr 1990 haben in den europäischen Delfinarien insgesamt 119 Tiere gelebt. Die Überlebensrate in Gefangenschaft liege nachweislich „weit unterhalb der Überlebensrate im Freiland“, stellt Brensing fest. „So würde man im Freiland nach 20 Jahren durchschnittlich ca. 70 von 119 Tieren erwarten, wohingegen in europäischen Delfinarien nur noch 20 vorhanden sind.“

Daran ändern auch die eher hilflos wirkenden Erhaltungszucht-Versuche nichts, die Biologe Philip Loos vom Wal- und Delfinschutz-Forum als grundsätzlich unsinnig kritisiert: „Der überwiegend in Delfinarien gehaltene Große Tümmler ist in seinen Beständen nicht bedroht.“ Tatsächlich: Die Rote Liste bescheinigt ihm größtenteils gesunde Bestände. Und selbst, wenn das anders wäre: Auswilderungsversuche, um Bestände zu stabilisieren, habe es niemals gegeben, so Loos. „Die Teilnahme am Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für den Großen Tümmler durch die Delfinarien in Duisburg und Nürnberg ist vor diesem Hintergrund zu hinterfragen.“

Tatsächlich liegt der Verdacht nahe, dass sowohl hinter den Duisburger Zuchtversuchen als auch hinter der Delfinhaltung insgesamt andere Interessen stehen als der Artenschutz. Schließlich ist das Duisburger Delfinarium mit 1.200 Tribünen-Sitzplätzen ausgestattet – für die Delfinshows, die massenhaft Besucher*innen anziehen. Denn obwohl der Duisburger Zoo mit jährlich 2,2 Millionen Euro subventioniert wird: Zahlende Kundschaft ist trotzdem dringend nötig, soll die Haltung und Zurschaustellung von Tieren in Gefangenschaft in der jetzigen Form aufrecht erhalten werden. Oder anders formuliert: Der Duisburger Zoo lockt mit den Delfinen zahlende Besucher*innen an, um seinen Betrieb – und damit auch das Leiden und Sterben der Delfine – weiter zu finanzieren.

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