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STUDIUM & FREIZEIT

„An dieser Art von Komplexen leide ich nicht“ – Gregor Gysi im Interview

Gregor Gysi ist nun Gastprofessor an der UDE.
[Foto: Deutscher Bundestag]

10.12.2019 09:07 - Erik Körner, Julia Segantini

Unsere Redakteur*innen Erik Körner und Julia Segantini haben sich in Duisburg für ein Interview mit Gregor Gysi getroffen. Sie haben mit ihm unter anderem über die Sprache der Politik, Doppelmoral im Konflikt von Rechts und Links und die Ungeduld der Jugend gesprochen.

ak[due]ll: Sie meinten während ihres Vortrags, die Sprache der Politik sei unmöglich und dass sie zu selten medial kritisiert wird. Personen wie Wolf Schneider (Anm. d. Red.: u.a. ehemaliger Chefredakteur der Welt) kritisieren sie aber seit Jahren. Ist Politiker*innen ihre Sprache am Ende doch egal?

Gysi: Sie denken zu wenig darüber nach. Sie führen untereinander Gespräche. Da sie die Leute verstehen, die ihnen gegenüber sitzen, kommen sie viel zu selten auf die Idee, was die anderen davon verstehen. Wenn sie doch auf die Idee kommen, interessiert es viele nicht. Willy Brandt war so einer, der immer zu Franz Josef Strauß meinte: Übersetzen Sie doch mal das Wort. Da war Strauß ganz entsetzt. Dabei hatte er noch eine Sprache, die die Bevölkerung noch eher verstanden hat – aber auch nicht immer.

ak[due]ll: Hat Politiksprech dann auch etwas mit Arroganz zu tun?

Gysi: Das Problem ist: Sie brauchen ja immer wieder Mehrheiten. Dazu müssen sie dann auch so genannte einfache Leute gewinnen. Ich glaube aber, dass sie erstens weniger merken und zweitens denken, dass wenn sie gebildet wirken, das den einfachen Leuten imponiert. Und zwar deshalb, weil die einfachen Leute sagen: Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber intelligent ausgedrückt war es ja. An dieser Art von Minderwertigkeitskomplexen leide ich nicht. Mir macht es nichts aus, zu übersetzen. Ich weiß, ich werde dann verstanden und die Leute halten mich trotzdem nicht für doof.

ak[due]ll: Neulich wurde eine NPD-Demonstration in Hannover trotz Vermummung der Anwesenden erlaubt. Während G20 sollten die linken Demonstrationen genau deswegen nicht erlaubt werden. Wie kann das sein?

Gysi: Der Linksextremismus unterscheidet sich ja schon darin vom Rechtsextremismus, dass sie gegen abgesicherte Leute vorgehen und nicht jemanden in einer Dönerbude von hinten erschießen. Trotzdem ist er natürlich falsch und schadet auch der Linken. Aber er ist heute eine Rarität, er ist gar nicht die Erscheinung. Wir haben es nicht mit einer RAF zu tun. Stattdessen haben wir es mit Anschlägen wie in Halle und mit einer AfD zu tun, die dafür den Hintergrund bildet. Sodass alle schon erkannt haben: Der Rechtsextremismus ist momentan das gewichtigere Problem. Das, was Sie sagen, hängt ja auch immer vom Polizeichef ab. Ich meine, wenn die Vermummung verboten ist, muss man dagegen vorgehen. Warum musste man bei der Demonstration in Hamburg so dagegen vorgehen, dass am Ende alles eskalierte und Autos brannten? Ist natürlich auch falsch von den Demonstranten. Aber die Polizei hat die Friedlichkeit kaputtgemacht, weil sie wegen ein paar Vermummten gleich dazwischen gehen mussten, Härte zeigen mussten. Ich habe mal das Gegenteil auf einer Demonstration in Bonn bei einer Asyldebatte erlebt. Alles friedlich, weil es der Polizeichef genau so organisiert hatte. Dann haben sich die Abgeordneten beschwert, weil sie Umwege gehen mussten. Da hat er gesagt: Ja, dafür gibt es keine Gewalt. Hatte er auch völlig Recht. Letztlich sind alle vor dem Grundgesetz gleich. Wenn die Vermummung eigentlich verboten ist, darf ich sie der NPD nicht erlauben. Wenn ich sie der NPD erlaube, muss ich sie auch den anderen erlauben.

ak[due]ll: Dazu habe ich noch gesehen, dass die Junge Union (Anm. d. Red.: Jugendorganisation der CDU/CSU) eine „Schlager gegen Links“-Party abhalten will, trotz der vielen Toten durch rechten Terror dieses Jahr.

„ Und dann habe ich überlegt: Nee, Gysi, das willst du nicht.“ 

Gysi: Daran werden sie scheitern. Es gibt zu wenig rechte Schlagersänger. Das ist eigentlich interessant, auch Rockmusik ist im Kern nicht rechts; natürlich gibt es Ausnahmen. Aber in Wirklichkeit ist die CDU doch in einer viel schwierigeren Situation als wir drei. Sie muss sich jetzt entscheiden: Was macht sie nun in Thüringen? Sie will nicht mit der AfD, sie will aber auch nicht mit uns. Aber ohne eine von beiden Parteien gibt es keine Mehrheit. Wir haben sie jetzt zu einer richtigen Spaltung gebracht.

ak[due]ll: Sie meinten ja mal bei einem Interview mit Jung und Naiv, Sie würden nur mit der CDU koalieren, wenn eine „ernsthafte faschistische Gefahr“ bestünde.

Gysi: So ist meine Meinung auch immer gewesen. Damit habe ich die Schrauben sehr hochgestellt. Nun sind wir in einer anderen Situation. Wir haben zwar noch keine ernsthafte faschistische Gefahr, aber eine in der Nähe der Nazis stehende Partei, die viel zu stark wird, sodass ich auch nochmal darüber nachdenken muss.

ak[due]ll: Sie waren ja schon etwas echauffiert, dass sich während Ihrer Vorlesung erst auf Nachfrage eine Frau für eine Frage meldete. Außerdem sind Sie um geschlechtergerechte Sprache bemüht, was keine Selbstverständlichkeit ist.

Gysi: Es gab einen Artikel in der Zeitung neues deutschland. Der Chefredakteur schrieb, dass er das Binnen-I nicht mag. Er sagte: Die Frauen waren immer mitgemeint und sie müssen sich nicht so aufregen. Dann gab es einen Leserbrief einer Frau. Sie sehe das völlig ein. Die letzten 2000 Jahre wurde immer die männliche Form verwendet, wobei die Frauen mitgemeint war. Sie schlug vor: Die nächsten 2000 Jahre nehmen wir die weibliche Form und meinen die Männer mit. Dann hieße es ab heute: „Herr Rechtsanwältin Gysi“. 
Eigentlich ganz ungerecht, ich hatte ja nichts damit zu tun, dass ich jetzt wieder die Backpfeife abbekommen habe. Und dann habe ich überlegt: Nee, Gysi, das willst du nicht. Wenn du das nicht willst, kannst du es ihr auch nicht zumuten. Seitdem schätze ich den Plural. Wenn ich sage: „Die Frau und der Mann, die beziehungsweise der…“ Sehr anstrengend. Wenn ich stattdessen sage „Die Frauen und die Männer, die…“ Der Plural ist genial, er vereinfacht die Relativsätze. Das ist eine neue Erkenntnis für Sie, oder?

ak[due]ll: Ich habe tatsächlich noch nie drüber nachgedacht, aber es leuchtet ein. Allerdings benutzen wir das Sternchen, weswegen das für uns weniger notwendig ist.

Gysi: Ja, kenne ich ja. Aber das ist doch eine Hilfskonstruktion. Mit dem Sternchen soll ich denken: Es wird noch das und das gesagt. Warum kann ich es dann nicht schreiben, keine Zeit?

ak[due]ll: Das Sternchen wird unter anderem genutzt, um Personen zu inkludieren, die sich nicht dem binären Geschlechtersystem unterordnen.

Gysi: Ja, aber das sind ja nicht so viele, die das lesen. Da könnte man sich doch was anderes überlegen. Ich finde es übrigens interessant, dass die Jugend so ungeduldig ist und ich Geduld habe.

ak[due]ll: Dass wir ungeduldig sind, ist doch was Gutes.

Gysi: Die Zeit, die ich noch lebe, ist wesentlich kürzer als Ihre Zeit. Da müssten Sie doch eigentlich die Geduldigen sein.

ak[due]ll: Wären wir noch ungeduldiger, würde vielleicht auch mehr passieren.

Gysi: Vielleicht. Aber ich habe Anfang der Neunziger den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn vorgeschlagen und nur Gegenstimmen erhalten. 2013 hat ihn die CDU/CSU mitbeschlossen. Hätte ich damals gesagt, das würde so passieren, hätte man mir empfohlen, in die geschlossene Psychiatrie zu gehen. Das hätte ich wahrscheinlich auch gemacht, weil ich es selbst nicht geglaubt hätte. Den Zeitgeist muss man verändern. Und das braucht Zeit. Aber ich habe nichts gegen Ihre Ungeduld. Drücken Sie uns Alte, damit wir was für Sie verändern.

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