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Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Die zwei Gesichter der Sprachkritik

(Fotomontage aGro, Logo: www.unwort.de, Bild: Rene Mettke  CC BY-SA 3.0) (Fotomontage aGro, Logo: www.unwort.de, Bild: Rene Mettke CC BY-SA 3.0)

22.01.2013 12:32 - Alex Grossert



Die einen erklären Wörter zum „Unwort des Jahres“, andere empfinden Versuche die Sprache zu verbessern als "politisch korrekten Tugendterror". Sprachkritik scheint sich heute auf zwei entgegengesetzte Lager zuzuspitzen, die einander spinnefeind sind. Die eine Fraktion kritisiert alltägliche Redewendungen als Diskriminierung und verstört damit jene, die überzeugt sind, nie jemanden diskriminiert zu haben. Wenn hingegen von „politischer Korrektheit“ die Rede ist, werden ernste Themen wie Rassismus und Sexismus zur Lachnummer oder Überempfindlichkeit. Mit den immer gleichen Parolen machen sich Journalist*innen und Prominente über vermeintliche „Gutmenschen“ lustig, deren Kritik damit zum „Tugendterror“ verklärt wird.

Das Unwort des Jahres wird seit 1991 gewählt. Aus zahlreichen Vorschlägen wählt eine Jury jeweils im Januar ein Wort aus, das die Menschenwürde oder die Prinzipien der Demokratie verletzt, gesellschaftliche Gruppen diskriminiert oder Sachverhalte grob verzerrt darstellt. Die diesjährige Entscheidung der Unwort-Jury stieß auf Verwunderung. Der Ausdruck „Opfer-Abo“ war lediglich einmal vorgeschlagen worden und in den Medien ausschließlich von Wettermoderator Jörg Kachelmann verwendet worden. Helmut Rüster, der Vorsitzende der Opferorganisation Weißer Ring kritisierte die Wahl als „zweischneidiges Schwert“, da der Ausdruck kaum bekannt sei und durch die Wahl möglicherweise erst populär gemacht werde. Trotzdem stimmte er der Begründung der Jury zu, das Wort stelle „Frauen pauschal und in inakzeptabler Weise unter den Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden und somit selbst Täterinnen zu sein.“ Dies sei „sachlich grob unangemessen“ und verstoße „gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer“, so die Jury.

Auch wenn der Kachelmannsche Neologismus nicht so bekannt ist – das Argument dahinter ist durchaus verbreitet. In unguter Erinnerung ist vielen zum Beispiel noch ein Urteil des Landgerichts Essen aus dem vergangenen Jahr. Ein mehrfach wegen Gewaltdelikten vorbestrafter Mann wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen, da, so das Gericht, das Opfer sich nicht genügend gewehrt habe. „Es hätte weglaufen oder Hilfe rufen können, aber es hat alles über sich ergehen lassen. Das reicht nicht, um jemanden zu bestrafen“, zitierte die Hertener Allgemeine die Richterin. Als 2011 ein kanadischer Polizist bei einem Vortrag an der Universität von Toronto erklärt hatte, „Frauen sollten es vermeiden, sich wie Schlampen zu kleiden, um nicht zum Opfer von Gewalt zu werden“, wurden weltweit Demonstrationen organisiert, die unter dem Titel „Slutwalk“ gegen solche Strategien der Schuldumkehr protestierten.

Kachelmann reagierte so betont humorig wie problematisch auf die zweifelhafte Ehre: „Hui, das Unwort des Jahres“, twitterte er. „Wer hats erfunden? ;-) Leider ist es die Wahrheit, die manchmal politisch unkorrekt ist.“ Aber nicht bloß Kachelmann redet über „politische Korrektheit“, die angeblich der Wahrheit im Wege stehe. In den Medien wird derzeit unter diesem Stichwort debattiert, ob es legitim ist, dass Herausgeber*innen die Sprache von Kinderbuchklassikern in bestimmten Neuausgaben anpassen, wenn darin veraltete und diskriminierende Bezeichnungen vorkommen. Geradezu genüsslich werden dabei die als diskriminierend kritisierten Begriffe fettgedruckt in Überschriften reproduziert. Unter deutschen Journalist*innen scheint die Existenz einer angeblich um sich greifenden „politischen Korrektheit“ unumstritten zu sein. In der Forschung hingegen ist das nicht so.

Marc Fabian Erdl ist Sprachwissenschaftler an der Universität Siegen. In seiner Dissertation „Die Legende von der politischen Korrektheit“ untermauert er die These, dass es sich bei der Argumentation um einen „importierten Mythos“ handele. Erdl sieht dessen Ursprung in hochschulpolitischen Debatten, die Anfang der Neunzigerjahre in den Vereinigten Staaten geführt worden sind. In den USA ging es damals darum, Quoten für Frauen und ethnisierte Minderheiten einzuführen, campusinterne Sprach- und Verhaltensregeln um verschiedene Punkte zu ergänzen sowie Werke weiblicher und schwarzer Autor*innen in einen verpflichtenden Literaturkanon aufzunehmen. Diese Forderungen waren nicht von einer zentralen Organisation, sondern von zahlreichen sozialen Bewegungen und Minderheitenvertreter*innen mit unterschiedlicher Radikalität vertreten worden. Einige Kritiker*innen dieser Neuerungen begannen nun, die verschiedenen Strömungen abwertend unter dem Oberbegriff „Political Correctness“ zusammenzufassen und verfassten zahlreiche Polemiken zu diesem Thema. Unter dem Motto „Die spinnen, die Amis!“ seien diese den deutschen Zeitungsleser*innen als neutrale Tatsachenberichte präsentiert worden.

Bald darauf wurden die Argumente auch auf die hiesigen Debatten übertragen. Es ging hier zunächst um Frauenquoten, geschlechtergerechte Sprache und diskriminierende Wörter. Bald war es möglich, nahezu jeglicher Kritik an Rassismus oder Sexismus zu entgegnen, diese seien ein bloßer Ausdruck "politischer Korrektheit". Eine Besonderheit der deutschsprachigen Debatte ist dabei das Wort „Gutmensch“, mit dem die Befürworter*innen einer in diesem Sinne sensiblen Sprache bezeichnet werden. Mit dieser Zuschreibung werden als rigide Moralist*innen karikiert, die angeblich politisch unkorrekte Meinungen mit inquisitorischen Eifer verfolgen.

Thilo Sarrazin bewarb 2010 seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“, indem er sich als Opfer des "Gutmenschentums" stilisierte, das bloß unbequeme Wahrheiten ausspreche und deshalb zu Unrecht in die „rechte Ecke“ gestellt werde. Ausgerechnet Familienministerin Kristina Schröder, die sich bisher eher als konservative Klartext-Politikerin inszeniert hatte, musste sich im Dezember selbst „politische Korrektheit“ vorwerfen lassen. Diskriminierende Wörter in Kinderbüchern wolle sie vor ihrem Kind nicht aussprechen, sondern synchron übersetzen, so das unerwartete Bekenntnis der Ministerin. Für Empörung sorgte das unter anderem bei einem der einflussreichsten deutschsprachigen radikal rechten Blogs, das nicht zufällig den Namen „Politically Incorrect“ (PI) trägt. „Warum hat PI diese blöde CDU-Geiß in der Vergangenheit ein paar Mal verteidigt? Soll nie wieder vorkommen“, verspricht der Blogger und Pro-NRW-Anhänger Kewil, der auf der Seite für eine Vielzahl von offen rassistischen Postings verantwortlich ist.

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