marvin1Marvin ist 20 Jahre alt und lebt in Mülheim an der Ruhr, der Stadt, in der er geboren ist. Er geht hier zur Schule, ist gerade dabei, seinen Schulabschluss nachzumachen, und kümmert sich um seine psychisch erkrankten Eltern. Kein einfaches Leben, aber es könnte ganz in Ordnung sein. Ist es aber nicht. Denn wenn es nach den deutschen Behörden geht, soll er dieses Land möglichst bald verlassen. Eine verstörende Geschichte über rassistische Gewalt und Übergriffe, über einen Brandanschlag, aber auch über die Folgen der deutschen Asyl- und Flüchtlingspolitik.">
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STUDIUM & FREIZEIT

Deutsche Flüchtlingspolitik: „Kein Ort, nirgends“

30.01.2014 12:35 - Rolf van Raden

Marvin ist 20 Jahre alt und lebt in Mülheim an der Ruhr, der Stadt, in der er geboren ist. Er geht hier zur Schule, ist gerade dabei, seinen Schulabschluss nachzumachen, und kümmert sich um seine psychisch erkrankten Eltern. Kein einfaches Leben, aber es könnte ganz in Ordnung sein. Ist es aber nicht. Denn wenn es nach den deutschen Behörden geht, soll er dieses Land möglichst bald verlassen. Eine verstörende Geschichte über rassistische Gewalt und Übergriffe, über einen Brandanschlag, aber auch über die Folgen der deutschen Asyl- und Flüchtlingspolitik.

Dass die deutschen Behörden Marvin aus seiner Heimatstadt vertreiben wollen, das passiert ihm nicht zum ersten Mal. Bereits mit neun Jahren wurde Marvin schon einmal aus Deutschland nach Serbien weggeschickt, damals zusammen mit seinen Eltern. Tatsächlich beginnt die Geschichte allerdings noch früher, und ist noch komplizierter.

Marvins Eltern sind Roma, also Angehörige der größten Minderheit in Serbien. Bereits Ende der 1980er Jahre flohen sie aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland, denn für viele Roma war die Lebenssituation dort unerträglich geworden: Soziale Ausgrenzung, keine Chance auf Arbeit, große Armut, und ein Leben am Rande der Gesellschaft. In Deutschland wollten Marvins Eltern ein neues Leben aufbauen, ohne sich ständig bedroht fühlen zu müssen.

Doch dazu kam es nicht. Nach zwei Jahren verlangten die Behörden, dass sie gehen – zurück nach Jugoslawien, in den zerfallenden Vielvölkerstaat, in dem nationalistische Tendenzen rapide zunahmen. Marvins Eltern hielten es einige Jahre aus, doch während des Kroatienkriegs flohen sie zurück nach Deutschland – vor den Auswirkungen des Kriegs, aber auch, weil parallel mit dem Aufstieg des Nationalisten Slobodan Milošević auch die Ausgrenzung der Roma einen neuen Höhepunkt erreichte. Bei den ethnisch motivierten Vertreibungen während der Jugoslawienkriege gehörten Roma zu den ersten Opfern – auf allen Seiten der Konflikte.



1994 kam Marvin in Mülheim zur Welt, weit entfernt von den kriegerischen Auseinandersetzungen im Herkunftsland seiner Eltern. Dass seine Eltern mit unsicherem Aufenthaltsstatus in Deutschland lebten, spielte für ihn viele Jahre lang eine untergeordnete Rolle. Bis zu jenem Tag im Jahr 2002, als der Postbote einen gelben Brief vorbei brachte: Es handelte sich um die Ausreiseaufforderung unter Abschiebungsandrohung nach Serbien, in ein Land, das Marvin bisher überhaupt nicht kannte.

Auf einmal war nichts mehr so wie vorher. „Meine Mutter hat seit ihrer Kindheit große Angst vor Polizisten“, sagt Marvin. „Als uns der Postbote den Brief gebracht hat, hat sie rot gesehen. Sie hatte panische Angst vor der Abschiebung, davor, dass die mitten in der Nacht kommen, anklopfen, sagen, dass wir nur 15 Minuten haben, bevor sie uns mitnehmen. So unter Druck gesetzt, haben meine Eltern letztlich eine Erklärung unterschrieben, dass sie ‚freiwillig’ zurück gehen.“

Für den Neunjährigen waren die Vorgänge damals nicht zu begreifen. „Ich war ein Kind. Ich dachte, das ist so was wie ein Urlaub“, erinnert sich Marvin. Auf das, was Marvin dann in Serbien erwartete, konnte er nicht vorbereitet sein. Die Familie kommt zunächst bei Marvins Großmutter unter, die in der südostserbischen Kleinstadt Surdulica selbst in großer Armut lebt. Die Eltern versuchen vergeblich Arbeit zu finden. „Verwandte aus Deutschland haben uns finanziell unterstützt, nur so konnten wir überhaupt überleben“, sagt Marvin. Er selbst hatte noch ganz andere Sorgen: „Ich konnte kein Wort serbisch oder romani, nur deutsch.“ Doch das war noch nicht einmal Marvins Hauptproblem. Als Marvin anfing, in Serbien zur Schule zu gehen, merkte er schnell, was es bedeutet, ausgegrenzt und gemobbt zu werden. „Alle sehen dich an wie einen Außerirdischen“, erinnert sich Marvin. „Und das Schlimmste war: Sie haben mich nicht nur als Roma-Kind gesehen, sondern auch noch als Deutschen. ‚Du scheiß Deutscher, wir wollen dich hier nicht haben’, das war der Satz, den ich jeden Morgen in der Schule gehört habe.“ Um den Anfeindungen zu entgehen, zieht die Familie nach Vranjska Banja um. Leider ohne Erfolg: „Dort waren die Menschen noch rassistischer. Jetzt wurde ich allerdings nicht mehr als Deutscher gemobbt, sondern als Roma verfolgt.“ Praktisch jeden Tag traktierten Marvins Mitschüler ihn mit romafeindlichen Beschimpfungen, regelmäßig verprügelten sie ihn.

Neben den andauernden Übergriffen hatte das Leben für Marvin noch eine zweite ernste Seite: „Zwar war ich ein Kind, aber ich musste anfangen wie ein Erwachsener zu denken. Ich musste irgendwie meine Familie versorgen, denn meinen Eltern war es unmöglich, eine Arbeit zu finden.“ Und so ergriff Marvin bereits mit zwölf Jahren die einzige Erwerbsmöglichkeit, die ihm als Rom offen stand: Er wurde Straßenmusiker. „Ich habe mir eine kleine Plastiktrompete gekauft und jeden Tag stundenlang geübt. Ich habe damit auf der Straße gespielt, bis ich mir eine normale Trompete leisten konnte.“ Auch auf der Straße ging es nicht ohne rassistische Beschimpfungen und Gewalt zu. Aber immerhin kam etwas Geld rein. „Manchmal kamen Jungs vorbei, die ich kannte. Die sahen den Karton mit den Münzen vor mir, rissen ihn an sich, und rannten damit weg. Das haben die nicht wegen des Geldes gemacht, die wollten mir weh tun“, ist sich Marvin sicher.

Nach Jahren als Straßenmusiker hatte Marvin Glück. Zwar musste er inzwischen die Schule verlassen, der Zugang zu höherer Bildung blieb ihm wie vielen Roma-Jugendlichen in Serbien versperrt. Und trotzdem: Serge Denoncourt, ein bekannter Theaterregisseur aus Kanada, traf rein zufällig auf Marvin. Denoncourt hörte, wie Marvin zusammen mit seinen Freunden auf der Straße spielte, war nach wenigen Tagen von ihnen überzeugt, und organisierte mit den Jungendlichen ein erfolgreiches Konzert in Niš, der drittgrößten Stadt in Serbien. Anschließend ging es nach Belgrad. Weitere Auftritte in Paris, London, und sogar in Kanada und den USA folgen: Marvin verließ seine Eltern, um auf den Bühnen dieser Welt Geld zu verdienen. „Aber damals waren meine Eltern ja auch noch nicht krank“, sagt Marvin. Was durch seine Auftritte rein kam, schickte er zu seinen Eltern nach Serbien.

Nach einem Jahr nahm seine aufstrebende Karriere als Nachwuchsmusiker ein jähes Ende. Marvin war gerade in Montreal in Kanada, als seine Mutter anrief. „Meine Mutter weint eigentlich immer, wenn wir miteinander sprechen, aber so hat sie noch nie geweint.“ Nach mehreren Nachfragen gibt sie zu, was los ist: Marvins Vater will sich das Leben nehmen. Da überlegt Marvin nicht lange, sondern nimmt den nächstmöglichen Flug zurück nach Serbien. Dort angekommen erfährt er, dass sein Vater seit Monaten unter Depressionen leidet und schwere Medikamente nimmt – die ausweglose Situation keine Arbeit zu finden, die ständige Ausgrenzung und die alltäglichen Diskriminierungen haben ihn krank gemacht. Marvin entscheidet, in Serbien zu bleiben und sich um seine Eltern zu kümmern.

Welchen Umfang die Diskriminierungen in Serbien in der Zwischenzeit angenommen haben, muss Marvin jetzt am eigenen Leib erfahren. Mehrfach wird das Haus der Familie mit romafeindlichen Drohungen beschmiert. Doch es kommt noch schlimmer. „Eines Tages sind wir zurück nach Hause gekommen, und haben schon von weitem gesehen: Unser Haus brennt.“ In das Gebäude sei eingebrochen worden, und anschließend sei es mit Molotow-Cocktails in Brand gesteckt worden, erklärt die Polizei nach ersten Ermittlungen. Weitere Hilfen für die Opfer des Brandanschlags, etwa eine Ersatzunterkunft, gibt es nicht. Wohnungslos geworden und traumatisiert taten Marvin und seine Eltern das Einzige, was ihnen noch einfiel: Sie fliehen erneut aus dem Land, in dem sie so stark verfolgt werden – wieder zurück nach Deutschland, in das Land, das sie zwar auch nicht haben will, in dem Marvin aber geboren wurde und wo er sich zuhause fühlt, und wo immerhin Verwandte leben, bei denen sie zunächst unterkommen können.



Inzwischen leidet auch Marvins Mutter unter einer schweren Depression. Trotzdem soll die Familie unverzüglich wieder ausgewiesen werden. Der Mülheimer Flüchtlingsrat kann intervenieren und zumindest das verhindern. Die Familie kann vorerst bleiben, wird gemeinsam mit einer anderen Familie einquartiert – zu sechst in einer Zweizimmer-Wohnung. Wie schon in Serbien dürfen Marvin und seine Eltern auch in Deutschland nicht arbeiten. Stattdessen müssen sie zunächst sogar von gekürzten Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz leben, weil sie erneut nach Deutschland gekommen sind: 70 Euro pro Person und Monat in Lebensmittelgutscheinen, und 40 Euro Taschengeld in bar. Immerhin organisiert der Flüchtlingsrat, dass Marvins Eltern eine psychologische Behandlung erhalten, Marvin geht seit November 2012 wieder zur Schule. Im Sommer steht sein Schulabschluss an, danach würde Marvin gerne eine Ausbildung machen – wofür er aber erst einmal eine Arbeitserlaubnis braucht, die es nur mit einem längerfristigen Aufenthaltstitel gibt. Tatsächlich steht sogar in den Sternen, ob Marvin nicht bereits vor seinem Schulabschluss ausgewiesen wird: Die Mülheimer Ausländerbehörde droht ihm damit, verlängert seine Duldung nur noch monatsweise, manchmal sogar nur für wenige Tage. Marvins aktuelles Angstdatum: Montag, der 3. März – in genau 32 Tagen. Marvin hat nicht nur Angst davor, dass er erneut seine Schulausbildung abbrechen muss, nachdem sie ihm schon in Serbien aus rassistischen Gründen verwehrt wurde. Er fürchtet sich nicht nur vor der Verfolgung und Perspektivlosigkeit, die dort auf ihn warten. Vor allem treibt ihn um, was mit seinen Eltern passiert, wenn sie ihre engste Bezugsperson verlieren, selbst wenn sie wegen ihrer Krankheit erst einmal in Deutschland bleiben dürften.

Mehrmals habe ich mich mit Marvin getroffen, um seine ganze Geschichte zu recherchieren. Während ich darüber schreibe, und ich mich an die Verzweiflung in Marvins Stimme erinnere, fällt mir einfach kein guter Schluss für diese unabgeschlossene und leider wahre Geschichte ein. Außer vielleicht dieser hier: Deutschland, deine Flüchtlingspolitik ist zum kotzen.

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(Fotos: privat)

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