Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Denn sie wissen nicht, was sie sagen wollen.

Ein Plakat der CDU (Plakat rechts) sorgt für Aufregung. Es zeigt ein veraltetes Bild des Hochhauses In den Peschen in Duisburg und diskriminiert die dort lebenden Roma. Viele andere sind inhaltsleer. (Collage: Gerne)

29.04.2014 14:00 - Linda Gerner


Über Nacht waren sie plötzlich alle wieder da: Wahlplakate soweit das Auge reicht. Aufgrund der anstehenden Doppelwahl am 25. Mai – Kommunalwahlen in NRW und Europawahl – geht die Stadt Essen fast in Wahlplakaten unter. Bis zu drei Wahlplakate pro Laterne und insgesamt um die 30.000 Plakate zieren die Stadt. Die meisten wie gewohnt ohne eine richtige Aussage. Ein CDU-Plakat in Duisburg löste jedoch eine Rassismusdebatte aus.


Untersuchungen der Werbeforschung ergaben, dass die durchschnittliche Betrachtungsdauer von Wahlplakaten durch Passant*innen höchstens zwei bis drei Sekunden beträgt. Daher werden die Texte auf den Wahlplakaten immer kürzer, die Gesichter der Politiker*innen treten in den Vordergrund, glaubt Werbepsychologe Alexander Schimansky.: „Die Frage lautet dann: Macht der Politiker auf dem Foto den Eindruck, dass er Probleme lösen kann“.

Dreck und Graffiti

Manche Wahlplakate sind nicht unbedingt appetitlich. So sieht man beispielsweise im Essener Nordviertel in Großformat verdreckte Toiletten und mit Graffiti beschmierte Waschräume. Die CDU wirbt mit der Forderung die Schulklos in Essen zu erneuern und möchte mit Schockbildern dem kreativen Reim „Erneuern statt Scheuern“ besonderen Ausdruck verleihen. Auch die SPD rückt das Thema Schulklos mit dem Spruch „Saubere Schulklos sind kein Luxus“ in den Fokus der Kommunalwahlen. Eine Bestandsaufnahme der Stadt Essen, die vor zwei Jahren veröffentlich wurde, gab an, dass Schultoiletten im Schnitt 35 Jahre alt werden, baulich jedoch meist in Ordnung sind. Doch um Stimmen zu erhalten, setzen die Parteien auch in diesem Jahr wieder auf Alltagsprobleme - und thematisieren in diesem Wahlkampf im wahrsten Sinne des Wortes Scheiße. Das Ekel-Plakat, so räumt CDU Spitzenkandidat Thomas Kufen jedoch ein, sei eine Zuspitzung.

Vielleicht könnte bei solch einer Problematik der Kollege der Piraten-Partei helfen, der mit seinem „Magic- Finger“, der eher an einen Zauberer als an einen Politiker erinnert, ein „Update für Essen“ installiert. Da sollten so ein paar Schulkloschmierereien sicherlich kein Problem sein. Faszinierend auch die Raffinesse der CDU beim Aussuchen von Werbeplakate-Accessoires: Seinen Slogan „Stark für Essen“ untermauert Kandidat Björn Föhse mit einer Bohrmaschine in seiner Hand– und gibt so den Betrachter*innen die Möglichkeit, über den höheren Sinn hinter dieser Aussage zu grübeln.

Die richtigen Worte finden



Sehr vertrauenserweckend wirkt auch das Wahlplakat der CDU für mehr Polizeipräsenz, auf dem Thomas Kufen in Zeiten der NSA-Abhöraffäre überzeugend damit wirbt „Damit Sie sich sicher fühlen“. Ja richtig, aufgepasst: Sicher fühlen, nicht sicher sein. Insgesamt scheint die Strategie der etablierten Parteien zu sein: Weniger Text - erzielt bestimmt mehr Wirkung. Auf den Wahlplakaten von CDU, SPD, Grünen oder FDP sind meist nur ein dickes Grinsen der Spitzenpolitiker*innen zu sehen. Oder wie Oliver Welke es in der Heute-Show formuliert hat: „Der NRW-Wahlkampf ist komplett merkellisiert, das heißt konkrete Aussagen sind verboten“. Das erklärt wohl auch das CDU-Plakat mit der erleuchtenden Aussage „Es ist gut, zu wissen“.
Freude kommt auch bei einem FDP-Plakat auf, das mit dem Slogan „Kleine geile Firmen schaffen“ wirbt. Die Anspielung auf das Lied von Funny von Dannen, ein deutscher Liedermacher, der sich damit ironisch mit der Unternehmensmentalität auseinandersetzt, wirkt leicht fehlplatziert. Oder eben missverstanden.

Rassistisches CDU-Plakat

Für Aufregung sorgt ein CDU-Wahlplakat, welches das Haus In den Peschen in Duisburg zeigt. Das Hochhaus ist derzeit fast ausschließlich an Roma aus Rumänien vermietet und war schon mehrmals von Räumung bedroht sowie von Brandanschlägen betroffen (akduell berichtete). Das CDU-Plakat zeigt das Haus, vor dem sich ein großer Müllhaufen türmt. Darunter der Spruch „Missstände beenden! Duisburg kann besser“. Die Emanzipatorische Antifa Duisburg kritisiert auf ihrer Seite das Plakat: „Im aktuellen Kommunalwahlkampf möchte der örtliche Kreisverband der CDU offensichtlich aus der rassistischen und antiziganistischen Stimmung Profit schlagen“. Die Auslegung des Wahlplakates, dass die CDU die Wohnsituation der In den Peschen lebenden Roma verbessern möchte, wird durch das Wahlprogramm widerlegt. Wie auf der Seite der Antifa Duisburg zu lesen ist, „begrüßt der Kreisvorsitzende Thomas Mahlberg die neuen Vorschläge der Bundesregierung zum Thema „Zuwanderung“. Diese enthalten den Vorschlag, den Zeitraum, in dem EU-Ausländer*innen in Deutschland Lohnarbeit suchen können, auf drei Monate begrenzen. Wer keine Lohnarbeit findet, soll sich zukünftig nicht unbegrenzt in Deutschland aufhalten und auch keine Sozialleistungen beziehen dürfen. Damit bedient die CDU rassistische und antiziganistische Diskurse und zielt mit Anti-Europa-Forderungen auf Stimmen der AfD-Wähler*innen ab.

Jahre altes Foto

Das abgebildete Foto von dem Hochhaus ist aber stark veraltet. Anders als das Bild zeigt, gibt es schon längst keine Müllberge mehr vor dem Hochhaus. Claudia Leiße, Ratsfrau der Grünen, die in der Nähe des Hochhauses wohnt, sagt: „Wenn die CDU mit uralten Fotos wirbt, zeigt sie damit nur, dass sie selbst von gestern ist.“ Auch die Linke aus Duisburg kritisiert das CDU-Plakat: „Wer sich antiromaistischer Vorurteile bedient, macht Rassismus hoffähig“ so Lukas Hirtz von den Linken. In einer Stellungnahme zu den Vorwürfen verteidigt die CDU das Wahlplakat und gibt an, dass aufgrund der langen Vorlaufzeit des Wahlkampfes kein aktuelleres Foto genutzt werden könne.

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