Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Das Labyrinth der verbotenen Bücher

Das sind nicht die Stasi-Akten, sondern das Magazin der Unibib für Geisteswissenschaften auf dem Campus Essen. (Foto: aGro)

23.12.2013 09:42 - Alex Grossert



In der vergangenen Woche gab es in der bayrischen Landesregierung großes Hickhack um eine geplante kommentierte Neuauflage von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. Ministerpräsident Horst Seehofer wollte die Veröffentlichung einer kommentierten Ausgabe stoppen, musste nun aber klein bei geben. Wir haben bei der Universitätsbibliothek nachgefragt, wie hier mit nationalsozialistischen Schriften und wissenschaftlichen Texten aus der Zeit der Nazi-Diktatur umgegangen wird, und uns das Magazin im Keller zeigen lassen. Einen „Giftschrank“ gibt es hier allerdings nicht.

„Die allermeisten Bücher aus der Zeit des ‚Dritten Reiches‘ stehen bei uns im Magazin“, erklärt Rosemarie Kosche von der Uni-Bibliothek, während Sie das Absperrband an der Kellertreppe entfernt, damit wir heruntergehen können. Der Unterschied zwischen dem Magazin und dem restlichen Bestand: „Man kann nicht einfach was aus den Büchern kopieren, sondern muss sie namentlich ausleihen. Kommentierte Ausgaben stehen unter Umständen aber auch in der offenen Ausleihe.“

So einfach ist das bei den meisten Büchern, die hier aufbewahrt werden. Nur bei Hitlers „Mein Kampf“ gibt es eine zusätzliche Regelung, erklärt Rosemarie Kosche: Dozierende müssen bestätigen, dass die Nutzung wissenschaftlichen Zwecken dient. Eine Regelung, die Rosemarie Kosche in Ordnung findet, obwohl sie gleichzeitig zu Realismus rät: „Wer ‚Mein Kampf‘ lesen will, kommt da auch dran, spätestens seitdem es das Internet gibt, ist das nicht schwer.“ Nicht nur rassistische und antisemitische NS-Literatur steht in der Uni-Bibliothek im Magazin. Dort finden sich zum Beispiel auch Bücher, die den Völkermord an den Armenier*innen leugnen. Auch diese Literatur müsse bereitgestellt werden, um analysiert werden zu können, sagt Kosche.

Trotz alledem: Eine Sammlung der pikantesten und verbotensten Bücher erhofft man sich im Magazin vergeblich. Im Standardmagazin stehen hauptsächlich Bücher, die wenig nachgefragt werden, aber verfügbar bleiben sollen. Ein großer Teil des Kellergeschosses wird von riesigen Bücherregalen eingenommen, die sich elektronisch oder mit großen Kurbeln über Bodenschienen bewegen lassen. So soll in erster Line Platz gespart werden.

Kein Giftschrank

Die Regale stammen teilweise noch aus der Gründungszeit der Essener Universität. Viele davon werden bald abgerissen, damit Platz für die neue Lehrbuchsammlung ist. Diese war erst in einem kleinen Raum untergebracht, nun bekommt sie eine eigene Etage. Rosemarie Kosche erklärt das mit der Einführung der neuen Studiengänge, durch die es fachübergreifend zu einer höheren Nachfrage nach Einführungsliteratur und Klassikern kam. Einen Giftschrank mit dem schlimmsten Machwerken bekomme ich hier unten im Keller nicht zu sehen. Stattdessen zeigt Rosemarie Kosche mir noch die sogenannten Rara – das ist die Sammlung seltener und wertvoller Ausgaben, die in einem kleinen verschlossenen Raum gelagert werden. „Bei anderen Bibliotheken ist das eine Schatzkammer“, sagt Kosche. „Die Universitäten in Duisburg und Essen wurden aber erst in den Siebzigerjahren gegründet, deshalb besitzt die Bib weniger alte Bücher als andere.“

Wie die Biliothek wichtiges Quellenmaterial zugänglich machen kann, ohne Hetzpropaganda eine Plattform zu bieten, das ist durchaus ein Thema, mit dem sich hier im Haus beschäftigt wird. Im kommenden März wird die Fachtagung zum Thema Meinungsfreiheit von der Universitätsbibliothek mitorganisiert. Die Veranstaltung wurde vom Rektorat nach den Vorfällen um eine Posterausstellung im Bibliotheksfoyer angeregt (akduell berichtete).

In Bayern wird gestritten

Während die Unibibliothek in Essen einen Umgang mit Nazi-Literatur gefunden hat, wird anderswo kräftig darüber gestritten. Auf Anregung des bayrischen Finanzministers Markus Söder (CSU) arbeitet das ohnehin öffentlich finanzierte Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) an einer kommentierten Neuauflage, die die wissenschaftliche Arbeit mit der Quelle erleichtern soll. Das Projekt bekam in der vergangenen Woche aber Gegenwind von ganz oben. Ministerpräsident Seehofer war persönlich eingeschritten: „Ich kann nicht einen NPD-Verbotsantrag stellen und anschließend geben wir sogar noch unser Staatswappen her für die Verbreitung von ‚Mein Kampf‘ – das geht schlecht.“

Auch Innenminister Joachim Herrmann hatte am Donnerstag angekündigt, gegen jede Neuauflage vorzugehen, ob kommentiert oder nicht. Ab dem 1. Januar 2015 verliert die traditionell CSU-geführte bayrische Landesregierung das Urheberrecht an Adolf Hitlers Buch „Mein Kampf“, das diese seit Gründung der Bundesrepublik innehatte. Bisher wurden Neuauflagen – auch historisch-kritisch kommentierte – hierdurch verhindert. Nachdem Auslaufen des Urheberrechts müsste dies zumindest anders begründet werden.
Geld von der Landesregierung bekommt das IfZ für das Projekt nun nicht mehr, kann die geplante Veröffentlichung aber aus dem eigenen Haushalt finanzieren, der zu jeweils 50 Prozent aus Bundes- und Landesmitteln besteht. Das Institut will einen Beitrag zur Entmystifizierung des Werks liefern. Schon jetzt sei es im Ausland, in Antiquariaten und im Internet leicht zugänglich. Die frühere Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, begrüßte hingegen die Reaktion der Landesregierung: „Hitlers Machwerk ist von Hass und Menschenverachtung durchdrungen und erfüllt Experten zufolge den Tatbestand der Volksverhetzung.“

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