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STUDIUM & FREIZEIT

Bye Bye Cambridge

Gastautorin Larissa Stahl musste wegen Corona in Cambridge die Koffer packen. [Symbolbild: pixabay]
28.04.2020 18:31 - Gastautor*in

Wer sich schon einmal gefragt hat, wie schnell man nach 6 Monaten seine Wohnung räumen, alles in einen Koffer packen und das Land verlassen kann, der sollte zu Pandemie-Zeiten im Ausland arbeiten. 24 Stunden – mehr braucht es nicht, um von einem in den nächsten zu stürzen. Angst ist ein effektiver Motivator.

Die letzten 6 Monate habe ich als Lektorin an der University of Cambridge im Fachbereich Germanistik Übersetzungs- und Essaykurse unterrichtet. Bis vergangenen Montag war ich noch davon überzeugt, den Sommer dort zu verbringen und Großbritannien zu erkunden. Als in Deutschland schon ganze Semester verschoben wurden, dachte in Cambridge noch niemand daran, dass das akademische Jahr im März zu beenden. Gefärbt von einer immerwährenden Aura der „splendid isolation“ waren die Engländer*innen geradezu unbeeindruckt von der Verbreitung des Virus in Kontinentaleuropa. Zwar wurde auch die Insel hin und wieder von einer Welle der Panik erfasst, persönlich betroffen schien jedoch niemand.

Zu späte Reaktion auf den Corona-Ausbruch

Ähnlich wie anfangs auch in Deutschland reagierten die Behörden und Institutionen in Großbritannien verhalten bis gar nicht. So kam es, dass ich wenige Tage vor meinem überstürzten Auszug noch ein großes College-Dinner besuchte, in einem Tanzkurses mit 20 unterschiedlichen Partner*innen zu wildem Jazz tanzte und gesellige Abende in Pubs verbrachte.

Rückblickend erscheint es mir paradox, wie lange die britische Regierung sowie die Universität und ihre Colleges warteten, bis sie sich zur Pandemie äußerten. Und wie heftig die Reaktion ausfiel, als sie schlussendlich folgte.

Cambridge besteht aus 31 Colleges sowie der zentralen Universität mit ihren jeweiligen Fakultäten. Wer sich an der Universität einschreibt, muss sich auch für ein College entscheiden. Die Colleges verfügen über eine lange Tradition und sind weitaus älter als die zentrale Universität. Auch heute noch übernehmen sie wichtige Lehrtätigkeiten, besonders im Bereich der Sprachenbildung. Ihre hervorstechende Rolle ist eine ideelle und soziale. Daher verfügt jedes College über eine fachliche und ideologische (philosophisch, politisch oder religiös) Ausrichtung. Sie ist Wohn- und Zufluchtsort vieler Studierender. Anders als an deutschen Universitäten zentriert sich das soziale Leben der Studierenden beinahe ausschließlich in den Colleges.

Dieses soziale Netz ermöglicht Universitäten wie Cambridge und Oxford, unzählige internationale Studierende nicht nur fachlich sondern auch sozial zu integrieren. Britische Colleges in diesem Stil bieten eine Vielzahl kleiner Gemeinschaften, welche gut organisiert und ausreichend finanziert sind. Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass es beinahe unmöglich ist, in diesem kleinmaschigen System durch’s Raster zu fallen. Für Collegemitarbeiter*innen sind Studierende nicht nur bloße Nummern – den Großteil kennen sie beim Namen. Der Umgang ist familiär und auf Augenhöhe. Es fällt auf, wenn jemand fehlt oder durch eine schwierige Zeit geht (persönlich, gesundheitlich oder akademisch).

Die aktuelle Corona-Pandemie hat jedoch gezeigt, dass die Autorität der Colleges, ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihr großer Handlungsspielraum diese sozialen Strukturen erschreckend schnell untergraben können.

Zwar muss an dieser Stelle lobend hervorgehoben werden, dass die Colleges als Institutionen noch vor der Universität und der britischen Regierung auf die nahende Gesundheitskrise reagierten. So erhielt ich bereits eine Woche, bevor Boris Johnson von seiner „herd immunity“- Politik abwich, mehrere Emails meines Arbeitgebers (Pembroke College). Doch dies täuscht nicht über die groben Fehler hinweg, welche vielen Colleges in ihrer Offensive unterliefen.

Vage Kommunikation verursacht Verwirrung

Obwohl die Kommunikation eine Präventionsmaßnahme sein und für klare Verhältnisse sorgen sollte, fiel sie häufig vage aus und bewirkte somit Verwirrung und Panik. „We suggest that, over the coming week, you consider how and when you may wish to go home and what you can take home with you.“ – Dies ist der Inhalt einer der unzähligen Emails, die ich ca. eine Woche vor meiner Abreise erhielt. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, was ich mit dieser Aussage anfangen sollte. Und mit dieser Reaktion war ich nicht alleine. Handelte es sich um eine höfliche Aufforderung zu gehen? Und wenn ja, wohin und für wie lange?

Ich befand und befinde mich noch immer in der privilegierten Situation, als Europäerin (trotz Brexit) schnell und unkompliziert in mein Heimatland zurückkehren zu können. Als ich die Email erhielt, welche mich endgültig davon überzeugte, aufzubrechen („Unless your College accommodation is truly your home then now is the time to make plans to go home very soon“) war es mir immer noch möglich, nach Deutschland einzureisen und den Flug aus eigener Tasche zu finanzieren. Für viele meiner Freund*innen und Kolleg*innen war dies jedoch nicht der Fall. Hätte das College oder die britische Regierung nur wenige Wochen früher reagiert, hätten viele zu ihren Familien und Freund*innen zurückkehren können.

Obwohl sich Pembroke als eines der sensibelsten Colleges im Umgang mit seinen Studierenden erwiesen hat – manche Colleges kündigten den Studierenden sogar die Mietverträge – stehen die, die bleiben müssen, vor immensen Herausforderungen. Werden sie sich im Quarantäne-Fall weiterhin Küche und Bad mit mehreren Mitbewohner*innen teilen müssen? Wer kümmert sich um infizierte Studierende, die weder Familie noch enge Freund*innen in Cambridge haben? Werden Stipendien und Gehälter weiterhin gezahlt? 

Dies ist nicht bloß eine Imagefrage, sondern eine konkrete soziale Debatte.

Trotz all der wundervollen Erfahrungen, welche ich als Lektorin sammeln konnte, bleibt daher auch für mich ein mulmiges Gefühl zurück. Denn es zeigt sich, dass die enormen Privilegien der Colleges, welche in der europäischen Universitätslandschaft ihres gleichen suchen, nicht immer zum Wohl der Studierendenschaft eingesetzt werden.

Colleges in Cambridge und Oxford stehen in dieser Krisensituation vor einer entscheidenden Wahl: wollen sie ihre finanzielle, ideelle und akademische Macht in den Nutzen der Gemeinschaft stellen oder sie dazu verwenden, die eigene Vormachtstellung zu sichern. Dies ist nicht bloß eine Imagefrage, sondern eine konkrete soziale Debatte, welche das Leben vieler internationaler Studierender beeinflussen wird. Ich hoffe daher, dass sich die Colleges geschlossen hinter ihre Mitglieder stellen und somit ein Zeichen für Solidarität in Krisenzeiten setzen.

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