Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

STUDIUM & FREIZEIT

Bundespräsident a.D. wird Gastprofessor an der UDE

Christian Wulff (hier in der Mitte) beim Sommerfest des Bundespräsidenten 2011, übernimmt ab kommendem Wintersemester eine Gastprofessur an der UDE. (Foto: INSM/flickr.com/CC-BY ND 2.0)

08.08.2016 08:00 - Maren Wenzel



Er war der jüngste Bundespräsident der Bundesrepublik und gleichzeitig wohl jener mit den meisten Titelseiten: Christian Wulff. Jetzt ist er wieder in den Schlagzeilen – der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident wird im kommenden Wintersemester Gastprofessor für Politikmanagement an der NRW School of Governance der UDE. Er soll sich mit Masterstudierenden des Fachs Politikmanagements über seine Zeit als Minister- und Bundespräsident austauschen, heißt es von Seiten der Universität. Die Ämter des Rechtsanwalts und Politikers bieten viel Gesprächsstoff – aber auch Kritik von Seiten der Studierenden ist angebracht.

Zum Beispiel zu den Einsparungen im Bildungsbereich: Als niedersächsischer Ministerpräsident setzte Christian Wulff  2003 bis 2010 mehrfach den Rotstift an – die sozialen Kürzungen betrafen vor allem auch die Hochschulen. Unter Wulff wurden Studierende für ihre Ausbildung zur Kasse gebeten: 2005 beschloss das schwarz-gelb geführte Bundesland Allgemeine und Langzeitstudiengebühren. Niedersachsen war damit 2007 trotz massiven Protesten das erste Bundesland, das Geld für Bildung von den Studierenden forderte. Auch die Strukturreform für die Schulbildung wurde kritisiert: Niedersachsen führte als eines der ersten Bundesländer das Zentralabitur nach bereits zwölf Jahren ein.

Wulffs Rotstift für die Bildung

Erhebliche Proteste gab es auf die Einsparungen in der Bildungspolitik: Die Landeszentrale für Politische Bildung musste unter dem CDU-Politiker Wulff im Jahr 2004 die Pforten schließen. Erst im April dieses Jahres wurde eine Wiedereinrichtung beschlossen. Weiterhin setzte sich Wulff für die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken ein. In puncto Datenschutz erhielt der Ministerpräsident gar eine Negativ-Auszeichnung – den Big Brother Award. Stellvertretend für die Regierung des Landes, die die Datenschutzaufsicht 2006 dem Innenministerium unterstellen wollte, obwohl eine EU-Richtlinie die völlige Unabhängigkeit der Datenschutzaufsicht forderte.

„Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Auch die Zeit als Bundespräsident soll Gegenstand der Gastprofessur werden. Und dort ist vor allem ein Satz bei den Meisten hängen geblieben: „Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Der katholische Christian Wulff reagierte damit am Tag der Deutschen Einheit 2010 auf Thilo Sarrazins rassistische Auswüchse Deutschland schafft sich ab. Der Bundespräsident löste damit eine breite Debatte in Medien und Gesellschaft aus. Sein Nachfolger Joachim Gauck schwächte den Satz danach ab. Im Gespräch mit der Zeit sagte er: „Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“ Mit Blick auf Religion wird Wulff vor allem für seine Nähe zu Evangelikalen kritisiert: Seit 2005 war er Kuratoriumsmitglied der missionarisch-evangelikalen Vereinigung ProChrist. Dessen religiöse Führungsfigur, Pfarrer Ulrich Parzany, propagierte beispielsweise, dass Homosexualität eine schöpfungswidrige Anomalie und heilbar sei.

Nicht einmal zwei Jahre später ist die Amtszeit Christian Wulffs beendet. Die Bild-Zeitung startet eine Kampagne gegen den Bundespräsidenten mit dem Vorwurf, er habe in seiner Amtszeit als Minister- und Bundespräsident Vorteile von Geschäftsmännern entgegen genommen. Ein Hauskredit von einem Freund aus der Wirtschaft und bezahlte Urlaubsreisen dominierten die Boulevard-Schlagzeilen.

Zapfenstreich mit Buh-Rufen
Nach einem eingeleiteten Ermittlungsverfahren und Verlust der Immunität trat der Rotarier Wulff im Februar 2012 als Bundespräsident zurück. Unter Buh-Rufen und Vuvuzela-Lärm wurde er mit einem großen Zapfenstreich verabschiedet. Im Prozess wurde Wulff im Februar 2014 schließlich frei gesprochen und erhielt Entschädigung für die Durchsuchungen. Nach seiner Zeit als Bundespräsident eröffnete der heute 56-jährige Rechtsanwalt Christian Wulff eine Kanzlei in Hamburg und ist zudem als Berater für eine luxemburgische Immobilieninvestmentfirma tätig.

Vielleicht beschäftigen sich die Masterstudierenden des Fachs Politikmanagements demnächst dann auch mit dem von Wulff verfassten Buch Ganz oben, ganz unten, in dem der Bundespräsident a.D. seine Sicht auf die sogenannte „Wulff-Affäre“ schildert. Eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen Einsparungen des Ministerpräsidenten Wulff im Bildungsbereich, der Einführung von Studiengebühren und seine Verbindung zu evangelikalen Christ*innen würde sich jedoch in jedem Fall lohnen.




Hintergrund


Gastprofessuren an der NRW School of Governance

Die Gastprofessur für Politikmanagement der Stiftung Mercator wird seit dem Jahr 2007 in der Regel für ein bis zwei Semester verliehen. Die Gastprofessor*innen kommen aus den Bereichen Politik, Verwaltung, Medien und Verbänden und sollen den Studierenden des Masterstudiengangs Politikmanagement, Public Policy und öffentliche Verwaltung einen Blick in die praktische Arbeit ermöglichen. Dafür werden sie in Lehre sowie Forschung eingebunden. Neben der Arbeit mit den Masterstudierenden halten die Gastprofessor*innen auch öffentliche Vorträge. Das Thema und der Termin für den Vortrag des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff stehen noch nicht fest. Bislang haben unter anderem Wolfgang Clement, Stefan Aust und Jutta Limbach die Gastprofessur an der NRW School of Governance erhalten.

Schwere Vorwürfe gegen BcKS

BcKS weist die Kritik des AStA als unsolidarisch und verleumderisch zurück.
 

Oh, du schönes Campusleben: Hier bin ich gern.

Unsere Redakteurin Lena verbringt ihre Zeit gerne am Campus. Warum, kommentiert sie hier.
 

Antisemitismus: Aufregung um DGB-Veranstaltung

Jüdische Gemeinde und junge GEW kritisieren BDS-Veranstaltung.
 
Konversation wird geladen