Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Zwischen Bib und Babypuder

Illustrationen: Maurizio Onano
Fotografien: Lorenza Kaib
11.05.2018 14:34 - Lorenza Kaib

Festgelegte Regelstudienzeit, Ärger mit dem BAföG, Jagd nach Credit Points, Stundenplanorganisation und die Bürokratie der Prüfungsanmeldung. Studieren hat seine Schattenseiten — davon können die meisten Studierenden ein Lied singen. Vieles kann einen davon abhalten, sich mit den interessanten Aspekten des Studiums zu beschäftigen und etwa einfach mal die Nase in einem Buch zu vergraben. Doch wie ist es für diejenigen, die nicht nur ihr eigenes Leben organisieren müssen, sondern darüber hinaus Verantwortung für einen kleinen Menschen übernehmen?

Ein paar tapsende Schritte sind auf dem Flur zu hören. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Ina dreht sich im Dunkeln noch ein paar Mal herum. „Mama, aufstehen!“ Es ist fünf Uhr – Ina braucht keinen Wecker, ihr Sohn übernimmt diese Aufgabe. Die Studentin macht sich fertig für den Tag, bereitet das Frühstück vor. Jetzt geht es zum Kindergarten und dann sofort weiter zur Uni – um acht Uhr muss sie in ihrer Vorlesung sitzen. Ihr Studium ist Ina wichtig. Sie versucht, immer pünktlich zu sein. Wenn es geht, ist sie schon vor den Veranstaltungen in der Uni, um sich noch etwas vorbereiten zu können. In Freistunden bereitet sie Seminare und Vorlesungen nach. Meist schafft sie es zeitlich nicht, in der Mensa zu essen, auch wenn ihr das Angebot gut gefällt. Nach der Uni geht es für Ina zurück zum Kindergarten. Manchmal verbringt sie mit ihrem Sohn zusammen noch eine Stunde auf dem Spielplatz, dann geht es um 16 Uhr nach Hause. Jetzt heißt es Abendessen zubereiten, das Kind bettfertig machen und wenn es schläft, weiter für die Uni lernen. „Ich teile meinen Tag immer in Mama-Schicht Teil I, Studium, Mama-Schicht Teil II, kurzer Feierabend und dann Studium Teil II ein“, erzählt Ina lachend. Zeit für regelmäßige Hobbies oder Treffen mit Freund*innen unterhalb der Woche hat sie so gut wie keine. „Es hat ganz viel von einem Roboter – alle Tätigkeiten kehren immer wieder“, erzählt sie. Obwohl ihr das Studium grundsätzlich sehr gut gefalle, sei die Organisation einfach sehr kräftezehrend.

Ina studiert Soziale Arbeit an der Universität Duisburg-Essen. „Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich habe kein Auto, bin alleinerziehend, ohne familiären Hintergrund – ohne Vater, der für das Kind da ist“. Das Studium war etwas völlig Neues für sie, erst jetzt im vierten Semester hat sie das Gefühl, langsam einen Durchblick zu bekommen. Da Ina für ihr Studium auf BAföG angewiesen ist, muss sie stark auf die Regelstudienzeit achten. Studierende mit einem Kind können zwar ein Semester pro abgeschlossenem Lebensjahr des Nachwuchses während der ersten fünf Lebensjahre länger studieren als ihre Kommiliton*innen, eine sichere Zusage habe sie bisher aber noch nicht bekommen. „Für mich wird das alles gar nicht anders gehen, weil dann die Einschulung von meinem Sohn ist und ich das alles gar nicht hinkriegen würde ohne die zwei Semester mehr“. Bisher wurde sie immer mit „Ja, müssen Sie einfach kommen, wenn es dann so ist“ abgespeist. „Also, das heißt bis zum sechsten Semester – wo ich fertig sein müsste – weiß ich überhaupt nicht, ob ich danach dann noch weiter studieren darf. Das lässt einen ziemlich in der Luft hängen.“ Ina stellt fest: „Ich kann einfach nicht mehr – ich gebe ja so schon Gas.“

Schwanger im Studium

Studieren mit Kind ist eine Herausforderung – auch mit familiärer Unterstützung. Das haben Hannah und Mara* erlebt. Als Hannah schwanger war, hatte sie gerade das Grundstudium in Ökologischen Agrarwissenschaften in Witzenhausen beendet. „Im Prinzip lassen sich Schwangerschaft und Studium sehr gut vereinbaren. Insofern, dass man sich nicht rechtfertigen muss, wenn man mal nicht kommt“, sagt Hannah. Ihr war die ersten drei Monate lang fast immer schlecht.

Die Klausuren hat sie trotzdem mitgeschrieben, da sie von zu Hause aus gelernt hat. „Ich war heilfroh, dass ich das niemandem erzählen musste – gerade in den ersten drei Monaten will man ja vielleicht auch noch gar nicht erzählen, dass man schwanger ist“, stellt die Studentin fest. „Aber ich werde auch von meinen Eltern finanziell unterstützt und das auch über die Schwangerschaft und Geburt hinaus“, erzählt Hannah.

Witzenhausen gehört zur Universität Kassel, wo nur dieser eine Studiengang angeboten wird.

Viele Studierende haben hier Kinder, weshalb der Witz kursiert, wer dorthin zieht, bekomme bald entweder Kinder, einen Hund oder Dreadlocks. Oft gehen ganze Familien gemeinsam zur Uni. „Und dann wird im Vorlesungssaal gestillt“, erzählt Hannah lachend. Die Dozierenden seien das schon gewöhnt. Sie habe das nicht gemacht, weil sie sich nicht vorstellen konnte, sich dabei dann noch zu konzentrieren. Hannahs Freund hatte nach der Geburt des gemeinsamen Kindes noch keinen Vollzeitjob und konnte sie damals unterstützen: Wenn die Studentin eine Pause zwischen Veranstaltungen hatte, ist er mit dem Baby zur Uni gekommen, damit sie es stillen konnte. Doch nicht nur an der Atmosphäre in Witzenhausen zeigt sich, dass es dort viele Kinder gibt. Studierende mit Kind haben auch die Möglichkeit, einen der vielen Wickelräume oder den neu eingerichteten Mutter-Kind-Raum aufzusuchen. „Dort kann man sich etwa zum Stillen zurückziehen oder andere Studierende mit Kind treffen. Es ist einfach ein Raum für Mütter und Väter mit Kindern“, sagt Hannah.

Erwartungen und schlechtes Gewissen

Studieren mit Kind hat für Hannah positive und negative Seiten. Es habe ihr gut getan, rauszukommen und sich in einem anderen Kontext als als Mutter zu Hause wahrzunehmen. Trotzdem habe sie sich auch viel Druck gemacht und teilweise selbst überfordert. „Rückblickend würde ich sagen: Ich hätte mir schon ein halbes Jahr oder vielleicht sogar ein Jahr geben sollen, in dem ich mir gar nichts an der Uni vornehme.“ Obwohl sich ihr Partner ebenfalls viel gekümmert hat, war sie besonders gefordert: „Das ist gut und schön, diese Aufgabenteilung – aber solange man als Frau stillt, ist es nicht so einfach. Da ist die Bindung dann einfach stärker. Ich wollte zu der Zeit einfach möglichst viel Zeit mit meinem Kind verbringen.” Neben den persönlichen Entscheidungen spielt für Hannah aber auch der Druck von außen eine Rolle. „Ich glaube, dass hier gesellschaftlich einfach der Doppelanspruch an Frauen ganz stark ist, Karriere zu machen und eine gute Mutter zu sein. Ich wurde auch schief angeguckt, als ich Gustav mit einem Jahr in den Kindergarten gegeben habe – ‚Ja, muss das denn jetzt schon sein? Er ist ja noch so klein‘ und in Holland wirst du schief angeguckt, wenn du dein Kind ein Jahr lang zu Hause behältst.“

BAföG, MuSchG und Pflichtberatung

Mara* bekam nur wenig BAföG. Sie hatte ebenfalls ihr Grundstudium der Sozialen Arbeit fast beendet, als sie schwanger wurde – ihr fehlte nur noch die Rechtsklausur – und entschloss sich dazu, ein großes Praktikum während der Schwangerschaft durchzuziehen. Auch sie weihte wenige Menschen an der Uni über ihre Schwangerschaft ein. Der Professor, der sie im Praktikum betreute, wusste Bescheid. „Er meinte, dass ich möglichst alles fertig haben sollte, bevor das Kind da ist.“ Sie wollte möglichst lange arbeiten. Hätte das Mutterschutzgesetz vor zwei Jahren schon für Studierende gegriffen, hätte Mara es in Anspruch genommen. Das Gesetz gewährleistet eine erhöhte Flexibilität und einen Nachteilsausgleich für verpasste Prüfungen. „Ich finde es super, dass das endlich mal angekommen ist und das hätte es mir damals erleichtert. Ich habe schon gemerkt, dass ich durch den Leistungsdruck mindestens zwei Wochen länger arbeiten gewesen bin, als ich vom Gefühl her gebraucht hätte“, erzählt sie.

Dass sie nicht zum Prüfungsamt gegangen ist, bereute sie später: „In der Schwangerschaft waren die Reaktionen auf jeden Fall von allen Seiten sehr positiv.

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Mir hat aber gar keiner gesagt, dass ich das mal beim Prüfungsamt oder anderen offiziellen Stellen melden sollte – was sinnvoll gewesen wäre.“ Was Mara nämlich im Trubel um das neugeborene Baby nicht bewusst war, erwischte sie nun kalt: An ihrer Uni herrscht Prüfungspflicht. Zu mindestens einer Prüfung pro Semester müssen sich Studierende an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe anmelden – ob sie die dann am Ende mitmachen oder bestehen, ist jedoch egal. „Ich hatte eigentlich das Gefühl, so langsam läuft es – ich bekomme es hin, mich zu fokussieren und das Baby schläft halbwegs durch, ich habe genug Energie, um mich um noch etwas anderes zu kümmern als nur das Baby. Bis ich dann Post von meiner Uni bekomme habe mit Einladung zu einem Pflichtberatungsgespräch“, erzählt sie. Hätte das Mutterschutzgesetz damals schon für Studierende gegolten, wäre Mara das Gespräch und die Konsequenzen daraus vielleicht erspart geblieben.

Die Beratungs- und Betreuungsangebote an der UDE findet Ina grundsätzlich gut und vielfältig – haken würde es jedoch an der Organisation. „A weiß nicht, was B macht. B weiß nicht, dass es C überhaupt gibt und C hat überhaupt gar keine Ahnung, was an der Uni überhaupt vorhanden ist“, erzählt sie. „Was sehr schön ist: die selbstorganisierte Krabbelburg. Da bekommt man tatsächlich auch konkrete Hilfe, dort wird man an die Hand genommen und schaut gemeinsam, was es für Möglichkeiten gibt.“ Ein großes Problem ist zurzeit, dass ihr Sohn mit seinen vier Jahren für ein Jahr aus allen Angeboten der Uni herausfällt – die gibt es nämlich nur bis zu einem Alter von drei Jahren und dann wieder ab fünf Jahren.

Angebote der UDE

„Ich denke, dass unsere Einrichtungen einen guten Teil dazu beitragen, Studium und Familie miteinander zu vereinbaren, weil die Studierenden ihr Kind sicher bei uns aufgehoben wissen. Wir leisten alle eine sehr gute Arbeit, die Eltern fühlen sich wohl und geben ihre Kinder mit einem guten Gefühl ab. Das ist schonmal der erste wichtige Schritt“, sagt Eva Baecker, Leiterin der Forscherkids – der Einrichtung vom Studierendenwerk Essen-Duisburg in Mülheim.

In ihrer Tagespflege werden aktuell neun Kinder von Studierenden im Alter von vier Monaten bis zu drei Jahren durch drei pädagogische Fachkräfte betreut. Eva Baecker leitet die Einrichtung seit der Eröffnung im vergangenen Mai, davor hat sie in der Kindertagespflege in Essen gearbeitet. „Wir gehören zum Studierendenwerk Essen-Duisburg und sind angegliedert an die Hochschule Ruhr West. Die Kindertagespflege in Essen ist angegliedert an den Campus Essen und die Kindertagespflege in Duisburg ist angegliedert an den Campus in Duisburg“, erläutert Baecker.

Eltern, die ihre Kinder betreuen lassen möchten, müssen zwischen 26 und 40,5 Stundenkontingente pro Woche innerhalb der Öffnungszeiten von 7.30 Uhr und 16 Uhr belegen, damit sich die Angebote zu einem Teil refinanzieren können: „Das trägt sich nicht von alleine aufgrund der hohen Personalkosten, da wir alle angestellt sind beim Studierendenwerk“, so Baecker.

„Das Besondere an unserem Angebot – was es in anderen Kitas oder Tagespflegen nicht unbedingt gibt – ist, dass wir in diesem Rahmen eine Flexibilität anbieten. Das heißt, dass Eltern jedes Semester ihre Betreuungszeiten neu festlegen können, weil sich der Stundenplan ändert, sie im Praktikum sind oder praktische Übungen machen müssen.“

Im Gegensatz zu den anderen Tagespflegen gibt es in Mülheim noch keine Warteliste: „Die Hochschule in Mülheim ist eine regionale und kleine Hochschule, da sind die Bedingungen anders und der Bedarf nicht so groß. In Essen haben wir eine ewig lange Warteliste, aber da gibt es auch sehr viele internationale Studierende und Studierende aus ganz Deutschland. In Duisburg haben wir auch eine Warteliste, nicht ganz so lang wie in Essen.“ Die Einrichtungen tauschen sich jedoch untereinander aus und versuchen so, Studierenden alternative Angebote anzubieten. „Wenn jetzt die Essener Kollegin eine Anmeldung hat von einer Studierenden, die in Mülheim wohnt und in Essen studiert, dann wäre es für sie auch möglich, ihr Kind zu uns zu bringen und dann nach Essen zur Uni zu fahren. Wenn man in Essen lebt und studiert, macht etwa ein Platz in Mülheim wenig Sinn“, sagt Baecker.

Kinderbetreuung: Was gibt es an der UDE?

1. AStA Krabbelburg, Essen 
2. Kita Campino, Duisburg
3. Kita Brückenspatzen, Essen
4. Tagespflege Tiegelkids, Essen
5. Tagespflege Studikids, Essen
6. Tagespflege Campuskids, 
    Duisburg
7. Tagespflege Forscherkids, 
    Mülheim
8. Kurzzeitbetreuung des Famili-
    enservice-Büros der UDE

Über die Veränderungen im Mutterschutzgesetz freut sich die Pädagogin: „Das ist eine sehr gute und wichtige Entwicklung. Von dem zeitlichen Aufwand, den ich als Student oder Studentin habe, ist das ähnlich zu einem Vollzeitjob – oder sogar mehr. Von daher finde ich es wichtig und richtig, dass das gleichgestellt wird. Bei der Vereinbarkeit von Job und Kind oder von Studium und Kind sind die Forderungen mindestens genauso hoch. Beim Studium, denke ich, manchmal sogar noch höher vom Zeitpensum und Leistungsdruck her.“ Oft erlebe sie Mütter, die sich selbst viel Druck machen: „Ich hatte da auch schon mit Müttern viele Gespräche, die sagen ‚Ach, ich kann nichts richtig. Ich bin im Studium unkonzentriert, weil ich nachts nicht viel geschlafen habe, und ich bin mit meinem Kind unkonzentriert, weil ich das Gefühl habe, lernen zu müssen‘. Von diesem innerlichen Druck muss man sich verabschieden und sich sagen, von zwei Semester länger studieren geht die Welt nicht unter.“ Auch deshalb sei das Mutterschutzgesetz so wichtig: Damit Studierenden ihre Doppelbelastung anerkannt wird und sie in ihren Rechten gestärkt werden. „Man kann beantragen, eine Prüfung später zu machen oder dass man ein Semester eine bestimmte Vorlesung aussetzt – man hat ja das Recht dazu“, sagt Baecker. „Es ist schon eine Herausforderung, Studium mit Kind. Ich ziehe den Hut vor Allen, die das schaffen.“

In ihrer Einrichtung beobachtet Baecker, dass nicht mehr das klassische Familienmodell dominiere, sondern das Verhältnis zwischen Müttern und Vätern gleichberechtigt zu sein scheint: „Ich erlebe viele Väter genauso in der Verantwortung wie die Mütter. Sie bringen die Kinder, holen sie ab und fragen uns, wie der Tag lief. Das sehe ich als eine ganz tolle Entwicklung.“

„Das Antibild ist für mich definitiv der Mann, der eine Familie hat, sie aber nicht haben möchte und damit nicht umgehen kann“, findet Sebastian. Ihm fällt es schwer, ein Idealbild von einem Vater zu zeichnen – glasklar ist für ihn jedoch, dass er da sein will, sich kümmern will. Vater wurde Sebastian, als er mitten in seiner Bachelorarbeit im Studiengang Industrial Design an der Folkwang Universität der Künste steckte. Ob er sich zwischen seiner neuen Rolle und dem Anspruch, einen guten Abschluss zu machen, zerrissen fühlte? „Nein, natürlich nicht“, sagt er lachend. „Ja, klar. Das war schon eine sehr große Problematik am Anfang. Dazu kommt, dass ich jemand bin, der sich in den eigenen vier Wänden schlecht motivieren kann. Man hat immer irgendwas, das einen ablenkt – und dann kommt auf einmal ein Kind dazu, dann wird es noch schwieriger.“ Nach einiger Zeit habe es dann bei ihm ganz gut funktioniert, leicht war es jedoch nicht. „Also, die ersten Wochen habe ich fast nichts für die Bachelorarbeit getan und das schlechte Gewissen war einfach ständig da. Ich habe dann versucht, die Recherche vor allem in die Abende zu legen, wenn der Kleine geschlafen hat. Aber das ist so ausgeartet, dass ich viele Nächte durchgearbeitet habe.“

„Wo ist denn die Mama?“

Ohne Flexibilität läuft in Sebastians kleiner Familie nichts. Seine Frau studiert ebenfalls und auch er möchte bald einen Master beginnen. „Wir waren in Belgien für vier Monate für ein Auslandssemester – meine Frau hat da ihr Französisch vertieft und studiert. In der Zeit hatte ich unseren Sohn komplett – da bin ich auch nicht arbeiten gegangen. Und jetzt hatten wir den Wechsel, weil ich zwei Monate am Stück arbeiten war und viel für den Job hin und her gereist bin. Da hat sie dann die Betreuung komplett übernehmen müssen.“ Und auch die Zukunftsplanung hat Sebastian noch nicht in Stein gemeißelt – wer Karriere macht und wer zu Hause bleibt oder ob beide in Teilzeit arbeiten, all das hängt vor allem von den Jobangeboten ab. In seinem Bekanntenkreis erlebt er jedoch meist das klassische Familienmodell – oder das moderne: „Da sind dann meist beide berufstätig und das Kind ist dann ruckzuck in der Kinderbetreuung – ob das jetzt eine Tagesmutter ist oder vorgezogener Kindergarten.“

Sebastian möchte es aber anders machen, er will seinen Sohn kennenlernen: „Ich finde es einfach toll, wenn er hinfällt und dann nicht sofort zur Mama rennt, sondern auch zu mir kommt und ich merke, dass da eine Vertrauensbasis da ist.“ Auf dem Spielplatz hat er sich als junger Vater allein mit Kind zu Anfang manchmal beobachtet gefühlt. „Wenn man da bewusst oder unterbewusst darauf achtet, dann bildet man sich das immer mehr ein und hat das Gefühl ‚Der guckt mich jetzt an, weil er denkt ich bin ein junger Papa – und wer weiß, ist das Kind gewollt oder nicht gewollt und wo ist die Mutter dazu?‘“. Eine Ausnahme sei er meist, wenn er unter der Woche auf dem Spielplatz unterwegs ist. Jetzt macht er sich darüber aber keine Gedanken mehr – auch, weil ihm nie jemand Sprüche wie „Wo ist denn die Mama?“ direkt ins Gesicht gesagt habe.

Lukas studiert zurzeit wie Hannah auch Ökologische Agrarwissenschaften in Witzenhausen. Nicht nur, aber auch weil er Kinder hat. Vor seinem Studium hat Lukas die freie Ausbildung des Demeter Verbandes in der Fachrichtung Gemüsebau gemacht. „Als ich wusste ‚Wir sind schwanger‘, da war mein erster Gedanke, dass ich nicht direkt eine Gesellenstelle annehmen wollte mit 40-Stunden Job. Mitten im Sommer hat meine Frau das Kind zur Welt gebracht und da ist in der Landwirtschaft immer die Hölle los. Ich wurde das erste Mal Vater und ich wollte das gerne leidenschaftlich machen“, erzählt der seit diesem Februar nun zweifache Vater. Durch das Studium könne er sich die Zeit ganz anders einteilen und sich mit seiner Frau abstimmen. Bevor sie ihre Kinder bekam, hat Lukas Frau auch studiert. Jetzt ist sie vor allem Mutter und hat darüber hinaus eine Ausbildung zur Kindertagespflegerin gemacht: So konnte sie die Betreuung ihres Kindes mit der Arbeit verbinden.

„In der Landwirtschaft gibt es ganz wenige halbe Stellen und das ist sehr schwierig. Und so konnte ich mir jetzt alles einteilen und meine Kinder kennenlernen“, sagt Lukas. Er habe viel Zeit für sein Studium und seine Kinder: „Wir haben uns das so aufgeteilt, dass ich Priorität habe – damit ich fertig werde und wir hier wieder weg können. Man hat aber schon mehr Zeit, als wenn man normal arbeiten würde und dadurch kann ich mich intensiv mit den Kindern beschäftigen und sie aufwachsen sehen.“

Aufgerieben durch die verschiedenen Ansprüche, denen man als Student und Vater gerecht werden will oder muss, fühle er sich nicht. Lukas vermutet, dass das für Studentinnen* mit Kind etwas schwieriger sei, da man vor allem in der ersten Zeit noch mehr Verpflichtungen habe. Als er zwischendurch, neben Studium und Familie, noch gearbeitet habe, wurde es jedoch auch für ihn manchmal schwierig. „Was für mich eher ein Punkt war: Mein eigenes Selbstverständnis. Dass es okay ist, dass ich jetzt studiere und etwas für mich mache und meine Frau gerade nicht“, erzählt Lukas. Darüber habe er immer wieder mit ihr geredet und sich abgesprochen. „Ich habe immer noch den Haushalt und ziehe mich da nicht komplett raus, aber kann auch mal einen Tag lernen.“ Eine Alternative wäre gewesen, weniger intensiv zu studieren: „Sie hätte dann mehr Zeit für sich gehabt, aber dann dauert das Studium natürlich länger. Und wir hatten beide das Ziel, das hier relativ zügig durchzuziehen.”

Knackpunkt ist und bleibt Finanzierung

Durch die beiden Kinder wird sich Lukas Studium um ein Semester verlängern. Sobald es abgeschlossen ist, wollen beide in der Landwirtschaft arbeiten. „Wir wollen zusammen auf einem Hof Gemüse gärtnern und in Richtung Betriebsleitung gehen“, erzählt er. Er wird 40 Stunden pro Woche arbeiten, seine Frau wahrscheinlich nur 20 Stunden, um sich weiterhin um die Kinder kümmern zu können. „Das entspricht schon etwas mehr dem klassischen Bild“, fasst der Student lachend zusammen. „Auf dem Bauernhof ist die Lebensperspektive dann auch so, dass nicht immer alles klar getrennt ist und man manchmal vielleicht ein Kind auf dem Trecker oder bei anderen Arbeiten mitnehmen kann. Das erhoffe ich mir“, führt er aus.

Um Kinderbetreuung hat sich Lukas viele Gedanken gemacht. „Der Lebensstandard ist meist so, dass alle berufstätig sein müssen und das Kind dann schnell in eine Betreuung gegeben wird. Das finde ich persönlich eine ungute Entwicklung und auch einen ganz schwierigen Punkt. Ich will natürlich nicht sagen ‚Ihr dürft nicht beide arbeiten‘“, findet der Student. Er würde sich jedoch eine Debatte über die Notwendigkeit, Kinder unter einem Jahr in Betreuung zu geben, nur damit man Geld verdienen kann, wünschen. „Wir wollten das beide nicht und haben geguckt, wie wir es anders machen können“, sagt er. Auch mit der Konsequenz, dass sie finanziell in der Zeit nicht so gut aufgestellt waren wie Familien mit zwei Einkommen.

Studieren oder arbeiten?

Im Gegensatz zu Lukas hat sich das Studium von Ina und Hannah deutlicher verlängert. Hannah macht zurzeit ein Pflichtpraktikum in einem Saatgutbetrieb, in dem sie 20 Stunden pro Woche arbeitet. Danach will sie ihr Studium auch so schnell wie möglich beenden. „Ich habe alle Module abgeschlossen, scheinfrei sagt man hier, und muss jetzt nach dem Praktikum nur noch die Bachelorarbeit schreiben“, erzählt sie. Die Organisation von Arbeit und Familie beschäftigt sie zurzeit sehr, weil sie durch das Praktikum merkt, wie es plötzlich ist, einen Arbeitsalltag und ein Kind zu haben. „Und das war mir vorher wirklich nicht bewusst – da war ich durch das Studium wahrscheinlich auch noch ein bisschen blauäugig und habe mir gedacht ‚Jaja, das kriegt man schon irgendwie hin. Das bekommen andere ja auch hin‘“, so die Studentin. Jetzt erlebt sie, dass es sehr schwer zu vereinbaren ist, wenn beide Elternteile berufstätig sind. Ein Zwiespalt: „Ich merke gerade auch, dass es keine Erfüllung für mich wäre, nur zu Hause zu bleiben. Das ist für mich keine Option. Trotzdem möchte ich möglichst viel Zeit mit Gustav verbringen“.

Für Mara* bedeuteten die nicht abgelegten Prüfungen in der ersten Zeit mit ihrem Baby nicht nur, dass sie zu einer Pflichtberatung vorstellig werden musste – am Ende stand der Abbruch ihres Studiums.

„Da dachte ich mir: Diese Uni ist auch nur ein Wirtschaftsinstrument.“

„Ich bin mit Tragetuch und gefühlt eine Viertelstunde zu spät da latent gestresst, aber sonst guter Dinge aufgeschlagen – und nach dem Gespräch habe ich mir dann gedacht ‚Ach, fick die Uni‘“, erzählt sie. „Ich hatte erwartet, dass das Studium eine Zeit des Lernens, sich Fortbildens und der intellektuellen Reifung ist“ – stattdessen wollte ihre Beraterin mit ihr einen Plan erstellen, wie sie schnellstmöglich ihr Studium absolvieren könnte, völlig losgelöst von ihren Interessen und nur ausgelegt auf die Vereinbarkeit der Veranstaltungen mit Betreuungsmöglichkeiten für Maras Kind. „Sie hat mir gesagt ‚Manchmal muss man auch einfach nach Stundenplan und Zeit studieren – nicht nach Interesse‘“, erzählt Mara wütend. Außerdem wurde sie damit unter Druck gesetzt, dass sie ja anderen Studieninteressierten einen Platz wegnähme und das alles viel Geld koste.

„Vielleicht habe ich einfach die falsche Beraterin erwischt, vielleicht habe ich mich zu hart demotivieren lassen“, mutmaßt die ehemalige Studentin. Für sich zog sie aus dem Gespräch den Schluss: „Diese Uni ist auch nur ein Wirtschaftsinstrument. Das Bachelor- und Mastersystem heißt einfach nur durchackern – es ist vollkommen egal, was du lernst. Die Hauptsache ist, du hast am Ende deinen Stempel, wo draufsteht ‚habe in Regelstudienzeit studiert, weiß nichts und stehe jetzt dem Arbeitsmarkt zur Verfügung‘“. Nach diesen Vorgaben wollte und konnte sie nicht studieren. Jetzt macht Mara eine Ausbildung zur Schreinerin.

Ina will unbedingt nach ihrem Bachelor in Sozialer Arbeit einen Masterstudiengang beginnen. Dafür braucht sie einen Schnitt von mindestens 1,8, weshalb viel von ihrer Abschlussarbeit abhängt. „Ich brauche definitiv ein Semester nur für die Bachelorarbeit, weil einfach dieses wissenschaftliche Arbeiten mit Kind und anderen Kursen oder einem Job nebenbei nicht funktioniert“, erzählt die Studentin. Das habe sie schon bei Hausarbeiten gemerkt.

Ihr zweites Praktikum möchte sie in der Sozialverwaltung absolvieren. Später will sie auch dort arbeiten: „Zum einen weil ich gerne größere Dinge ändern möchte, und das am Besten im System machen kann. Und ein ganz großer Grund sind planungsmäßige Arbeitszeiten, ein gleichbleibendes Einkommen“, sagt Ina. Das seien Sicherheiten, die sie ihrem Sohn gewährleisten möchte. Ein für sie wichtiges und aktuell durch die Essener Tafel in die Schlagzeilen gekommenes Thema ist Armutsbekämpfung. Ina erhofft sich, daran in Zukunft mitwirken zu können: „Bei der Sozialplanung hat man eben verschiedene Dinge in der Hand, um da handeln zu können und Initiativen, Ideen umsetzen zu können.“

*Name von der Redaktion geändert

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