Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Wissenschaft: Überstunden und Vitamin B

Die Belastung im akademischen Mittelbau drückt sich nicht nur in der Menge an zu welzenden Büchern aus. [Symbolbild: Maren Wenzel]
31.12.2018 14:19 - Maren Wenzel

Freie Wissenschaft ist ein Grundrecht. Wer sich aber für eine Karriere an der Universität entscheidet, ist konfrontiert mit prekären Arbeitsbedingungen, Leistungsdruck, Abhängigkeiten von Betreuenden und den Lehrstühlen. Kurz: großer Unfreiheit. Wir haben mit zwei Nachwuchswissenschaftler*innen aus dem sogenannten Mittelbau über den Konkurrenzkampf an Hochschulen gesprochen.

Anna* ist 30 Jahre alt und hat vor zwei Jahren angefangen, an einer Universität im Ruhrgebiet zu promovieren. Wer promoviert, arbeitet auf einen Doktortitel hin. Dieser soll nachweisen, dass Wissenschaftler*innen eigenständig forschen können. Auch wenn in vielen Promotionsordnungen festgehalten ist, dass der Weg zum Doktor* oder Doktorin* drei Jahre lang dauern soll, arbeiten die meisten zwischen vier und fünf Jahre an ihrer Promotion. Laut einer vergangenen Befragung des Statistischen Bundesamts promovierten im Wintersemester 2015/16 insgesamt 196.200 Menschen in Deutschland, darunter 41.400 in Nordrhein-Westfalen.

„Ich arbeite neben dem Vorbereiten meiner Dissertation als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl“, erzählt Anna. Sie ist Teil des akademischen Mittelbaus. Darin arbeiten all jene, die noch nicht Professor*innen, aber eben auch keine Studierenden mehr sind. Anna ist für die Stelle in den Westen Deutschlands gezogen, hat die Universität für ihre Promotion gewechselt. Ein Stipendium oder einen Platz an einem geförderten Graduiertenkolleg konnte sie nicht ergattern – die Stelle an der neuen Uni war für sie deshalb ein Glücksfall. Denn viele, die intern promovieren, blieben an den Universitäten, an denen sie etwa den Master abgeschlossen haben und der Kampf um die Stellen sei häufig groß.

„Ein hohes Maß an Disziplin“

An der Hochschule gibt Anna in Teilzeit beispielsweise Übungen in ihrem Fach, arbeitet an den Projekten und Veranstaltungen vom Lehrstuhl mit. „Das ist einerseits gut, weil ich dort bei Kollegen auch mal Nachfragen zu meiner Arbeit stellen kann, ohne auf ein Gespräch mit meinem Mentor warten zu müssen.“ Früher und auch heute noch vereinzelt nennt man Mentor*innen „Doktorväter“ oder „-mütter“. Solche Dozierende oder Professor*innen betreuen den Nachwuchs beim Verfassen von den Dissertationen. Außerdem könne sie so einfach länger im Büro bleiben und weiter für ihren Abschluss forschen.

Die Tätigkeit am Lehrstuhl hat für Anna aber auch Schattenseiten. „Es ist eine Doppelbelastung: Arbeit und Promotion zusammen sind nichts für jedermann. Es erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Da kommen über die Woche hinweg oft 50 Stunden bei rum, die ich leiste“, so Anna. Bevor sie angefangen hat zu promovieren, wollte sie über die 40-Stunden-Woche eigentlich nicht hinaus – das sei ihrer Meinung nach unter den derzeitigen Verhältnissen an ihrem Lehrstuhl aber utopisch. Unter der Arbeitsbelastung leide vor allem ihr Privatleben.

Die Angst im Nacken

Zwei Mal musste Anna unser Interview aus Zeitnot deshalb auch verschieben. Besonders zu schaffen machen ihr die sogenannten „Dienstpflichten“ – das heißt die Übernahme von Lehrveranstaltung sowie ihrer Vor- und Nachbereitung. „Wenn man mal drei Woche lang nicht dazu kommt, etwas an der Diss [Anm. d. Red.: Dissertation, Abschlussarbeit] zu tun, dann spielt der Frust natürlich mit rein. Und es sitzt die Angst im Nacken, dass es irgendwann mal zu viel wird“, so Anna.

Der Arbeitsvertrag, den Anna von ihrer Universität erhalten hat, ist derzeit wie bei vielen Angestellten im akademischen Mittelbau befristet. Drei Jahre läuft die Anstellung an der Universität insgesamt – so lange wie eine Promotion laut ihrer Promotionsordnung eigentlich dauern soll. „In der Regel dauert es allerdings länger. Auch bei mir wird es wohl auf vier Jahre hinauslaufen.“ Das bedeutet Unsicherheit für die 30-Jährige. Denn würde ihr gekündigt, fehle die Anbindung an den Lehrstuhl und schlicht auch ihre Existenzgrundlage.

Anna gehört mit ihrer Situation zur Mehrheit der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeitenden. Laut Statistischem Bundesamt machte in 2016 der akademische Mittelbau etwa 75 Prozent des hauptberuflichen Personals an Universitäten aus. Damals waren an der Universität Duisburg Essen (UDE) 1.355 von insgesamt 3.584 wissenschaftlich Beschäftigten im Mittelbau. Mindestens 78 Prozent von ihnen in einem befristeten Anstellungsverhältnis (akduell berichtete).

Grund für die Befristung von Annas Stelle ist das sogenannte  Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Der Mittelbau an Universitäten unterliegt laut diesem Gesetz besonders lockeren Regeln, was die Befristung der Arbeitsverträge angeht. Es ermöglicht Verträge auf Zeit, die sonst nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz nicht machbar wären.

„Mentoren können Druck machen oder verständnisvoll sein“

Wissenschaftliches und künstlerisches Personal kann sowohl vor als auch nach der Promotion jeweils über die Dauer von sechs Jahren ohne besonderen Grund befristet beschäftigt werden. Abgesehen von der 15-Jahresregelung in der Medizin sind für junge Wissenschaftler*innen also 12 Jahre in befristeten Arbeitsverhältnissen vorgesehen.

„Ich komme aus gehobenen Verhältnissen. Beide meiner Eltern gehen arbeiten und können mich finanziell unterstützen. Aber nicht so weit, dass ich dann noch für meine Dissertation forschen könnte“, sagt Anna. Für sie ist der Job zwingend notwendig, um überhaupt einen Doktortitel erlangen zu können. Dass sie nur in Teilzeit arbeiten kann, ist ein Nachteil für sie – in Fächern wie Informatik oder Ingenieurwissenschaften werden oft Vollzeitstellen vergeben, die mehr finanzielle Sicherheit verschaffen. Einen Plan B hat die Doktorandin aber bislang nicht. Zu viel Arbeit, zu viel Engagement stecke bislang in ihrem Traum vom Forscherinnentum.

Zumindest kann Anna eine Verlängerung ihrer Promotionszeit beantragen. Über die Fristverlängerung entscheidet dann der Promotionsausschuss. Ein übliches Verfahren, das aber auch zeigt, wie entscheidend die Betreuenden während einer Promotion sind. Denn die Mentor*innen sind nicht nur für die Qualität der Arbeit entscheidend, sie müssen auch eine Verlängerung der Promotion bestätigen. „Das heißt, Mentoren können einem Druck machen oder verständnisvoll sein. Dementsprechend viel Macht und Einfluss haben sie auch auf die Doktoranden“, sagt Anna.

Anna spricht von einem „insgesamt guten Verhältnis“ zu ihrem Mentor. Auch wenn dieser ebenfalls viel beschäftigt sei und es häufig Zeit brauche, um einen Termin für ein längeres Gespräch zu finden. Aber dann sei der Austausch produktiv. „Ich habe auch Freunde, bei denen das nicht der Fall ist. Wenn es menschlich nicht passt, kann schnell die Arbeit und Psyche darunter leiden“, sagt sie.

„Natürlich spielt auch eine Romantisierung vom Doktoranden-Mentoren-Verhältnis mit rein. Viele schwärmen von einer guten Betreuung, aber es gibt auch Konflikte“, sagt Anna. Gerade wenn man schon über Jahre hinweg mit den Dozierenden oder Professor*innen zusammenarbeite und diese über gewisses Prestige im Fachbereich verfügten. Man sage „Ja“ zu Vorschlägen, die man selbst eigentlich nicht umsetzen wollte und stürze sich dafür auch mal in Berge von Arbeit. „Tatsächlich ist das schon ein großes Abhängigkeitsverhältnis.“

Anna hat über solche Probleme an ihrer Fakultät bislang nicht offen gesprochen. „Was ich hier erzähle, ist unter Promovierenden aber nichts neues. Viele reden da mit vorgehaltener Hand drüber. Wenn man beispielsweise mal zu zweit in der Caféteria sitzt und sich austauscht über den derzeitigen Stand der Arbeiten.“ Im Dienste der Wissenschaft halte man generell ziemlich viel aus, nicht nur Befristung und Abhängigkeit von Einzelpersonen, meint die Doktorandin.

„Alle wissen: Eine Karriere in der Wissenschaft ist hart.“

„Ich habe das Gefühl, dass in der Wissenschaft oft ein Leistungsfetisch über den einzelnen Menschen steht. Überstunden am Wochenende? Kein Problem. Bis nachts in der Universität bleiben? Natürlich. Krankschreibung? Ungerne“, beschreibt die Doktorandin. Man halte das Bild von hart arbeitenden Forschenden und Lehrenden aufrecht, um nach außen Leistungsbereitschaft und Stabilität zu signalisieren. „Alle wissen: Eine Karriere in der Wissenschaft ist hart.“

Alexander* ist schon einen Schritt weiter als Anna. Er hat vor vier Jahren mit summa cum laude – der Bestnote – promoviert. Danach ging er für ein Jahr auf eine Postdoc-Stelle in die Schweiz, um seine Karrierechancen zu erhöhen. Seitdem arbeitet er an unterschiedlichen Universitäten in Deutschland, ebenfalls als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Mittelbau. Alexander sagt nur vorsichtig, dass er sich vorstellen kann, Professor zu werden.

„Wenn ich Pech habe, weiß ich mit Mitte 40 noch nicht, ob und wie ich weiter an Hochschulen forschen kann.“

„Seit vier Jahren hangele ich mich jetzt von Stelle zu Stelle. Bislang waren sie wie üblich befristet“, erzählt Alexander. Ein Jahr arbeitete er an der UDE, danach zwei Jahre im Osten der Republik und derzeit ist er an einer süddeutschen Universität befristet angestellt. Alexander unterliegt ebenfalls dem oben erwähnten Wissenschaftszeitvertragsgesetz und muss sich mit Planungsunsicherheit abfinden.

„Meine private Lebensplanung liegt momentan immer noch auf Eis. Ich habe zwar eine feste Beziehung, aber es ist eine Fernbeziehung. Ich musste ja in den vergangenen Jahren mehrfach umziehen“, so Alexander. Zwei Mal konnte seine Lebenspartnerin in die Uni-Städte mitziehen, weil sie als Grafikdesignerin eine gute Stelle fand. Derzeit heiße es aber wieder Skype statt gemeinsamer Wohnung. Denn die Karriere seiner Partnerin solle sich nicht mehr nur nach ihm richten, sondern auch nach ihren Vorstellungen.

„Noch schnell Kontakte knüpfen.“

„Dass meine bisherigen Stellen so kurzzeitig befristet waren, liegt auch an den begrenzten Mitteln“, sagt Alexander. Bislang habe er vor allem auch an Projekten mitgearbeitet, die durch sogenannte Drittmittel finanziert werden. Diese werden von Dritten zur Verfügung gestellt und zählen nicht zum Grundetat der Hochschulen, der aus den Landeshaushalten kommt. Zu den Geldgeber*innen gehören die öffentlichen Forschungsförderungsstiftungen, aber auch Unternehmen aus der Privatwirtschaft. Aber oft sind diese eben befristet.

„Wenn man an einem Jahresprojekt mitarbeitet, muss man schon schnell beginnen, Kontakte am Lehrstuhl zu knüpfen, damit sie einen halten wollen, wenn die Finanzierung ausläuft. Häufig ist das aber auch allein wegen des finanziellen Drucks nicht möglich“, sagt dazu Alexander. Statt Forscher*innen Sicherheit zu bieten, könne man vielmehr von einer Schieflage der Abhängigkeit sprechen. Man müsse sich gut stellen mit den Professor*innen.

Denn er sei abhängig von den Lehrstühlen und Forschungsgeldern. Er habe das Gefühl, seine Karriere liege nicht in seiner Hand, sondern im Machtbereich von anderen. Und so wechselt er von Projekt zu Projekt, Stelle zu Stelle und Universität zu Universität. „Gerne würde ich mich mehr für die Forschung, für die ich mich interessiere, einsetzen. Das ist aber nicht möglich.“

Die Aussichten auf sichere Arbeitsverhältnisse in der Forschung sind düster - außer man erreicht eine Professur. Über einen Gesetzeshebel in Verbindung mit der Drittmittelfinanzierung kann nämlich zusätzlich die 12- beziehungsweise 15-Jahresregelung bei Befristungen unterlaufen werden. Finanziert ein Lehrstuhl ein Forschungsprojekt aus Drittmitteln, gilt die Ausnahme, dass die Mitarbeiter*innen mit Verweis auf das Wissenschaftszeitvertragsgesetz auch über diesen Zeitraum hinaus befristet beschäftigt werden können. Eine Verlängerung der Ungewissheit.

Eine Art Edel-Praktikant*innen

Auch Alexander erzählt der akduell von der hohen Belastung. „Derzeit leite ich sechs Semesterwochenstunden Lehrveranstaltungen. Ein sportliches Pensum, wenn man bedenkt, dass Seminare auch vor- und nachbereitet werden wollen. Dazu kommt dann noch die Arbeit in der Forschung“, so Alexander. Nebenbei nimmt der Promovierte an Konferenzen teil, verfasst Fachartikel und vernetzt sich. Bis zu sechs Monate vor Ende des Arbeitsvertrages setzt er sich in der Regel dann noch an dutzende Bewerbungen. Hier setzt oft der Sieb-Effekt ein und Bewerber*innen begraben ihre Hoffnung auf eine Karriere an der Hochschule.

Im deutschen Wissenschaftssystem würden Hochqualifizierte bis ins fünfte Lebensjahrzehnt als eine Art Edel-Praktikant*in behandelt, sagt darüber das Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss), in dem überwiegend Initiativen aus dem Mittelbau engagiert sind. „In der euphemistisch als ‘Qualifikationsphase’ bezeichneten Zeitspanne zwischen Studienabschluss und Professur werden Absolvent*innen, Promovierte und Habilitierte regelhaft nur befristet eingestellt und bei erheblichem Leistungs- und Konformitätsdruck in existenzieller Abhängigkeit von den jeweiligen Lehrstuhlinhaber*innen gehalten“, so das NGAWiss in einer Erklärung vom August 2017.

Es fordert deshalb unter anderem die Abschaffung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Außerdem solle die Grundfinanzierung der Hochschulen aufgestockt werden. Lehrstühle sollen zugunsten von sogenannten Department-Strukturen aus dem englischsprachigen Raum abgeschafft werden. Statt einem Professor als Lehrstuhlinhaber soll demokratisch und kollegial über Mittel, Personal und  Schwerpunkte entschieden werden. Das wäre nicht weniger als eine Umverteilung der Macht in der deutschen Wissenschaft.

Alexander ist zwar nicht im Netzwerk organisiert, stimmt den Forderungen aber zu: „Laut einem Sprichwort sind Lehrjahre keine Herrenjahre. Eine Ausbildung dauert in der Regel in Deutschland drei Jahre. Ich bin jetzt 38 Jahre alt. Wenn ich Pech habe, weiß ich mit Mitte 40 noch nicht, ob und wie ich weiter an Hochschulen forschen kann. Das ist kein Zustand.“

Anna hält die Department-Struktur und unbefristete Stellen für den Mittelbau ebenfalls für die richtigen Schritte. „Fakt ist, dass die Struktur von Universitäten grundlegend geändert werden muss, damit sich mehr junge Menschen trauen, in die Forschung zu gehen. Und zwar ohne Zukunftsangst. Optimismus hat auch seine Grenzen.“

*Nachnamen der Redaktion bekannt. Aus Gründen der Anonymisierung wurden Fachbereiche und Universitäten teils anonymisiert.

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