Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Wie trauern Studierende?

Karin Ricken (links) und Caren Baesch (rechts). (Foto: sos)

08.10.2018 11:55 - Sophie Schädel

Trauernde ältere Menschen oder Kinder finden eine Vielzahl von Hilfsangeboten. Doch Studierende finden eine speziell auf ihr Alter abgestimmte Unterstützung nur selten. In Essen gibt es eine solche Anlaufstelle. Bei der Jugendtrauergruppe treffen sich Menschen zwischen 17 und 35 Jahren, der Großteil von ihnen studiert. Die Trauerbegleiterinnen Caren Baesch und Karin Ricken leiten die Gruppe und haben mit akduell-Redakteurin Sophie Schädel über ihre Arbeit und Sicht auf Trauer gesprochen.

ak[due]ll: Warum braucht es Angebote speziell für junge Menschen?

Baesch: Der Altersunterschied zu Kindern wäre zu groß, weil in der Pubertät enorm viel passiert. Eine 75-Jährige, die ihren Mann‚ 'bis dass der Tod uns scheidet‘ nach langer Pflege verliert, hat quasi eine Aufgabe erfüllt. Das ist eine ganz andere Lebenslage als bei der Altersgruppe, die wir ansprechen.

Ricken: Erwachsene sind viel verschlossener als junge Leute. Sie sagen sich: Hilfe brauche ich nicht, ich muss funktionieren. Bei uns können sich die Teilnehmenden unter Gleichaltrigen austauschen. Da gibt es enormen Redebedarf.

ak[due]ll: Wie arbeitet eure Jugendtrauergruppe?

Baesch: Bei unseren Treffen muss es nicht immer traurig zugehen. Tränen sind erlaubt, aber es wird bei uns auch viel gelacht. Bei uns darf alles gesagt werden. Wir haben zum Beispiel mal über die Frage gesprochen, wie Frieden und Trauer zusammenhängen und ob die Trauernden ihren Frieden mit dem Verstorbenen gemacht haben.

Ricken: Wenn neue Teilnehmende kommen, geht es auch darum, um wen sie trauern, und wie sie mit dem Menschen in Verbindung stehen. Der Hauptteil besteht dann aus einer großen Diskussion über ein Thema, das Caren und ich vorbereitet haben und zu dem wir Fragen stellen. Da kann es auch mal um einen Erbschaftsstreit gehen oder darum, wie es den Teilnehmenden gerade in der Schule oder der Uni geht. Zwischen den Treffen schreiben sie sich in unserer WhatsApp-Gruppe, verabreden sich oder fragen sich gegenseitig um Rat.

ak[due]ll: Ist Trauer eine Art psychische Erkrankung?

Baesch: Nein. Trauer darf nicht pathologisiert werden. Sie ist wie die Freude natürlich in uns angelegt. Bei Trauer sind Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Übelkeit ganz normal.

Ricken: Nur wenn jemand die Trauer wegschiebt und tut als wäre nichts, ist das schlecht. Dann ist sie schwerer zugänglich und muss vielleicht therapeutisch behandelt werden. Irgendwann muss das raus.

ak[due]ll: Was hilft bei Trauer?

Baesch: Trauer kann einem niemand abnehmen. Sie ist ein ständiger Prozess, der nie aufhört. Aber sie verändert sich mit der Zeit. Nach dem ersten Trauerjahr, wenn die ganzen Jahrestage und Geburtstage einmal ohne den Verstorbenen vergangen sind, kommt ein Aufatmen, und die eigentliche Trauerarbeit kann beginnen. Ziel ist es, den Verlust gut in das Leben zu integrieren.

Ricken: Es ist wichtig, wirklich zu begreifen, dass jemand tatsächlich gestorben ist. Das kann auch heißen, ihn anzuschauen und anzufassen. Und Reden hilft. Das Umfeld sollte Trauernden einfach das Gefühl geben, da zu sein und viel zuzuhören. Wenn man unsicher ist, wie man mit einem Trauernden umgehen soll, einfach nachfragen. Ratschläge und Antworten auf Fragen helfen wenig. Wichtig sind klare Worte ohne Tabus. Es kann auch erleichternd sein, auszusprechen, dass ein gewalttätiger Vater jetzt endlich nicht mehr da ist.

ak[due]ll: Worum trauert man überhaupt?

Ricken: Das ist ganz unterschiedlich. Der Eine trauert um den, der nicht mehr da ist, der Andere ist eher wütend, weil der Verstorbene gerade jetzt abhaut und ihn im Stich lässt. Diese Gefühle stehen den Trauernden unbedingt zu.

Baesch: Bei Trauer geht es immer darum, dass etwas Altes nicht mehr

Eine Bachelornote hat da nicht mehr die oberste Priorität.

ist und etwas Neues anfängt. Das muss nicht immer ein naher Angehöriger sein. Manche trauern auch, weil sie krank sind oder Lebensziele nicht mehr erreichen können. Aber ich würde sagen, eigentlich trauern alle um sich selbst. Weil sie jetzt traurig sind, weil sie sich ohne den Verstorbenen allein um alles kümmern müssen. Ich zum Beispiel bin traurig, weil ich nie wieder eine so gute Erbsensuppe essen werde wie die, die meine Mutter immer gekocht hat.

ak[due]ll: Wie kann Trauer ein Studium beeinflussen?

Baesch: Bei vielen von unseren Teilnehmenden hat die Trauer dazu geführt, dass sie ihr Studium pausiert oder ein Auslandssemester eingelegt haben. Ich denke das liegt daran, dass sich durch Trauer so viel ändert und viele sich die Sinnfrage stellen. Oder, weil eine lange Erkrankung des Verstorbenen sie über Jahre vom Reisen abgehalten hat. Der Tod eines geliebten Menschen zeigt uns immer, dass der Tod unberechenbar ist und dass auch unser eigenes Leben endlich ist. Da hat eine Bachelornote einfach nicht mehr die oberste Priorität.

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