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SCHWERPUNKT

Wie Schulden das Studileben hemmen

Geldsorgen nicht nur am Ende des Monats [Symbolfoto: Laura Lindemann]

16.09.2020 10:39 - Laura Lindemann

44 Prozent der Studierenden müssen nach ihrem Abschluss Schulden aus dem Studium abzahlen. Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen. Kim stressen seine 24.000 Euro Schulden, Lina traut sich manchmal aus Geldsorgen nicht, ihre Post zu öffnen. Stefanie Baier berät Studierende mit Schulden und erklärt im Interview, wie wie Studierende den Spagat zwischen der nächsten Prüfung und sich türmenden Mahnschreiben im Briefkasten meistern.

„Schulden können schnell entstehen. Ruckzuck. Oft weiß man gar nicht, wie man da reingekommen ist. Und dann  wieder rauszukommen ist umso schwieriger.“ Kim* hat Schulden. Rund 24.000 Euro, um genau zu sein. Die bezahlt er jetzt seit Anfang letzten Jahres ab, jeden Monat 120 Euro. Denn vor einigen Jahren hat Kim einen Studienkredit aufgenommen. „Ich habe einen holprigen Lebenslauf“, erzählt der 30-Jährige. „Meine Eltern haben sich getrennt als ich klein war, in der Schule wurde ich gemobbt, weshalb ich dort nie gerne hingegangen bin. Irgendwann hatte ich dann aber mein Fachabi.“

Nach einer einjährigen Arbeit in einem Lager für Maschinenteile, einer abgebrochenen Ausbildung bei einer Zeitarbeitsfirma, einem Job als Integrationshelfer und anschließend als Fahrradkurier entschied sich Kim dazu, Soziale Arbeit zu studieren. „Anstatt zur Uni zu gehen, habe ich mir dann allerdings ein Standbein im Journalismus aufgebaut und habe bei der KfW einen Studienkredit beantragt, da ich mir das Studium und den Einstieg in den Journalismus nicht anders hätte leisten können.“ Auf den Studienkredit war er so lange angewiesen, bis er mit dem Journalismus genug Geld zum Leben verdient hat.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erhebt –anders als es beim Bafög der Fall ist – Zinsen auf einen Kredit. „So muss ich mehr zurückzahlen, als ich letztendlich bekommen habe“, erklärt Kim. Auf die Frage, wie es ihm aktuell gehe, antwortet er: „Ziemlich schlecht, muss ich sagen. Heute habe ich auf mein Konto geguckt und gesehen, dass ich noch 500 Euro habe. Auf meinem Sparbuch sind es 100. Jetzt gerade musste ich meinen Semesterbeitrag überweisen, weshalb mir nur noch etwa 220 Euro bleiben. Das ist viel zu wenig.“

Im Hinterkopf behält er, dass er am Ende des Monats 120 Euro von der KfW abgezogen bekommt. Deshalb richtet Kim in seinem Leben alles darauf aus, am Ende des Monats das Geld auf dem Konto zu haben und den Kredit abzubezahlen. „Ich stehe immer unter Druck“, sagt der Journalist. „Ich habe diese riesige Summe im Kopf und bin in einem ökonomischen Zwang gefangen. Das ist ein scheiß Gefühl.“

Gesellschaftliche Tabus

BAföG zu beantragen war für Kim nie eine Option, dafür verdienen seine Eltern zu viel. Die will er aber nicht belasten: „Ich möchte unabhängig sein. Denn Abhängigkeit führte bei mir schon früher beim Taschengeld immer dazu, dass meine Eltern mir das dann immer auch vorgehalten haben.“ Deshalb arbeitet er jetzt so viel er kann. Mit seinem neuen journalistischen Job, den Kim begonnen hat, geht das. Dennoch hätte er ohne den Kredit einige Dinge anders gemacht. „Ich hätte viel mehr Geld zurückgelegt, um eine Sicherheit zu haben. Richtigen Urlaub habe ich übrigens das letzte Mal vor neun Jahren gemacht. Amazon Prime habe ich gekündigt. Das sind kleine Dinge, die aber schon viel ausmachen.“

„Ich habe diese riesige Summe im Kopf und bin in einem ökonomischen Zwang gefangen.“

Über die Schulden spricht Kim offen mit anderen und er macht gerne mal zynische Witze über seine Situation. „Generell ist das Thema aber eher tabuisiert. Das merke ich zum Beispiel bei Dating-Apps“, sagt Kim. „Da steht dann die Frage: Würdest du jemanden daten, der Schulden hat? Viele antworten dann: Nur, wenn es gerechtfertigt ist. Ich frage mich: Wann sind Schulden gerechtfertigt und wer bestimmt das?“

Genau wie Kim muss auch Lina* Schulden abbezahlen. Sie studiert aktuell Soziale Arbeit im Bachelor, vorher Kulturwirt. „Meine Schulden sind Mental Health bedingt“, sagt Lina. „Das BAföG wurde mir nämlich nur bis zu meinem Klinikaufenthalt genehmigt, da das Amt meine Leistungsprognose als schlecht ansah.“ In den ersten Semestern ihres Studiums stand für Lina vor allem im Mittelpunkt, Freundschaften zu knüpfen. „Ich habe erst später gemerkt, wieviel Spaß mir mein Studium eigentlich macht und wie gut ich das kann. Deshalb ist die Leistungsprognose totaler Quatsch“, findet die Studentin. „Aus der Klinik heraus musste ich dann viele Gespräche mit dem BAföG-Amt führen, was sehr anstrengend war, da ich zu dieser Zeit keine Lust hatte, überhaupt mit irgendwem zu reden.“

Hinzu kommt, dass Lina seit ihrem 25. Lebensjahr den Krankenkassenbeitrag selbst bezahlen muss und das Kindergeld weggefallen ist. Das ist gesetzlich so geregelt. „Für mich war das ziemlich beschissen. Ich musste mir einen Job suchen, den ich aber nach kurzer Zeit wieder gekündigt habe, weil der Chef übergriffig wurde“, so Lina. Anschließend hat sie im Callcenter gearbeitet. Die BAföG- Schulden ihres ersten Studiengangs konnte sie so zurückzahlen. 

Aber: „Das war so eine stumpfe Arbeit, da dachte ich zwischenzeitlich wirklich, ich werde bekloppt. Ich habe gemerkt, dass wenn ich da eingehe wie eine Blume ohne Wasser, dann kann ich das nicht machen.“ Jetzt hat die Studentin eine Arbeit gefunden, bei der sie Potenzialanalysen für Schüler:innen durchführt. Mit der neuen Stelle erhofft sie sich mehr Freude und auch mehr Geld, um ihre Schulden abbezahlen zu können.

Zu wenig Bafög

Wie hoch genau ihre Schulden sind? „Da müsste ich schätzen“, sagt Lina. „Ich habe manchmal Probleme damit, Briefe zu öffnen, und dann sammeln sich schon mal fünf bis acht Stück, bis ich den Mut habe, sie zu lesen. Denn wenn ich in der Zeit einfach kein Geld habe, es aber trotzdem von mir gefordert wird, dann macht mir das Angst.“

Vor kurzem konnte sie ihre Krankenkassenbeiträge nicht mehr zahlen und durfte im Zuge dessen ihre Therapiestunden nicht mehr weiterführen. „Auch die Uni hätte mich wegen fehlenden Beiträgen beinahe exmatrikuliert.“ Für solche Fälle wünscht sich Lina von der Uni organisierte Anlaufstellen. Eine Ansprechperson, die den Studierenden Fragen rund um finanzielle Notlagen beantwortet. „Wenn einem in der Coronazeit beispielsweise das Geld wegbricht oder man psychisch darunter leidet, wäre ein Fragentelefon speziell für Studierende gut.“

Weil Lina Geld verdienen musste, priorisierte sie ihre Arbeit und stellte das Studium hinten an. „Ich fühle mich durch die Bürokratie ausgebremst. Es fühlt sich gerade nämlich gar nicht so an, als wäre ich Studentin“, erklärt Lina, die ihr Studium so schnell wie möglich beenden möchte, um in die Sozialforschung zu gehen. Das ist ihr Berufswunsch.

Lina ist zwiegespalten, ob sie einen erneuten BAföG-Antrag stellen soll: „Einerseits finde ich BAföG gut, aber andererseits könnte ich dann nicht mehr so arbeiten, wie ich es jetzt tue, und das wäre blöd, da ich ja meine Schulden abbezahlen muss. Der BAföG-Satz ist dafür viel zu niedrig.“ Kim wünscht sich hingegen, dass die BAföG-Zuschüsse elternunabhängig werden: „Das würde vielen Leuten zugute kommen, die studieren wollen.“

*Namen von der Redaktion geändert

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