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SCHWERPUNKT

Wie mir die Depression meine Jugend geklaut hat

Schlafen statt Feiern. [Symbolbild: pixabay]
​​​​​​​13.01.2020 15:00 - Lena Janßen

Die Jugend ist eine sehr prägende Zeit im Leben eines Menschen. Erste Erfahrungen werden gesammelt: das erste Bier, zum ersten Mal tanzen im Club, die ersten Dates. Aufgrund ihrer Erkrankung erlebte unsere Redakteurin diese Dinge kaum bis gar nicht. 

Eine Kolumne von Lena Janßen

Triggerwarnung: Depression und Angststörung

Die Depression hat mir meine Jugend geklaut. Das mag hart klingen, ist aber die ungeschönte Wahrheit. Mit meinen 26 Jahren schaue ich auf die vergangenen zehn bis zwölfJahre zurück und stelle fest: Es gibt Erfahrungen, die ich wegen meiner mentalen Gesundheit gar nicht, nur teilweise oder erst sehr viel später gemacht habe.

Während meines neunzehnten Lebensjahres bekam ich zum ersten mal die Diagnose Depression und Angststörung. Doch rückblickend war ich schon mit 14 Jahren depressiv. Während meine Freund*innen sich am Wochenende Ausweise von Älteren liehen und in den Clubs der Stadt die Nächte durchfeierten, lag ich regungslos in meinem Bett vor dem Fernseher und ließ mich berieseln. In den Schlaf fand ich erst spät in der Nacht und so schlief ich an einem Sonntag bis in den späten Mittag. Den restlichen Sonntag verbrachte ich damit, meinen inneren Stress mit Essen zu kompensieren. „Frustessen“, sagten meine Eltern damals. „Emotionales Essen“, sagt meine Therapeutin heute.

Unter der Woche quälte ich mich in die Schule. Lernen bereitete mir Magenschmerzen und innere Unruhe. Das führte zu Prokrastination und vielen Stunden, die ich weinend auf dem Boden saß. Mit 15 Jahren bekam ich meine ersten Panikattacken. Ich wurde nachts wach und hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Nach einigen Lungentests beim Arzt sagte man mir, ich müsse abnehmen und ich bekam ein Asthmaspray. Die Panikattacken blieben.

Als ich mit 19 zu Hause auszog und ein Studium begann, hoffte ich auf Besserung. Doch das Gegenteil trat ein: Wenn meine Kommiliton*innen auf Uni- oder WG Partys gingen, blieb ich zu Hause. Dachte mir immer wieder neue Ausreden aus, warum ich es diesmal wieder nicht schaffte, mitzukommen. Meine sozialen Ängste waren zu groß, meine Depression fesselte mich ans Bett. Ich zog nicht durch die angesagten Kneipen, lernte wenig neue Leute kennen und ich besuchte auch selten Veranstaltungen an der Uni. Hin und wieder ließ ich mich zu einem Essen in der Mensa blicken, um zumindest den Eindruck zu erwecken, ich würde zur Uni gehen.

Meine Ängste wuchsen ins Unermessliche und in meinem Kopf spielten sich immer wieder dieselben Szenarien ab: Die anderen mögen mich nicht. Ich bin nicht cool genug. Ich bin Abschaum. Ich fuhr auf keine Erstifahrten mit; reiste auch sonst nicht. Ich ging nicht auf Dates, sondern zur Therapie. Da war keine jugendliche Leichtigkeit, die ich spürte. Da war immer nur Schwere. Ich habe meine Jugend an meine Depression verloren und diese Jahre gibt mir niemand mehr zurück. Das ist nicht poetisch, sondern einfach nur beschissen.

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