Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Wie es ist vom Studium ins Berufsleben zu wechseln

Den richtigen Weg ins Berufsleben finden [Symbolfoto: dap]
23.08.2020 16:18 - Gastautor*in

Der Übergang von der Uni in den ersten Job kann eine aufregende Zeit sein. Wir haben für euch mit der Promovendin Sylvie* und dem ehemaligen Studenten Tim* über die spannende und manchmal nervenaufreibende Zeit gesprochen.

Von Alexander Weilkes

„Als ich mein Studium anfing, wusste ich nicht, was ich später einmal damit machen möchte“, beschreibt Sylvie ihre anfängliche Unsicherheit . Bei der 28-Jährigen war zumindest die grobe Richtung vorgezeichnet: Sie studierte Bauingenieurwesen an der Universität Duisburg Essen (UDE). Somit war klar, dass sie später in der Planung und Durchführung von Bauprojekten arbeiten würde. Der Studienverlaufsplan schrieb für Sylvie insgesamt zwölf Wochen Pflichtpraktika vor. Sie absolvierte diese in zwei Planungsbüros und empfand die Einblicke als interessant. Als Orientierungshilfe stellten sich diese für Sylvie jedoch nicht heraus: „Mein Problem war, dass ich mich nicht festlegen konnte“, erklärt sie.
Die Bewerbungsphase begann für Sylvie noch während sie die Masterarbeit schrieb. Rückblickend sagt sie: „Wenn die Möglichkeit besteht, dann sollte man sich nicht zu aktiv um einen späteren Arbeitsplatz bemühen, während man an einer Abschlussarbeit sitzt.“ Der Bewerbungsprozess nahm zeitliche und intellektuelle Ressourcen in Anspruch. „Mich hat das immer wieder total rausgeworfen und darunter kann natürlich das Ergebnis einer Masterarbeit leiden“, gibt Sylvie zu bedenken.

Promotion statt freie Wirtschaft

Sie hat sich in der Phase angestrengt, möglichst nahtlos von der Uni ins Berufsleben überzugehen. „Es gibt viele Stellen auf dem Markt“, sagt sie. Für Sylvie war wichtig, dass Unternehmen vielfältig spezialisiert sind, weil sie vieles kennenlernen wollte. Das hat die Auswahl der Arbeitgeber eingeschränkt. Um Jobangebote vergleichen zu können, hat sie Kommiliton*innen und sich selbst gefragt: „Wie viel Gehalt bekomme ich, finde ich das angemessen? Wie viel bin ich denn ungefähr wert?“
Im Vorfeld informierte sich die Bauingenieurin über die Unternehmen, bei denen sie sich bewerben wollte. Wichtig war ihr die Internetpräsenz der Arbeitgeber. „Vor einem Gespräch werden einem häufig die Namen der Beteiligten genannt, die habe ich gegoogelt“, erklärt sie. Außerdem hat sie mit Freund*innen Rollenspiele gemacht, um die Situationen im Bewerbungsgespräch zu trainieren. Das war hilfreich. Sie empfiehlt es, weil sie so geübter in Gespräche gehen und überzeugen konnte: „Wenn man gefragt wird, warum man länger studiert hat oder die Noten nicht so toll sind, ist das nicht so schlimm. Man sollte vorbereitet sein und das erklären können“, sagt sie.

Letztlich ist es doch anders gekommen als Sylvie es sich vorstellte. Statt in der freien Wirtschaft zu arbeiten, trat sie eine Promotionsstelle an. Wie kam es dazu? „Ich bin zufällig auf die Stelle gestoßen und habe mich beworben. Das war nicht geplant, ich hatte Glück“, sagt sie. „Für mich war das eine 180-Grad-Wendung, an die Uni zu gehen. Ich hatte das eigentlich verworfen. Ich bin dann zu einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin gegangen und habe sie ausgequetscht, was sie so macht“, berichtet die Promovierende.

Ihre Entscheidung gegen eine Anstellung in einem Ingenieurbüro hatte mit ihren Idealen zu tun: „In einem normalen Unternehmen hätte ich die Möglichkeiten nicht, die ich an der Uni habe. In einem Unternehmen muss man wirtschaftliche Interessen verfolgen, ein Projekt fertigstellen. Bei der Promotion kann ich mich auf ein Themengebiet fokussieren“, sagt sie. Solche Entscheidungen haben häufig etwas mit Gefühlen zu tun: „Ich hatte Angst, dass meine Träume nicht in Erfüllung gehen, wenn ich in einem Unternehmen arbeiten würde. In ein Büro kann ich später immer noch gehen.“ Trotzdem erinnert sich die angehende Doktorin, dass es eine schwierige Entscheidung war. Ihre Empfehlung: „Viel mit Freunden reden und fragen, fragen, fragen.“

Kein Abschluss, Gerichtsverfahren und Berufseinstieg

Tims Weg war nicht so geradlinig. Bevor er an die Uni ging, machte er eine Ausbildung und sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Nach zwei Semestern Maschinenbau brach der 33-Jährige sein Studium an der UDE ab, weil er feststellte, dass die Anforderungen der Mathematik-Prüfungen zu hoch waren. Daraufhin schrieb er sich für den Studiengang Water Science ein und erwarb seinen Bachelor-Abschluss. Was danach kommen könnte, war ihm zunächst unklar. Während seines Pflichtpraktikums hatte er das erste Mal Kontakt zu einem Arbeitgeber, der für eine spätere Festanstellung in Betracht kam. „Die Arbeit bei dem städtischen Versorger machte mir Spaß, aber es gab zu dem Zeitpunkt keine passende Stelle für mich im Unternehmen“, erklärt Tim. Daher begann er einen Masterstudiengang im Wirtschaftsingenieurswesen, weil er durch den Abschluss seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern wollte.

Eine Prüfung machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung: „Ich fiel insgesamt drei Mal durch eine Klausur und verpasste die rettenden 50 Punkte immer nur sehr knapp“, bedauert Tim. Die mündliche Bestehensprüfung war seine letzte Rettung und er löste alle Aufgaben, laut Prüfer*innen jedoch nicht schnell genug. „Ich war panisch nach der Prüfung, traurig, hatte später Wut auf mich und auf die Prüfer. Ich entschied mich, gegen das Ergebnis zu klagen“, berichtet Tim von seinen Gefühlen. Plötzlich stand er ohne Zukunftsperspektive da: „Ich war am Boden, da ich, mittlerweile über 30, ohne festen Job und nur mit Bachelor auf den Arbeitsmarkt musste. Wie sollte ich all das einem Arbeitgeber erklären?“

Das traute sich der 33-Jährige dann doch: „Bei dem Unternehmen, bei dem ich mein Pflichtpraktikum absolvierte, war ich weiterhin als Hilfskraft angestellt und dort sprach ich meine Situation offen an.“ Tim hatte Glück. Eine Stelle wurde frei, weil eine Mitarbeiterin in Elternzeit ging. Er bewarb sich und bekam die Stelle. Gleichzeitig lief das gerichtliche Verfahren, das ihm ein Weiterstudieren ermöglichen sollte, was Tim und sein Privatleben stark belastete.

Das zuständige Gericht schloss sich schließlich der Sichtweise der Prüfer*innen an. Zwischenzeitlich hatte Tim sich aber auf eine weitere Stelle in seinem Unternehmen beworben und sie auch bekommen. „Die Entscheidung der Richter ärgerte mich zwar immer noch, doch sah ich meine Zukunft nicht mehr bedroht“, sagt der 33-Jährige. Die Erfahrung hat dennoch Spuren hinterlassen: „Ich denke immer wieder darüber nach, ob ich an einer anderen Uni mein Studium fortsetzen sollte.“ Den Weg ins Berufsleben hatte Tim sich anders vorgestellt. Tatsächlich brauchte er den Master-Abschluss nicht, um einen Job zu bekommen, der ihm Spaß macht. Mit seiner jetzigen Situation ist Tim zufrieden: „Die Tätigkeit ist abwechslungsreich und ich freue mich, dass die Zukunftssorgen und der Geldmangel Vergangenheit sind.“
*Namen von Redaktion geändert

Die armen Imbissbudenbesitzer:innen

In der Debatte um die „Zigeunersoße“ sind Imbissbudenbesitzer:innen die Opfer – laut der Rheinischen Post.
 

Vier Alben von BPoC

Wir zeigen euch vier Alben von BPoC, die in eurer Hot Rotation nicht fehlen dürfen.
 

Necrobarista: Ein Espresso zum Abschied

Eine Rezension der Visual Novel Necrobarista, ein Spiel über Tod und Verlust.
 
Konversation wird geladen