Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Wettlauf gegen die Zeit: Wenn die Regelstudienzeit im Nacken sitzt

Finanzielle Sorgen plagen Studierende.
[Symbolfoto: Magdalena Kensy]

16.06.2020 11:54 - Magdalena Kensy

Geldnöte, BAföG-Regeln, Familienplanung, familiärer und gesellschaftlicher Druck. Das alles sind Gründe, warum der Studienalltag noch schwieriger werden kann, als er neben Klausuren, Hausarbeiten und mündlichen Prüfungen ohnehin schon ist. Doch wie sind die sechs Semester Regelstudienzeit zustande gekommen und schaffen es Studierende diese einzuhalten? 

Eine Nummer wird aus dem Automaten gezogen. 3065 steht auf dem Zettel und wird kurze Zeit später auf dem Monitor im Wartebereich des Einschreibungswesens angezeigt. Der Sachbearbeiter blättert durch die mitgebrachten Unterlagen, stempelt das ein oder andere ab und händigt zum Schluss noch Informationen zum weiteren Verlauf aus. Keine zehn Minuten später findet man sich auf dem Flur vor verschlossener Tür wieder. Offiziell eingeschrieben. So einfach geht es dann aber nicht immer weiter. Zwischen der Einschreibung und dem Bachelorabschluss liegen im optimalen Fall sechs Semester. Drei Jahre Studium, sechsmal Semesterbeitrag zahlen, unzählige Klausuren, Hausarbeiten und Pflichtpraktika. 

Michelle ist 21 Jahre alt und derzeit im sechsten Semester des Lehramtsstudiums für evangelische Theologie und Englisch an der Universität Duisburg-Essen. Für sie kommt durch ihre Fächerwahl zur Fremdsprache auch noch ein verpflichtendes Auslandssemester hinzu. Ihr Wunschziel: England. Doch sie hat Bedenken, dass die drei bis vier Monate Aufenthalt nicht ausreichen, um sowohl die Sprache als auch die Kultur wie eine Muttersprachlerin verstehen zu können.

Doch nicht nur das stört sie dabei: „Mein Problem ist finanzieller Natur. Wenn ich nach England will, will ich natürlich nicht in irgendein Kaff, wo man nichts sehen oder machen kann. Aber selbst die etwas kleineren Städte sind unbezahlbar. 6.000 Euro Miete für drei Monate ohne Lebensmittel, das muss man sich erstmal leisten können.“ Finanziell hat sie sich so gut es ging vorbereitet. „Meine Eltern haben mir zum 18. Geburtstag viel Geld für das Studium geschenkt, aber ich habe nicht geahnt, dass fast alles für mein verpflichtendes Auslandssemester drauf gehen wird.“ Wie Michelle ihr Auslandssemester genau angehen wird, weiß sie noch nicht. Ihr Wunschziel bleibt auf jeden Fall England. 

Um vor, während und nach dem verpflichtenden Auslandssemester nicht vor finanziellen Schwierigkeiten zu stehen, gibt es einige Möglichkeiten. Harald Kaßen, stellvertretender Sprecher für die soziale und psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks Essen-Duisburg, hat den Tipp, Auslands-BAföG zu beantragen. Darüber hinaus gibt es noch die Möglichkeit, den Daka-Kredit, von der Daka Darlehnskasse der Studierendenwerke, für einen Auslandsaufenthalt zu beziehen. Dieser zinslose Kredit mit 5-prozentiger Bearbeitungsgebühr ist unabhängig vom BAföG-Bezug beantragbar.

Studium direkt nach dem Abi

Mit 18 Jahren hat Michelle nach dem Abitur mit dem Studium begonnen. Ihre Eltern helfen ihr seitdem finanziell. Andere Wege der Unterstützung hat sie nicht in Erwägung gezogen, da sie beispielsweise nicht BAföG-berechtigt ist. Das Problem dabei: Ihre Eltern sind beide Mitte 60 und beziehen Rente. Zwar arbeitet Michelle einmal die Woche neben dem Studium als Nachhilfelehrerin auf Honorarbasis, aber verdient so nur 200 Euro im Monat. „Für meine Eltern war immer klar, dass mein Studium vorgeht und ich keinen 450 Euro Job annehmen soll. Dadurch würde ich das Problem ja auch nicht lösen. Ich würde zwar mehr Geld verdienen, müsste aber dementsprechend bei längerer Studienzeit auch mehr zahlen.“ Zusätzlich stehen ihr 200 Euro Kindergeld im Monat zur Verfügung. Ihre Eltern zahlen die Hälfte der Miete, die sich ungefähr auf 800 Euro beläuft. Ansonsten übernehmen sie hin und wieder den Kauf von Büchern.

BAföG

Das BAföG-Amt bitte darum, für eine lückenlose Förderung möglichst bis zum 15. Juni den Weiterförderungsantrag für das Wintersemester 2020/21 zu stellen. Bei späterer Einreichung kann die Bearbeitungszeit höher ausfallen, durch die steigende Anzahl von Erstsemesteranträgen. 

Telefonsprechstunde
Di und Fr: 09:00 - 12:00 Uhr
Tel.: + 49 201 82010-111

Website: https://www.stw-edu.de/studienfinanzierung/bafoeg/

„Je länger ich studiere, desto länger muss mein Vater zahlen. Das setzt mich ziemlich unter Druck“, bewertet es Michelle. Ob BAföG gezahlt wird, hängt davon ab, wieviel den Eltern an finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Wenn (sehr) hohe Rentenbeiträge, welche zum Einkommen zählen, bezogen werden, dann ist ein BAföG-Bezug nicht möglich. In diesem Fall sind die Eltern dazu verpflichtet, den im BAföG-Bescheid ausgewiesenen Betrag an Ihre Kinder zu leisten.

Allerdings möchte Michelle so schnell wie möglich Vollzeit arbeiten gehen. Bis das passiert, liegt noch der Bachelorabschluss und der notwendige Master vor ihr. 76 Prozent der Studierenden haben im Sommersemester 2020 ihren Englisch-Bachelor in Regelstudienzeit absolviert, ein Jahr zuvor waren es 20 Prozent mehr, gibt die Statistik der UDE bekannt. Dass sie ihr Studium bereits direkt nach dem Abitur aufgenommen hat, sieht Michelle erst im Nachhinein als Beeinträchtigung. „Ich wusste immer, dass ich Lehrerin werden möchte, weshalb ich direkt nach dem Abitur an die Uni gegangen bin. Jetzt merke ich, dass ich gerne gereist wäre, aber dafür keine Zeit mehr habe.“

Welche Probleme auftreten oder Chancen sich ergeben, wenn es nach dem Abitur direkt an die Universität geht, ist für jede*n unterschiedlich. Die soziale und psychologische Beratungsstelle kann zu Beginn des Studiums bei einzelnen, sehr jungen Studierenden Orientierungslosigkeit feststellen, die aber auch bei älteren Studierenden auftreten kann. Das Studieren unterscheidet sich gänzlich vom Abitur. „Das Problem ist weniger das Alter, sondern, dass viele Studierende zu sehr darauf fokussiert sind, zu schnell und möglichst in der Regelstudienzeit ihr Studium zu absolvieren, um keine Lücken im Lebenslauf zu haben. So entstehen dann Druck und kaum noch Freiräume für die Persönlichkeitsentfaltung“, erläutert die Beratungsstelle unter der Leitung von Herrn Kaßen.

Wenn das Elternhaus dich erdrückt

Auch Julia* stresst die Regelstudienzeit und die dazugehörige finanzielle Abhängigkeit zu ihren Eltern. Bei ihr kommt der Druck größtenteils aus der Familie. Julia hat nicht nach dem Abitur das Studium aufgenommen, sondern hat auf Wunsch ihrer Eltern erst eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht. Sie ist der Meinung, dass ihre Eltern nicht das nötige Verständnis für Studium und Universität haben, um sie zu unterstützen. „Sie waren sich sicher, dass ich wirtschaftlich mit der Ausbildung abgesichert bin und dann für mich selbst aufkommen kann, wenn ich studieren möchte.“ Die Versuche, ihren Eltern die Situation und die Bedingungen an der Universität zu schildern, blieben erfolglos. Julia erzählt, dass sie zwar nicht auf große Gegenwehr stößt, wenn sie davon erzählt, „aber Unverständnis trifft es ganz gut. Sie können sich wenig darunter vorstellen, was an der Uni erfüllt werden muss.“

Die soziale und psychologische Beratungsstelle versucht deutlich zu machen, dass es vielerlei Gründe geben kann, warum man bei Eltern oft auf Unverständnis trifft. Wichtig sei zu beachten, dass es keine universelle Lösung dafür gibt. „Es kann sein, dass die Beziehung zwischen Kind und Eltern grundsätzlich angespannter ist oder die Eltern einfach auch nicht in der Lage sind, das Kind finanziell zu unterstützen und somit selber einen Druck verspüren“, so Kaßen. Studierende erleben das Interesse ihrer Eltern am Studium unterschiedlich. Manche erzählen auch, dass die Eltern keinerlei Interesse daran zeigen, was sie im Studium erleben. „Manche bekommen gar keinen Druck von zuhause, sondern ernten eher Verständnis für ihre Situation im Studium. Aber sie beschreiben dann, dass ein individueller Druck entsteht.”

Mit dem elterlichen Druck geht ein Finanzierungsproblem einher. Ein Studium kann schwer ins Geld gehen. Ohne die finanzielle Unterstützung durch BAföG oder die Finanzierung der Eltern ist ein Studium kaum zu tragen. Die Annahme eines Nebenjobs kostet allerdings Zeit und bedeutet zusätzlichen Stress. „Meine Eltern sind Arbeiter*innen, die gerne von mir einen besonders guten Abschluss hätten und gleichzeitig nicht die Kosten tragen können oder wollen“, beschreibt Julia die Umstände. Bei Gesprächen mit ihren Eltern geht es oft um wirtschaftliche Fragen. Da beide Elternteile bereits mit 16 Jahren relativ selbstständig für sich sorgen konnten. 

Mit Panikattacken zum Master 

Julia hat trotz des Drucks ihrer Eltern und der Finanzierung den Bachelorabschluss in Regelstudienzeit geschafft. Mit 27 Jahren studiert sie im Master Deutsch und Sozialwissenschaften auf Lehramt, um später an der Gesamtschule oder dem Gymnasium zu unterrichten. Laut Angaben der UDE studieren aktuell im Sommersemester 2020 158 Student*innen im Master Deutsch auf gymnasialer und Gesamtschulebene. 78 Prozent davon haben ihren Abschluss in der Regelstudienzeit von vier Semestern absolviert. Noch im Jahr zuvor lag der Anteil, der in Regelstudienzeit bestandenen Studierenden, bei 80 Prozent. (Stand: 07.05.2020) 

Der gesellschaftliche, der familiäre und der behördliche Druck, dazu der sich persönlich aufbauende Druck, es allen recht machen zu müssen, einschließlich einem selbst äußert sich bei Julia in Panikattacken. „Die Panik kommt in entspannten Momenten, wie in der Zeit nach der Abgabe der Bachelorarbeit oder wenn ich U-Bahn fahre.“ Dabei klopft ihr Herz schneller und sie bekommt das Gefühl sich übergeben zu müssen. In einer Prüfung selbst verspürt sie die Panik nicht. Auch in der Schule habe sie ihn pragmatisch weggesteckt, wie sie selbst sagt. 

Das Studierendenwerk der UDE:

Das Studierendenwerk unterstützt und berät bei Fragen und/oder Problemen sozialer, psychologischer oder finanzieller Art in schwierigen Lebens- und Studiensituationen. Gerne stehen sie für eine individuelle Beratung zur Verfügung. 
Eine Beratung ist durch die Corona-Pandemie momentan nur auf telefonischem Weg möglich. 

Die Kontaktdaten sind vom Berater und Bereichsleiter der sozialen und psychologischen Beratung

Telefon: +49 201 82010 610 

Mail: harald.kassen@stw-edu.de

Website: https://www.stw-edu.de/beratung/psychologische-beratung/

Nun, da sie im Master studiert, bekommt sie neue Hilfe gegen ihre Panikattacken, obwohl sie nie etwas gegenüber den Dozent*innen erwähnt hat. „Wir haben Achtsamkeitstraining im Rahmen des Masterstudiums. Dort wird Stress im Lehrer*innenberuf behandelt.“ Dabei hat sie das Meditieren für sich entdeckt. Zusätzlich steht sie auf der Warteliste für einen Therapieplatz. 

Die Beratungsstelle des Studierendenwerks, unter der Leitung von Herrn Kaßen, ordnet diese Angstentwicklung wie folgt ein: „Entscheidend für die Entwicklung einer Angst könnte sein, dass bei der realen Prüfungsabgabe eine Phantasie darüber entwickelt wird, etwas übersehen zu haben. Angststörungen oder Panikattacken haben immer einen Vorlauf, durch Anstauung vergangener Erlebnisse. Durch Druck und Zukunftsängste, wie ‚was wäre, wenn’, kann es sich summieren.“ Dennoch sind es nicht nur die realen Gegebenheiten, sondern vorrangig die psychologische Verarbeitung, die darüber entscheiden, ob sich eine Angst entwickelt oder nicht.

Nina* ist ebenfalls Lehramtsstudentin und studiert Biologie und Sozialwissenschaften im sechsten Semester. Mit ihr zusammen sind 193 Studierende im Fach Biologie eingeschrieben. Den Abschluss in Regelstudienzeit konnten im Sommersemester 2020 60 Prozent erlangen. Laut Angaben der UDE waren es ein Jahr zuvor noch 92 Prozent. Durch Umstellung der Lehrveranstaltungen, wegen des Coronavirus, könnten die Zahlen der in Regelstudienzeit Absolvierenden im nächsten Jahr weiter fallen. 

Doch Nina gehört nicht dazu. Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie noch mindestens ein Semester dranhängen muss. Der Knackpunkt dabei: „Mich belastet die Tatsache, dass ich mindestens noch bis ich 30 bin studieren muss, selbst wenn ich es in Regelstudienzeit schaffe.“ Nina hat mit 24 ihr Studium begonnen. Spät, wie sie selbst findet. Zuvor hat sie eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht. Kommentare wie „Was ist denn dann mit der Familienplanung?“ oder „Du zahlst erst so spät in die Rentenkasse ein“ und „Warum machst du das denn, wenn du erst so spät anfangen kannst, richtig zu arbeiten?“, sind Nina schon häufiger zu Ohren gekommen. Von der Familie, aber auch von Freund*innen und Bekannten. Sie selbst sagt: „Diese Sätze sind nicht böse gemeint und das weiß ich auch, aber sie haben natürlich trotzdem eine Wirkung.“

Die Rentenkasseneinzahlung ist für sie das geringste Problem, da sie neben der Aussicht auf ein Lehrerinnengehalt und die Möglichkeit der privaten Vorsorge auch eine Aussicht auf Verbeamtung mit Pension hat. „Da bin ich eigentlich ganz entspannt.“ 

Druck von allen Seiten

Wo ist dann das Druckpotential, wenn doch alles für die Zukunft geregelt scheint? Ihr individuell empfundener Druck kommt durch die Gesellschaft und ihr Bewusstwerden über ihr Alter. Nach Erfahrungen der Beratungsstelle ist der gesellschaftliche Leistungsdruck der heutigen Zeit der häufigste Grund für Druck im Studium. „Studierende müssen sich für eine Richtung entscheiden in einer Fülle von Möglichkeiten.“, lautet die Einschätzung der Beratenden. Prüfungen, Noten und feste Modulsysteme seien Ausdruck von der auf Leistung getrimmten Gesellschaft.

Ihre Ausbildung zur Erzieherin vor dem Studium sieht Nina als große Chance an und nicht als Verschwendung. „Während dieser Zeit habe ich erst erkannt, was ich beruflich machen möchte. Erst durch die Ausbildung habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit großen Spaß macht und ich für Kinder und Jugendliche Themen wie Demokratie, Umweltschutz und politische Bildung erfahrbar machen möchte.“

Verbesserungspotential bei den Studieninhalten sieht sie dennoch. Ein konkretes Beispiel fällt ihr dabei ein: „Wir haben im zweiten Semester in Biologie Bestimmungsübungen gehabt, also gelernt, wie man mit einer Bestimmungshilfe heimische Pflanzen und Tiere erkennt. Das war ganz cool und daraus habe ich mehr mitgenommen als aus einer stumpfen Vorlesung, die dann am Ende des Semesters als Prüfung abgefragt wird.“ Mehr Zeit sollte ihrer Meinung nach für das Lernen von Lehre aufgebracht werden. Die sechs Semester lassen somit nicht genügend Zeit sich mit den Stoff intensiv zu beschäftigen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Durch den anfallenden Druck die Prüfungen zu bestehen wird der Stoff nur oberflächlich erlernt und nur ein kleiner Teil bleibt langfristig erhalten. 

Die Prüfungen machen ihr nämlich zu schaffen. Oft zweifelt sie ihre eigenen Leistungen innerhalb des Studiums an, besonders wenn sie durch eine Prüfung gefallen ist, für die sie lange und gut gelernt hat. „Mich überkommt manchmal das Gefühl, dass ich einfach nicht intelligent genug bin, um das Studium zu schaffen.“ An sich sei das Versagen kein Problem. „Es kommt drauf an, welche Bedeutung ich dem beimesse. Es kann sein, dass man für manche Sachen länger braucht als für andere. Wenn das Lernen an sich als hart wahrgenommen wird, sollte sich die Frage gestellt werden, was es damit auf sich hat.“

Oftmals vergleichen sich Studierende auch untereinander. Wissen am Vergleich von Noten festzumachen kann Druck für die nächste Prüfung aufbauen. Der Vergleich unter Studierenden ist nach Meinung von den Berater*innen aber nicht sofort schädlich. „Es wird erst im Kontext und in dem System, das wir uns geschaffen haben, zum Problem. Wer mehr leistet, hat einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft und ist ein ‚besserer‘ Mensch. Erst da, wo der Selbstwert durch Leistung definiert wird, wird der Vergleich zur Belastung”, beschreibt Kaßen. Außerdem basiere dieses System auf Angst. Wenn das Gehirn in einem ängstlichen Zustand ist, dann ist der Zugriff auf das Kreative und Kognitive eingeschränkt und die Ausschöpfung unseres Potentials behindert. Hier kann helfen, anders mit den Ängsten umzugehen, so die Beratungsstelle. Wie dies geschehen soll, muss der*die Betroffene für sich selber herausfinden, da jede Angst ein anderen Ursprung hat. 

Erst die Praxis, dann die Theorie 

Eine Ausbildung vor dem Studium bringt nicht nur Vorteile. Denn die Umstellung auf das intensive Lernen und die freie Gestaltung der Seminare und Lernzeiten könne auch als Belastung wahrgenommen werden. Das System der Ausbildung ist sehr strukturiert und man kann viel vorgegeben bekommen haben, erklärt Kaßen die Einschätzung seiner Berater*innen. „Hier ist das Stichwort Selbstmanagement. Studieren ist eine besonders hohe Herausforderung. Da hilft vielleicht auch der Austausch mit anderen Studierenden oder der Fachschaft, Beratungsstellen oder anderen Institutionen.“ Ebenso kann die finanzielle Lage nach der abgeschlossenen Ausbildung als Rückschritt gesehen werden. 

„Man muss sich viel selbst aneignen, wie die Strukturen und die Abläufe an der Uni.“

Julia hatte vor ihrem Studium so wie Nina eine Ausbildung gemacht. Sie findet, dass ihr die Ausbildung zur Mediengestalterin grundsätzlich nicht geschadet hat. Trotzdem denkt sie, dass die vorherige Qualifikation kein großer Gewinn war. „Man muss sich viel selbst aneignen, wie die Strukturen und die Abläufe an der Uni.“ Zudem sei sie zielstrebiger an der Uni vorgegangen. Durch ihre Fähigkeiten in Mediengestaltung hat sie einen Job als Studentische Hilfskraft am IT-Lehrstuhl erhalten. 

Eine weitere Gemeinsamkeit von Julia und Nina: Der gesellschaftliche Druck wegen ihres Alters. „Das Alter von 27 Jahren und die gesellschaftliche Sicht darauf beeinflusst mich in dem Sinne, dass ich so schnell es geht fertig werden möchte.“ Julia ist im vierten Semester und schreibt an ihrer Masterarbeit. Allzu große Sorgen wegen der Finanzierung muss sie sich nicht machen, da sie ihr Studium fast beendet hat. 

Wenn ein Bachelorstudium vor Vollendung des 30. Lebensjahres begonnen wird, sind Studierende im Grunde BAföG berechtigt. Für Studierende im Masterstudium zählt die Vollendung des 35. Lebensjahr als Grenze. Dennoch bestehen Ausnahmeregelungen, die beim BAföG-Amt zu erfragen sind. Studierende, die die sechs Semester Regelstudienzeit überschreiten haben die Chance, die BAföG-Abschlussfinanzierung zu bekommen. Dazu muss allerdings nachgewiesen werden, dass das jeweilige Studium innerhalb von zwölf Monaten abgeschlossen wird. Die BAföG-Abschlussfinanzierung wird, im Gegensatz zum BAföG, als zinsloses Volldarlehen geleistet. Der Unterschied besteht darin, dass der gesamte Betrag der Abschlussfinanzierung an den Staat zurück gezahlt werden muss. 

Mit Kinderwagen zur Vorlesung 

Familiärer und gesellschaftlicher Druck, die Angst, das Studium aus finanziellen Gründen nicht mehr zu schaffen, den Eltern auf der Tasche zu liegen oder der Druck, in Regelstudienzeit bleiben zu müssen, um weiter BAföG Förderung zu erhalten. Was sollte da noch an Druckpotential fehlen? 

„Langsam kommt das Thema Familienplanung auf“, gibt die 21-jährige Michelle den nächsten Anstoß. Ihr Verlobter ist 27 Jahre alt und hat eine Ausbildung zur Fachkraft für Lebensmitteltechnik gemacht. Beide hätten im April 2020 geheiratet, aber das Coronavirus hat ihnen einen Strich durch die Trauung gemacht. Die Frage nach dem Kinderwunsch der beiden ist unumstritten, jedoch: „Ich kann mir nicht vorstellen, ein Kind während des Studiums oder des Referendariats zu bekommen“, teilt Michelle ihre Sorge mit. Der Druck der Familienplanung wird durch den Fakt, dass es im Freundeskreis bereits das erste Kind gibt, vergrößert. „Das Kind setzt mich sehr unter Druck. Mein Verlobter ist sein Patenonkel und wir verbringen viel Zeit mit ihm und seinen Eltern. Ich habe dieses Kind unglaublich gerne, aber es verdeutlicht mir, dass mir dieses Glück noch für ungewisse Zeit verwehrt bleibt.“

Studium und Kinder müssen jedoch nicht im Gegensatz zueinander stehen. Die Universität Duisburg-Essen bietet Ihren Student*innen eine breite Auswahl an Möglichkeiten, um das Studium und die Versorgung eines Kindes in Einklang zu bringen. Als Kinderbetreuungsmöglichkeiten stehen die Tagesstätten des Studierendenwerks am Campus Essen und Duisburg zur Auswahl, die Kinder von Studierenden ab einem Alter von vier Monaten aufnehmen. Die Krabbelburg ist ein Projekt des AStA für Kurzzeitbetreuung unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe - Betreutes Spielen in Eigenregie“. Des Weiteren befindet sich am Campus Essen (T01 R00 DX8) ein Wickel-, Still- und Ruheraum, der die Chance bietet, Säuglinge und Kleinkinder ungestört zu versorgen und für Schwangere einen Raum zur Erholung bietet. 

Bologna und ihre Folgen 

Die Entstehung von Druck erfährt jede*r Studierende individuell. Äußere Umstände können diesen zwar begünstigen, jedoch muss sich nicht darauf eingelassen werden. Das bewusstwerden der sechs Semester, zu Beginn des Studiums, können einen als positiv, als auch als negativ angesehen werden. Doch woher stammt eigentlich die feste Vorgabe, dass sechs Semester im Bachelor und vier Semester im Master die Regelstudienzeit sind? 

Das Bachelor- und Masterstudium, wie wir es heute kennen, gab es bis vor einigen Jahren in dieser Form noch nicht. Im Jahr 1999 nahmen sich die 29 europäischen Bildungsminister*innen in der Bologna-Reform vor, bis Ende 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Abschlüssen zu schaffen. Vor dieser Reform bestand das Studium aus neun Semestern mit einem anschließenden Magisterabschluss. Durch die Reform erfuhr das Studium, neben der Einführung von Bachelor und Master, eine weitere Strukturveränderung: die Modularisierung. Diese Neuerung führt mehrere Veranstaltungen – beispielsweise Seminare, Übungen und Praktika – , in Modulen zusammen. Durch das Erlangen von Credit Points in den jeweiligen Veranstaltungen ist es innerhalb der europäischen Union möglich, die Studienleistungen zu übertragen. Das vereinfacht Erasmussemester oder den Master im Ausland. 

Die verflixten sechs Semester 

Die Vorgaben der europäischer Ebene wurden durch die Kultusministerkonferenz (KMK) auf die nationale Ebene erhöhte. In diesen ländergemeinsamen Strukturvorgaben wurden die formalen Studiumsfragen, wie zum Beispiel Studiendauer, detaillierter festgelegt. Auf Nachfrage, wie die sechs Semester Regelstudienzeit zustande gekommen sind, gab die KMK folgende Antwort: „Es ist festgelegt, dass die Regelstudienzeit für die Bachelorstudiengänge im Vollzeitstudium sechs, sieben oder acht Semester beträgt und für die Masterstudiengänge vier, drei oder zwei Semester. Die Hochschulen können somit frei entscheiden, ob sie Bachelorstudiengänge mit sechs, sieben oder acht Semestern Regelstudienzeit anbieten”.

Durchschnittlich beträgt die Studiendauer der Erst-absolvent*innen 7,9 Semester.

Doch warum sich an den Universitäten eine Präferenz zu sechs Semestern herausgebildet hat, konnte die KMK nicht beantworten. Stattdessen verwiesen sie auf die Hochschullektorenkonferenz (HRK). „Ein wesentlicher Grund für die Tendenz zum dreijährigen Bachelor insbesondere bei den Universitäten liegt sicher darin, dass die Gesamtstudiendauer im Bachelor und dem unmittelbar nachfolgend Masterstudiengang in der Regel nicht mehr als fünf Jahre umfassen soll”, so Susanne Schilden, Pressesprecherin der HRK. Dennoch weisen Hochschulen und Universitäten eine unterschiedliche Gesamtstudiendauer auf.

Nach Regelung der Musterverordnung der KMK ist ein vierjähriger Bachelor und ein zweisemestriger Master vorgesehen. „Das wird von der überwiegenden Zahl der Fakultäten und Fachbereiche offenbar als nicht ausreichend angesehen”, nimmt Schilden Stellung. Weiter heißt es, dass an den Hochschulen drei- und viersemestrige Master und siebensemestrigen Bachelors überwiegen. Die Regelstudienzeit unterscheidet sich, dennoch absolvierten im Jahr 2018 von allen Studierenden in Deutschland nur 38,1 Prozent den Bachelor in der Regelstudienzeit. Durchschnittlich beträgt die Studiendauer der Erstabsolvent*innen, laut dem Statistischen Bundesamt, 7,9 Semester. 

Praxiserfahrung vs. Bücher wälzen

Warum eine Ausbildung vor dem Studium sinnvoll sein kann, wie man das Finanzielle regelt und sich Credit Points anrechnen lassen kann.
 

Studieren mit Stipendium: Kein Einserschnitt nötig

Unser Schwerpunkt im März dreht sich um das Thema Studieren mit Stipendium.
 

/Beyond Borders/

Coronakrise: Aufenthaltstitel und Studium in Gefahr?

Auch Studierende aus sogenannten Drittländern verlieren ihre Jobs. Ihr Studium und Aufenthaltstitel könnten auf der Kippe stehen.
 
Konversation wird geladen