Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Wenn das Hobby das Studium finanziert

Mit dem Tätowieren ist Alexia ihrer Kunst näher gekommen. [Foto: Sasan Amir]
19.05.2021 15:03 - Helena Wagner

Nur wenige Studierende haben am Anfang ihres Studiums die Chance, einem Nebenjob nachzugehen, der ihnen Spaß macht. Alexia hat sich neben ihrem Studium als Tätowiererin selbstständig gemacht  – obwohl sie nie gedacht hätte, dass sie einmal Künstlerin wird.

Alexia studiert Kommunikationsdesign in Trier. Das war allerdings nicht immer so. Angefangen hat sie mit einem Lehramtsstudium, das mit Kunst nichts am Hut hatte. Sie war immer schon kreativ, doch sie selbst sagt, dass ihr das Geschick und das Handwerk gefehlt haben, um Künstlerin zu sein: „Ich hatte schon immer den Wunsch, etwas mit Kunst und Design zu studieren, doch die Eignungsprüfungen waren hart. Deshalb bin ich erst einmal beim Lehramt geblieben.“ 

Kein Nebenjob mehr – Was nun?

Durch die Corona-Pandemie hat sich für einige Studierende eine finanzielle Notlage entwickelt.
 

Doch manchmal gibt es im Leben Zufälle, die einem den Weg weisen.
Vor zwei Jahren sitzt Alexia bei einem Tätowierer, als dieser ihr beiläufig im Gespräch erzählt, dass er den Laden umgestalten möchte. „Mal doch etwas an die Decke, dann haben die Kunden etwas zum Anschauen, wenn sie hier liegen“, erwidert Alexia. Die Idee gefällt ihm so gut, dass er ihr kurzerhand die Aufgabe überträgt, die Decke zu gestalten. Während im Studio renoviert wird, bietet er ihr an, sich an die Tätowiermaschine zu setzen, um aus Spaß auf einer Silikonhaut einen ihrer Entwürfe zu tätowieren. Mit seiner Unterstützung tastet sich Alexia langsam ans Tätowieren ran. Nach den ersten Versuchen ist sie überzeugt: „Ich habe das so gefühlt, an dieser Maschine zu sitzen, dass ich wusste: Genau das will ich machen. Kunst.“

Gesagt, getan. Alexia bewirbt sich auf Kommunikationsdesign, einem Studiengang, bei dem man meist praktisch arbeitet und unter anderem in den Feldern Grafik- und Produktdesign ausgebildet wird.  Im ersten Versuch wird sie mit ihrer Mappe abgelehnt. Davon lässt sie sich nicht unterkriegen und versucht es im Jahr darauf noch einmal – diesmal mit Erfolg.

„Gerade am Anfang darfst du dir keine Fehler erlauben“

Sie studiert im Jahr zwischen den Bewerbungen weiterhin Lehramt und versucht sich in dieser Zeit am Tätowieren. Anfangs bleibt sie bei einfachen Stick and Poke - Tätowierungen, bei denen die Tinte nicht mit einer Maschine, sondern von Hand mit einer einzigen Nadel unter die Haut kommt. An echte Haut traut sie sich noch nicht. „Für mein erstes richtiges Tattoo wurde ich ein bisschen überredet“, gibt Alexia zu. Ein Freund, der von ihrer neuen Leidenschaft wusste, überredet sie, ihm ein kleines Tattoo zu stechen. Als dessen Mitbewohner das Ergebnis sieht, gefällt es ihm so gut, dass er auch eins möchte. Sie fängt an, in ihr Hobby zu investieren. Sie spart auf eine gute Maschine und besorgt sich das Equipment: „Allein die Maschine hat 600 Euro gekostet, dazu kommen die Tinte, die Nadeln, die Unterlage.“ Die Kosten enden nicht bei der Anschaffung: „Ich gebe im Monat etwas zwischen 100 und 200 Euro an Materialkosten aus.“

Alexia Bild 2.jpg
Langsam macht sich Alexia als Tätowiererin einen Namen. [Foto: Sasan Amir]
​​​​​​

 „Gerade am Anfang darfst du dir keine Fehler erlauben. Der Druck ist hoch, sich einen guten Ruf aufzubauen. Wenn jemand mit einem Schandfleck auf der Haut rumläuft, für den du verantwortlich bist, kannst du es direkt vergessen.“ Durch Mundpropaganda wird Alexias Kundschaft immer größer. Sie geht in ihrem neuen Nebenjob auf, doch das Studium sitzt ihr im Nacken: „Ich habe mich oft gefragt, wie ich tätowieren kann, ohne dass es meinem Studium schadet.

Manchmal bin ich überfordert, gerade bei Semesterbeginn oder Abgabefristen.“ Doch Alexia hat Glück, dass sich Studium und Leidenschaft nicht im Weg stehen, sondern förderlich füreinander sind: „Ich habe mit dem Studium das Sehen gelernt.“ Die Lerninhalte gehen Hand in Hand mit ihrer Kunst, sie kann in manchen Kursen auf dem Tätowieren aufbauen: “Ich genieße es sehr, dass ich die Inhalte meines Studiums auf mein Hobby anwenden kann.”

Wenn das Hobby zum Beruf wird

Mit dem Tätowieren ist Alexia ihrer Kunst näher gekommen. Durch das Üben und die Gespräche mit den Kund:innen lernt sie schnell dazu, sodass es auch im Studium mit der Kreativität funktioniert. „Ich war Hin und Weg von den ganzen netten Menschen, die von meiner Kunst begeistert waren.“ Inzwischen funktioniert der Hybrid zwischen Studium und Hobby so gut, dass sie sich für ihre Zukunft nichts anderes mehr vorstellen kann: „Ich will später tätowieren, nicht im Designbüro sitzen. Bis zu meinem Bachelor will ich auf jeden Fall so weitermachen, danach geht’s dann richtig los!“

Inzwischen kann sie mit dem Tätowieren ihr Studium selbst finanzieren. „Es funktioniert wirklich alles über Mundpropaganda und Instagram. Leute, die sich von mir haben tätowieren lassen, erzählen es ihren Freunden oder posten es auf Social Media. So werden wieder andere auf mich aufmerksam.“ Alexia versucht sich neben ihrem Studium und der Arbeit weiterzubilden, indem sie Kurse besucht und an Weiterbildungen teilnimmt. Sie möchte professioneller werden. Sie ist froh, wie sich ihr Leben in den letzten zweieinhalb Jahren entwickelt hat: „Ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Leben als Künstlerin noch so spät für mich entdecken kann. Es ist wichtig, sich auf die innere Stimme zu konzentrieren und zu hören, was man wirklich will. Und es musste so sein, ich muss tätowieren.“
 

Überbrückungshilfe - Überbrückt, hilft aber wenig

Die Überbrückungshilfe soll Studierenden die Möglichkeit geben, sich über Wasser zu halten. Fritz* hat seine Erfahrung damit geteilt.
 

„eine für alle“-Studie wird größte Studierendenbefragung Deutschlands

Die neue Studie des Bundesministerium für Bildung und Forschung bündelt eine Vielzahl bereits existierender Erhebungen.
 

BAföG wird 50 - (K)ein Grund zu feiern

Das fzs hat zum fünfzigjährigen Bestehens des BAföGs die Kampagne „50 Jahre BAföG – (k)ein Grund zu feiern?“ ins Leben gerufen.
 
Konversation wird geladen