Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Wenn aus Einsamkeit Hass wird

Mehr als Hass haben Incels für Frauen nicht übrig. [Fotos: Erik Körner]

08.04.2019 10:34 - Erik Körner

Das Jahr 2018 stellte Jürgen* auf die Probe. Nach zwei gescheiterten Beziehungen, beide von emotionalem Missbrauch gezeichnet, musste er mit seinem einjährigen Sohn zurück zu seinen Eltern ziehen. Ein Jahr zuvor hatte Jürgens Mutter versucht, ihm das Sorgerecht für sein Kind zu entziehen. Der Aufenthalt bei seinen Eltern verlief  so schlecht, wie er es erwartet hatte. „Meine Mutter genoss das Gefühl, zu wissen, dass sie mich jederzeit für einen kleinen Fehler auf die Straße setzen kann”, sagt Jürgen.

Sein mentaler Zustand verschlechterte sich fast täglich. „Ich habe irgendwann nicht mehr das Haus meiner Eltern verlassen. Außer, wenn ich meinem Sohn etwas von der Welt zeigen oder mit ihm zu einem Spielzeuggeschäft gehen wollte.” Zur selben Zeit hörte er zum ersten Mal etwas von den Incels. Jürgen erinnert sich noch ziemlich genau an seine erste Begegnung mit ihnen. „Bevor ich auf Reddit war, hatte ich nie von denen gehört. Ich scrollte auf der Frontpage herum und sah einen von diesen Fremdschämposts von einer Incel-Konversation. Es war einfach so absurd, dass ich wissen wollte, ob das ein Troll ist.”

Der Anfang vom Ende

Wie Jürgen schnell realisieren musste, handelte es sich nicht um einen Troll. Incels sind eine sehr reale und ebenso gefährliche Männerbewegung. Ihr Name ist ein Kofferwort aus den Begriffen „involuntary” (unfreiwillig) und „celibatory” (enthaltsam) beziehungsweise „celibates” (Enthaltsame). Und wie dieser Name suggeriert, leben sie zwangsweise in sexueller Enthaltsamkeit. Sie denken jedoch, dass ihr Zölibat nicht an ihnen liege, sondern durch die Gesellschaft sowie den Feminismus verschuldet sei. Die Gesellschaft hätte dafür gesorgt, dass Frauen tun und lassen könnten, was sie wollen, da sie keinem Mann mehr hörig sein müssen. Dass Frauen mit wem und wann immer sie wollen schlafen können, ohne zu riskieren, dafür kritisiert zu werden.

Rape Culture

Oft wird der Begriff "Rape Culture" als eine „Gesellschaft, in der Vergewaltigung entweder normalisiert oder geduldet ist”. fehldefiniert. Viel eher wird damit eine Gesellschaft beschrieben, in der Dinge, die sexuelle Übergriffe langfrsitig normalisieren, regelmäßig geschehen. Zu diesen Dingen gehören unter anderem sexistische Witze, ungefragt Nacktbilder verschicken, unerwünschte Berührungen, Victim Blaming/Shaming oder die bewusste Sabotage von Verhütungsmitteln.

Incels bezeichnen Frauen häufig abwertend als „Stacy”. Der Name konstruiert das Bild einer dümmlichen, naiven Frau, die keinen Wert auf die Persönlichkeit legt und ausschließlich Interesse an überdurchschnittlich attraktiven Männern, den „Chads”, hat. Chad hat neben seines beeindruckenden Körpers außerdem die Eigenschaft, Stacy wie Dreck zu behandeln. Die Kirsche auf der Spitze des misogynen Eisbechers der Incels stellt ihr Anspruchsdenken dar. Sie finden ihre fremdverschuldete Enthaltsamkeit unfair. Deshalb sollen Frauen ihnen Sex schulden. Dabei ist ihr Frauenbild vollkommen widersprüchlich. Auf der einen Seite sind Incels Vertreter der sexistischen Ansicht, alle Frauen seien Huren, die mit jedem schlafen. Auf der anderen Seite haben sie Frauen zu ihrem Feindbild erklärt, weil sie angeblich eben nicht mit ihnen schlafen wollen. In der Welt der Incels existieren Frauen lediglich als Objekte.

Die freie Journalistin Veronika Kracher, die unter anderem für die Jungle World und die taz schreibt, beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Incels. Laut ihr ist das Anspruchsdenken der Incels in patriarchalen Verhältnissen verwurzelt. „Jungen erfahren von klein auf, dass sie es besser in diesen Verhältnissen haben und dass ihnen aufgrund ihres Geschlechts gewisse Privilegien zustehen”, sagt sie. Sie merkt an, dass, obwohl Eltern ihren Söhnen selbstredend nicht beibringen, sie hätten ein Recht auf weibliche Körper, das Problem viel eher in der ‚Rape Culture‘ unserer Gesellschaft angelegt ist: „Kulturindustrielle Produkte, wie Filme – denken wir an die ganzen John Hughes-Filme der 80er – und was sie inspiriert haben, oder Serien, wie How I Met Your Mother, vermitteln, dass man ein ‚Nein‘ nicht akzeptieren soll, eine Frau erobern muss. Kurz: sie gegen ihren Willen davon überzeugen, dass man der Richtige für sie ist.” Sie fährt fort: „Das entmündigt Frauen und suggeriert, dass man es ‚besser weiß‘ als sie, wenn es darum geht, dass man ihr ungewollte Avancen macht.”

Sophia* hatte seit ihrer Kindheit mit Gewichtsproblemen zu kämpfen. Außerdem fiel es ihr schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. „Ich wurde immer wegen meines Gewichtes gemobbt, weswegen ich schnell aufgehört habe, Leuten zu vertrauen.” erzählt sie. Selbst, wenn ihr Umfeld nett zu ihr war, dachte sie, man würde sich einen Spaß mit ihr erlauben. Nachdem sie auf die Realschule kam, wurde sie von Depressionen und Angstattacken geplagt. „Ich habe immer ein bisschen gehofft, auf dem Weg zur Schule überfahren zu werden. Einfach, damit es aufhört.”

Ihre ersten Wochen am Gymnasium sahen vielversprechend aus. „Ich hatte keinerlei Interesse, mir ernsthaft über meine Zukunft Gedanken zu machen. Viel mehr habe ich mich darauf gefreut, endlich neue Menschen kennenlernen zu können.” Doch ihre Depressionen sorgten schnell dafür, dass sie sich erneut isolierte. Sie verließ das Gymnasium kurze Zeit später. Von dort an ging es für sie rapide bergab. „Ich saß jeden Tag, den ganzen Tag an meinem Computer. Ich hab solche Ängste entwickelt, dass ich über ein Jahr lang das Haus nicht verließ. Während dieser Zeit bin ich auch über die Incels gestolpert.”

Die Schuld liegt bei den anderen

In der Linguistik besteht die Annahme, dass Sprache Realität konstruiert. Das von den Incels erfundene Vokabular zeigt, wie Frauen in ihrer Realität betrachtet werden. Einer der am häufigsten für sie benutzten Begriffe ist „foid”, ein Kofferwort aus „female” (weiblich) und „humanoid” (menschen-ähnlich). „Femoid” ist eine alternative Version von „foid”. Incels versuchen, Frauen ihren Status als selbstständiges Subjekt abzuerkennen. Sie reduzieren sie auf eine animalische Ebene, vergleichen sie mit Tieren, deren Handeln von ihren Trieben kontrolliert wird. Damit einhergehend schwingt ein altes, sexistisches Stereotyp: Frauen können nicht rational handeln, sind unabdingbar emotional gesteuert. Folglich existiert die Frau im Incel-Kosmos, beziehungsweise in der Incel-Narrative, ausschließlich als ein primitives Wesen.

Incels verweigern sich vehement einer Selbstreflexion, insofern sie dazu überhaupt in der Lage sind. „Man ist als Incel permanent auf seinen Mangel an Sex zurückgeworfen, für den man Frauen verantwortlich macht (anstatt die eigene, verabscheuungswürdige Persönlichkeit), und dafür müssen sie bestraft werden”, meint Veronika Kracher. „Dieser Wunsch nach Bestrafung, der sich oft in Vergewaltigungs- und Mordfantasien artikuliert, kann natürlich besser funktionieren, wenn man Frauen dehumanisiert – was sich schon in der Sprache der Incels manifestiert.” Anstatt die Ursache ihrer Probleme bei sich selbst zu suchen, schieben sie die Verantwortlichkeit von sich weg. „Incels sehen sich in einer absoluten Opferrolle”, so Kracher.

Incels bestätigen diese Annahme regelmäßig selbst. In einem Redditpost behauptet ein Nutzer: „Wenn ein Mann unter langem Sexentzug leidet und deswegen eine Frau vergewaltigt, dann ist er das Opfer, nicht der Schurke.” Der Poster versuchte, mittels einer Analogie seine Aussage weiter zu legitimieren und degradiert Frauen dabei zu einem Gebrauchsobjekt. „Kein hungernder Mann sollte ins Gefängnis, weil er Essen stiehlt, kein sexuell hungernder Mann sollte wegen Vergewaltigung ins Gefängnis.”

Auch Sophia hat während ihrer Schulzeit die Schuld eher bei Anderen gesucht: „Ich hatte nie viele Freunde und häufig haben sich Leute über mich lustig gemacht. Ich habe aber auch nie daran gedacht, mich selbst mal genauer anzuschauen.” Sie wollte sich nicht verändern und erwartete von anderen, so akzeptiert zu werden, wie sie war. „Selbst, wenn ich mich nur einmal die Woche Dusche, nun, das müssen die Leute nun mal an mir akzeptieren, richtig?” sagt sie in einem halb ernsten, halb scherzenden Ton.

Hass essen Seele auf

Allein ihr Umgangston miteinander zeigt, wie toxisch die Umgebung ist, die sich Incels selbst geschaffen haben. Zwei der am meisten genutzten Phrasen als Antworten auf Posts oder Selfies ist „it’s over” oder „time for roping”, eine Anspielung auf Selbstmord durch Erhängen. Ihre Weltanschauung ist zutiefst von Aussichtslosigkeit geprägt. Würden sich Incels gegenseitig aus ihrem Elend helfen, aus ihrer Isolation ausbrechen und vor allem mit - anstatt über - Frauen reden, würden sie bemerken, dass der Großteil ihrer Theorien falsch ist. Das wiederum würde unumgänglich den Untergang der Incel-Community bedeuten. Ihr gemeinsamer Hass hält die Community am Leben, zerfrisst aber langfristig ihre Mitglieder.

„Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, was falsch mit mir sei.”

Jürgen bekam die Macht dieser Selbstzerstörung am eigenen Leib zu spüren: „Ich zog mich immer weiter zurück, verbrachte immer weniger Zeit mit meinem Sohn und wenn er geschlafen hat oder bei seiner Mutter war, habe ich mich in Videospielen vergraben und Subreddits wie incelswithouthate oder incelselfies besucht.” Er hat nie selbst an einer der zahllosen Konversationen teilgenommen. Negativ beeinflusst hat es ihn nichtsdestotrotz: „Ich habe einen Thread nach dem anderen gelesen, ein Selfie nach dem anderen aufgenommen, angeschaut und damit das letzte bisschen Hoffnung in mir Stück für Stück zerstört.”

Er begann, Ansichten zu vertreten, die ihm zuvor zuwider waren. „Ich habe irgendwann daran geglaubt, dass auch ich ein Untermensch bin, habe an die Chad- und Stacy-Stereotypen geglaubt. Mein Hass und meine Wut wuchsen und wuchsen.” Es hat nicht lange gedauert, bis die toxische Umgebung der Incel-Community ihn komplett brach. „Ich konnte nur noch weinen. Ich bin in die Garage meines Vaters gegangen, hab’ mich auf den Boden gelegt und einfach geweint. Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, was falsch mit mir sei. Warum liebt mich niemand? Warum lebe ich überhaupt noch?”, erinnert er sich.

Bei Sophia sah der Prozess ähnlich aus: „Ich dachte mir: Ich bin auch unfreiwillig Jungfrau. Ich sollte da ganz gut reinpassen.” Sie fährt fort: „Ich war nie der Typ Mensch für Frauenfeindlichkeit, aber irgendwie bin ich da automatisch reingerutscht, nachdem ich ihrer Community beigetreten war.” An echten Frauen hat sie schnell das Interesse verloren. “Ich habe mir eingeredet, ich hätte mich in ein Mädchen aus einem Anime verliebt.”

Dieses Anime-Mädchen sollte das Loch in ihrem Herzen füllen, das ein Leben voller Mobbing und Einsamkeit hinterließ: „Ich hab nur noch an sie gedacht. Mir gewünscht, sie wäre echt. Mir gewünscht, sie wäre bei mir. Mir gewünscht, ich hätte jemanden, der mich liebt und den ich lieben könnte.” In mehr Nächten, als es Sophia lieb war, stand sie vor ihrem Spiegel und fragte sich, warum sie sich selbst so sehr hasste. „Einmal hatte ich mich gefragt, wie viel Mut ich aufbringen müsste, um eine Packung Tabletten, die ich meiner Ma geklaut hatte, zusammen mit einer Flasche Wodka in mich reinzuschütten.”

Zu perfekt um wahr zu sein

Jürgen erreichte irgendwann einen Punkt, an dem auch er an kaum etwas anderes außer an sein Aussehen denken konnte: „Ich war mir irgendwann so unsicher, dass ich buchstäblich ‘Frisuren für Dreißigjährige’ gegooglet habe. Keine Ahnung warum, aber das hat mich so sehr wie kaum etwas zuvor getroffen.” Er ergänzt: „Das hat mich kaputt gemacht. Ich fühlte mich widerwärtig, hässlich, komplett unliebbar. Als mein Sohn geschlafen hat, habe ich ihm unter Tränen gesagt „Es tut mir so Leid, dass ich dir keine gute Familie bieten kann. Es tut mir so Leid, dass ich nicht der Vater sein kann, den du verdienst.”

Sophia litt ähnlich unter ihrem Äußeren: „Ich habe mich gehasst. Jeden einzelnen Zentimeter, jede noch so kleine Faser. Ich habe versucht, während des Großteils meiner Schulzeit nicht in den Spiegel zu blicken. Ich konnte nicht akzeptieren, dass diese Person ich war. Ich habe diese Person gehasst. Kein Wunder, dass andere es auch taten.”

Die Fixierung auf äußerliche Merkmale ist eine der größten gemeinsamen Eigenschaften der Incels. Sowohl ihre eigenen, als auch die der Chads. Schließlich trügen diese Merkmale in ihren Augen entscheidend zum sexuellen Erfolg eines Mannes bei. In ihren Foren besprechen sie regelmäßig, wie der optimale männliche Körper aussehen muss. Sie reden darüber, wie breit der Kiefer sein muss, welchen Neigungswinkel die Augen oder, welchen Umfang Handgelenke haben müssen, um als attraktiv eingestuft zu werden. Wessen Augen beispielsweise nach außen geneigt sind, soll automatisch schlechtere Chancen auf Sex haben. Man sähe „zu lieb oder unschuldig” aus. Wohingegen nach innen geneigte Augen „bedrohlich und maskulin” wirken sollen.

All diese Merkmale sind angeboren und können, abseits von Operationen, nicht verändert werden. Incels hassen Chads, weil sie das Glück hatten, mit Merkmalen auf die Welt zu kommen, die sie als ideal betrachten. Sie hassen sich selbst, weil es ihnen an genau diesen Dingen mangelt. Egal, was sie versuchen: Der Hass bleibt eine Konstante.

Veronika Kracher ist der Ansicht, dass das Männlichkeitsbild der Incels ähnlich realitätsfern wie ihr Frauenbild ist. „Männer, die nicht diesen Maßstäben von perfekter Männlichkeit entsprechen, können in der Incel-Vorstellung nur als ‘Betas’ existieren, also als Männer, von denen sich eine Frau versorgen lässt, während sie weiterhin hinter seinem Rücken mit ‘Chad’ schläft. In der Incel-Wahnwelt determiniert die Attraktivität das Kapital eines Menschen, wer, wie Incels ‚zu hässlich’ ist, hat schon längst verloren.”

Der Grund scheint gesellschaftlich verankert zu sein: „Dies mag daran liegen, dass die physische Erscheinung durchaus eine Rolle spielt, und Schönheit, als auch Maskulinität kulturell als erstrebenswertes Ideal inszeniert wird”, so Kracher. Allerdings finde seitens der Incels eine unkritische, überzogene Fehlinterpretation statt. „Die Incel-Vorstellung eines ‘Chads’ ist eine Parodie von Männlichkeit, die als solche kaum existiert, und die Vorstellung des attraktiven, aber toxischen Aufreißers, welchen der Chad verkörpert, ist nicht unbedingt der Partner, den sich eine Frau wünscht. Das Ganze entspringt der ‘Girls only date assholes’-Mentalität, die leider weit über die Incel-Szene hinaus verbreitet ist.”

Das Monster in Menschenform

Es scheint unausweichlich, dass der aufgestaute Selbsthass einiger Mitglieder einer auf Hass gebauten Gemeinschaft irgendwann explodiert. Der erste öffentlich weitflächig bekannte Fall von Incel-Gewalt ereignete sich im Jahr 2014. Am 22. Mai lud Elliot Rodger ein Video mit dem Titel Elliot Rodger’s Retribution hoch. Er begann das Video mit den Worten „Nun, das ist mein letztes Video. Es musste so kommen. Morgen ist der Tag der Vergeltung, der Tag, an dem ich meine Rache an der Menschheit haben werde.” Einen Tag später tötete Rodger bei einem Amoklauf in der amerikanischen Stadt Santa Vista sechs Menschen und verletzte 13 weitere schwer. Noch kurz vor der Tat sendete er ein 141 Seiten langes Manifest namens My Twisted World: The Story of Elliot Rodger an unter anderem Bekannte, seine Familie sowie seinen Therapeuten. Neben einem detaillierten Plan seines Amoklaufs beinhaltete das Manifest zahlreiche, zutiefst frauenfeindliche Aussagen. So zum Beispiel die Idee, alle Frauen in Konzentrationslager zu senden, um sie „bewusst zu Tode zu hungern.”

Jürgen vertritt die Position, dass das von Incels ausgehende Gefahrenpotenzial nicht unterschätzt werden darf: „Ich meine, sieh dir an was bei Rodger passiert ist und es gibt tausende Incels, die ihn vergöttern.” Allerdings ist er sich nicht sicher, wie viele Incels tatsächlich in der Lage wären, ihren Worten Taten folgen zu lassen: „Ich glaube, Viele posten diese gewaltvollen Gedanken und ihre Anhimmelungen von Rodger für Aufmerksamkeit oder um zu trollen.” Genau das bereitet ihm auf der anderen Seite Sorgen: „Aber das ist ja das Gruselige daran. Man weiß es eben nicht. Während ich dir antworte, könnte irgendwo ein Typ eine Schrotflinte laden und sich auf dem Weg in eine Schule oder so befinden.”

18 Tote in vier Jahren

Am 23. April 2018 tötete Alek Minassian in der kanadischen Stadt Toronto zehn Menschen und verletzte 13 bei einer Amokfahrt. Kurz vor seiner Tat verfasste er einen Facebook-Post mit den Worten „Die Incel-Rebellion hat begonnen. Ein Hoch auf den großen Gentleman Elliot Rodger!“ Noch im selben Jahr schoss Scott Paul Beierle am 2. November in einem Yoga-Studio in der amerikanischen Stadt Tallahassee auf sechs Frauen. Zwei verstarben kurze Zeit später. Beierle lud regelmäßig selbstgeschriebene Lieder auf Soundcloud hoch. Im Lied Locked in my Basement beschreibt er, wie er eine Frau in seinem Keller mit Ketten gefangen hält, um sie zu vergewaltigen. 2012 und 2016 wurde er wegen sexualisierter Übergriffe angeklagt. Wie Rodger vor ihm, betrieb auch Beierle kurzzeitig einen Youtube-Kanal, der als Plattform für seine misogynen Gedanken dienen sollte.

Hier bekommt ihr Hilfe:

Falls ihr Probleme mit eurer psychischen Gesundheit habt, wendet euch an die psychologische Beratungsstelle des Studierendenwerks Essen-Duisburg. Jeden Donnerstag ist offene Sprechstunde am Campus Essen, Reckhammerweg 1, 45141 Essen von 11:00 bis 13:00 Uhr und nach Vereinbarung. Die Beratung ist auch auf Englisch möglich. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage des Studierendenwerks (www.stw-edu.de).

In nur vier Jahren, und nur durch diese drei Vorfälle allein, mussten 18 Menschen ihr Leben wegen der Incel-Ideologie verlieren. In einem Forum postete Rodger bereits im Jahr 2013 Aussagen wie „Irgendwann werden es diese frustrierten Männer nicht länger ertragen können, in Wut und Zorn explodieren und alle Frauen werden die Konsequenzen tragen, die sie rechtmäßig verdienen.”

Neben diesen Vorfällen werden täglich in Incelforen wie incels.is weitere Straftaten, wie Vergewaltigung oder Pädophilie, offen besprochen und befürwortet. Die Nutzer glauben weiterhin an den veralteten, dennoch weit verbreiteten Mythos, die meisten Vaginas seien durch häufigen Sex ausgeleiert. Deswegen solle das ideale Alter für Sexualpartnerinnen 13 bis 15 Jahre sein. Incels denken, dieses Alter garantiert, dass eine Frau noch „frisch” oder „unverbraucht” sei. Laut Veronika Kracher „stellen Incel-Beobachter die Vermutung an, dass Pädosexuelle die Incel-Szene infiltrieren, weil Incels ohnehin Jungfräulichkeit und Kindlichkeit bei Frauen fetischisieren.”

Einmal in die Hölle und zurück

Nur wenige Incels haben das Glück oder den Willen, sich der Community zu entreißen. Jürgen ist sich nicht sicher, ob es ihm ohne seinen Sohn gelungen wäre: „Ich würde gerne sagen, dass ich es schon irgendwie geschafft hätte, aber das wäre eine Lüge. Hätte ich meinen Sohn nicht gehabt, hätte ich eine Therapie und eine Menge Selbstreflexion gebraucht.”

So, wie sein Sohn Jürgen davor rettete, im toxischen Sumpf der Incels zu versinken, kam Sophia eines Nachts zu einer Erkenntnis, die sie zu ihrem Glück führen sollte. „Irgendwas hat in mir Klick gemacht. Wäre dieses Anime-Mädchen echt gewesen, hätte sie nicht gewollt, dass ich mich einfach umbringe. Hätte mich jemals irgendjemand geliebt, hätten diese Personen das nicht gewollt. Was also brauchte ich, um mich zu lieben?” Sie begann, sich nach Jobs umzuschauen. Sie wollte unter Leute kommen. Anfangs war es nicht leicht, aber Sophia schaffte es, sich langsam Anderen zu öffnen.

„Einer meiner ersten Jobs war in einer Pflegestätte für körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen. Ich wollte irgendwie Anderen helfen. Ich hatte ja selbst erst gemerkt, wie schwer es ist, keine Hilfe zu bekommen.” Von Tag zu Tag fiel es ihr leichter, sich anderen gegenüber zu öffnen. „Ich habe keine Ahnung, ob es an ihren Beeinträchtigungen lag, aber ich hatte keine Probleme, mit ihnen zu sprechen.” Sie begann, sich mit ihren Mitarbeiter*innen zu unterhalten. Langsam aber sicher kam Sophia aus ihrer Schale.

„Kurz, nachdem ich den Job angenommen habe, bin ich dann auch bei meinen Eltern ausgezogen und hab eine eigene Wohnung bekommen. Das war auch der Zeitraum, in dem ich aufgehört hatte, mir meine Anime-Freundin vorzustellen”, erzählt sie. „Ich habe begonnen, mich endlich näher zu betrachten. Dachte darüber nach, wer ich wirklich bin und was ich mit meinem Leben machen wollte.” Eines Abends traf Sophia die Entscheidung, zu crossdressen: „Ich wollte schon immer mal Make-Up auftragen und sowas, hatte aber immer Angst davor, von meinen super homophoben Eltern erwischt zu werden.”

„Es war doch sehr überraschend”, meint sie. „Ich hatte die süßesten Klamotten  an, stand vorm Spiegel und habe realisiert: Ich bin transgender. Auf einmal hat mein Selbsthass und mein Ekel vor Spiegeln Sinn ergeben. Ich fand fett zu sein nie toll, aber männlich zu sein und als männlich gesehen zu werden hat mich mit Angst erfüllt. Es hat alles Sinn ergeben, mehr als irgendetwas zuvor.” Sophia denkt nicht, dass Incels per se schlechte Menschen sind: „Das sind einfach enorm problembehaftete Leute. Ich bin mir sicher, unter all dieser Trauer und Boshaftigkeit schlägt ein gutes Herz.”

Zum Abschluss des Interviews hat Jürgen eine wichtige Botschaft an alle, die an sich selbst zweifeln oder mit ihrer mentalen Gesundheit Probleme haben: „Haltet durch. Gebt nicht auf. Sucht euch professionelle Hilfe. Sucht euch jemanden, mit dem ihr reden könnt, schreibt eure Gefühle auf, sucht euch ein Hobby, macht irgendwas, dass euch, wenn auch nur für ein paar Minuten, ablenkt. Jeder verdient es, glücklich zu sein. Auch du.”
*Namen von der Redaktion geändert
 

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