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SCHWERPUNKT

Was tun, damit Rap-Rezensionen nicht aussterben?

(Foto: Radiofabrik - Community Media Association via flickr.com, CC-BY 2.0)

17.09.2018 12:52 - Britta Rybicki

Der Plattenkauf wird von Musik-Streamingdiensten aufgebrochen, der klassische Musikjournalismus von diversen Blogs abgelöst. Immer wichtiger wird die Nähe zu den Hörer*innen. Wie man Rap vermitteln muss, damit er nicht ausstirbt, erzählen Rapper Veedel Kaztro und DJ Ben*.

Bis heute trauern wir den Dinosauriern hinterher. Versuchen uns mit blutrünstigen Filmen wie Jurassic World krampfhaft einzureden, dass die meisten uns am liebsten in Stücke zerrissen hätten – wären wir ihnen jemals begegnet. Bullshit! Tief in uns drin wissen wir, dass der tollpatschige Stegosaurus unglaublich süß und unser perfektes Haustier geworden wäre. Dann wären wir alle so glücklich wie die Flintstones und würden in einer hoffentlich besseren Welt als Steintal leben, in der das Mammut nicht als Wasserhahn und der Specht als Plattenspieler herhalten müssten.

Mixtapes besprechen, die sonst oft vergessen werden.

Ähnlich hart zu verkraften wäre der Verlust von Menschen, die Musik besprechen. Im Fernsehen, Netz, Magazinen oder Zeitungen. Stilistische Diskurse anregen, menschenverachtende Inhalte anprangern. Selbst, wenn es nur darum geht, sich ausgiebig über den größten Feind namens Autotune auszukotzen. Schließlich verseuche dieser Effekt die Musik, die sie jahrelang begleitet hat. „Im Deutschrap hast du den langweiligen Diskurs, bei dem die einen Trap und die anderen Hip Hop hören wollen und so tun, als wären sie zwei verfeindete Lager“, sagt Ben, der im Raum Köln als DJ für Rapper arbeitet. Die Szene halte das am Leben. „Das sieht man dann an Reaktionen auf Lines wie vom US-Rapper J.Cole, in der er sich herablassend darüber beschwert, dass alle nur noch Trap-Sounds machen und dafür krass gefeiert wird“, so Ben.

Feuilleton spielt keine Rolle mehr

Rapmusik bleibt also diskutierbar. „Weshalb ich auch nicht sagen würde, dass Musikrezensionen vom Aussterben bedroht sind, sie verändern sich gerade nur sehr stark wie die gesamte Vermittlung von Musik“, sagt Ben. Nicht der Feuilletonteil einer großen Tageszeitung oder etwa die Online-Vergabe von Kronen beeindrucken Konsument*innen noch. „Dafür hat der Musikmarkt sich in den vergangenen Jahren viel zu stark demokratisiert“, meint der DJ. Keiner braucht noch ein Label, um seine Musik hochzuladen und im Verteiler zu landen. „Weshalb schon eine Soundcloudseite mit einem polarisierenden Namen für Aufsehen in der Szene sorgen kann“, sagt Ben und ergänzt: „Vielleicht sollte der Musikjournalismus sich hier anpassen und mehr Mixtapes besprechen, die nicht als Album veröffentlicht und deswegen oft vergessen werden.“

Ein Gespür für spannende Newcomer entwickeln und neue Werke fast autobiografisch vorstellen.

Für ein Monatsabo von knapp 10 Euro unbegrenzt Musik zu hören, wirkt sich selbst auf Hörgewohnheiten von Underground-Rapnerds aus. Damit die Juice, Hiphop.de und Rap.de also nicht an Relevanz verlieren, müssen sie sich anpassen. Tiefer in die Szene eintauchen: Ein Gespür für spannende Newcomer entwickeln und neue Werke fast autobiografisch vorstellen. „Bei einem Straßenrapalbum wie von Xatar interessieren seine Fans die Bewertungen genauso sehr wie Nachrichten vor dem Release über den Produktionsablauf. Sie verfolgen den Künstler genauso intensiv wie seine Musik“, so Ben.

Was bedeutet die Kritik den Künstler*innen?

Weshalb Rezensionen auch eine starke Wirkung auf die Künstler*innen haben können. „Grundsätzlich nehme ich mir Kritik unabhängig von Größe oder Einfluss der Person, die sie schreibt, zu Herzen. Wenn sie aber von jemandem kommt wie Marc Leopoldseder, der wirklich Ahnung hat, beeinflusst sie mich sogar“, sagt der Rapper Veedel Kaztro. Schließlich hätte seine Musik vor fünf Jahren inhaltlich und technisch noch ganz anders geklungen als heute.

Besonders die Bashings seiner Texte, über die er nicht ausführlicher sprechen möchte, hätten ihn in der Vergangenheit stark geprägt. Da er Hip Hop wie jeden anderen Wissenshorizont als einen Lernprozess begreift, seien Rapper*innen sogar auf diese Auseinandersetzung angewiesen. „Wie im Alltag versuche ich auch in der Musik kein Idiot zu sein und sehe mich in der Verantwortung, keine menschenverachtenden Inhalte zu verbreiten.“ Weshalb er auch wenig Verständnis für Klassiker wie Verschwörungstheorien und Machogehabe in der Musik hat. „Rapper mit sexistischen oder antisemitischen Lines sind für mich Leute, mit denen ich nichts zu tun haben will. Das Gleiche gilt für ihre Fans.“

Nach seinem persönlichen Empfinden wird die Kritik daran aber nicht konsequent genug geübt und erscheint eher „episodenhaft“ wie ein medialer Zug, auf den kurz alle aufspringen.
Was vielleicht daran liegen könnte, dass es für die Kritisierenden nicht ganz so einfach ist. Wie schwer genau, verriet die Musikjournalistin Visa Vie akduell gegenüber in einem Interview im Juli. „Viele Rapper können die Kritik an ihrer Musik nicht gut ertragen“, sagt Visa Vie. Insbesondere Journalistinnen müssten fürchten, dass Rapper*innen ihrem Image nach einem kritischen Interview schaden wollen oder gar ein weiteres verweigern. „Oftmals sind sie untereinander auch alle irgendwie befreundet und man läuft Gefahr, dass keiner mehr mit einem sprechen möchte.“ Obwohl auch sie lange Opfer von Vergewaltigungsandrohungen war, lässt sie sich nicht unterkriegen. „Es war echt hart. Heute hat sich der Rapper bei mir entschuldigt, was gut ist“, sagt sie.

Abgesehen davon würde die Rap-Community heute direkt einschreiten, wenn einer im Netz zeigt, wie er sie gerne mit einer Kettensäge sezieren wollen würde. „Auf sowas muss die Szene konsequent reagieren, in dem sie solche Rapper nicht mehr auf Plattformen stattfinden lässt. Auch, wenn der Hintergrund ein anderer ist, aber wegen seines bescheuerten Verhaltens hat Money Boy zum Beispiel Splashverbot bekommen“, sagt Ben. Er bezieht sich damit auf einen Vorfall beim Splash-Festival 2015, als der österreichische Rapper die Performance der Orsons kurzzeitig störte, indem er spontan die Bühne stürmte und Orangensaft verkippte.

Neues Grundgerüst

Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung braucht es für eine fundierte Kontroverse auch eine stilistische Rahmung. „Und ich glaube hier kann man oberflächlicher sein und nur Schlagwörter wie Afrotrap oder EBM nennen, weil die Konsumenten alles darüber hinaus inzwischen selbst besser wissen“, sagt Ben. Schließlich würde die stilistische Diversität zwischen einem Beginner-Album und einem 200-Follower-Typ auf Soundcloud ganz verschiedene Leute gleich begeistern können.

Was wiederum bedeutet, dass für 60-jährige Fans ganz andere Kriterien als für Jugendliche in einer Albumrezension spannend sind. „Das wird einem bewusst, wenn man sich andere Musikrichtungen wie den Jazz anschaut, in dem die Diversität der Stylz über 100 Jahre elaboriert ist“, sagt Ben. Eine Swingnummer von 1920 würden schließlich ganz andere Interpretationsspielräume eröffnen als die Stücke einer verkopften Jazzstudentin heute. Vom Aussterben sind die Raprezensionen also nicht bedroht, sie fokussieren nur neue Aspekte.

*Name von der Redaktion geändert.

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