Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Was stresst Studierende?

 

                    Jörn Sickelmann, Leiter des ABZ [Foto: Jörn Sickelmann, privat]

06.05.2019 11:09 - Sophie Schädel

Jörn Sickelmann leitet das Akademische Beratungszentrum Studium und Beruf (ABZ) an der Universität Duisburg Essen. Dort bieten Psycholog*innen eine Studierendenberatung an. Oft geht es dabei auch um Stress. akduell-Redakteurin Sophie Schädel hat Jörn Sickelmann gefragt, woher Stress im Studium kommt und was dagegen hilft.
 
ak[due]ll: Gefühlt haben alle Studierenden immer Stress. Aber was ist Stress denn überhaupt?

Sickelmann: Stress ist eine komplexe physisch-psychische Reaktion des Körpers auf eine Situation, die eine erhöhte Leistungsbereitschaft erfordert. Aber nicht jeder Stress ist negativ. Stress kann hilfreich sein und sich gut anfühlen, zum Beispiel wenn, ich jemand Nettes kennenlerne und mich ins Zeug lege um ihm zu zeigen, dass ich eine gute Partie bin. Das nennt sich dann Eustress. Wenn aber mein Arbeitspensum nicht nur vorübergehend, sondern dauerhaft zu hoch ist und mir die Arbeit vielleicht auch keinen Spaß macht, dann empfinde ich den Stress negativ. Das nennt sich Dysstress. Zwischendurch viel zu arbeiten stecken wir gut weg. Wichtig dafür, Stress nicht negativ zu erleben, ist, zwischendurch zu entspannen und wieder zu einem normalen Arbeitspensum zu kommen.

ak[due]ll: Was passiert bei Stress im Körper?

Sickelmann: Stress ist wichtig, früher hat er uns sogar geholfen zu überleben. Bildlich gesprochen sehe ich sehe Dinosaurier vor mir und eine komplexe biochemische Reaktion meines Körpers geht los. Stresshormone werden ausgeschüttet, die mir helfen, entweder kraftvoll mit dem Dino zu kämpfen oder schlicht maximal schnell wegzulaufen. Bei beiden Reaktionen baue ich aber zugleich auch diese biochemische Reaktion wieder ab. Das Problem in unserer modernen Lebenswelt ist, dass wir körperlich immer noch gleich reagieren, aber uns sozial anpassen müssen und darum oft weder kämpfen noch fliehen können. Wenn mein Chef mich ärgert, kann ich ihn weder schlagen noch mitten im Gespräch aus dem Büro rennen. Also können wir die Hormone nicht so einfach abbauen, was uns zusätzlich stresst.

ak[due]ll: Was stresst Studierende? Geht es da Ihrer Erfahrung nach darum, dass sie zu wenig Zeit haben, alles unter einen Hut zu bekommen, oder eher um emotionale Belastungen?

Sickelmann: Das kann Beides sein, das ist bei Studierenden erst einmal nicht anders als bei anderen Menschen auch. Wie ich Stress empfinde und was seine Ursachen sind, ist individuell. Auch die Auswirkungen sind vom Einzelfall abhängig. Ein exogener Stressauslöser wie ein voller Terminplaner ist natürlich fassbarer als ein endogener Stressfaktor wie die eigene Überzeugung, immer der oder die Beste sein und Alles geben zu müssen. Zu Stress kann beides führen.

ak[due]ll: Immer wieder heißt es, der Bologna-Umstieg auf das Bachelor-Master-System würde zu mehr Stress im Studium führen. Können Sie das bestätigen?

Sickelmann: Die Aussage, dass Bologna zu mehr Beratungsbedarf führt, ist meiner Ansicht nach nicht zu halten. Wir sind insgesamt eine zunehmend gestresste Gesellschaft, das Phänomen ist also viel komplexer. Insgesamt ist die Nachfrage nach Beratung bei uns aber kontinuierlich groß.

ak[due]ll: Wie kann sich Stress auf den Studienverlauf der Betroffenen auswirken?

Das kann dann zum Beispiel zu schlechten Noten oder einem Studienabbruch führen.

Sickelmann: Dauergestresste Menschen, die entsprechende Symptomatiken aufweisen, wie Kopfschmerzen, dauernde Erschöpfung oder Müdigkeit, muskuläre Verspannungen, Rückenschmerzen und so weiter, laufen natürlich Gefahr, den Anforderungen im Studiums nicht mehr gerecht werden zu können, was dann seinerseits ein erheblicher Stressor ist. Das kann dann zum Beispiel zu schlechten Noten oder einem Studienabbruch führen.

ak[due]ll: Wie wird Studierenden in Ihrer Beratung konkret geholfen?

Sickelmann: Unsere Psycholog*innen suchen mit den Studierenden ihre persönlichen Stressoren. Dann wird mit den Studierenden daran gearbeitet, Ressourcen aufzubauen und Stressoren abzubauen. Da kann zum Beispiel ein besseres Zeitmanagement helfen. Und es ist auch wichtig, Stressreaktionen abzubauen, etwa durch Entspannungstechniken oder Sport. Stress sollte auf jeden Fall auf gesunde Weise abgebaut werden. Sonst wird der Stressabbau auf Dauer selbst zum Stressor. Alkohol zum Beispiel hilft da nur vermeintlich.

ak[due]ll: Was empfehlen Sie Studierenden, um im Alltag Stress vorzubeugen und nicht zum Beratungsfall zu werden?

Sickelmann: Man kann Einiges tun. Sich regelmäßig bewegen, gesund essen und auf Suchtmittel verzichten. Freizeit und Entspannung sollte man auch mal fest einplanen. Allgemein sollte man immer gut auf sich und die eigenen körperlichen Signale hören und im Zweifel lieber früher zum Beratungsfall werden als zu spät. Und last but not least sich nicht stressen, wenn man eigentlich gar keinen negativen Stress empfindet. Das gibt es nämlich auch und das sollte man zulassen. Man darf auch relaxt in eine Prüfung gehen.

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