Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Warum so desinteressiert?

Foto: dpe
13.08.2018 11:46 - Maren Wenzel

Warum ist die Wahlbeteiligung bei studentischen Wahlen so niedrig und wer ist in Gremien aktiv? Darüber haben wir mit Sebastian Dippelhofer gesprochen. Er forscht an der Justus-Liebig-Universität Gießen zu Bildung und Hochschule. Zur Verfügung stehen ihm dafür Daten des repräsentativen Studierendensurveys: Eine Umfrage der AG Hochschulforschung, die seit 1982 insgesamt 105.000 Studierende zu ihren Studienbedingungen aber auch zur Beteiligung an der Hochschule befragt hat.

ak[due]ll: Die vergangenen Senatswahlen an der UDE zeichneten eine Wahlbeteiligung von nur knapp über zwei Prozent aus. Die Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Studierendenparlament an der UDE liegt nicht viel höher – in den vergangenen Jahren bei konstant unter zehn Prozent. Welche Gründe gibt es für geringe Wahlbeteiligungen der Studierenden an Universitäten, woher kommt das Desinteresse an universitären Wahlen?

Studentische Vertretungen sollten mit klaren und nicht verschachtelten Sätzen kommunizieren. 

Dippelhofer: Es bestand nie ein wirklich großes Interesse der Studierenden an Hochschulpolitik im Allgemeinen, an Studierendenpolitik im Besonderen. Hochschule wird zwar immer wieder in der Literatur als Ort der künftigen Funktionselite beschrieben. Dort werden  die exklusiven Möglichkeiten betont, sich politisch-demokratisch auszuprobieren, und auch die gesellschaftliche Bedeutung unterstrichen, sich an der Hochschule zu beteiligen und diese mitzugestalten. Strukturell ist es aber nicht wirklich möglich, das praktisch auf allen Ebenen umzusetzen. Es wird nicht nachhaltig zur Teilhabe aufgefordert oder die Studierendenschaft bzw. deren Vertretung durchgehend als ernsthafter Partner wahrgenommen. Studentische Vertretungen sollten mit klaren und nicht verschachtelten Sätzen kommunizieren, dass und warum es wichtig ist, die eigene Umwelt mitzugestalten, und auf eigene Erfolge verweisen.

ak[due]ll: Welche Gruppen von Studierenden beteiligen sich laut ihrer Forschung bisher eher, welche nicht und warum nicht?

Dippelhofer: In diesem Rahmen sollte man die Beteiligungsebenen unterscheiden. Auf fachlicher Ebene – und das ist definitiv auch eine politische – ist die Teilnahme am größten. Hier sind beispielsweise auch Studierende jener Fächer aktiv, die auf Hochschulebene nicht wirklich politisch interessiert oder gar aktiv sind. Das sind unter anderem Natur- und Ingenieurwissenschaften oder Medizin. Auf der Hochschulebene sind über ein reines Interesse hinaus, was auch in der Rechtswissenschaft hoch ist, mithin sozialwissenschaftliche Studierende engagiert. Das mag sicherlich auch an den dortigen Themen, der Art und Weise der Gestaltung sowie der Auseinandersetzung mit diesen als  auch an den fachlichen Strukturen liegen – etwa oftmals weniger Regulierungen im Studium und noch mehr Freiheiten als in anderen Fächern.

ak[due]ll: Es wurde vielfach vermutet, dass die Bologna-Reform zu einer Abnahme der politischen Partizipation geführt habe. Im Rahmen der repräsentativen Langzeitstudie „Studierendensurvey“ der an der Universität Konstanz angesiedelten Arbeitsgruppe Hochschulforschung haben Sie herausgefunden, dass das nicht stimmt und die Beteiligung seit 1993 in Gremien stabil niedrig geblieben ist. Was ist ihrer Meinung nach der Grund für die niedrige Beteiligung?

Dippelhofer: Da dürften mehrere Gründe eine Rolle spielen. So etwa eben, dass sich der Horizont der Studierenden verstärkt außerhochschulischen Inhalten (Anm. d. Red.: Laut Umfrage nehmen Studierende am häufigsten an sportlichen und kulturellen Angeboten teil) zugewandt hat und die Rolle der Hochschule nicht wirklich wahrgenommen wird. Man hat es bisher auch nicht geschafft, einer solchen Teilhabe auch in praktischer Form den Stellenwert zu geben, den man in der Literatur vermittelt bekommt: Auf diesem Weg zu einer kritischen beziehungsweise selbstkritischen, mündigen, emanzipierten und politischen sowie demokratischen Gesellschaft beizutragen. Um das zu ändern dürften mehr studentische Mitsprache und Entscheidungsmöglichkeiten zentral sein als bisher. Diese sollte nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden.

ak[due]ll: Im Studierendensurvey gaben von den 3.792 in 2013 befragten Studierenden an Universitäten ganze 84 Prozent an, dass sich die Studierendenvertretung für bessere Studienbedingungen einsetzen soll. Aber nur 14 Prozent sind in Fachschaften, fünf Prozent in studentischer Selbstverwaltung und nur noch zwei Prozent der Studierenden in offiziellen Selbstverwaltungsgremien selbst aktiv. Warum fordern Studierende Verbesserungen ein, beteiligen sich aber selbst nicht?

Dippelhofer: Hier sollte man vielleicht zuerst festhalten, dass im hochschulpolitischen Bereich die Studierenden am ehesten an der Fachschaft interessiert sind – aktuell sind es 44 Prozent – und sich dort am ehesten engagieren.

Dass viele nicht aktiv sind, kann natürlich daran liegen, dass ihnen nicht bewusst ist, was man mit Fachschaftsarbeit bewirken kann und welche Möglichkeiten man damit hat – sowohl für andere als auch für die eigene Entwicklung. Auch hier braucht es mehr Kommunikation und Aufklärung seitens der Engagierten, warum ein Engagement wichtig ist und was man erreicht hat – und da kann eigentlich jede Fachschaft etwas vorweisen.

ak[due]ll: Wie kann man Ihrer Meinung nach Wahlbeteiligungen an Universitäten steigern?

Dippelhofer: Es wäre zu verdeutlichen, dass man mit einer solchen Wahl nicht nur die eigene Vertretung stärkt, sondern sich selber als immerhin zahlenmäßig größte Statusgruppe eine starke Stimme gibt und damit auch entsprechend auftreten kann. Jene, die sich wählen lassen, sollten sich dabei immer der Studierendenschaft verpflichtet fühlen. Sie sollten versuchen, einzulösen was sie versprechen, immer transparent sein und nicht in ein mögliches Gezänk verfallen – besonders dann nicht, wenn man einer parteipolitischen Gruppe angehört und sich lieber um mögliche Koalitionsverhandlungen kümmert. Es geht darum, der künftigen Funktionselite eine Stimme zu geben und diese in ihren Belangen zu vertreten.

Allerdings sollte es nicht beim Wählen bleiben. Es geht vielmehr darum, selber aktiv zu werden, zu gestalten und das auch einfordern. Dies ist besonders bei Studierenden zentral, da sie später als sogenannte Funktionselite überproportional häufig in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen vertreten sind, in denen sie aktiv und gestaltend sein müssen. Und da man dafür gerade in einer Demokratie mündige, kritische und engagierte Bürger/innen braucht, sollte man diese Fähigkeiten so intensiv als möglich beherrschen und einen Ort haben, um das einzuüben.

ak[due]ll: Wie kann man Ihrer Meinung nach studentische Partizipation in allen vorhandenen Gremien stärken?

Dippelhofer: Hier böte es sich an, dass die aktiven Studierenden mehr auf sich, ihre Arbeit sowie die Chancen sich zu engagieren und Erfolge aufmerksam machen – wobei man immer im Hinterkopf haben sollte, inwieweit man aufgrund der aktuellen Zusammensetzung von Gremien von Erfolg reden kann und was diesen ausmacht. Ein weiterer Weg wäre, die Themen, die die Studierendenschaft interessieren mehr zu betonen und öffentlich zu diskutieren.

ak[due]ll: Wer sollte von den breits Aktiven gezielter angesprochen werden?

Dippelhofer: Es wäre durchaus überlegenswert hier im Besonderen die Studentinnen zu fokussieren – sie interessieren sich zwar weniger für allgemeinpolitische aber mehr für hochschulpolitische Inhalte, sind aber nicht aktiver als Studenten. Für eine Teilhabe der Frauen sollten aber weniger Quoten als vielmehr deren eher in den sozialen Bereich gehende Interessen beachtet werden, die wahrscheinlich auch Männer interessieren könnten. Es wäre besonders seitens der Aktiven noch stärker zu eruieren, was die Studierenden eigentlich wollen und sie zu ermutigen, sich auch selber dafür einzusetzen – dafür muss man schauen, inwieweit man auch die Strukturen an sich ändern muss und dafür eintreten.

ak[due]ll: Was sollte denn Ihrer Meinung nach an den bisherigen Strukturen geändert werden?

Dippelhofer: Neben mehr Transparenz bei Entscheidungen, einer klaren für alle verständlichen Kommunikation und der Aufforderung zur Teilhabe, zu der auch die Hochschulleitung auffordern sollte, böte es sich insgesamt auch an, auf eine kritisch-reflexive Fachkultur zu bauen, wie sie am ehesten noch in den Sozialwissenschaften existiert. In diesem Rahmen sollte versucht werden, die Folgen und Errungenschaften wissenschaftlichen Handelns aufzubereiten und zu schauen, welche Rolle Hochschule und Studierende dabei spielen. Sei es im Rahmen eines Studium Generale, sei es in lockeren Diskussionsrunden, die entsprechenden Gremien Input geben oder unmittelbar in Gremien.

Auch ein Blick auf die Studiendauer dürfte sinnvoll sein, da man sich während eines kurzen Studiums nicht wirklich betätigen und entsprechend entwickeln und ausprobieren kann. Gerade eine Uni ist ja der Ort, in dem es darum geht, zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung beizutragen, sich zu interessieren, neue Ideen zu entwickeln, zu verinnerlichen und sich demokratisch entwickeln zu können. Dafür braucht es eben auch Zeit, die man in einem kurzen und verschulten Studium nicht wirklich hat.

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