Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Warum hilft ein Gespräch?

Wie kannst du mit deiner Angst umgehen, sodass sie nicht noch mächtiger wird?

[Illustration: Regina Cekaskin]

28.01.2021 12:44 - Canberk Köktürk

Männer begehen häufiger Suizid als Frauen und sind seltener in Therapie. Welche Rolle spielt Geschlecht bei psychischen Krankheiten, und warum kann ein Gespräch helfen? Wir haben mit Thorsten Padberg über diese Fragen gesprochen. Er ist Psychotherapeut und Dozent für Verhaltenstherapie, unter anderem an der Psychologie Hochschule Berlin.

ak[due]ll: Viele Menschen denken bei einer Therapie an das klischeehafte Bild, bei dem man auf einer Couch liegt, während der Therapeut Notizen macht. Dabei läuft eine Psychotherapie in den meisten Fällen anders ab. Wie?

Thorsten Padberg: (lacht) Tatsächlich hat die Psychotherapie so angefangen. Die Idee war, dass man als Klient frei assoziieren sollte. Deswegen saß der Therapeut hinter dem Kopf des Klienten, hat vorwiegend Notizen gemacht und sich nur in den seltensten Fällen eingebracht. Psychotherapie in der Form, ein Gespräch von zwei Menschen, gab es vorher gar nicht. Dieses „Wir bequatschen das Problem“ hat Sigmund Freud erfunden. Viele waren damit unzufrieden, weil sich Therapeut und Klient nicht wirklich begegnet sind. Carl Rogers, der Erfinder der Gesprächstherapie, hat gesagt, dass Empathie, Wertschätzung und Echtheit des Therapeuten wichtig seien, sodass man auch wirklich miteinander ins Gespräch kommt. Irgendwann kam die Verhaltenstherapie, die spätestens ab den Sechzigern massenwirksam wurde. Dabei sind die berühmt-berüchtigten verhaltenstherapeutischen Klischee-Maßnahmen entstanden. Wie zum Beispiel, dass man bei einer Höhenphobie auf einen Turm klettert. Aus meiner Sicht macht eine gute Therapie aus, dass Therapeut und Klient gemeinsam eine Strategie entwickelt, um mit dem, worunter man gerade leidet, besser umzugehen.

„Man geht ja auch zum Arzt, wenn man einen Schnupfen hat.“

Im Schwerpunkt-Portrait erzählt Christian seine Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen und der Psychotherapie.
 

ak[due]ll: Wie kann ein Gespräch einem Klienten:innen überhaupt helfen, mit einer Angst oder einem Zwang umzugehen?

Padberg: Das ist ja genau das Erstaunliche. Warum hilft ein Gespräch bei Ängsten, Depressionen oder sozialer Phobie, aber nicht bei Krebs? Ich finde die Formulierung mit Ängsten oder auch Depressionen umzugehen gut, weil das Phänomene sind, die man nicht einfach „wegmachen“ kann. Man kann aber einen Umgang damit erlernen. Wir sprechen mit den Menschen und fragen sie, welchen Einfluss hat das Problem auf sie, aber auch: Welchen Einfluss könnten sie auf das Problem haben? Wie kannst du mit deiner Angst umgehen, sodass sie nicht noch mächtiger wird? Ein sehr hilfreicher Faktor ist der geschützte Therapieraum, in dem man sich zum ersten Mal traut, überhaupt über Ängste und Depressionen zu sprechen und dann ein Echo bekommt: „Okay hier ist zumindest eine Person, die mich ernst nimmt und mich nicht auslacht.“

ak[due]ll: Laut der AOK wurden 2018 elf Prozent Frauen und fünf Prozent Männer mit einer Depression in Deutschland diagnostiziert. Allerdings waren 76 Prozent der Suizident:innen männlich. Weshalb nehmen Männer weniger Psychotherapie in Anspruch,ist ein Wandel absehbar?

Padberg: Ich habe mal einen Flyer von der Kassenärztlichen Vereinigung zum Auslegen in unserer Praxis bekommen. Auf diesem Flyer war eine mittelalte, „gebildete“ Frau abgebildet. Uns wurde mitgeteilt, die Kassenärztliche Vereinigung hätte mit einer Werbeagentur besprochen, dass das die Zielgruppe für psychotherapeutische Behandlung sei. In gewisser Weise verschiebt sich gerade gesellschaftlich etwas. Wir leben anders als vor 50 Jahren. Ich greife jetzt tief in die Klischeekiste: Das was typisch weiblich galt, sich gut ausdrücken und rücksichtsvoll miteinander umgehen können, wird durch unsere Dienstleistungsgesellschaft zentraler. Dementsprechend kommen bestimmte gesellschaftliche Gruppen, wie zum Beispiel die stereotypen „alten weißen Männer“ zunehmend in Bedrängnis und stehen somit vor neuen, ungekannten Schwierigkeiten. Hinzu kommt, dass jüngere Männer mit diesen Konzepten inzwischen besser vertraut sind. Sie wissen, was Depressionen sind. Sie erkennen schneller, dass es ihnen nicht gut geht und interpretieren das beispielsweise als eine Depression. Das hat nicht nur Vorteile. Die Zuwachsrate bei Depressionen ist, insbesondere bei jungen Männern, unter diesem gesellschaftlichen Wandel gestiegen. Ein neuer Befund aus Australien zeigt auf, dass man schneller an einer Depression erkrankt, wenn man über diese Störung besser informiert ist.

ak[due]ll: Haben Sie in der Praxis Erfahrungen gemacht, dass Männer und Frauen mit ihren psychischen Krankheiten verschieden umgehen?

Padberg: Ich sehe in der Praxis vor allem Männer, die eine Psychotherapie für denkbar halten. Ich habe es somit mit einer sehr speziellen Stichprobe zu tun. Von daher sehe ich keinen grundsätzlichen Unterschied. Wir haben reichlich Literatur, die besagt, dass Männer es in der Therapie schwerer haben, weil sie zum Beispiel nicht gut auf ihre Gefühle hören und man ihnen das erst mühsam beibringen müsste. Wobei natürlich auch das ein Klischee ist. Man sollte als Therapeut flexibel bleiben und genau schauen, welches Angebot für welchen Menschen akzeptabel ist. Geschlechtszugehörigkeit ist nur ein Marker, an dem man sich orientieren kann. Es gibt noch viele andere Merkmale, nach denen wir Menschen beurteilen. Soziale Schicht, persönliche Interessen, persönliches Umfeld, kultureller Hintergrund. Der Teufel steckt immer im Detail. Mein persönlicher Eindruck ist jedoch, dass viele Männer darunter leiden, dass die Gesellschaft ihnen ein Leistungsversprechen gemacht hat. Dieses Versprechen erfüllt sich aber immer häufiger nicht, weil wir in weniger sicheren, wir sagen heute „flexibleren“, Arbeitsverhältnissen stehen. Therapeutisch geht es dann oft darum, andere Ziele zu finden: „Mal angenommen, niemand lohnt dir deinen Einsatz, wo investierst du zukünftig deine Energie?“ Es geht dann um eine Reflexion von Werten und Lebenszielen. Grundsätzlich verschwimmen, aus meiner Sicht, Geschlechterrollen auch hier. Das wird nicht mehr lange ein exklusives Männerproblem bleiben.

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Psychotherapeut und Journalist Thorsten Padberg
[Foto: Caroline Pitzke]
 

ak[due]ll: Toxische Männlichkeit ist ein Begriff, der immer wieder im Zusammenhang mit Gewalt und psychischen Erkrankungen auftaucht. Spielen denn Geschlechterstereotypen im Therapieprozess eine Rolle?

Padberg: Männer hatten in bestimmten Bereichen wie Beruf und Familie lange Zeit unhinterfragt die Oberhand. Manche sehen in den letzten Jahren ihre Felle davonschwimmen und versuchen diese Vorherrschaft mit Verhaltensweisen zu verteidigen, die man heute „toxisch männlich“ nennt. Das kann zu einer Menge Problemen für diejenigen führen, die darunter leiden. Sarah Cooper hat ein Buch aus ihrer Zeit als Unternehmensberaterin geschrieben. Dort sind viele Strategien beschrieben, wie man in beruflichen Kontexten dominant auftritt. Ein Beispiel aus dem Text ist, dass einer ihrer Kollegen ungefragt das Wort ergreift und sagt: „Wir hören jetzt alle zu, was Sarah zu sagen hat, denn es ist sehr wichtig“. Der Kollege erscheint dadurch wie Sarahs Vorgesetzter. Meist werden diese Strategien von Männern dargeboten. Manchmal übe ich mit Klientinnen, wie sie sich dagegen wehren können. Aber auch für Männer hat das zunehmend Kosten. Eventuell haben sie damit beruflich Erfolg, werden aber persönlich nicht gemocht. Dann geht es darum, die Kosten dieser toxischen Strategien bewusst zu machen und gemeinsam zu überlegen, ob man diese weiter tragen will.

ak[due]ll: Was muss sich systematisch verändern, damit mehr Menschen den Schritt zu einer Psychotherapie wagen?

Padberg: Der Zugang zu therapeutischen Gesprächen müsste einfacher werden. Idealerweise schaut man sich ein paar Therapeuten an, um zu sehen, mit wem man am besten zurechtkommt. Das ist aktuell wegen der hohen Nachfrage und des zu geringen psychotherapeutischen Angebots gar nicht möglich. Wir bräuchten also ein Gesprächsangebot, das ohne große Wartezeit wahrgenommen werden kann. Das ist eine Frage des politischen Willens. Wichtig fände ich auch, dass solche Gespräche nicht immer gleich mit einer Pathologisierung verbunden sein sollten. Viele Menschen, die wir in den Praxen sehen, sind gar nicht psychisch krank, sondern haben Probleme, mit denen vermutlich jeder überfordert wäre. Die Krankenkassen verlangen, dass jeder eine Diagnose bekommt. Das kann abschrecken. Psychotherapie ist ein recht neues Angebot an die Menschen. Es wäre eine Aufgabe für uns alle zu überlegen, wie wir in eine Situation geraten sind, in der man für einen guten Gesprächspartner bezahlen muss. Psychotherapie sollte nicht der einzige Ort werden, an dem man noch Unterstützung findet. Man kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme durch den Besuch in einer Psychotherapiepraxis lösen.

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