Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Vom Recht auf Bildung und Paragraphen

Foto: Park der Menschenrechte Köln, Recht auf Bildung,Thilo Waasem, CC BY-NC-SA 2.0 ​​​​​​
20.07.2018 12:00 - Maren Wenzel

„Die Vertragsstaaten erkennen das Recht von Menschen mit Behinderung auf Bildung an“, heißt es in Paragraph 24 der UN-Behindertenrechtskonvention, die auch Deutschland ratifiziert hat. Um tatsächlich teilhaben zu können, gilt es, gleichberechtigten Zugang und Behandlung auch in der Hochschule zu schaffen. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Wir haben für euch mit dem autonomen Referat, der Interessenvertretung für Behinderte und chronisch Kranke Studierende an der Universität Duisburg-Essen (BckS) über die wichtigen Vorschriften und Werkzeuge für barrierefreies Studieren gesprochen.

Laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks aus dem Jahr 2011 gab 14 Prozent der Befragten an, gesundheitliche Beeinträchtigungen zu haben, die Hälfte von ihnen sagte, dass auch ihr Studium dadurch erschwert würde. Und es ist ein Paragraphendschungel aus Gesetzen, Ordnungen und Regeln, durch den sich Studierende wühlen müssen, die von ihrer Umwelt, und dazu gehört auch die Universität, behindert werden.

Die Nachteile müssen ausgeglichen werden

Es geht um drei Knackpunkte: Der Zugang zum Studium, Nachteilsausgleiche und Härtefallregelungen. Noch vor dem Studium liegen viele Barrieren. Viele können erst gar nicht das Abitur zu Ende machen, obwohl sie es schaffen würden. Entweder, weil sie von den Lehrer*innen unterschätzt werden, die sie auf die weiterführende Schulen schicken oder weil es an Förderung fehlt. Häufig ist der Abiturschnitt bei Menschen, die behindert werden, schlechter als bei Mitschüler*innen – in solchen Fällen können Härtefallanträge bei der Universität gestellt werden. Wer im Alltag behindert wird, benötigt

Unterstützung wie Gebärdendolmetscher*innen oder Assistenzmittel. Die meisten müssen solche Unterstützung ein Leben lang bei Krankenkasse und Behörden erkämpfen.

Das Thema Barrierefreiheit auf dem Campus geht bei Fahrstühlen, Rolltreppen und Türen los. (siehe Titelgeschichte) Etwa 90 Prozent der Menschen, die sich an das BckS wenden, kommen wie Gramoz einfach nicht rein – in die Hochschule. „Irgendein Defekt ist immer“, sagt Felix Hesse vom Referat. Auch der Zugang zu Wissen ist nicht immer gleichberechtigt. Wenn etwa Professor*innen Folien und Dokumente nicht online stellten oder sie nicht barrierefrei für unterstützende Software seien: „Die allermeisten digitalen Dokumente sind nicht barrierefrei, dabei ist die Hochschule dazu verpflichtet“, so Referent Benjamin Grabowski. Gerät man wegen einer solchen Diskriminierung in Konflikt mit Hochschule und Mitarbeitenden, kann man sich an die Zentrale Ombuds-, also Beschwerdestelle, der Universität wenden. Diese ist besetzt von Birgit Kunde.

Wissen ist Macht

Zentral für behinderte Studierende sind die sogenannten Nachteilsausgleiche (siehe Titelgeschichte), die aber auch von anderen Personengruppen in bestimmten Situationen in Anspruch genommen werden können. Diese können beim jeweiligen Prüfungsamt und -ausschuss der Fakultät gestellt werden und sollen für gerechte Bedingungen beim Leistungsnachweis sorgen. Gehörlose können zum Beispiel schriftliche statt mündliche Prüfungen ablegen, Menschen mit Sehbeeinträchtigung hingegen mündliche statt schriftliche Prüfungen. Gestellt werden können sie am besten frühzeitig gemeinsam mit der Beauftragten für Behinderung im Studium, Daniela De Wall-Kaplan, die im Akademischen Beratungszentrum der Universität arbeitet.

Aus der Praxis weiß auch das BckS: Ganz reibungslos läuft der Nachteilsausgleich oft nicht. Wenn zum Beispiel eine Prüfungszeitverlängerung ausgemacht wurde und der*die Studierende wie Gramoz eine halbe Stunde eher zur Prüfung kommen soll. Dann wird er dabei gestört, wenn die restlichen Studierenden reinkommen. Oder wenn es bei einer Prüfung darum geht, dass man wegen einer Darmerkrankung auf Toilette muss: „Wenn das gleichzeitig allen anderen verboten wird, wird die Person zur Schau gestellt. Das geht so natürlich nicht. In beiden Fällen müssen andere Regelungen gefunden werden”, so Referent Felix Hesse. Ob man den Ausgleich auch bewilligt bekommt, ist nicht selbstverständlich: „Man ist natürlich schon abhängig vom Prüfungsausschussvorsitzenden, der am Ende anhand des Handbuchs entscheidet“, so Referent Sascha Lücker. Ihm ist jedoch kein Fall bekannt ist, wo ein Antrag abgelehnt wurde.

Dramatisch kann es werden, wenn der Studiengang ausläuft und man es wegen Behinderungen oder Erkrankung nicht geschafft hat, das Studium abzuschließen. Aber auch dafür gibt es Härtefallanträge. „Zum Beispiel: auslaufendes Staatsexamen bei Lehrämtern. Es gab eine gesetzliche Auslaufzeit plus die Härtefallregelung. Bis jetzt kommen noch

Anlaufstellen an der UDE

Beauftragte für Behinderung im Studium im
Akademischen Beratungszentrum -
Daniela de Wall-Kaplan:

E-Mail: daniela.de-wall-kaplan@uni-due.de
Sprechstunde:
Campus Duisburg: Dienstags, 10-12 Uhr, SG091,
Tel.: (0203) 379-2396
 

Zentrale Ombudsstelle für Studierende -
Birgit Kunde:

E-Mail: birgit.kunde@uni-due.de
Sprechstunden:
Campus Essen: 2.,3.,4. Mittwoch im Monat, 11-13
Uhr, T02 S00 L08, Tel.: (0201) 183 2116
Campus Duisburg: Dienstags, 10-12 Uhr, SG092, Tel.:
(0203) 37 93801
 

Soziale Beratung des Studierendenwerks:
E-Mails: kassen@stw.essen-duisburg.de, hambach@stw.essen-duisburg.de,
battke@stw.
essen-duisburg.de
Offene Sprechstunde: Dienstag 13-15:30 Uhr,
Donnerstag 11-13 Uhr, Reckhammerweg 1
45141 Essen, Tel.: (0201) 82010-610


Autonomes Referat der Studierenden mit
Behinderung und chronischer Erkrankung:

E-Mail: info@bcks-ude.de
Sprechzeit: Mittwochs, 10.30-12 Uhr, T02 S00 K04,
Campus Essen, Tel.: (0201) 183 3835

Studierende, die sich da beraten lassen“, so Grabowski. „Wenn man sich früh genug Hilfe holt, klappt das alles.“ Das BckS rät: Zum Prüfungsausschussvorsitzenden zu gehen und darüber zu reden. „Die wissen am besten, wie man den Antrag schreibt, und die unterschreiben ihn dann auch später”, sagt Grabowski.

Insgesamt sei man schon weiter als vor zehn Jahren, so die Interessenvertretung. Aber es müsse einfach ein komplexeres Bewusstsein für die Verschiedenheit von Behinderung und chronischer Erkrankung geschaffen werden. Gerade in der unieigenen Arbeitsgruppe Inklusive Hochschule, in der sich von Verwaltung über Gebäudemanagement bis zu Fakultäten Verantwortliche treffen. So erzählt Referent Grabowski: „Alle Fakultäten sind verpflichtet, Inklusionsbeauftragte zu ernennen. Die meisten sind mit dem Thema aber heillos überfordert. Die machen das nebenbei, damit die auf dem Papier stehen, wissen aber nicht, was sie tun sollen.“ Auch, dass die Informationen aus diesem Artikel nicht auf jeder Erstsemesterveranstaltung gegeben würden, ginge gar nicht, so Grabowski. Wissen ist Macht – vor allem wenn es um das Recht auf Bildung geht.

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