Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Über Pornografie schreiben: Eine schlüpfrige Angelegenheit

Schlüpfrig war das Thema Pornografie vor allem hinsichtlich unserer Recherche.

[Symbolfoto: pixabay.com]

24.12.2020 20:10 - Erik Körner, Julia Segantini

Einen Schwerpunkt über Pornografie zu verfassen, hat sich als schlüpfriger herausgestellt, als unsere Redakteur:innen Erik und Julia es sich vorgestellt hatten. Sämtliche Expert:innen und Betroffene glitten einem schneller aus den Fingern, als man Pornhub sagen konnte. Zeitweise schien der Schwerpunkt in Gefahr, weil sich einfach keine passenden Stimmen finden ließen. Oder wenn doch, lief es trotzdem nicht wie geplant.

Eine Kolumne von Erik Körner und Julia Segantini

Erik: Möchte noch jemand nicht mit mir reden?

Ursprünglich wollte ich mich mit zwei Themenschwerpunkten befassen: Warum schauen wir überhaupt Pornos? Und welche Optionen haben Menschen, die gegen ihren Willen beim Sex gefilmt werden und dieses Material später im Netz finden? Um die erste Frage zu beantworten, habe ich Madita Oeming kontaktiert. Sie ist eine Koryphäe in der Pornografieforschung. Wenn ihr in jüngster Zeit in der Zeitung einen Artikel über das Thema gelesen habt, kommt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit als Expertin darin vor. Allerdings hatte sie keine Zeit. Die Suche nach ähnlich kompetenten Personen, die dazu noch Zeit hatten, war eine hoffnungslose. So schnell wie der Plan für diesen ersten Artikel kam, flog er aus dem Fenster.

Zumindest hatte ich noch meinen zweiten Artikel. Ich wusste, dafür würde die Stimme eines:r Anwält:in genügen und ich begann, mehrere Kanzleien zu kontaktieren, zu deren dedizierten Fachgebieten Sexualstrafrecht gehört. Auf keine meiner Mails erhielt ich eine Antwort und nur bei einem einzigen Telefonat wurde mir ein Termin zugesichert. Lediglich meine Fragen sollte ich vorher schicken, zur Vorbereitung. Die formulierte ich am nächsten Tag aus und erhielt vier Tage später eine Mail. Leider seien momentan keine Ressourcen für ein Interview verfügbar, hieß es. „Ach, Scheiße“, atmete ich resigniert aber wenig überrascht in meinen Morgenkaffee. Zeit für Plan C. Ich schrieb dem Verein gegen Menschenhandel, der sich unter anderem gegen Menschenhandel in der Pornoindustrie einsetzt. Schließlich sah sich vor allem PornHub in den letzten Jahren häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden Menschenhandel nicht nur ermöglichen, sondern davon profitieren. Es wäre ein unfassbar interessantes Ausweichthema geworden, doch auch sie haben mir nicht geantwortet.

Als letzten Ausweg wendete ich mich an die Essener und Duisburger Polizei. Ich dachte: Vielleicht sind die Cops juristisch nicht so im Bilde, wie ein:e Anwält:in es wäre. Aber die wichtigen rechtlichen Grundlagen in Sachen nicht-einvernehmlichem Bildmaterial sollten sie kennen, ebenso wie die Schritte, die Betroffene einleiten können. Keine Rückmeldung. Hätte es die Corona-Pandemie nie gegeben, hätten unsere Texte am 22. November vorliegen müssen. An dem Tag hätten wir mit der Produktion der neuen Ausgabe begonnen. Mittlerweile ist es Ende Dezember und Ansprechpartner:innen fehlen mir weiterhin. Aber das soll mich von nichts abhalten, dafür bin ich zu stur. Denn was (zu meinem Glück) bisher selten von größeren Medien behandelt wurde: Die Leute hinter der mittlerweile weltbekannten Anti-PornHub-Petition, Laila Mickelwait und die christliche Organisation Exodus Cry, wollen die Website nicht primär aus humanitären Motiven abschaffen. Eher scheinen sie Sexarbeit sowie Pornografie zu verachten und wollen die Vorwürfe als Mittel zum Zweck nutzen.

Julia: Vom Thema abgewichen

Auch ich hatte Probleme, passende Stimmen zu finden. Ich wollte ursprünglich besonders darauf eingehen, dass auf Pornoseiten wie xHamster Inhalte zu finden sind, die im Grunde Vergewaltigungen zeigen oder verharmlosen oder dass solche Seiten andere Kategorien anbieten, die an der Grenze zu missbräuchlichem Verkehr stehen. Oft stehen die Kategorien zusätzlich in Zusammenhang mit rassistischen Stereotypen. Mir ging es eigentlich darum, darüber zu sprechen, dass die Einwilligung zum Pornodreh immer hinter der Kamera passiert, wenn sie denn passiert. Davon sehen wir aber nichts. Wie kann man sich also sicher sein, dass die Einwilligung stattgefunden hat? Was denken Betroffene außerdem über Pornotitel wie „Schwarze Männer vergewaltigen weiße Jungs“?

Man muss als Journalistin manchmal mit dem arbeiten, was man bekommt.

Wenn man Pornodarsteller:innen anschreiben will, findet man am schnellsten welche bei Twitter. Das Problem: Den wenigsten kann man eine Nachricht schreiben, viele blockieren diese Funktion. Kein Wunder, sie würden sonst wahrscheinlich von Verehrer:innen überschwemmt werden. Die Anfragen, die ich schrieb, blieben unbeantwortet. Nicht zum ersten Mal habe ich mich gefragt, ob es ein Hindernis ist, dass wir eben „nur“ die akduell sind und nicht der Spiegel, der mit einer großen Enthüllungsstory daherkommt. Wenn ich Personen oder Initiativen fand, die mit mir sprechen wollten, zeigte sich bei fast allen zunächst eine starke Abwehrreaktion. Komischerweise wollte man mir zum Beispiel erklären, möglicherweise illegal entstandene Pornos hätten mit BDSM nichts zu tun.  Dabei hatte ich danach überhaupt nicht gefragt und mir ist ohnehin klar, dass diese Sexpraktik rein gar nichts mit nicht konsensualem Sex zu tun hat. Trotzdem beharrte man auf den Unterschied, den ich weder in meinen Presseanfragen noch in meinen Interviews je angezweifelt hatte.

Bei meinem eigentlichen Thema konnte mir niemand weiterhelfen. Die Stimmen, die ich schließlich für meinen Artikel fand, verteidigten vehement den feministischen Aspekt der Pornoindustrie – und das nicht immer freundlich. Auch diesen hatte ich nie angezweifelt. Ich verstehe was diese Frauen* meinen, wenn sie über Selbstbestimmung in Sexfilmen reden. Diese Perspektive habe ich gern wiedergegeben. Wenn man sich aber anschaut, wo der Artikel ursprünglich hingehen sollte, ist von der eigentlichen Intention nicht viel übrig geblieben. Um die Frauen*, die sich selbstbestimmt dafür entscheiden, Pornos zu drehen, ging es mir nicht. Mir ging es um die, die sich das eben nicht aussuchen oder um die, die in ihren Beruf mit sexualisiertem Rassismus kämpfen. Am Ende galt es, eine Balance zwischen dem Feminismus und den trotzdem real existierenden Problemen von Frauen* in der Industrie zu finden. Nun, man muss als Journalistin manchmal mit dem arbeiten, was man bekommt. Für mich war jedenfalls schnell klar: An dieses Thema werde ich mich so schnell nicht wieder heranwagen.

 

Ein Plädoyer für Periodensex

Teil 11 der Unisex-Kolumne: Warum Periodensex nicht eklig ist und die Abscheu davor gesellschaftlich indoktriniert ist.
 

Können Pornos feministisch sein?

Kira und Leon studieren in Freiburg und haben ein feministisches Porno Start-Up gegründet. Wir haben den Film gesehen.
 

Sexarbeit während Corona: Mehr Druck, weniger Hilfe

Sexarbeit bleibt verboten. Prostituierte stehen derweil unter besonderem Druck und erhalten kaum finanzielle Hilfe.
 
Konversation wird geladen