Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Traurigkeit im Rucksack

01.10.2018 12:20 - Sophie Schädel

Irgendwann stirbt jede*r mal. Der Gedanke, dass das auch für alle Menschen um uns herum gilt, gehört meist nicht zum Alltag. Wie ist es, zu trauern? Was macht das mit Studierenden? Was hilft, und hört dieses Gefühl irgendwann wieder auf, oder ist dann das ganze Leben trist und grau? Zwei Betroffene haben mit akduell-Redakteurin Sophie Schädel offen über ihren Weg gesprochen.

Valentina kennt Trauer schon lange. Ihr Vater stirbt bei einem Autounfall, als sie sechs Jahre alt ist. „Ich war damals ja noch sehr klein, aber leider erinnere ich mich trotzdem relativ gut daran“, erzählt die 30-Jährige. Ihr Gedanke damals: „Jedes Kind hat doch einen Papa. Das kann ja gar nicht sein.“ Ihre Familie weint, also weint sie mit. Begreifen was der Verlust bedeutet, kann sie da noch nicht.

Als Valentina 18 ist und mitten in ihrer Ausbildung zur Krankenschwester steckt, erkrankt ihre Mutter an Krebs und liegt eineinhalb Jahre im Hospiz. „Das war eine enorm harte Zeit für meine Geschwister und mich. Wir haben sie jeden Tag dort besucht und wussten beim Abschied nie, ob wir sie nochmal sehen würden.“ Heute beschreibt sie diese Zeit als Abschied auf Raten: „Der Krebs saß auch im Gehirn. Sie hat uns oft nicht mehr erkannt oder wusste nicht mal, dass wir gerade im Zimmer waren. Schon damals war es fast, als wäre sie nicht mehr da.“

Der zweite Verlust

Valentina ist 20, als ihre Mutter schließlich stirbt. „Ich hatte gar keine Zeit zu trauern. Ich war Krankenschwester, später dann Studentin, musste alles für meine Mutter organisieren und hatte auch Vollmachten für meine beiden jüngeren Geschwister. Meine 14-jährige Schwester wurde quasi zu meinem Kind.“ Doch in die Trauer und die Überforderung mischt sich auch ein anderes Gefühlt: „Leider war aber auch ein bisschen Erleichterung da. Meine Mutter musste nicht mehr leiden, und immerhin hatten wir jetzt Gewissheit und nicht jedes Mal Angst, wenn das Telefon geklingelt hat.“

Was der Verlust für Valentina bedeutet, begreift sie erst nach und nach. „Ich dachte immer, alles war schon vorher schwer genug. Ein Leben ohne Mutter war erstmal gar nicht vorstellbar. Aber dann sitzt man da und füllt Anträge auf Vollwaisenrente aus, und der Tod wird plötzlich präsent.“ Valentina arbeitet, zieht um, beginnt ihr Studium in Bochum und versucht, sich abzulenken. „Das war ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt sie rückblickend. „Aber ich habe damals auch viel nicht zugelassen, das ich dann später aufarbeiten musste.“

Meistens ist Valentina einfach nur traurig, wenn sie an ihre Eltern denkt. „Früher war ich manchmal aber auch richtig sauer. Warum ausgerechnet ich? Aber die Wut hat mir nicht geholfen. Ich habe das Ganze lieber mit Worten rausgelassen und mich abgelenkt.“ Wenn Valentina trauert, fühlt sich alles an, als wäre es nicht ganz da, beschreibt sie. „Als hätte jemand das Leben von einem Farbfilm in Schwarz-Weiß verwandelt. Alles ist wie vorher, aber etwas Wichtiges fehlt, das früher Licht, Wärme und Farben gegeben hat.“

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Trauer kommt, wie sie will. Ein Trigger, also ein Reiz aus der Umwelt, reicht, und die Erinnerungen sind wieder da. Valentina lässt das dann meistens geschehen. „Wenn ich gerade allein zuhause oder im Park bin, lasse ich das zu und kann auch weinen“, erklärt sie. „Das ist oft erleichternd.“ Aber je nach Situation schiebt sie die Trauer auch weg, bis sie wieder ihre Ruhe hat. „Das ist dann, als würde ich die Traurigkeit in meinen Rucksack packen, um später dann damit umzugehen.“

Trauer im Doppelpack

Dass Valentina gleich zwei große Verluste in jungen Jahren erlebt hat, beeinflusst ihren Weg. „Beim zweiten Tod wurde alles eine Spur unfassbarer. Wie groß ist denn bitte die Wahrscheinlichkeit, zweimal so ein Pech zu haben?“ Manchmal wünscht sie sich zu wissen, was ihre Eltern wohl über ihr Leben sagen würden. Zum Beispiel zu ihrem Auslandssemester oder ihrem Abschluss. „Ich hoffe, dass es so etwas wie eine Seele gibt, und die beiden noch irgendwie existieren. Wo sie sind, müssen sie auf jeden Fall nicht mehr leiden. Vielleicht sind sie ja sogar zusammen“, hofft sie.

„Der Schmerz um meinen Vater ist vor allem da, wenn ich mich frage, wie es wohl mit ihm gewesen wäre. Ich hatte ja nicht viel Zeit mit ihm“, erzählt sie. „Um meine Mutter konnte ich allein schon durch mein Alter besser trauern. Aber das hat auch die Trauer um meinen Vater wieder hochgeholt“, fasst sie zusammen.

Auch andere Abschiede wie Liebeskummer fallen Valentina schwer. „Ich glaube, dass ich deshalb Herzschmerz-Verluste schwieriger aushalten kann als Andere. Als wäre meine Kraft, Verluste zu verarbeiten, aufgebraucht. Vielleicht aber auch, weil ich weiß, wie lange und wie heftig so etwas wehtut.“

Wer denkt da schon an Noten?

Mit der Trauer rückt oft der Alltag in den Hintergrund. Prioritäten ändern sich. „Wenn ich trauere, wirkt oft alles andere unwichtig. Gute Noten zum Beispiel, oder ob ich meine Wohnung putze oder nicht.“ Auch die Konzentration lässt nach. „Ich konnte nicht so gut lernen, weil ich nicht fokussiert war. Und die Unbefangenheit, mit der Andere studiert haben, hatte ich nicht. Die Trauer ist wie emotionaler Ballast im Rucksack, den ich immer mit mir rumschleppe“, erklärt sie.

Aber Valentina lässt sich Ausbildung und Studium nicht von der Trauer vermiesen. „Ich war immer gut, musste nur einmal in den Zweitversuch. Und mir war nie wichtig, ob ich eine Eins oder eine Zwei schreibe.“ Sie beweist sich selbst und ihrem Umfeld, dass ein Studium auch mit Trauer möglich ist. „Ich habe nie einem Dozenten davon erzählt. Das wäre mir so vorgekommen, als würde ich das nur ausnutzen.“

Das kann niemand nachempfinden

Wenn sie im Studium neue Leute kennenlernt, ist sie sich oft unsicher, wie sie mit ihrer Geschichte umgehen soll. „Ich sage ja nicht ‚Hi, ich heiße Valentina und bin Vollwaise.‘ Für viele ist Trauer ja auch ein schweres Thema. Aber wenn ich jemanden näher kennenlerne, ist es mir schon wichtig, das mitzuteilen. Manchmal mache ich das per SMS, weil es dann für beide leichter ist.“

Viele stehen einfach bedröppelt da, wenn Valentina ihnen das erste Mal von ihrer Geschichte erzählt. „In dem Dortmunder Vorort wo ich gewohnt habe, kannten alle unsere Mutter. Da sind mir schon, wenn ich nur kurz bei Aldi Äpfel und Mehl kaufen wollte, Leute um den Hals gefallen“, erzählt sie lachend. „Wenn dann am Ende beide weinen, ist das wenig hilfreich.“

Die in ihren Augen beste Reaktion: „Wenn Leute sagen, dass es ihnen leid tut, und fragen, ob ich darüber reden will. Dann kann ich selbst entscheiden, wonach mir gerade ist.“ Richtig unangenehme Reaktionen hat sie kaum erlebt. „Aber kurz nachdem meine Mutter gestorben ist, meinte eine Bekannte: ‚Ich weiß wie du dich fühlst, meine Uroma ist auch gestorben.‘ Da habe ich mich irgwendwie unverstanden gefühlt. Ich sage ja nicht, dass der eine Verlust schlimmer sein muss als der andere. Aber wie es ist, mit 20 Waise zu sein, kann einfach niemand nachempfinden.“

Bei beiden Verlusten unterstützen sie ihre Freund*innen. „Die meisten kennen mich schon seit dem Kindergarten und wissen, was ich erlebt habe. Die sind damals auch nachts gekommen, haben mir Tee gekocht und lange zugehört. Bis heute sind sie für mich da, wenn ich über meine Gefühle sprechen will.“

Anderen Trauernden empfiehlt Valentina, darüber zu reden. „Auch wenn man eine Geschichte schon zehn Mal erzählt hat, und die Freunde sich das jetzt zum elften Mal anhören. Mein kleiner Bruder hat das damals nicht gemacht und hatte große Probleme, in ein normales Leben zurückzufinden. Jeder trauert anders, aber Reden macht den Weg leichter.“

Die schönen Dinge

Valentina geht ihren Weg. Sie schließt ihr Studium in Japanologie und Romanistik in Bochum vergangenes Jahr ab und zieht nach Australien. Nahe Melbourne lebt sie bei Verwandten und engagiert sich für Tierrechte.

Trauern tut sie bis heute. „Aber jetzt habe ich eine gewisse Distanz. Ich

Trauen ist wichtig, damit ich irgendwann gut damit leben kann.

kann an meine Eltern denken, ohne in Trauer zu verfallen. Irgendwann wurde das bei mir besser.“ Trotzdem ist sie auch nach 24 Jahren noch traurig, ihren Vater verloren zu haben. „Die Trauer ist ein Teil von mir geworden. Ich kann glücklich sein und damit leben, aber ein bisschen wird immer bleiben“, denkt sie.

So schlimm Trauer sein kann, Valentina sieht darin auch etwas Gutes: „Es gab jemanden, den ich so gern hatte, dass ich jetzt trauere. Und wer trauert, weiß mehr zu schätzen, was er hat. Für mich ist es eben etwas Schönes, morgens aufzuwachen und mich zu freuen.“

Trauer heißt nicht immer, dass jemand stirbt

Jede Trauer verläuft anders. Helena trauert, weil ihr Vater gestorben ist. Und weil sie nach einer Krebserkrankung unfruchtbar ist. Weil ihr damit der Lebensweg als Mutter, den sie sich immer ausgemalt hat, verbaut scheint. Sie schiebt die Trauer weg, bis sie sie fast um den Verstand bringt – und lernt dann, mit ihren Gefühlen umzugehen.

Helena kommt das erste Mal mit Trauer in Berührung, als bei ihr im Alter von 26 Jahren Gebärmutterhöhlenkrebs diagnostiziert wird. „Es kam mir vor wie ein schwarzes Loch vor meinem inneren Auge. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, keine Kinder bekommen zu können. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“, erinnert sich die 33-jährige Bochumer Studentin. Eierstöcke, Gebärmutter und Teile der Lymphknoten werden ihr entfernt. Die Hälfte der Eierstöcke lässt Helena einfrieren, doch seit diesem Jahr können sie und ihr Partner sich das nicht mehr leisten – ein herber Verlust.

Verdrängte Gefühle

Die ersten drei Tage nach der OP liegt Helena nur im Bett, weint und ist nicht ansprechbar. „Aber dann habe ich bemerkt, wie sehr mein Umfeld

unter meiner Verzweiflung gelitten hat, und entschieden, das Ganze einfach abzuhaken“, erinnert sie sich. Sie beginnt ihre Trauer zu verdrängen. „Mir geht’s gut, ich bin voller Tatendrang“, macht sie sich und Anderen vor. Doch es ging ihr nicht gut. „Ich habe mich jeden Abend in den Schlaf geweint. Aber nach außen sah es so aus, als hätte ich das Ganze gut weggesteckt.“

Sie stürzt sich nach der Strahlentherapie in Arbeit, engagiert sich neben ihrem Zweifachbachelor in Gender Studies und Germanistik in der Hochschulpolitik, um sich nicht mit ihren Gefühlen auseinandersetzen zu müssen. Sie rackert sich im AStA, dem StuPa und in ihrer Fachschaft ab. In Hochzeiten ist sie von 7 Uhr morgens bis 22 Uhr abends im Büro und auf dem Campus, immer gut gelaunt – eine enorme Belastung.

Klinik statt Kolloquium

2013 – zwei Jahre nach der OP – kommt der Zusammenbruch. Die Trauer um ihr Lebensziel stürzt sie in eine Sinnkrise: „Ich war kurz vor meinem Studienabschluss, aber ich habe keinen Sinn mehr darin gesehen, weiterzumachen“, erinnert sie sich. Studium, ein guter Job – das alles nur, um ihren Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Ein Ziel, das nun unerreichbar scheint. „Und wer würde mich jetzt noch als Frau wahrnehmen?“

An das Studium ist nicht mehr zu denken. Helena bekommt Halluzinationen, meint sie hätte wieder Krebs, und wartet schließlich in Bochum auf die nächste U35, um sich vor ihr auf die Gleise zu werfen. Doch sie trifft am Bahnsteig durch Zufall einen Bekannten, und fährt doch zur Uni. „Ich musste eigentlich gerade zu einem Kolloquium. Aber ich habe gemeinsam mit einer Freundin mit meiner Dozentin gesprochen und mich dann in eine Klinik eingewiesen.“ Sie beginnt dort, ihren Verlust und ihre Ängste zu verarbeiten, und lernt einen alleinerziehenden Mann kennen. Die beiden verlieben sich, Helena zieht zu ihm und der vierjährigen Tochter, die sie nun mit aufzieht.

„Das ist beides Trauer“

2014 stirbt überraschend Helenas Vater. Da pausiert sie gerade ihr Studium, um sich auf ihre Tochter und den Haushalt zu konzentrieren. Sie verdrängt die Trauer erneut. Erst Monate später lässt Helena ihr freien Lauf.

Dazu mischt sich die Verzweiflung um ihre Unfruchtbarkeit, die sie nie richtig aufgearbeitet hat. Weil das nun schon Jahre her ist, haben einige in ihrem Umfeld wenig Verständnis. „Davor war ich immer die Starke. Als ich das plötzlich nicht mehr war, hieß es dann das ist doch schon so lange her, hak es endlich ab. Du kannst es sowieso nicht mehr ändern‘“.

Sie erkennt Parallelen zwischen dem Gefühl, unfruchtbar zu sein, und dem Tod ihres Vaters. „Das ist beides Trauer, weil beides endgültig ist. Egal, ob ich um einen geliebten Menschen trauere, um ein Lebensziel oder um ein Kind – also quasi einen Menschen, den ich in der Zukunft sehr geliebt hätte“, erklärt sie.

Helena hält es nicht aus, mit diesen Gefühlen zuhause zu sitzen. Sie fühlt sich unausgelastet und entscheidet sich, wieder zu studieren und ihren Abschluss fertig zu machen.

Schöner leben mit der Trauer

Mittlerweile gelingt ihr die Balance zwischen Studium und Trauer

Hilfsangebot

Ihr trauert und habt Redebedarf oder Fragen? Die psychologische Beratung des Studierendenwerks berät in einer offenen Sprechstunde dienstags, 13 bis 15.30 Uhr, sowie donnerstags, 11 bis 13 Uhr, oder nach Terminvereinbarung. Mehr Infos findet ihr unter stw-edu.de/beratung

Hilfe bei suizidalen Gedanken bietet die Telefonseelsorge. Sie ist rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar.

besser, sagt sie. „Ich bin jetzt in einer Therapie und war in der vorlesungsfreien Zeit fünf Wochen zur Stabilisierung in einer Klinik. Jetzt kann ich negative Gefühle besser zulassen und habe endlich mit der Trauerarbeit begonnen.“ Sie geht jetzt anders mit ihrer Trauer um: „Die negativen Gefühle sind ein Teil von mir, und das ist ok. Ich versuche, sie nicht mehr zu verdrängen. Es ist wichtig zu trauern, damit ich irgendwann gut damit leben kann.“

Darum hat die Trauer nun einen festen Platz in ihrem Alltag. „Ich erlaube mir, abends wenn ich allein bin, zu trauern.“ Auch am Todestag ihres Vaters oder dem Jahrestag der Nachricht, dass sie keine Kinder bekommen kann, beschäftigt sie sich ganz bewusst mit ihren Gefühlen. Hört das Lieblingslied ihres Vaters, meditiert. So hat das Leid einen Rahmen und nimmt nicht den ganzen Tag in Beschlag.

Offen trauert es sich besser

Auch Helena hilft es vor allem, zu reden – aber nicht immer über die Trauer, sondern über alltägliche Themen, sagt sie. „Ich versuche in die Zukunft zu schauen und weniger in der Vergangenheit zu leben.“ Was ihr ebenfalls geholfen hat: Das Wissen, auch an der Uni Unterstützung bekommen zu können. „Früher dachte ich, das brauche ich nicht. Ich wollte keinen Mitleidsbonus. Jetzt mache ich kein Geheimnis mehr aus meiner Geschichte, und die meisten Professor*innen sind sehr verständnisvoll.“ So kann sie zum Beispiel einen Forschungsbericht, den sie 2012 angefangen hat, noch dieses Jahr abgeben.

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