Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Studis in der Politik: „Ich wollte mich nicht beschweren, sondern versuchen, etwas zu ändern.“

Studieren und politisch aktiv zu sein, schließt sich nicht aus.

[Illustration: DragonOlong]

20.09.2021 16:33 - Özgün Ozan Karabulut

Liza Sophie Lauer studiert Jura in Münster und ist neben ihrem zeitintensiven Studium politisch bei den Jungen Liberalen (JuLis) aktiv. Das ist nicht immer einfach. Ihr liegt die Ausweitung des Beratungsangebots für Studierende mit psychischen Erkrankungen besonders am Herzen. pVon der Politik fordert sie mehr Engagement für Studierende, gerade in der Corona-Pandemie.

Per Zoom-Videogespräch ist Liza zugeschaltet. Sie kocht sich gerade einen Tee. „Ich muss später in die Küche, um nach meinem Tee zu gucken”. Liza sitzt in einem weiß gestrichenen Zimmer am Schreibtisch. Sie trägt eine Brille mit großen Gläsern. Passend zu ihren blonden Strähnen trägt sie runde goldfarbene Ohrringe. Mit einer beigen Haarklammer hat sie ihre Haare am Hinterkopf zusammengesteckt. Kürzlich war Liza noch im Urlaub, jetzt liegt ihr Fokus ganz auf dem Wahlkampf der FDP zur anstehenden Bundestagswahl. Denn Liza ist Mitglied der Jungen Liberalen.

Schon in der 11. Klasse fasste die Essenerin den Entschluss, politisch aktiv zu werden und dem FDP-nahen Verband der JuLis beizutreten. „Ich habe gerade im Bildungssystem an sehr vielen Stellen meine eigene Unzufriedenheit wahrgenommen. Ich wollte mich nicht beschweren, sondern versuchen, etwas zu ändern“, erklärt sie ihre Motivation. Auch in ihrem eigenen Studium würde sie gerne etwas bewegen. 

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Momentan studiert Liza an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) im zweiten Semester Jura. Trotz des theorielastigen Studiums ist sie mit ihrer Wahl des Studiengangs zufrieden. Das Studium bereitet ihr große Freude, erzählt sie begeistert. Aber es ist auch sehr anspruchsvoll, und Liza berichtet, dass viele Studierende damit nicht zurecht kommen. Sie wünscht sich wegen der hohen Anzahl von Abbrecher:innen mehr Beratung von den Universitäten, insbesondere für Jurastudierende: „Wir haben mit 550 Leuten Jura angefangen, momentan sind wir bei ungefähr 300 Studierenden.“

Studis und Politik? Noch Ausbaufähig!

Liza kennt in ihrem Studiengang eine handvoll Leute, die politisch aktiv sind. Laut ihr sind an der WWU die Hochschulgruppen schwarz, grün und gelb sehr präsent. Gerade im Fach Jura seien der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und die Liberale Hochschulgruppe (LHG) sehr stark repräsentiert. „Ich hätte gedacht, dass mehr Studierende politisch aktiv sind. Das Engagement ist definitiv noch ausbaufähig”, berichtet Liza leicht lächelnd. Sie dreht sich etwas auf ihrem Schreibtischstuhl nach links und rechts. Hinter ihr steht ein schwarzes Regal, in dem verdeckt einige Bücher zu sehen sind.

Mit Blick auf zivilgesellschaftliche Bewegungen wie Fridays for Future hat das JuLi-Mitglied den Eindruck, dass sich immer mehr jüngere Menschen für Politik interessieren. Ob sich auch mehr Frauen politisch engagieren, weiß sie nicht. „Aber wir brauchen definitiv mehr Frauen in der Politik”, fordert Liza.

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Liza ist seit einigen Jahren bei den JuLis politisch aktiv. [Foto: privat]
 

Bei der Frage nach der Vereinbarkeit von Studium, Klausuren und ihrem politischen Engagement muss sie schmunzeln. „In der Klausurenphase und die Wochen davor bin ich sehr stark in meinem Studium eingebunden und lerne auch mindestens acht Stunden am Tag.” Die Klausurenphase der Jurist:innen startet direkt nach dem Vorlesungsende, erzählt sie. „Die Klausurenphasen fühlen sich wie ein Sprint an, obwohl Jura wegen der langen Ausbildungsdauer eher ein Marathon ist.“

Engagiert trotz Klausurenphase und Corona-Pandemie

Dennoch versucht sie, zu politischen Veranstaltungen zu gehen und sich bei den JuLis aktiv einzubringen. „Ich habe es letztes Jahr gut unter einen Hut bekommen, weil wir wegen Corona viele Sachen online hatten und es dadurch auch nicht viele Veranstaltungen von der FDP gab“, berichtet Liza. Wenn die Universitäten wieder zur Präsenzlehre zurückkehren und sie zu den Vorlesungen von Essen nach Münster muss, wird es für die Jurastudentin schwieriger. Dann könnte sie sich vorstellen, an der WWU bei der LHG aktiv zu werden.

Seit ein paar Monaten ist Liza neben ihrem Studium in Münster zusätzlich im Kreisvorstand der JuLis in Essen vertreten, daher kommt alle zwei Monate zu den regulären Treffen eine Vorstandssitzung hinzu. Aktuell bestimmt der Wahlkampf zur anstehenden Bundestagswahl das Geschehen des Jugendverbandes. „Ich mache zusammen mit drei anderen Leuten Social Media. Da haben wir alles vorbereitet, damit wir für jeden Tag guten Content haben.“

Zudem hilft die Essenerin beim Wahlkampf im Ortsverband der FDP mit. Flyer verteilen, Veranstaltungen organisieren und das klassische am Stand stehen sind Teil ihrer Aktivitäten. Letzteres findet sie aber weniger spannend. „Ich bin kein Fan davon. Es gibt da bessere Methoden, Wähler zu gewinnen“, sagt sie sichtlich ernüchtert.

Präsenzlehre und Forderungen an die Politik

Wie es an der WWU im kommenden Semester weitergehen soll, ist noch nicht geklärt. „Ich fände, es wäre ein guter Kompromiss, zu sagen: Vorlesungen weiterhin online, und AGs, Übungen und Tutorien bekommen größere Räume. Diese Veranstaltungen können dann zumindest in Präsenz stattfinden .”

Liza ist seit ein paar Monaten vollständig geimpft. Trotzdem hat sie Bedenken bezüglich einer Rückkehr zur Präsenzlehre: „Vielleicht ist es irrational, aber ich habe ein bisschen Respekt davor, mit 300 anderen Leuten im Hörsaal zu sitzen, in dem man keinen ernsthaften Abstand halten kann.“ Liza streicht sich nachdenklich über ihr Haar; ihre Ohrringe bewegen sich dabei etwas.

Für sie ist die Politik in der Verantwortung, Studierende in der Corona-Pandemie schneller und unbürokratischer zu unterstützen. Vor allem die, die ihre Nebenjobs verloren haben. „Viele Studierende haben aus finanziellen Gründen ihr Studium abgebrochen“, kritisiert sie die mangelnde Hilfe der Bundesregierung. Auch zum Thema BAföG hat sie eine klare Meinung: „Es muss definitiv reformiert werden. Die vorgegebenen BAföG-Sätze für die Miete liegen bei circa 300 Euro, das ist für eine Universitätsstadt wie Münster absolut nicht realistisch.“

Reformforderung in den Rechtswissenschaften

Gerade in ihrem Studiengang der Rechtswissenschaften sieht die junge Liberale Handlungsbedarf. „An dem Studiengang wird sehr oft kritisiert, dass viele Leute psychisch nicht damit klarkommen, dass man schlechte Noten bekommt. Jeder Professor sagt von sich aus, dass Viele beim ersten Versuch durchfallen werden.“ Man sieht Liza an, dass ihr das Thema ernst ist.

Den von Jura-Fachschaften und Initiativen vorgebrachten Vorschlag zur Neugestaltung des Studiums mit einem integrierten Bachelor unterstützt Liza: „Wenn man das Staatsexamen nicht schafft, hat man trotzdem einen Abschluss.“ So würden der Druck, die Zukunftsängste und psychischen Erkrankungen von Jurastudent:innen zurückgehen, ist sie überzeugt. Kurz vor Gesprächsende verschwindet sie für einen Augenblick aus dem Zimmer, um in der Küche den Herd auszuschalten. 

Auch wenn sie noch am Anfang ihrer juristischen Ausbildung steht, hat Liza schon konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft nach dem Studium; aktuell spielt eine politische Karriere in ihren Überlegungen keine Rolle: „Langfristig ist es mein Wunsch, nach dem zweiten Staatsexamen Leute zu vertreten, die in ihren Menschenrechten verletzt werden und keine rechtliche Hilfe erhalten.“

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