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SCHWERPUNKT

Stress am Campus

Immer noch ein bisschen mehr. [Foto: Sophie Schädel]

06.05.2019 11:32 - Sophie Schädel

Gefühlt stehen alle Studierenden ständig unter Strom: Regelstudienzeit, ein Nebenjob, Probleme in der Familie oder Schulden – das alles setzt sie unter Druck. Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die viel Erfahrung mit Stress an der Uni haben, und sie gefragt, was das mit ihnen macht und was dagegen hilft.

Gadah Hazin ist 49 Jahre alt. Sie hat drei Kinder, zwei Enkel und einen Mann. Sie arbeitet Vollzeit als Jugend- und Familienhelferin und übersetzt dabei für Geflüchtete zwischen Arabisch und Deutsch. Und sie studiert soziale Arbeit. Wie sie das alles unter einen Hut bekommt, weiß sie manchmal selbst nicht.

Vor allem zu Studienbeginn fand sie sich nur schwer zurecht. „Ich hatte total Probleme mit meinem Stundenplan, und mein Tutor hat mir nicht geholfen. Ich habe mich richtig fehl am Platz gefühlt. In der Uni ist alles digital, da stehe ich oft wie der Ochs vorm Berg. Man muss sich alles selbst erkämpfen, da fühle ich mich oft nicht gut aufgehoben.“

Bei Problemen weiß sie manchmal nicht, an wen sie sich wenden soll. „Wenn ich ein Modul vorziehen wollte, wusste ich nicht wie. Oder meine Klausur einsehen, oder mich zur Nachklausur anmelden. Vieles wird von der Uni einfach vorausgesetzt, ohne Rücksicht darauf, dass man nicht alles wissen kann.“

Zwischen Uni und Arbeitsplatz

„Die Termine in meinem Job kann ich mir so einrichten, wie es gerade passt“, erzählt sie. „Und an der Uni muss ich nicht bei allen Veranstaltungen immer anwesend sein. Sonst ginge das alles gar nicht.“ In ihrem Job sind arabisch sprechende Mitarbeiter*innen rar gesät, erzählt Gadah. Darum sagt sie oft neue Termine zu, die ihr eigentlich zu viel sind.

„Ich habe gerade 475 Überstunden. Die kann ich aber nicht abfeiern, weil auf Arbeit zu viel los ist.“ Auch wenn sie gerade nicht im Job ist, lässt er sie nie ganz los: „Ich muss viel an die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge denken, die ich bei der Arbeit begleite“, erzählt Gadah.

„Ich stehe immer um halb sieben auf und fahre eine Stunde später zuhause los. Ab acht habe ich normalerweise Vorlesungen. Von da renne ich dann zu meinem ersten Termin von der Arbeit, hetze zurück an die Uni, und immer so weiter.“ Wenn sie gegen 8 Uhr abends nach Hause kommt, warten da der Haushalt und ihre Familie. „Nachts sollte ich eigentlich schlafen gehen, lese dann aber im Bett noch bis eins oder länger Bücher für die Uni“, erklärt sie. Zwischendurch hat sie auch schon darüber nachgedacht, ihr Studium abzubrechen. Das würde sie entlasten und ihr Arbeitsplatz ist derzeit sicher. Aber Gadah will noch mehr lernen und sich weiterbilden.

Keine Entspannung zuhause

Doch sie ist permanent gefordert: „Ich bin immer auf 180. Und niemand nimmt darauf Rücksicht, die denken alle ich bin eine Maschine. Weil ich nicht der Typ bin, der zeigen kann, wie krank und kaputt er ist. Ich bin für jeden immer erreichbar. Das ist mein Problem. Ich habe immer das Gefühl, ich müsste noch mehr schaffen. Das schaffst du noch, und das auch noch. Und niemand sagt danke.“

„​​​​​​​Ab und an mal ein Taugenichts sein braucht man eben einfach.“​​​​​​​

Auch ihr Privatleben stresst sie oft: „Ich habe meine Kinder und die Enkel. Das nimmt mich oft sehr in Anspruch.“ Und dann ist da noch die eigene Mutter, die Gadah immer wieder stresst: „Meine Mutter hat Herzprobleme und braucht Hilfe. Das alles läuft sozusagen nebenher, neben meiner eigentlichen Arbeit und meinem Studium. Ich muss mich darum kümmern.“ Gadah beobachtet, dass der Stress sie verändert. „Wenn ich gestresst und müde bin, merkt man mir das schnell an. Ich bin dann aggressiv und gereizt. Wenn mich jemand anspricht, fahre ich ihn an.“

Vor ein paar Jahren ist sie dann selbst erkrankt. „Bei mir wurde 2011 Krebs diagnostiziert. Ich wurde oft operiert, habe eine Chemo bekommen und war in der Kur. Jetzt gelte ich als geheilt“, erzählt sie. In der Kur konnte sie sich lange nicht auf die Entspannungsübungen einlassen. „In der Zeit könnte ich auch meine Wäsche waschen und einkaufen gehen“, schildert sie ihre Gedanken. Als sie dann beginnt, weniger Stress zu empfinden, muss sie auch schon wieder die Koffer packen und fährt zurück nach Hause. Doch der Krebs belastet sie bis heute, denn immer wieder bei Schmerzen im Kopf oder der Brust fragt sie sich, ob er nicht doch zurückgekehrt ist. Eine zusätzliche mentale Belastung.

So geht es nicht weiter

In der letzten Prüfungsphase stieß Gadah mit ihrem Studium dann doch an eine Grenze: „Ich hatte eine mündliche Prüfung und drei Klausuren. Ich bin durch alle vier Prüfungen durchgerasselt. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas nicht bestanden habe“, erzählt sie. „Ich bin sehr ehrgeizig, aber es ist für mich nicht wichtig, eine Eins zu bekommen. Hauptsache ich schaffe möglichst schnell meinen Abschluss. Aber letztes Semester habe ich mir offensichtlich ganz einfach zu viel vorgenommen.“

Gadah will daraus lernen: „Ich habe das Gefühl, ich müsste immer alles geben. Aber man muss auch mal nein sagen.“ Sie steht damals kurz vor dem Burnout und entschließt sich, zwei Wochen lang eine Auszeit zu nehmen. Doch der Alltag hat sie schnell wieder im Griff. „Mein Tag hat leider einfach nur 24 Stunden. Ich bräuchte aber sechs oder sieben Stunden mehr“, sagt sie und muss über sich selbst lachen.

Belastung im dualen Studium

Ein paar Stunden mehr am Tag könnte auch Selina Schmucker gut gebrauchen. Sie studiert an der Dualen Hochschule Baden Württemberg International Business Management. Wie alle dualen Studierenden wechselt die 22-Jährige zwischen Theorie- und Praxisphasen. „Ich wohne eigentlich in Lörrach bei meiner Uni. Viermal im Jahr ziehe ich aber um, immer für drei Monate zu dem Unternehmen in Bayern, wo ich arbeite, und dann wieder zurück“, erzählt sie.

Mittlerweile hat Selina sich mit den ständigen Umzügen halbwegs arrangiert. „Ich muss jetzt nicht mehr jedes Mal aufs Neue nach einer Wohnung suchen“, erklärt sie. „Ich habe mittlerweile zwei feste Wohnungen, wo ich dann jeweils für drei Monate zur Untermiete wohne. Für die WG in Lörrach muss ich allerdings zweimal jährlich für die Zeit, in der ich nicht da bin, für meine Vermieterin einen Untermieter finden.“

„Da fühle ich mich sozial ziemlich isoliert.“

„Ich habe quasi zwei Alltage“, fasst Selina zusammen. „In Lörrach ist mein Turnverein, da habe ich meinen Job und einen größeren Freundeskreis. In Bayern verstehe ich mich zum Glück gut mit meinen Kollegen, aber für echte Freundschaften bin ich da zu eingespannt. Ich müsste mich aktiv mit Leuten verabreden, aber abends falle ich nur noch in mein Bett und brauche meine Ruhe. Da fühle ich mich sozial ziemlich isoliert.“

Zwei Leben und viele Umzüge

Zwischen diesen Leben zu wechseln, ist, obwohl Selina sich schon an Vieles gewöhnt hat, trotzdem immer noch eine Belastung. „Ich brauche immer die ersten paar Tage nach dem Umzug Zeit, um wieder reinzukommen. Besonders in Bayern dauert es oft ein bisschen, bis ich die Neuerungen im PC-System kenne, meinen Arbeitsplatz neu eingerichtet habe und mein Telefon wieder so klingelt, wie es soll.“

In den Theoriephasen stressen sie besonders die Prüfungen und Gruppenarbeiten. „Bis in so einer Gruppe endlich mal alle ihren Teil fertig haben und alles einheitlich ist, wird es oft knapp bis zur Abgabe. Und wenn Hausarbeiten fertig werden müssen, kann das schon auch stressig werden. Auch wenn die Abgabe noch eine Weile hin ist und ich noch nicht mal angefangen habe, schleppe ich den Gedanken daran schon mit mir herum.“

Und dann kommen auch noch weitere Hürden auf sie zu. Sie muss sich bald, so ganz nebenbei, um ein Auslandssemester kümmern, sich also ein Visum besorgen, eine Wohnung finden und sich einen Studienplatz im Ausland organisieren.

Weniger Schlaf, mehr Zeit zum Lernen

Selina beschreibt Stress bei sich vor allem als unbewusste Belastung, die bei ihr zu innerer Unruhe führt. „Und in Phasen vor Prüfungen geht es nicht anders, dann schlafe ich einfach weniger, um tagsüber mehr Zeit zu haben. Aber solche langen Tage sind schon anstrengend für den Körper“, gibt sie zu bedenken. Stress bedeutet für sie aber auch, ständig an so Vieles denken zu müssen. „Ich habe so viele Sachen im Kopf“, fasst sie das Problem zusammen.

Klar könnte Selina auch mehr Zeit für sich haben. Aber ihr sind in der Zeit, die sie nicht an der Uni oder ihrer Arbeitsstelle verbringt, andere Dinge wichtiger: „Ich will mich außerhalb der Uni engagieren. Außerdem ist das auch ein Ausgleich zum stressigen Studium für mich. Das ist etwas, das ich mir bewusst einplanen muss, und diesen Plan will ich dann auch einhalten. Ich freue mich über die Wertschätzung der Leute, mit denen ich arbeite und will etwas zur Gesellschaft beitragen.“

Und so schafft sie sich bewusst Freiräume für ihre Aktivitäten neben dem Studium. „Ich bin Übungsleiterin beim Kinderturnen. Und als Nebenjob helfe ich Flüchtlingen an der Hochschule, stelle Übungsaufgaben für sie auf Moodle ein und so. Das sollte ich eigentlich mindestens 16 Stunden monatlich machen, das schaffe ich aber gerade kaum. Und das stresst mich dann auch wieder, weil es mich selbst stört“, erzählt sie. Nebenher hilft sie noch manchmal in der katholischen Kirche und ist zur Kurssprecherin ihres Studiengangs gewählt worden, als die sie bei Fragen und Problemen Ansprechpartnerin für ihre Kommiliton*innen ist.

Ein hohes Arbeitspensum

Wie viel sie arbeitet, kann Selina recht genau beziffern. „In meinem Unternehmen habe ich eine 40-Stunden-Woche. An den Wochenenden schreibe ich dann noch fünf Stunden täglich an meinen Hausarbeiten. Insgesamt sind das dann wohl 50 Wochenarbeitsstunden“, fasst sie zusammen. „Wenn ich in Lörrach studiere, sind es fast 10 Stunden mehr pro Woche, weil ich ja zur Uni muss, zuhause Gruppenarbeiten und Hausaufgaben bearbeite und so weiter. In den Lernphasen sitze ich dann sogar noch länger am Schreibtisch.“

Selina hat auch schon überlegt, zur Entspannung mit Yoga oder Pilates anzufangen. „Aber dann ist mir aufgefallen, dass es auch nett ist, im Bett liegend einen Film zu schauen und gar nichts zu tun“, sagt sie lachend. „Oder ich rufe meinen Mama an und lasse mir eine halbe Stunde lang was von ihr erzählen, dann muss ich einfach nur zuhören. Wenn ich bis 23, 24 Uhr oder manchmal noch länger am Schreibtisch sitze, dann lege ich oft abends noch einen Power Nap ein, um durchzuhalten“, erklärt sie.

Stress auch in der Forschung

Auch Wenqing He kennt Stress. Allerdings begegnet sie ihm nicht im Studium, denn das hat sie bereits abgeschlossen. Die 32-Jährige hat in Peking Germanistik studiert. Mit ihrem Master in der Tasche hat sie in China erst sechs Jahre bei Volkswagen gearbeitet. Nun ist sie seit letztem September in Deutschland, weil sie am geisteswissenschaftlichen Institut der UDE ein Forschungsstipendium bekam. Sie forscht zum Thema Frauen in Führungspositionen, also zu Quoten und Gleichstellung von Frauen in der Arbeitswelt.

Bei Problemen weiß sie manchmal nicht, an wen sie sich wenden soll.

„Ich bin oft gestresst“, erzählt Wenqing. „Hauptsächlich wegen meines Projekts. Ich habe wenig Übung mit sozialwissenschaftlichen Methoden, das fehlt mir. Aber ich will mich weiterentwickeln. Das ist nicht so einfach. Wenn in meinem Projekt mal etwas nicht reibungslos läuft, stresst mich das sehr.“ Außerdem macht ihr manchmal zu schaffen, die Verantwortung für ihre Forschung allein zu tragen: „Ich habe kein Team, manchmal fühle ich mich einsam“, erzählt Wenqing.

„Jeder hat Stress“, ist sie überzeugt. „Aber bei Einsamkeit ist der Stress größer. Man denkt zu viel nach, kommt ins Grübeln. Mein erster Winter hier in Deutschland ohne die Sonne war schrecklich für mich. Ich habe mich gefühlt wie eine Pflanze, die eingeht.“

Wenn mehrere Belastungen zusammenkommen

Einsamkeit ist aber nicht Wenqings einzige Sorge: „Ich habe keine Ahnung, wie es nach meiner Förderung hier für mich weitergeht. Mein Stipendium ist für ein Jahr angesetzt, danach muss ich mich entscheiden. Soll ich zurück nach China oder in Deutschland nach Arbeit suchen? Ich habe das Gefühl, an einer Kreuzung zu stehen. Das ist schwer, denn es fühlt sich an wie ein Countdown.“

„Für mich hat Stress viel mit Zeitmanagement zu tun“, erklärt Wenqing. „Früher hatte ich eine feste Arbeit, da war mein Tag strukturiert. Ich habe von 9 bis 6 gearbeitet, manchmal ein paar Überstunden gemacht. Klar arbeite ich jetzt auch, aber in der Forschung kann ich mir meine Arbeit frei einteilen. Und das gibt mir das Gefühl, nie richtig fertig zu sein. Ich könnte immer noch ein bisschen mehr machen und denke auch zuhause oft an die Arbeit. Wann habe ich denn Feierabend?“, fragt sie sich manchmal.

Wenqing hilft sich selbst

Wenn in ihrem Kopf nichts mehr geht, legt sie sich ins Bett, schließt die Augen und denkt an ihre Katze in China. „Das beruhigt mich immer. Auch Schwimmen hilft total gut. Schon nach ein paar Minuten denkt mein Gehirn dabei an nichts Wichtiges mehr.“ Zwischendurch hatte sie Schlafprobleme, weil ihr Kopf nicht zur Ruhe kam. Das hat sie jetzt aber überwunden. Ihr Tipp dafür: „Vor dem Schlafen gehen mache ich Yoga mit einer App. Dabei kann ich super runterkommen“, sagt sie.

„Wenn ich Stress habe, bin ich unruhig. Ich kann mich nicht auf eine Sache konzentrieren. Dann komme ich nicht gut voran und fühle mich schlecht, das stresst mich zusätzlich. Selbst wenn ich dann den ganzen Tag am Schreibtisch sitze, habe ich am Abend kaum etwas geschafft. Dann muss ich eine Pause einlegen, ausgehen und mich in eine andere Stimmung bringen.“

Sie trifft sich dann gerne mit Freund*innen. Aber auch da steht sie vor Herausforderungen: „Ich will nicht nur drei Stunden in einer Kneipe sitzen und quatschen. Lieber gemeinsam Sport machen oder so.“ Dann fällt ihr etwas auf und sie lacht: „Aber das ist ja auch schon wieder stressig, dieser Anspruch an mich selbst. Ab und an mal ein Taugenichts sein braucht man eben einfach.“

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