Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Start-Ups von der UDE: Wenn aus Bierlaune Existenzgründung wird

Richard (links) und Dominik (rechts). (Foto: Kim Stephanie Feuster)

03.12.2018 14:03 - Daniel Veutgen

Tolle Ideen entstehen überall: Bei Diskussionen mit Freund*innen, in der Kneipe, während Vorlesungen und manchmal auch im Fitnessstudio oder beim Schauen eines tristen Fußballspiels. Die meisten davon verlaufen im Sande. Doch manchmal lässt eine*n die Idee nicht los. Wie bei Dominik Riße, Richard Menning und Lars Höcker. Als Studierende der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Hochschule Ruhr West haben sie Unternehmen gegründet. Sie erzählen, wie sich die Gründung mit ihrem Studium vereinbaren lässt, welche Hilfestellung es von der UDE gab, und wie man nicht am Stress verzweifelt.

„Bis etwa 2015 war es in der Region Duisburg-Essen extrem schwierig, Unternehmen für Start-Ups zu interessieren. Es war lange eine Quälerei, hier war nichts los. Das hat sich aber schlagartig geändert in den letzten zwei bis drei Jahren“, erzählt Thomas Nußbruch strahlend über die Veränderungen der Gründerszene im Ruhrgebiet. Nußbruch gehört, gemeinsam mit Professor Volker Breithecker und Professorin Esther Winther, zur Leitung des IDE-Kompetenzzentrums für Innovation und Unternehmensgründung an der UDE. IDE steht dabei für Innovation Duisburg Essen. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Ausgründung. Zwischen 100 und 150 Studierende betreut das Kompetenzzentrum jedes Jahr beim Existenzaufbau. Dabei sei die Situation heute so gut wie nie zuvor.

„Berliner Agenturen kommen ins Ruhrgebiet und machen Veranstaltungen, das war vor 5 Jahren undenkbar“, zeichnet Nußbruch den neuen Stellenwert der Region auf. Das sei auch durch ein gestiegenes Interesse der bereits bestehenden Unternehmen in Rhein und Ruhr zu erklären: „Viele große Konzerne kümmern sich heute um Start-Ups aus der Region.“ Mit Coworking Spaces, Technologieparks und Gründungsinitiativen sei zudem ein Netzwerk entstanden, von dem Gründer*innen enorm profitieren könnten. „Die Situation hier im Ruhrgebiet hat sich nachhaltig verbessert“. Weswegen Nußbruch allen mit einer guten Idee rät: „Wagt es einfach jetzt.“ Einige Studierende an der UDE lassen sich das nicht zweimal sagen.

Ab in die Selbstständigkeit

Dominik Riße und Richard Menning haben sich zusammen selbstständig gemacht und ein Unternehmen gegründet. Zusammen mit ehemaligen Profisportler*innen und einer Volleyball-Bundesligamannschaft haben sie den TrainingTracker entwickelt. Auch Lars Höcker steckt gerade mitten in der Unternehmensgründung. Während eines verregneten Kreisligaspiels kamen ein Freund und er auf die Idee, ein Fußball-Managerspiel für den Amateurbereich zu entwickeln. Aus der Bierlaune wurde eine Existenzgründung.

Während bei Lars die Gründung „vermutlich Anfang 2019“ ansteht, sind Dominik und Richard schon einen Schritt weiter. Seit einigen Wochen sind sie offiziell selbstständig. Bis dahin war es ein langer Weg. Kennengelernt haben sich beide im Start-Up Camp von innogy, wie Dominik sich erinnert: „Da haben wir in einem Team gemeinsam vier Wochen verbracht und dann festgestellt, dass es ganz gut harmoniert zwischen uns und wir uns auch vorstellen können, da gemeinsam weiterzuarbeiten.“ Der TrainingTracker stammt ursprünglich von Richard, der ihn mit einem anderen Partner entwickelt hatte. „Der ist dann abgesprungen, und Richard stand vor der Überlegung das Unternehmen zu verkaufen oder allein weiterzumachen. Und dann habe ich gesagt: ‚Bevor du das verkaufst, machen wir beide das‘“, erzählt Dominik.

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Lars bei der Arbeit. (Foto:dav)

Der TrainingTracker ist ein Tagebuch, in dem Sportler*innen ihre persönlichen Erfolge, ihren Trainingsrhythmus und Ziele, die sie erreichen wollen, festhalten können. „Wir haben beide mal gesagt, dass es für uns das Größte wäre, wenn wir mal zum Sport gehen und fremde Leute mit unserem Buch trainieren sehen“, erzählt Dominik. Neben dem sportlichen Erfolg für die Athlet*innen erhoffen sich sein Partner und er natürlich auch einen finanziellen Erfolg: „Unsere Traumvorstellung ist auf jeden Fall, dass wir das Produkt am Markt etablieren können.“ Dazu wollen sie sich auch breiter aufstellen: Bücher für Trendsportarten wie Crossfit oder Triathlon sind bereits in der Planung. Dafür befinden sich die beiden in Gesprächen mit weiteren Athlet*innen.

Erweiterungen von Pommesbude bis Kinderspielplatz
Ein Wintertag, leichter Regen und ein trostloses Fußballspiel – eine etwas skurrile Ausgangssituation für die Gründeridee von Lars. Mit einem Freund an der Seitenlinie stellte er sich die Frage: Wie kann man solche Spiele spannender gestalten? Ihre Annahme: „Vielleicht würde man die Spieler mehr anfeuern und Spaß haben, wenn man sie in einem Managerspiel in seiner Mannschaft hat.“ Deswegen konzipierte er mit Freunden ein Online-Managerspiel für den Amateurfußball. Das Prinzip: Spieler aus Kreis- und Bezirksliga werden mit Noten bewertet, basierend auf echten Spieldaten. Es folgten „viele wilde Abende und Tage“ des Brainstormings und der Entwicklung. Die enorme Programmierarbeit übernahm ein befreundeter Entwickler.

Lars erzählt, wie aus der verrückten Idee am Ende eine echte Gründung geworden ist: „Anfangs war es eigentlich ein Spaßprojekt von uns. Dann hat das Ganze aber so einen medialen Lauf genommen, dass wir uns gedacht haben: Da besteht großes Interesse, vielleicht lohnt es sich, das ganze etwas professioneller aufzuziehen.“ Das Resultat ist ein komplettes Managerspiel namens Famos, dessen Funktionen „weit über die von Communio“ hinausgehen. So fließen die Zuschauer*innenzahlen mit ein, und auch die Erweiterung des Stadionumfelds soll möglich sein – von Pommesbude bis Kinderspielplatz.

Ein tolles Gefühl, wenn der Businessplan fertig ist
Der Weg zur Selbstständigkeit führte bei beiden Projekten, beim TrainingTracker und dem Fußball-Managerspiel, über die Uni Duisburg-Essen. Dominik, Richard und Lars haben an der Veranstaltung Orientierungskurs Unternehmertum des Projekts small business management, kurz sbm, teilgenommen. In dem Seminar lernen die etwa 45 Teilnehmenden sieben Monate lang jedes zweite bis dritte Wochenende alles über Gründungen, von der Rechtsform des Unternehmens über Patentrechte bis zu Marketing und schreiben parallel dazu den Businessplan für das eigene Unternehmen.

„Da haben wir echt alles mitbekommen, was wir für die Gründung benötigt haben. Das war eine supergroße Unterstützung bei unserem Weg, uns selbstständig zu machen“, schwärmt Dominik vom Kurs. Vor allem das Schreiben des Businessplans habe enorm geholfen: „Es ist echt ein tolles Gefühl, wenn der fertig ist, wenn man sich vor Augen hält, was man wirklich machen will, und man ein gemeinsames Verständnis dafür hat.“ Auf das Programm aufmerksam geworden ist Dominik durch sein Interesse für den neuen Master-Studiengang Innopreneurship, der seit dem Wintersemester 2016/2017 an der UDE gelehrt wird. Studiengangsmanagerin Michèle Kuschel legte ihm den sbm Kurs ans Herz – und Dominik schleppte Richard kurzerhand mit.

Lars hat den Master-Studiengang Innopreneurship bereits angefangen und ist inzwischen im dritten Semester. Auf den Studiengang stieß er durch seine Teilnahme an sbm. Zuvor studierte er BWL, ebenfalls an der UDE. Durch seine Bachelorarbeit bei Professor Volker Breithecker, der sbm bereits Ende der 90er Jahre zusammen mit Kolleg*innen entwickelte, stieß er schnell auf den Orientierungskurs Unternehmertum. Auch für ihn war die Teilnahme „ein voller Erfolg“, der durch den Gewinn des Businessplan-Wettbewerbs gekrönt wurde. Viel wichtiger sind für Lars jedoch die Kontakte, die er durch das sbm-Projekt knüpfen konnte: „Wir haben viele Leute kennengelernt, die total hilfsbereit waren, die uns weiterhin unterstützen und uns mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“ Workshops und Seminare werden bei den sbm-Kursen oft von externen Expert*innen gehalten. Für die Teilnehmenden sind das mitunter wichtige Anlaufstellen im späteren Gründungsprozess. „Das sind Kontakte, an die man sicher immer wenden kann“, so Lars.

„Wenig Zeit für Familie, kaum Wochenenden“

Der Orientierungskurs Unternehmertum ist dabei nur einer von vier

 

Kursen, erklärt Jennifer Raab, Projektkoordinatorin von sbm. Für Gründungsinteressierte wird neben dem Orientierungskurs der Intensivkurs Betriebliches Rechnungswesen, SBM goes Hightech und Unternehmensnachfolge angeboten. Raab organisiert und verwaltet das Angebot. Ihr ist es wichtig, mit den Kursen „möglichst vielen Personen eine Denkweise mitzugeben, mit der sie in der sich verändernden Arbeitswelt lernen, mit neuen Situationen umzugehen und entsprechend auch in einem unsicheren Umfeld reagieren zu können.“ Mit Risiken und Unsicherheiten umzugehen gehört auch für studentische Gründer*innen zum Alltag. Deswegen ist es Thomas Nußbruch auch wichtig, die angehenden Gründer*innen darauf hinzuweisen: „Natürlich gibt es manchmal auch Fälle, wo wir am Anfang sagen: ‚Studiere erst einmal lieber weiter.‘"

Manchmal bräuchten die Studierenden auch einfach mehr Zeit, um sich klar zu werden, wie genau die Umsetzung des eigenen Unternehmens realisierbar sei. Rausschmeißen tue man jedoch niemanden. Aber: „Wir zeigen den Leuten letztendlich ja auch die Risiken und Verpflichtungen auf, die sie eingehen. Da verstehen wir uns auch als Lotsen, sie nicht in den Ruin zu treiben.“ Aufgrund des Risikos sei es auch wichtig, dass der eigene Studienabschluss durch die Gründung nicht in Gefahr gerät.

Während für einige die Bachelorarbeit bereits wochenlanger Stress bedeutet, müssen die Gründer*innen also parallel dazu noch einiges an Zeit in das eigene Unternehmen investieren. Aber Nußbruch macht Mut: „Die Leute schaffen das. Das funktioniert, weil die Studierenden die Gründung in erster Linie für sich selbst machen.“ Viel Zeit für anderes bleibt dann meistens allerdings nicht mehr, so der Leiter des IDE: „Wenn jemand gründet, muss ihm klar sein, dass er in den ersten Jahren richtig reinhauen muss. Wenig Zeit für Familie, kaum Wochenenden.“

„Ich lege Studierenden auf jeden Fall ans Herz, es während des Studiums einfach zu versuchen.“

Richard und Dominik kennen dieses Gefühl nur zu gut. „Man muss gucken, wie man das zeitlich macht. Es bleibt schon weniger Zeit für andere Sachen – oder man spart am Schlaf. Aber es macht eben auch super viel Spaß“, beschreibt Richard das Abwägen zwischen Universität und Unternehmen. Dabei erlebt Dominik, dass beides manchmal gar nicht so leicht voneinander zu trennen ist: „Das verschmilzt alles. Man kann sich nie komplett auf die Uni fokussieren.

Aber wir versuchen es trotzdem irgendwie.“ Was den drei Gründern bei ihrem Zeitmanagement hilft: Unterstützung von Freund*innen, Familie und Arbeitskolleg*innen. „Da wir ein Team sind, kann man sich die Arbeit einteilen. Bisher haben wir das ganz gut unter einen Hut bekommen“, erzählt Lars. Auch Richard meint, dass „man mit allem klarkommt, wenn man sich gegenseitig unterstützt, Familie und Freunde hat.“

Ich hab‘ da eine Idee…

Bei Richard, Dominik und Lars ist aus dem, was am Anfang lediglich eine Überlegung war, bereits eine konkrete Unternehmung geworden. Wie der Weg von der Idee zum Unternehmen abläuft, skizziert Thomas Nußbruch: „Am Anfang führen wir erstmal ein Gespräch. Dabei schauen wir uns immer zwei Punkte an: Die Idee selbst, und die Person dahinter. Für uns ist wichtig zu sehen: Ist die Person überhaupt in der Lage, ein Unternehmen aufzubauen?“ Bei diesen ersten Gesprächen hat Nußbruch stets eine Checkliste dabei. Darauf stehen Fragen zur Geschäftsidee, Patentsituation, der Zielgruppe oder Gesellschafter*innenstruktur. Gerade letzteres sollte möglichst früh geklärt sein: „Man soll nicht glauben, nur weil man eine Kumpel-WG ist, die jahrelang miteinander Bier getrunken hat, dass das kein Problem sei. Wir haben eins gelernt: Bei Geld hört immer der Spaß auf.“

Für einige angehende Gründer*innen mache es zudem Sinn, sie mit Studierenden anderer Fachrichtungen zusammenzubringen, um eventuell fehlendes Know-How in einigen Bereichen ausgleichen können: Fähige Entwickler*innen treffen so auf markterfahrene Wirtschaftsstudierende. Auch hier versucht das IDE über verschiedene Foren Kontakte zu knüpfen.

Mut müsst ihr haben

Worin sich alle Gesprächspartner*innen einig sind: Das Studium ist nicht die schlechteste Zeit, um es mit der Selbstständigkeit einmal zu probieren. „Das Studium ist auch dafür da, Erfahrung zu sammeln und Sachen einfach auszutesten. Deswegen würde ich Studierenden auf jeden Fall ans Herz legen, es während des Studiums einfach zu versuchen. Zu schauen, ob es eine Option sein kann, die gefällt und Spaß macht“, meint beispielsweise Projektkoordinatorin Raab. Ein wichtiger Faktor sei sicherlich auch, dass der Großteil der Studierenden noch keine Familie gegründet habe, wodurch es privat weniger Verpflichtungen gebe. Deswegen sei, so IDE-Leiter Nußbruch, das Studium die „spannendste Zeit um das auszuprobieren.“

Natürlich gibt es keine Sicherheiten, dass sich das Abenteuer Unternehmensgründung am Ende als Erfolg herausstellt. Dominik, Richard und Lars haben sich von diesem Risiko nicht stoppen lassen. Ob man selbst den Schritt am Ende wagt, hängt natürlich auch von der eigenen Lebenssituation ab, weiß Lars: „Man darf nicht vergessen, dass nicht jeder in der Lage ist, sich die Zeit nehmen zu können, an einem Start-Up zu arbeiten. Bei mir zum Beispiel war es der Fall, dass ich die Unterstützung von meiner Familie hatte.“

Die Unterstützung kann dabei natürlich auch durch Teammitglieder kommen. Deswegen sei es wichtig, sich mit der eigenen Idee nicht im Keller zu verkriechen, sondern „offen mit seiner Idee umzugehen“ und die Augen nach Teammitgliedern offenzuhalten. Für Lars steht außer Frage, dass Gründen für ihn der richtige Schritt war: „Wenn man die Ressourcen aufbringen kann, eine gute Idee hat oder gerade entwickelt und dann noch mutig genug ist, das voranzutreiben, dann ist das eine super coole Chance, die man einfach nutzen sollte.“ Und auch Dominik ist der Überzeugung, dass es „im Studium keinen besseren Weg“ für ihn gab, „als selbst zu gründen.“

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