Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

„Seid keine misogynen Hundesöhne“

Veronika Kracher in der gelben Cafete am UDE-Campus in Essen.
[Foto: Dennis Pesch]

24.03.2020 14:57 - Erik Körner

Im Rahmen seines Schwerpunktartikels hat unser Redakteur Erik Körner mit der Journalistin Veronika Kracher über die Verantwortungslosigkeit von YouTubern, Ironie auf Imageboards, antifeministische Hetze und das Elitedenken einiger Gamer gesprochen.

ak[due]ll: PewDiePie hat den größten Gaming-Kanal auf YouTube. Er ist oft durch diskriminierende Äußerungen aufgefallen, wie jemanden während eines Spiels „versehentlich“ das N-Wort zu nennen. Wie gefährlich ist das bei einem Menschen mit dieser Reichweite?

Kracher: Es ist unfassbar unverantwortlich. Junge Männer sind am anfälligsten für autoritäres und faschistisches Denken. Die machen wiederum den Großteil seiner Fanbase aus. Sie sind in einem Alter, in dem eine politische Unkorrektheit und autoritäre Revolte gegen eine vermeintliche Diktatur der Political Correctness super interessant und anziehend erscheinen. Das ist ja auch etwas, wovon PewDiePie mit seinem Tänzeln um die Grenzüberschreitung profitiert. Er selbst begeht sie nur begrenzt. Dafür hat er aber Fans, die es für ihn tun. Allein, dass er eine große Geldsumme an die Anti-Defamation-League [Anm.d.Red.: Organisation, die sich gegen alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung einsetzt] gespendet hat und von seinen Fans genötigt wurde, die Summe zurückziehen, ist so bezeichnend. Und ich denke auch, dass das N-Wort zu benutzen eine rassistische Grenzüberschreitung ist. Jemand wie PewDiePie könnte auch einfach sagen: „Hey Kiddos, seid keine misogynen Hundesöhne.“ Aber das wird nicht gemacht, weil es witziger zu sein scheint, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeiten zu verbreiten.

ak[due]ll: Weshalb sind gerade junge Männer so anfällig dafür?

Kracher: Es gibt unterschiedliche Gründe. In der Adoleszenz ist man angreifbar, verletzlich und sucht eine eigene Identität. In patriarchal strukturierten Verhältnissen konstituiert sich diese männliche Identität am besten über die Abwertung des Wweiblichen. Gerade in männlichen Strukturen muss man sich gegenseitig beweisen und zeigen, dass man kein verweiblichtes Weichei ist. Ich denke auch, dass sich adoleszente Männlichkeit stark darüber konstituiert, dass man keine Ficks gibt. Dass man zeigt: Man ist ein ignoranter Badass, der sich nicht darum kümmern muss, dass andere leiden. Denn Empathie zu zeigen ist ein Zeichen von Schwäche. Ich finde, das wird in so einer männlichen Gamerszene und auch Imageboards wie 4Chan, die massiven Einfluss auf die Internetkultur haben, deutlich. Dieser Zynismus und diese Ironie sind die Abwehr von Empathie; man will nicht Schwäche und Leid zeigen. Diese Abwehr von allem Weiblichen ist etwas, das zu einer autoritären Charakterstruktur beiträgt – nämlich Härte, Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit.

ak[due]ll: Wie wichtig sind Zynismus und Ironie für Plattformen wie 4Chan?

Kracher: Zu diesem ganzen Chan-Board-Ding gehört ja dazu, mit dem eigenen Loser-Image zu spielen. Man spricht dort allerdings nie darüber, wie sehr man emotional darunter leidet. Incels sagen zum Beispiel: „Keinen Sex zu haben ist so schlimm, dass ich mich umbringen möchte.“ Woher aber das Leid kommt und wie es sich konkret äußert, wird abgespalten – zum Beispiel in Form von Ironie. Andererseits benutzen sie sie auch auf einer politischen Ebene, wie eben beim Spiel mit gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten. Ich denke auch, dass man sich selbst abhärten und verrohen muss, um permanent diese Feindlichkeiten zu reproduzieren, selbst wenn sie nur „ironisch“ gemeint sind. Da wird dann der Holocaust gerechtfertigt und drunter geschrieben: „Das ist ja nicht so gemeint“. Sie nutzen die Ironie um Dinge zu sagen, die man nicht sagen sollte – und sie genießen es. Es ist nicht mehr als die autoritäre Revolte von Jungs und Männern, die nicht über die Entwicklung eines fünfzehnjährigen Edgelords hinweggekommen sind.

Die bauen ihre komplette Identität darauf auf, Videospiele zu spielen. Und fühlen sich dann in ihrer Identität angegriffen, wenn jemand sagt: „Eure Spiele sind sexistisch.“

ak[due]ll: Plattformen wie 4Chan waren ein fruchtbarer Boden für die antifeministische Hetzkampagne Gamergate. Wie stehst du dazu?

Kracher: Gamergate war vor allem die Wut von Männern, dass Frauen in ihr Baumhaus mit einem „No Girls Allowed“-Schild an der Tür eingedrungen sind und gesagt haben: „Wir haben auch ein Recht, mitzureden.“ Die haben von sich behauptet, es gehe gar nicht darum, Vergewaltigungsdrohungen zu schicken oder Privatadressen von Leuten zu veröffentlichen, sondern um „Ethics in Gaming Journalism”. Wobei die ganze Debatte ja auf einen Racheakt vom Ex-Partner der Entwicklerin Zoë Quinn zurückgeht. Videospiele waren lange Zeit ein männliches Ding. Vor allem, weil Männer die Produktionsmittel besitzen und ihre männlichen Narrative bedient haben. Dadurch wurden wiederum lange Zeit männliche Fantasien bedient. Das hat die Medienkritikerin Anita Sarkeesian auch sehr gut in ihren Videos auf Feminist Frequency aufgearbeitet, wofür sie massiv angegriffen wurde. Man merkt bei Gamern relativ stark, dass sie sich heftig mit ihrer Subkultur identifizieren. Dass es überhaupt Leute gibt, die sich als „Gamer“ begreifen, weil sie täglich acht Stunden Red Dead Redemption 2 spielen, verstehe ich nicht. Ich meine, ich mache das auch. Aber ich käme nie auf die Idee, mich als Gamerin zu bezeichnen. Die bauen ihre komplette Identität darauf auf, Videospiele zu spielen. Und fühlen sich dann in ihrer Identität angegriffen, wenn jemand sagt: „Eure Spiele sind sexistisch.“ Daraus drehen sie dann: „Was? Das, was ich mag, ist sexistisch? Dann bin ich also schlecht?“

ak[due]ll: In einem Facebook-Post zum Joker-Film hast du Teile der Gamingcommunity beschrieben mit „Teil einer verschworenen Elite“, die sich „als Opfer einer gamerfeindlichen Gesellschaft inszenieren“. Woher denkst du, kommt diese Art zu denken?

Kracher: Ich kann das emotional überhaupt nicht nachvollziehen. Ich glaube, das ist die Kompensation einer narzisstischen Kränkung, weil man kein geiles Leben hat, weil einem Dinge fehlen. Ich weiß nicht, ob sie nur in der Vorstellung dieser Männer fehlen oder auch real. Ich habe zum Beispiel in einer ziemlich depressiven Phase meines Lebens lange ein Online-Rollenspiel gespielt; so acht Stunden täglich. Ich war wirklich gut. Das hat mir eine gewisse, wenn auch rückblickend leere Form von Bestätigung gegeben. Die Zeit, die ich mit Leuten im Teamspeak verbracht habe, hat keine Freundschaften ersetzt. Aber man hatte Leute, mit denen man reden konnte, und sei es nur über dieses Online-Rollenspiel. Ich bin generell Männern gegenüber skeptisch, die sich als Eliten oder Experten begreifen. Es ist eine Überhöhung der eigenen Person über andere. Und wenn man es permanent nötig hat, andere Leute als „Noobs“ zu deklarieren, sagt das, denke ich, mehr über einen selbst als über die vermeintlichen „Noobs“ aus.

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