Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Scheinbar unversehrt und dennoch krank

Illustration: Louisa Kron

Fotos: caro

10.06.2018 15:00 - Sarah Dannehl

Depressionen, Ängste, Zwänge oder auch Essstörungen. Immer mehr Menschen leiden an einer psychischen Erkrankung. Laut des Arztreports 2018 der Barmer Krankenkasse sind etwa 470.000 Studierende in Deutschland betroffen. Aus Scham und Antriebslosigkeit ziehen sich Betroffene zurück und versuchen ihre Krankheit zu verstecken. Die noch immer andauernde Stigmatisierung und der fehlende offene Umgang in der Gesellschaft führen zusätzlich zu Ausgrenzungen und fördern die Abwärtsspirale. Das Leben wird zunehmend eingeschränkt. Drei Studentinnen sprachen mit uns über ihre Krankheit und wie sich diese auf ihren Alltag auswirkt.

Wie in Trance öffnet Louisa* ihre Wohnungstür. Sie möchte in Tränen ausbrechen, vor Wut schreien. Sie möchte, dass es endlich aufhört. Ihre Gedanken überschlagen sich – was ist als Erstes zu tun? 15 Minuten zuvor wurde sie von einem Wohnungslosen angerempelt, der stark nach Urin roch. Sie zieht ihre Jacke aus und legt sie direkt in die Waschmaschine. Es folgen Pullover und Hose. Eigentlich müsste jetzt die Gefahr gebannt sein. Eigentlich. Aber eine Stimme in ihrem Kopf sagt ihr: Es reicht noch nicht, du bist dreckig, du könntest dich mit Krankheiten anstecken, du musst dich sauber machen. Also folgen auch die restlichen Kleidungsstücke. Louisa steigt in die Dusche und wäscht sich den Körper. Immer wieder greift sie zum Duschgel. Eine Stelle könnte sie womöglich noch vergessen, eine andere nicht gründlich genug gewaschen haben und vielleicht sitzen unter den Fingernägeln noch irgendwelche Keime. Erst als sie alle ihre Pflichten erledigt hat, stellt sich langsam Erleichterung ein. Nachdem sie mit Handschuhen die Waschmaschine inklusive Hygienespüler angestellt hat, kann sie sich endlich entspannt hinsetzen und durchatmen. Louisa leidet an einer Zwangsstörung – wie etwa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland.

Abwehr statt Diagnose

Lange will sich die Studentin das nicht eingestehen und versucht, alles herunterzuspielen. Bis ihre Hände bis zu den Unterarmen rot und rissig sind – vom vielen Händewaschen. Bis zu 20 Mal am Tag. Dass sie sich vor Wohnungslosen ekelt, tut ihr leid. Aber sie weiß sich nicht anders zu helfen. Die Angst ist zu groß. „Da heißt es dann ‚du oder ich’, in dieser Situation kann ich nicht auf beide Rücksicht nehmen“, sagt sie.

Zwänge können in verschiedensten Arten auftreten. Während der Kontroll- und Waschzwang auch in den Medien behandelt wird, sind Zwänge, die sich rein gedanklich abspielen, eher unbekannt. Gemeinsam haben sie, dass sie betroffene Personen massiv einschränken, indem diese bestimmte Handlungen oder Gedanken ständig wiederholen müssen. Dabei ist ihnen sogar meistens bewusst, dass sie sich irrational verhalten. Ihre innere Anspannung, Angst oder auch Ekel steigen aber so stark an, dass sie keine andere Möglichkeit sehen, als ihrem Zwang nachzugeben. Betroffene versuchen deshalb auch Situationen zu vermeiden, die Zwänge auslösen und laufen Gefahr, sich immer weiter zurückzuziehen. Häufig versuchen sie zudem, sich bei anderen rückzuversichern und binden auf diese Weise Außenstehende in ihre Zwänge mit ein. „Einerseits dachte ich, dass ich so Verantwortung abgeben könne, andererseits erhoffte ich mir, dass die Einschätzung der Situation durch andere mich beruhigen würde“, führt Louisa aus. „Und trotzdem konnte ich den Zwang nicht unterdrücken“. Bis Betroffene sich Hilfe suchen vergehen allerdings im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre.

Immer wieder dieselben Abläufe

Auch Lena* findet lange Zeit, dass sie sich eigentlich gar nicht so anders verhält als ihre Mitmenschen. „Dass man Dinge tut wie Türklinken und Lichtschalter in bestimmten Reihenfolgen zu berühren – da habe ich natürlich realisiert, dass das wahrscheinlich nicht jeder in dem Ausmaß macht, aber ich dachte bis zu einem gewissen Grad wäre das normal“, erklärt sie. Ihre Kontrollzwänge äußern sich in einstudierten Ritualen: „Wenn ich längere Zeit aus dem Haus musste, habe ich vorher alles Mögliche kontrolliert. Immer wieder. Steckdosen und Elektrogeräte. Das hat dann irgendwann dazu geführt, dass ich meine Sachen wie etwa mein Glätteisen und meinen Wasserkocher in die Mitte meines Zimmers gelegt habe, die Kabel nach vorne und es dann fotografiert habe.“ Anders schafft sie es nicht, das Haus zu verlassen. Und trotzdem plagt sie an der Bushaltestelle angekommen der Gedanke, ob auch wirklich alles ausgeschaltet ist. Obwohl ihr klar ist, dass sie die Antwort eigentlich genau kennt. „Dann musste ich diese Kontrollrituale rechtzeitig anfangen, damit ich noch meinen Bus, Zug oder sonst was bekommen konnte. Wenn es gut war, dauerte es so 15 Minuten, wenn es schlecht war auch mal eine Dreiviertelstunde.“ Verspätungen und verpasste Vorlesungen sind die Folge. Da sie in einer Wohngemeinschaft lebt, kontrolliert sie auch die Geräte in den Gemeinschaftsräumen, nur nicht in den privaten Zimmern ihrer Mitbewohner*innen. „Ich glaube, weil es dann nicht meine Schuld wäre, weil es dann nicht mehr mein Aufgabenbereich ist. Bei Elektrogeräten habe ich wirklich einfach Schiss, dass etwas abbrennt oder verbrennt und ich dann Schuld habe“, sagt Lena.

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Zusätzlich leidet sie während ihres Studiums an einer Depression. „Mir war nicht klar, dass es nicht normal ist, die ganze Nacht wach zu sein, weil man nicht ins Bett gehen will, weil man weiß, dass man dann wieder aufstehen muss und dann wieder so ein blöder Tag anfängt.“ Stattdessen argumentiert sie, sie sei eine Nachteule. „Und das mag vielleicht auch sein, aber nicht in dem extremen Ausmaß. Und nicht mit der Begründung.“ In Extremphasen bleibt sie bis morgens um sieben Uhr wach und schläft bis in den Nachmittag hinein. „Ich hatte so minimalistische Routinen von wegen frühstücken, pro forma einmal kurz rausgehen, damit man sich einreden kann, man hat den Tag nicht komplett verschwendet und dann habe ich letztendlich die Zeit eigentlich mit dem Internet vertüddelt“, erklärt die Studentin weiter.

Dass Depressionen in der Gesellschaft meistens mit Traurigkeit gleichgesetzt werden, kann Lena nicht verstehen. „Tatsächlich wäre ich ganz oft froh gewesen, wenn ich hätte weinen können, aber es ging nicht, weil einfach nichts da war. Das war einfach, als hätte einer sehr langsam und sehr ausdauernd mit einem Ziegelstein auf mich eingeschlagen und alles wäre taub.“ Laut Weltgesundheitsorganisation sind 5,2 Prozent der deutschen Bevölkerung von Depressionen betroffen.

Sich nur noch verkriechen wollen

Annika* weiß erst seit knapp einem Jahr, dass sie an einer Depression leidet. „Ich habe gemerkt, dass ich immer weniger schaffe, mich nicht mehr aufraffen kann und immer mehr Situationen gemieden habe, die stressig waren und wo die Gefahr zu versagen da war.“ Die Krankheit habe sich über mehrere Jahre hin entwickelt. „Es war leider eine Abwärtsspirale aus Angst zu scheitern, Vermeidung und dem daraus resultierenden Gefühl zu versagen. Von außen betrachtet habe ich mich verkrochen und bin nicht mehr aus dem Haus gegangen“, erklärt sie weiter.

Gute Tage seien eher eine Seltenheit, aber dann sei sie aktiv, gehe in die Universität, und könne lernen und arbeiten. An schlechten Tagen möchte sie sich lieber in ihrem Bett verkriechen. Sie versuche jede Situation zu vermeiden, in der es möglich wäre, zu versagen. An diese Tagen schaffe sie es daher nur durch feste Termine aus dem Haus. „Bei diesen neige ich dann dazu, mich selbst komplett zu verdrängen und einfach nur zu funktionieren. Und wenn es nicht geht, ziehe ich mich zurück, um meine ‚Schwäche’ nicht zu zeigen.“ Wieder zuhause angekommen verfällt sie zurück in die Routine, als wäre sie gar nicht erst vor die Tür getreten: „Ich liege im Bett und lenke mich ab. Meistens indem ich Serien schaue, alles was mich berieselt und meine Aufmerksamkeit nicht zu mir lässt.“

Wenn das Studium hinten rüber fällt

Bei allen drei Studentinnen haben sich die gesundheitlichen Probleme auf ihr Studium ausgewirkt. Versäumte Veranstaltungen, weil der Antrieb aufzustehen fehlt. Versäumte Veranstaltungen weil Rituale und Ängste verhindern, rechtzeitig aus dem Haus zu kommen. Versäumte Veranstaltungen, weil man sich gerade in einer Therapie befindet. Und wenn man doch in der Universität angekommen, fehlt womöglich die nötige Konzentration.

„Durch meine Erkrankung habe ich sehr starke Probleme im Studium“, sagt Annika, „Ich bin nicht mehr zu Vorlesungen gegangen, habe Übungen auf dem letzten Drücker abgeschrieben und Prüfungen aufgeschoben.“ Wenn sie sich doch zu einer Prüfung anmeldete, habe sie schlecht lernen können und unter Versagensängsten gelitten. Zum schlechten Gewissen gesellten sich dann noch Blackouts hinzu, die zu schlechten Noten führten. „Das hat die Spirale dann natürlich weiter abwärts getrieben. Da fällt die tagesklinische Behandlung von bis zu zwölf Wochen nicht mehr ins Gewicht“, meint die Studentin. Dennoch findet sie es nicht schlimm, dass sich ihr Studium verlängert. Das liege auch daran, dass sie sich mittlerweile bewusst ist, dass sie krank ist. „Dennoch gab es Probleme, wie zum Beispiel ein Prüfungsordnungswechsel, welcher zu mehr Prüfungen führt, die ich noch bestehen muss.“

Lena hat zu Beginn ihres Studiums mehrere Studiengänge abgebrochen. „Zu der Zeit bin ich einfach nicht aufgestanden“, erklärt sie nüchtern. Als sie dann später doch ihrem Studium nachgehen konnte, habe sie einerseits von vornherein keine frühen Veranstaltungen belegt oder sie konnte sich dazu zwingen, „raus zu gehen und mit anderen Menschen zu interagieren, um aus seiner eigenen Gehirnsuppe rauszukommen“. Und trotzdem: „Manchmal war es dann echt so, dass ich mich angezogen und fertig gemacht habe, mich auf mein Bett gesetzt habe, einfach nicht mehr aufstehen konnte und sitzen geblieben bin.“

In der Therapie

Das Vorurteil, faul zu sein, weil man morgens nicht aufstehen kann und/oder möchte, setzt Louisa zusätzlich zu. Aber sie möchte sich auch nicht ständig für alles rechtfertigen müssen. Das sei auf Dauer zermürbend. Auch sie braucht für ihr Studium länger als die angesetzte Regelstudienzeit. Als sie sich für eine stationäre Therapie entscheidet, kann sie diese zwar weitestgehend in die vorlesungsfreie Zeit legen, das sei aber auch viel Glück gewesen. „Hätte ich keine private Zusatzversicherung für Krankenhausaufenthalte, dann hätte ich über ein Jahr auf einen Platz warten müssen. So konnte ich innerhalb weniger Monate mit der Behandlung beginnen“, sagt Louisa und kritisiert die Zwei-Klassen-Medizin. „Gerade in der psychotherapeutischen Versorgung besteht ein erhöhter Bedarf und alle Betroffenen sollten Hilfe in Anspruch nehmen können“.

Vor Ort habe ihr Programm vor allem aus Einzelgesprächen, Gruppentherapie und Sport bestanden. In krankheitsspezifischen Gruppen sei man zusätzlich über Ursachen, Hintergründe und Therapieansätze informiert worden. „Für mich war es auch einfach beruhigend zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Dass es auch anderen so geht“, sagt die Studentin.

Der Angst ins Auge blicken

Während ihres Aufenthalts in der Klinik lernt Louisa außerdem, sich ihren Zwängen entgegenzustellen. Durch Expositionsübungen setzt sie sich nicht nur bewusst ihren Ängsten aus, sondern steigert sich in ihre Zwangsgedanken und Befürchtungen hinein. Es sei wichtig, dass sie dabei nicht versucht, sich selbst zu beruhigen. „Es ist ein beschissenes Gefühl, wenn du dich selbst so deiner Angst auslieferst. Fast schon masochistisch. Aber nach einer Zeit merkst du plötzlich, dass alle Symptome wie beispielsweise Zittern, schnelles Atmen oder ein erhöhter Puls abnehmen und deine Angst immer weiter abflacht.“ Sie selbst habe das nicht für möglich gehalten, aber genauso habe sie gelernt, mit der Angst umzugehen. Im Nachhinein habe sie immer wieder gemerkt, dass alles gar nicht so schlimm war, wie befürchtet.

Wo erhalte ich Hilfe?

  1. Telefonseelsorge: rund um die Uhr, deutschlandweit, anonym,
    unter 0800 111-0-111 oder 0800 111-0-222

  2. Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein: Suchportal für Psychotherapeut*innen

  3. Deutsche PsychotherapeutenVereinigung e. V.: Suchportal

  4. Frauenberatung und Psychotherapie Distel e. V., Essen

  5. Selbsthilfegruppen in NRW

  6. Selbsthilfegruppen in Essen

  7. Selbsthilfegruppen in Duisburg

Annika ist aktuell in einer Tagesklinik, ein Mittelweg zwischen ambulanter und stationärer Therapie. Tagsüber ist sie vor Ort in Behandlung, schläft aber weiterhin in ihrem Zuhause. In der Therapie lerne sie sehr viel dazu, auch wenn sie für sich noch nicht die richtige Methode gefunden hat. Dennoch helfe es ihr zumindest schon mal, sich bewusst zu machen, dass sie krank ist. „So rutsche ich nicht weiter ab, aber dadurch schaffe ich es noch nicht, mich selbst zu ändern“, sagt sie. Ähnlich wie Louisa bei ihren Expositionsübungen soll auch Annika sich aktuell „bewusst in Situationen mit kleiner Angst bringen, um mich dann immer weiter hoch zu arbeiten, bis mich die Angst zu versagen nicht mehr lähmt.“ Den Unterschied zwischen Tagesklinik und ambulanter Therapie, die sie im Anschluss fortführen wird, macht auch für Annika die Kombination mehrerer Ansätze aus. Zudem sei alles intensiver. Zwar könne sie so momentan nicht am Unialltag teilnehmen, der Aufenthalt in der Klinik lasse sich aber insofern integrieren, als dass sie wieder einen geregelten Tagesablauf bekommen hat. „Ich will diesen Tagesablauf nach der Klinik auf die Uni übertragen, um mich nicht wieder zu verkriechen.“ Zusätzlich sei sie nun auch am späten Nachmittag wieder aktiver unterwegs.

Chemische Hilfe

Als sie sich noch in stationärer Behandlung befand, legte man Louisa nahe, ein Antidepressivum einzunehmen. „Anfangs hat mir das wirklich Angst gemacht, obwohl man mir zig mal versicherte, dass das Medikament nicht abhängig macht“, beschreibt die Studentin den Moment, als sie das Angebot ausschlägt. „Da ich hormonell verhütete, kam zudem hinzu, dass Antidepressiva den Verhütungsschutz beeinflussen können.“ Für die junge Frau zu dem Zeitpunkt keine Option.

Eine medikamentöse Behandlung soll dazu dienen, den Stoffwechsel der Botenstoffe im Gehirn wieder in ein Gleichgewicht zu bringen. Durch Medikamente wie beispielsweise Citalopram, das neben Depressionen unter anderem auch bei Zwangsstörungen eingesetzt wird, soll der Serotonin-Spiegel wieder erhöht werden und sich so positiv auf die Stimmung auswirken. Während dies für viele Betroffene als parallel unterstützende Therapieform Anwendung findet, sind andere erst dadurch in der Lage überhaupt eine Psychotherapie zu beginnen.

Als Lena vor der Wahl stand, fand sie das Ganze erstmal seltsam. „Ich dachte immer, das bekommen nur die, die richtig richtig krank sind. Aber vielleicht war der Gedanke auch ein bisschen erleichternd, weil ich das Gefühl hatte, ich bin nicht mehr alleine dafür verantwortlich, dass ich Kontrolle erlange, sondern ich kriege chemische Hilfe“, sagt sie. „Und dann war es super gruselig, weil ich mega Angst hatte, das Zeug einzunehmen, weil die Nebenwirkungsliste von hier bis nach Moskau reicht.“ Trotzdem entscheiden sich beide Frauen letztendlich für die medikamentöse Unterstützung.

Vorurteil: Abhängigkeit

In punkto Antidepressiva stehen auch immer noch Vorurteile im Raum. Neben der Abhängigkeit glauben manche, man verändere sich und werde ein ganz anderer Mensch. Da kann Lena nur mit dem Kopf schütteln. „Man kann das ja auch mal ein oder zwei Tage vergessen und es passiert nichts. Natürlich, wenn man es abrupt absetzt, dann reagiert der Körper erst einmal darauf, weil er einfach daran gewöhnt ist. Aber das wird wahrscheinlich bei jedem Medikament sein.“ Tatsächlich wird vor eigenmächtigem Absetzen der Medikamente gewarnt. „Aber ich habe jetzt kein Verlangen nach dem Medikament und muss auch nicht meine Dosis ständig erhöhen“, sagt die Studentin.

Ein komplett anderer Mensch sei sie dadurch auch nicht geworden. „Ich habe eher das Gefühl, als wäre ich mein ganzes Leben mit Sonnenbrille durch die Gegend gelaufen und irgendwann hätte ich sie dann abgesetzt und hätte mir gedacht: 'Oh Alter, krass!'“

Genauso sieht es Louisa, die aber betont, dass das nicht hieße, man solle einfach alles frei nach Laune einnehmen. „Natürlich ist auch hier ein verantwortlicher Umgang zwingend erforderlich. Es wird ja auch nicht allen psychisch Kranken etwas verschrieben“, sagt sie. Schlechte Erfahrungen musste sie aber bereits in Arztpraxen machen, als sie angab, das Medikament einzunehmen und in dem Moment nicht mehr ernst genommen wurde. „Plötzlich hieß es nur noch, ‚Ja, das hat mit Ihrem Kopf zu tun, Sie bilden sich das nur ein’“, so die Studentin. Erst durch eine Zweitmeinung konnte man ihr weiterhelfen. „Mittlerweile gebe ich entweder nicht mehr an, dass ich ein Medikament einnehme, oder ich erwähne es erst, wenn ich Vertrauen zum Arzt aufgebaut habe.“

In den Medien

Aber auch in den Medien wird die Stigmatisierung vorangetrieben. Während in Kriminalserien gerne mal eine Zwangserkrankung als Ausschmückung des*r Psychopath*in dient, wird in Komödien wie Vincent will Meer die Krankheit ins Lächerliche gezogen. „Ich finde, grundsätzlich darf man sich über alles lustig machen, wenn man es richtig macht“, meint Lena. „Es ist schwierig. Ich kann schon verstehen, dass da ein komödiantischer Aspekt dahinter steht, ich sehe das ja auch, aber man darf es vielleicht nicht darauf reduzieren.“ Louisa kann auch gut über ihre Zwänge lachen, wenn sie mit anderen Betroffenen darüber spricht. Auch über den Film kann sie lachen. „Mich stört es aber, wenn es Leute tun, die keine Ahnung haben, worum es dabei geht. Dass Betroffene wirklich leiden und es absolut keinen Spaß macht“, erklärt sie. „Die sagen dann ‚Oh Gott, was für ein Freak’, und du wirst wieder abgestempelt.“

Die von Netflix produzierte Serie Tote Mädchen lügen nicht (13 Reasons Why) will hingegen aufklären, wurde allerdings nach der ersten Staffel scharf kritisiert. Der Vorwurf: Betroffene könnten durch die Serie getriggert werden und unter anderem durch die Darstellung des Suizids der Hauptfigur zur Nachahmung animiert werden. Lena stört sich aber vor allem daran, „dass nicht einmal irgendeine psychische Erkrankung auch nur in einem Nebensatz erwähnt wird“. Es würde nie gesagt, dass die Hauptfigur vielleicht depressiv ist. „Sondern: Die hat sich einfach umgebracht. Zack.“ Dabei ist die Motivation der Serie zunächst lobenswert.

Im Umgang mit Freunden

Auch im Freundeskreis verheimlichen viele Menschen ihre Diagnose. In der Vergangenheit fielen Annika Treffen mit ihren Freund*innen schwer. „Ich hatte dann immer Angst, meine Maske zu verlieren und damit alle herunterzuziehen und im Endeffekt dann alle zu verlieren“, gibt sie an. Aber auch ihre Kommunikation habe sich verändert: „Smalltalk und ein vorgetäuschtes Interesse gibt es nicht. Allein schon die Frage ‚Hey, wie geht’s?’ finde ich schrecklich, da ich mich für die Antwort einmal um 180 Grad verdrehen muss.“ Annika versuche jetzt ihre Depression zwar nicht zu verstecken, da es sich um eine Krankheit wie jede andere handelt und keine Schwäche ist. „Das ist aber etwas, was ich mir immer noch selbst sagen muss. Ich schreie es nicht raus, es kommt halt darauf an, ob es relevant ist.“ Nur ausgewählten Personen, die ihr sehr wichtig sind, hat sie sich deshalb anvertraut. „Ich bin sehr dankbar, dass die erste Frage immer war, ob sie mir irgendwie helfen können“, erklärt die Studentin und ist froh, dass sie trotzdem nicht plötzlich anders behandelt wurde.

Lena hat sich ebenfalls schwer getan, offen über ihre Probleme zu sprechen. „Weil ich glaube, ich muss alles selbst bewältigen können und weil ich zu Beginn noch dachte, das ist doch nicht so schlimm, jetzt reiß dich mal zusammen, das ist doch kein Drama, du funktionierst ja noch, du stehst ja noch nicht auf dem Hausdach und willst runterspringen.“ Abgesehen davon habe sie es auch als eine Art Schwäche gesehen, offen zu sagen, dass es einem nicht gut gehe. „Ich glaube wir leben in einer extremen Leistungsgesellschaft, in der Nichtfunktionieren einfach keine Option ist“, erklärt sie ihre Gedanken. Sie habe auch nicht gewollt, mit einem Mal mit Samthandschuhen angefasst zu werden.

Schlechtes Gewissen gegenüber der Familie

Neben den Ängsten plagen Louisa vor allem auch Schuldgefühle gegenüber ihrer Familie. „Ich habe das Gefühl, ich bereite meinen Eltern mein Leben lang nur Kummer und Sorgen“, gibt die Studentin zu. Manchmal denke sie, dass alle nur noch genervt von ihr und wütend auf sie sind. „Ich verstehe auch, dass das für meine Familie genauso schwierig ist – auf eine andere Art, aber nicht weniger schwierig“, sagt sie. Wenn sie mit einem Familienmitglied zusammen in eine für sie zwangsauslösende Situation geriet, war ihr innerer Druck so stark, dass sie auch die andere Person beispielsweise zum Händewaschen überredet hat. „Das ist natürlich extrem und in dem Moment für niemanden angenehm und führt zu weiteren Gewissenskonflikten“, reflektiert sie. Durch die Therapie konnte sie dieses Problem aber weitestgehend lösen.

Die Studentin sei sich zwar im Klaren darüber, dass ihre Familie sie niemals im Stich lassen würde und immer für sie da sei. Wenn es ihr richtig schlecht gehe, fühle sie sich trotzdem wie eine einzige Enttäuschung. Ein Gefühl, das auch Lena kennt: „Seinen Eltern auf der Tasche zu liegen, weil man einfach nicht zu Potte kommt, ist schon scheiße.“ Mit ihrem Vater hatte sie in der Zeit der Studienabbrüche deshalb ein paar Schwierigkeiten, während sich ihre Mutter immer verständnisvoll gezeigt habe. Mit der Zeit habe sich aber auch das Verhältnis dahingehend verbessert, dass man sie als Erwachsene wahrgenommen habe.


*Namen von der Redaktion geändert
 

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