Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Renaturierung im Ruhrgebiet: „Die Emscher hat eine Vorbildfunktion

Wie könnte die Emscher in Zukunft aussehen? [Symbolfoto: pixabay]

28.10.2020 16:06 - Laura Lindemann

Hin zu Grün und Artenvielfalt – das möchte das Ruhrgebiet mit der Renaturierung der Emscher erreichen. Seit rund 28 Jahren arbeitet der Wasserverband Emschergenossenschaft daran, den stinkenden Abwasserkanal wieder in einen natürlichen Fluss zu verwandeln. Redakteurin Laura Lindemann hat mit Wissenschaftler Prof. Dr. Daniel Hering für Aquatische Ökologie an der Universität Duisburg-Essen (UDE) über Chancen und Risiken solcher Renaturierungsmaßnahmen gesprochen. 

ak[due]ll: Was versteht man unter dem Begriff Renaturierung?
Prof. Dr. Daniel Hering:
Renaturierung bedeutet, ein Ökosystem in einen naturnäheren Zustand zu versetzen. Bei Gewässern geht das von der Wasserreinigung bis hin zur Neugestaltung des Gewässerbettes und der Entwicklung natürlicher Ufervegetation. Man kann aber auch andere Ökosysteme renaturieren. Beispielsweise Wälder, in denen man naturnähere Zusammensetzungen von Baumarten ermöglicht, oder ehemalige Moore, die man wieder vernässt. Aber Renaturierung betrifft auch urbane Ökosysteme, indem man zum Beispiel Parkanlagen seltener mäht und auf Teilbereichen des Parks hochgewachsene artenreiche Wiesen entstehen lässt. Die Schaffung von neuen Biotopen, wie Dachbegrünung, fällt im weitesten Sinne auch darunter. 

ak[due]ll: Warum ist eine so eine Renaturierung gerade im Ruhrgebiet wichtig?

Hering: Das Ruhrgebiet ist besonders stark besiedelt und hat dazu noch eine lange Industrie-Historie. Deshalb ist es wichtig, hier stark zu durchgrünen. Zum Beispiel haben Grünflächen in der Stadt eine kühlende Wirkung, die bei den heißen Sommern von Vorteil sind. Sehr charakteristisch für das Ruhrgebiet sind die alten Industriebrachen, wie alte Zechen- oder Stahlwerksgelände, auf denen spontane Vegetation entstanden ist. Die berühmten Beispiele sind rund um die Zeche Zollverein in Essen oder der Landschaftspark Duisburg Nord. Dort gibt es viele Pflanzen- und Tierarten, die es in dieser Zusammensetzung sonst nirgendwo gibt. Es ist wichtig, dass man diese Brachen offen hält, damit die Tier- und Pflanzenwelt erhalten bleibt.

ak[due]ll: Gibt es Ökosysteme, die in den Industrie-Metropolen besonders gefährdet sind?

Hering: Durch die starke Besiedlung und der Industrievergangenheit sind die Gewässer im Ruhrgebiet mit am stärksten beeinträchtigt. Das betrifft vor allem die Emscher, denn die war lange Zeit ein Abwasser führender Fluss. Vor über 100 Jahren wurde sie als offener Abwassersammler aufgebaut, mit dem Ziel, das Abwasser von mehr als zwei Millionen Menschen abzutransportieren. Vor etwa 28 Jahren hat man sich entschieden, die offenen Abwassersammler wieder in einen halbwegs naturnahen Fluss umzufunktionieren. Das betrifft nicht nur die Emscher selbst, sondern auch die Nebenbäche.

Interview Renaturierung.jpg
Prof. Dr. Daniel Hering
[Foto: privat]

 

ak[due]ll: Wie sah die Emscher vor der Renaturierung aus und was hat sich bereits verändert?

Hering: Ich würde sagen, dass in der Emscher vor der Renaturierung eine reiche Bakterienfauna lebte,  aber das war´s dann auch an Leben. Das war kein Gewässer, sondern ein Abwasserkanal. An vielen Stellen wurde die Emscher auch abgesperrt, weil es gefährlich war, überhaupt in die Nähe dieses Gewässers zu kommen. Aufgrund des schlechten Geruchs und der Ästhetik gab es dann im Ruhrgebiet einen Konsens, dass sich da etwas ändern muss. Zuerst hat man große Zentralkläranlagen gebaut, da ist der Großteil des Geldes reingeflossen. Im zweiten Schritt hat man unterirdische Abwassersammler verlegt. In diese Rohre wird das Abwasser jetzt ab- und den Kläranlagen zugeleitet.

Im Gewässer selbst verbleibt dann nur noch das natürliche Quellwasser. Auch das Gerinne des Flusses wird neu gestaltet. So werden alte Betonrinnen der Emscher entnommen, damit diese wieder naturnah gestaltet werden kann. Diese Renaturierung wirkt sich auf verschiedene Bereiche positiv aus: Auf das direkte Wohnumfeld aber auch auf die gesamte Gegend als Erholungsgebiet. Vor allem aber ist für die Biodiversität eine Menge getan. Das betrifft größtenteils Insekten, Kleintiere und Fische. In der Emscher lebt beispielsweise die Emschergroppe. Von der Fischart gab es vor der Renaturierung nur noch kleine Restpopulationen. Es ist schön zu sehen, wie diese sich jetzt immer weiter ausbreitet. 

ak[due]ll: Kann das Emscher-Projekt ein Vorbild für andere Städte sein?

Hering: Die Emscher ist ein extremes Beispiel, weil sie so stark degradiert war. In Deutschland gibt es kaum andere Gewässer, bei denen oberirdisch Abwasser abgeführt wird. Das ist eine Besonderheit des Ruhrgebiets. Dennoch ist das Projekt ein Vorbild, weil das Ganze in gemeinschaftlicher Aktion der Emschergenossenschaft und damit der Kommunen und vieler Betriebe des Ruhrgebietes und der Bürger durchgeführt wurde und ökologisch sehr viel gebracht hat. Wenn man allerdings aus Deutschland hinausschaut, gibt es in vielen anderen Ländern, von der Ukraine bis hin zu Brasilien, viele Einzugsgebiete, in denen Abwasser oberirdisch abgeführt wird. Dafür dient die Emscher als Vorbild, weil sie zeigt, dass selbst extrem degradierte Flüsse renaturiert werden können. 

ak[due]ll: Das klingt alles nach guten Möglichkeiten, mehr Grün und Biodiversität in die Ruhrgebietsstädte zu bekommen. Aber steigen die Preise der Grundstücke, die in der Nähe eines solchen Gebiets stehen, nicht in die Höhe und werden für Anwohner:innen unbezahlbar?

Hering: Es gibt ein paar Maßnahmen zur Renaturierung, die genau diese Wirkung hatten. Ein Beispiel ist der Phoenix-See in Dortmund. Dieser war zuvor eine alte Stahlwerksbrache, die dann zu einem innerstädtischen See umfunktioniert wurde. Das ist natürlich eine wunderschöne Maßnahme, da Dortmund nun ein innerstädtisches Erholungszentrum hat, aber das hatte zur Folge, dass die Grundstückspreise rings um den See explodiert sind. Auch die Grundstücke, die in der Nähe der Emscher liegen, werden nach der Renaturierung attraktiver und längerfristig vermutlich auch teurer.

Ein übergeordnetes und wichtiges Ziel ist deshalb, allen Menschen Zugang zu Grün zu ermöglichen und auch Kindern ein Erlebnis von Biodiversität zu gewähren. Man spricht hier von der sogenannten Umweltgerechtigkeit. Gerade im Ruhrgebiet ist es wichtig, etwas gegen soziale Ungleichheit zu tun. Es sollte niedrigschwellige Möglichkeiten für ein attraktiveres Wohnumfeld geben. Ich glaube, wenn Renaturierung verteilt über viele Bereiche simultan geschieht, dann muss das nicht zwingend dazu führen, dass die Preise flächendeckend hochgehen.

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