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SCHWERPUNKT

Reisen für die Queer-Community im Jahr 2021

Bevor es überhaupt in den Flieger geht, müssen queere Personen ihre Reise sehr gut planen. [Foto: pixabay]
07.08.2021 13:59 - Canberk Köktürk

Die LGBTQIA+Community bekommt mehr Raum in unserer Öffentlichkeit. Dadurch kann sie auf die Probleme, Diskriminierung und Gewalt, die sie seit Jahren erlebt, aufmerksam machen. Allerdings können queere Menschen nicht auf der ganzen Welt ihre Liebe und Persönlichkeit frei entfalten. Das müssen sie auch bei den Reise-und Urlaubsplanungen bedenken.

Sarah und ihre Freundin Kokebnesh sind seit fünf Jahren ein Paar und müssen sich ihre Reiseziele genau aussuchen: „Da Homosexualität in vielen Ländern weiterhin illegal ist oder verachtet wird, können wir einige Urlaubsziele nicht einfach unbeschwert buchen, weil das sonst ziemlich gefährlich werden könnte.“ Anfeindungen und Angriffe aus der Bevölkerung oder sogar strafrechtliche Verfolgung sind in manchen Ländern an der Tagesordnung. 

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Laut dem Lesben und Schwulenverband wird in 69 Staaten gleichgeschlechtliche Sexualität noch strafrechtlich verfolgt. In den von Karel genannten Ländern sogar mit der Todesstrafe bedroht. Mehr Infos findet ihr hier.

Bei bekannten Reisezielen wie London oder Paris machen sich beide weniger Sorgen. Bei Regionen oder Ländern, die sie noch gar nicht kennen, sieht es anders aus. „Wir recherchieren, wie es nur geht! Ein klares Bild von der Situation machen, Regeln und Gesetze herausfinden. Am liebsten vernetzen wir uns auch mit anderen Menschen aus der LGBTQIA+ Community, vor allem über Instagram“, erklärt Sarah ihre Planungen genauer. „Es gibt unzählige Accounts von Leuten und Paaren aus der Community, die ihre Reisen festhalten und über Dos und Don’ts berichten.“

Auch in ihrem Umfeld gab es auf ihre Reiseplanungen überraschte Reaktionen „Oh wow, darüber habe ich mir ja noch nie Gedanken gemacht“, hieß es oft aus unserem Freundes- und Familienkreis, wenn wir von unseren Ausschlusskriterien für einen Reiseort erzählt haben“, berichtet das Paar. Dank der guten Vorbereitungen hätten Sarah und Kokebnesh glücklicherweise noch keine sehr schlimmen Erfahrungen gemacht. „Uns wurde schon dumm hinterhergerufen oder wir wurden angestarrt, was natürlich unangenehm ist, aber auf alle Fälle aushaltbar.“

Schöne Begegnungen und Einschränkungen

In größeren Städten hatten beide eher schöne Begegnungen. Als sie in Paris einen gemeinsamen Moment mit ihrer Polaroid-Kamera festhalten wollten, suchten sie nach einer Person, die das Foto für sie macht. Man könne sich als gleichgeschlechtliches Paar nie sicher sein, wie Fremde reagieren, wenn man sich für ein Foto innig umarmt und sich verliebt anschaut, erklären beide. „Aber die Frau, der wir unsere Kamera anvertraut hatten, zeigte die süßeste Reaktion. Nachdem sie unser Foto machte, sagte sie zu uns: „Oh you guys are such a beautiful couple.“

Bei anderen Reiseorten kommt es für Sarah und Kokebnesh zu Einschränkungen. „Wir hätten schon die Möglichkeit, zu meiner Familie nach Äthiopien zu reisen, da wir uns bei ihnen sicher und willkommen fühlen. Die allgemeine Gesetzeslage ist aber weiterhin sehr queerfeindlich“, bedauert Kokebnesh. „Ganz zu schweigen davon, dass wir uns auf keinen Fall außerhalb des geschützten Raumes meiner Familie als Paar zeigen dürfen und wenn wir Urlaub machen, möchten wir die Zeit als Paar genießen können.“

Reiseauskunft für Frauen und LGBTQIA+ Community

Bei der Auswahl von Reisezielen könnte die Plattform Greether helfen. Die Plattform launcht Ende des Jahres, gibt aber jetzt schon mit der Hilfe ihres weltweiten Netzwerks Auskunft über sichere Reiseziele für Frauen. Mit Greether kann man lokale Personen engagieren, die helfen, sich vor Ort zurechtzufinden. „Wir haben Greether gegründet, um Frauen dabei zu helfen, die Welt sicher zu erkunden und ihnen gleichzeitig eine großartige Erfahrung zu bieten, und das schließt alle ein, die sich als weiblich identifizieren“, erklärt Vanessa Karel, CEO und Gründerin von Greether. 

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In Paris haben Sarah und Kokebnesh gute Erfahrungen gemacht.
[Foto: pixabay]

 

„Wir glauben, dass wir durch unsere Plattform dazu beitragen werden, einige Reiseziele zugänglicher zu machen, da wir weiblichen Reisenden eine Möglichkeit geben, sich mit einer vertrauenswürdigen weiblichen Einheimischen zu verbinden, wo auch immer sie hingehen“, so Karel weiter. Greether habe auch Anfragen von queeren Mitgliedern erhalten, die sich wünschen, an Orte zu reisen, die sie als queerunfreundlich bezeichnen: „Queer-Paare sind Teil der Tourismuswirtschaft. Es ist unsere Verantwortung als Reiseunternehmen, sie in unsere Zielgruppe einzubeziehen, ihnen Wege zu ebnen, damit sie weitergehen können als bisher.“

Welche Reiseziele sind sicher?

„Wenn es um die Sicherheit für queere Reisende geht, sind die skandinavischen und viele andere europäische Länder eine gute Wahl“, ist sich Karel sicher. Schweden sei dabei Vorreiter: „Aus Gesprächen mit einigen unserer Reisenden wissen wir, dass sie gute Erfahrungen gemacht haben, auch an Zielen, die als unsicher für sie gebrandmarkt sind, wie beispielsweise Jamaika.“ Greether rät dringend davon ab, in Länder zu reisen, die gegen die queere Gemeinschaft sind. „Orte wie Jemen, Nigeria, Katar und Saudi-Arabien, haben noch einen langen Weg vor sich, damit sich dort alle willkommen fühlen“, meint die Unternehmerin.

Queere Reisende sollten nach Greether recherchieren, sich mit Einheimischen verbinden, und immer jemandem sagen, wo sie sich aufhalten. Vorteilhaft sei auch, die Normen des Zielorts im Voraus kennenzulernen. „Wenn queere Personen auf Reisen sind, wird es Zeiten geben, in denen sie Dinge schockieren werden. Dinge, mit denen sie nicht einverstanden sind. Orte mit einem offenen Geist, sind bessere Reiseziele“, empfiehlt Karel.

Ist Deutschland ein sicheres Reiseziel?

Auch Deutschland könnte ein Urlaubsort für queere Personen aus aller Welt sein. Insgesamt wurden in Deutschland im Jahr 2020 782 Straftaten von Hasskriminalität gegen LGBTQIA+ registriert, darunter 154 Gewalttaten, davon 144 Körperverletzungen. Das ist ein Anstieg von 36 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahlen wurden im Mai diesen Jahres vom Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat veröffentlicht. Queerfeindlichkeit ist also in Deutschland ebenfalls ein Problem. Auch wenn es keine Gesetze gegen das Ausleben der Sexualität oder sexuellen Identität in Deutschland gibt, gibt es nach  Kokebnesh und Sarah neben den gehäuften Straftaten gegen queere Personen, weitere Baustellen in ihrer Heimat: „Deutschland bewegt sich in eine gute Richtung, aber vor allem was die Familienplanung, das Adoptionsrecht und besonders die Rechte von Transgender und nicht-binären Personen angeht, hat unser Land noch einiges zu tun!“

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