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SCHWERPUNKT

Rage Against die Böhsen Onkelz

03.09.2018 11:05 - Julia Segantini

Seite 1: Anti-Flag. Seite 2: Frei.Wild. Beide Bands im selben Magazin zu finden, kann irritierend sein, sprechen sie doch eigentlich zwei grundverschiedene Lager an – sowohl musikalisch als auch ideologisch. Wie kritisch setzen sich Musikmagazine mit den Gegenständen ihrer Berichterstattung auseinander? Wir haben dazu Joachim Hiller, Chefredakteur vom Ox-Fanzine, und Alexandra Michels, Redakteurin beim Rock Hard Megazine, befragt.

2016 gewannen Frei.Wild einen Echo. Zwei Jahre zuvor sagten sie ihre Teilnahme an der Veranstaltung ab, da ihre Nominierung 2013 einen Shitstorm ausgelöst hatte. Auch er habe den Vorfall kritisch thematisiert, sagt Ox-Chefredakteur Joachim Hiller. Dafür habe er Kritik aus der Punk-Szene eingesteckt, es sei bemängelt worden, dass er dem Ganzen so eine Plattform gebe und sich an der weiteren Promotion der Band mitschuldig mache. „Das ist Quatsch, die Leser*innen können selber denken“, meint er.

Trotzdem blickt er kritisch auf die Thematisierung solcher Ereignisse.

Die Titelstory der vorletzten Visions-Ausgabe über den diesjährigen Echo-Eklat fand Hiller fehl am Platz.

„Eine eigene Berichterstattung dient auch dazu sich – positiv formuliert – zu positionieren und um es negativ auszudrücken – sich zu profilieren“, gibt er zu bedenken. Als Negativbeispiel nennt er die Titelstory der vorletzten Visions-Ausgabe über den diesjährigen Echo-Eklat. Das Indie-Magazin kritisierte die Rapper Farid Bang und Kollegah, beziehungsweise sexistischen und rassistischen Rap. Fehl am Platz, findet Hiller. „Was hat das in eurem Heft zu suchen? Ist nicht euer Metier, kreuzigt lieber den Blödmann von den Eagles Of Deathmetal. Bevor man jemand anderem in den Vorgarten pisst, sollte man sich erstmal selbst in den Vorgarten pissen“ , sagt er und verweist damit auf fehlende Kritik innerhalb der Rock-Szene.

Vergeblich sucht man nach kritischen Stimmen oft auch im Rock Hard. In der Juli Ausgabe werden der Hardrock-Band Rose Tattoo, beziehungsweise dessen Sänger Gary „Angry“ Anderson, zwölf Seiten gewidmet. Kritische Aspekte kommen dabei nicht zur Sprache. Dabei hätte es genügend Anlaufpunkte gegeben, wurde Anderson doch 2016 als Wahlkandidat der Australian Liberty Alliance für den Senat aufgestellt. Die Partei möchte unter anderem die „Islamisierung“ des Landes verhindern. Dies wird jedoch allenfalls oberflächlich behandelt, auf kritische Fragen verzichtet der Redakteur gänzlich. Auch auf Aussagen des Musikers, nach denen er kein Freund „dieser verdammten politischen Korrektheit“ sei und kritisiert, dass die Kinder in der Schule lernten, dass es „alle möglichen Formen von Geschlechtern, nicht nur Mann und Frau“ gebe, folgt kein Kommentar des Interviewenden. Stattdessen wechselt dieser zu harmloseren Fragen.

Dem Interview voran geht ein Artikel über die Bandgeschichte und Diskographie. Besprochen werden ihre Songs dort von einem männlichen Redakteur unter anderem mit den Worten: „Unsterbliche Straßenköter-Hymnen wie […] Rock’n’Roll Outlaw gehen unter dem inflationären Einsatz der Slide-Gitarre in die Gehörgänge wie ein mit Gleitcreme eingeschmierter Vibrator in die feuchte Muschi – und rütteln sie auch genauso heftig durch.“ Diese sexistische Wortwahl stellte für die – größtenteils männliche – Redaktion jedoch anscheinend kein Problem dar, denn eine kritische Redaktion hätte dies nicht zum Druck freigegeben. Fraglich bleibt deshalb, ob die von der Rock Hard-Redakteurin Alexandra Michels festgestellte Tendenz, nach der „viele Musiker in ihren Songtexten, Aussagen und Handlungen kritischer und politischer geworden sind und der Musikjournalismus somit zwingend ebenfalls kritischer werden musste” auch für das Rock Hard gilt.

Rock Hard und Metal Hammer geben den Ton an

Laut Hiller entstünden Artikel wie der über Anderson durch eine „‚Scheiß drauf, uns egal‘-Mentalität“. Diese zeigt sich auch in anderen Fällen. Nachdem sich die Böhsen Onkelz von der politischen Rechten distanzierten, verteidigte der damalige Rock Hard-Chefredakteur 1992 ein Interview mit der Band. „Die werden sich immer damit rausreden, dass den Onkelz offiziell nichts nachzuweisen ist“, ist sich Hiller sicher. Dass die Onkelz irgendwann als akzeptabel eingestuft wurden, liegt seiner Meinung nach an der Haltung führender Magazine wie dem Rock Hard und dem Metal Hammer. „Ab dem Zeitpunkt konnte man das halt machen“, erinnert er sich.  

„Ganz klar ist natürlich bei einem Heft wie Rock Hard oder Metal Hammer der kommerzielle Aspekt“, vermutet er. Man wolle sich keine Leser*innen entgehen lassen und sich deshalb so breit wie möglich aufstellen, meint er. Das hinge auch mit dem Genre zusammen. „Metaller sind was Politisches betrifft – und das ist jetzt eine pauschale Aussage – schmerzfreier“, findet er. Zwar gebe es auch unter ihnen genauso klare politische Haltungen wie in der Punk-Szene, in einigen Ecken des Black Metal fehle dies aber. „Im Zweifelsfall ist man da im besten und schlimmsten Sinne unpolitisch“, resümiert Hiller.

Unpolitische Beobachter

Auffällig ist, dass tatsächlich immer wieder Black Metal-Bands aufgrund faschistischer Aussagen oder Handlungen in die Kritik geraten. Zuletzt die schwedischen Marduk, die kürzlich in einem Onlineshop einer rechtsradikalen Partei bestellt haben sollen. Ebenfalls in der Juli Ausgabe des Rock Hard wird ihr aktuelles Album „Viktoria“, in dem es um den zweiten Weltkrieg geht, thematisiert. Nach Meinung des Interviewenden sei die Band das Thema bisher verantwortungsvoll angegangen. „Ich weiß nicht, was verantwortungsvoll sein soll“, antwortet Frontmann Morgan, er mache sich darüber keine Gedanken und man könne nichts dafür, wenn andere Menschen aus faschistischen Gründen von dem Thema fasziniert wären.

Den Nationalsozialismus hält Morgan für eine „tote Ideologie, die niemals zurückkommen wird, denn Geschichte wiederholt sich nicht.“ Sich selbst beschreibt der Musiker als unpolitisch, als Beobachter. Obwohl der Redakteur versucht, Morgan eine deutlichere Haltung zu entlocken, wehrt dieser mit ausweichenden Antworten ab: „Ich verurteile gar nichts, weder Faschismus noch Kommunismus“, wenn überhaupt würde er alle politischen Strömungen ablehnen. Auch die zuvor genannten Vorwürfe bezüglich des Kaufs bei einem rechtsradikalen Onlineshop weist er zurück. Im Anschluss kehrt das Interview zu unbrisanten Themen zurück und verweist auf die durchweg positive Platten-Review, die auf die inhaltlichen Aspekte der Musik nicht mehr eingeht.  

Kommerzielles Kalkül oder politische Offenheit?

Warum auch an dieser Stelle ein kritischerer Musikjournalismus wichtig

Was sind das für Magazine?

Das Ox-Fanzine mit dem Chefredakteur Joachim Hiller hat sich auf Punk und Hardcore spezialisiert. Das besondere: Bei einem Fanzine schreiben Fans für Fans, der kommerzielle Aspekt ist also zweitrangig – ein wichtiges Element innerhalb der Punk-Szene. Das Ox gilt mit einer Auflage von 12.500 Exemplaren als eines der wichtigsten Fanzines des (deutschen) Punk-Sektors.

Das Rock Hard schreibt vornehmlich über Hardrock- und Metal-Künstler*innen. Das Magazin startete in den 80ern als Underground-Fanzine und entwickelte sich mit einer monatlichen Druckauflage von 61.9000 Exemplaren zu einer der wichtigsten Fachzeitschriften für Hardrock und Metal Deutschlands.

gewesen wäre, erklärt Hiller vom Ox-Fanzine. „Das ganze Leben ist politisch“, findet er. Er könne keine Musik von Künstler*innen genießen, sich sich homophob, sexitisch oder faschistisch äußern – oder dies, wie in diesem Fall, billigend in Kauf nehmen. „Das vergiftet für mich das künstlerische Schaffen der Person“, verdeutlicht er. Nach Meinung von Rock Hard-Redakteurin Michels sei bei einem Musikmagazin aber nicht nur eine scheinbare, sondern auch eine tatsächliche politische Neutralität – „natürlich innerhalb demokratisch vertretbarer Grenzen“ – unerlässlich. Populäre Bands, die sich zwar am Rand, aber innerhalb dieser Grenzen bewegten, dürfe man deshalb nicht ignorieren. Musik solle in erster Linie Spaß machen, findet sie. Unklar bleibt also, wo sich eben genannte Grenzen befinden.

Letzten Endes würden die Fans entscheiden, ob sie die Musik einfach genießen oder sich auch mit ihren Inhalten auseinandersetzen wollen, so Michels. Genauso gebe es in allen journalistischen Lagern, sowohl im Punk als auch im Metal, kritische Journalist*innen und solche, die mehr Fan seien, erklärt sie. Die Sache sei deshalb heikel, weil es bei Musik immer auch um Geschmack ginge, meint dagegen Hiller. Er spricht sich für eine klare Kante aus. „Einem AfD-Arschloch würde ich auch nicht die Hand reichen. Mit sexistischen, homophoben und antisemitischen-Arschlöchern diskutiere ich nicht. Da bin ich weitaus intoleranter“, gibt er zu. Bei Magazinen wie dem Rock Hard oder dem Metal Hammer stehe das kommerzielle Kalkül über einer klaren politischen Haltung, so Hiller.

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