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SCHWERPUNKT

Psychische Erkrankungen und der Druck der Männlichkeit

Wut und Aggressionen werden als männliche Emotionen wahrgenommen. [Symbolbild: pixabay]
23.01.2021 13:20 - Özgün Ozan Karabulut

Psychisch erkrankte Männer gehen selten zum Arzt. Denn oft gestehen sie sich ihre Erkrankung erst ein, wenn es zu spät ist. Der Verzicht von depressiven Männern auf professionelle Hilfe kann lebensbedrohliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Triggerwarnung: Suizid

Unter psychischen Erkrankungen werden Krankheiten verstanden, die den Geisteszustand beeinträchtigen. Die bekanntesten sind Angststörungen und Depressionen. Sie stellen in Deutschland die am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen unter den Erwachsenen dar. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen, also knapp fünf Prozent der Bevölkerung, von Depressionen betroffen. In einer 2019 veröffentlichten Studie des Robert Koch-Instituts liegt der Anteil an Menschen mit depressiven Symptomen in Deutschland mit 9,2 Prozent deutlich über dem europäischen Durchschnitt (6,6 Prozent).
Depressionen machen sich unter anderem durch einen fehlenden Eigenantrieb, Niedergeschlagenheit, Selbstzweifel und Hoffnungslosigkeit bemerkbar. 

„Man geht ja auch zum Arzt, wenn man einen Schnupfen hat.“

Im Schwerpunkt-Portrait erzählt Christian seine Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen und der Psychotherapie.
 

Die Symptome können zur Folge haben, dass die betroffene Person keinen Appetit mehr verspürt oder die Lust an Hobbies und Aktivitäten verliert.  Die Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit kann weitreichende Folgen haben: Psychische Erkrankungen können das körperliche Wohlbefinden verringern und den Alltag stark einschränken.

Depressionen stehen in einem engen Zusammenhang mit Suizidalität, also das Befassen mit dem eigenen Suizid. Depressive Personen leugnen oder verstecken ihre Erkrankung oftmals aus Angst vor einer sozialen oder gesellschaftlichen Ächtung. „Depression ist kein persönliches Versagen. Sie trifft zudem jedes Jahr mehr als fünf Millionen Menschen und ist damit sehr häufig“, so Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, depressiv erkrankten Menschen Informationen und Hilfe anzubieten.

Männer und Depressionen 

Depressionen werden bei Männern seltener diagnostiziert als bei Frauen. Die hohen Fallzahlen bei Frauen sind unter anderem dadurch bedingt, dass Männer sich seltener mit ihren Beschwerden an Ärtz:innen wenden und dadurch von den Statistiken nicht erfasst werden. 
Doch Männer haben nicht unbedingt seltener Depressionen als Frauen, meist ist nur ihre Symptomatik eine andere: „Während bei Frauen das Niedergeschlagene im Vordergrund steht, äußert sich bei Männern die Depression oft durch eine aggressive, reizbare Stimmungslage und bleibt daher nicht selten unerkannt“, so Johannes Vennen, Psychotherapeut und Experte für Männergesundheit. Die gesellschaftliche Ablehnung und Stigmatisierung depressiver Männer trägt dazu bei, dass viele Betroffene ihre Erkrankung für sich behalten und Anzeichen abstreiten. 

„Eine Symptomatik, die wir bei Männern im Zusammenhang mit Depressionen auch häufiger feststellen, sind Verhaltensexzesse. Wenn sie vorher schon geraucht haben, rauchen sie nun ziemlich viel“, so Vennen. Neben Alkohol-, Nikotin- und Drogenkonsum ist vor allem bei jüngeren Männern ein höherer Medienkonsum zu beobachten. „Es kann sein, dass sie vorher nur eine Stunde gegamed haben und plötzlich den ganzen Tag am PC sitzen. Das kann eine veritable Medienabhängigkeit sein, aber auch eine Depression eine Grundlage dafür sein“, meint Vennen.

Mann behält es lieber für sich

Die Bereitschaft und Akzeptanz Gefühle zu zeigen, über Probleme zu reden oder sich mit der eigenen Gesundheit auseinanderzusetzen, ist bei Frauen akzeptierter als bei Männern. Für Vennen sind daher männliche Stereotype mit der Unterdiagnostizierung von Depressionen verbunden: „Die alten und traditionellen Männlichkeitsbilder leben natürlich fort. Männlichkeit wird mit Stärke, Kraft, Durchsatz und Dominanz in Verbindung gebracht. Dazu passt es nicht, wenn ich eine psychische Störung zugeben muss, beziehungsweise das bei mir wahrnehmen muss.”

Nicht nur das Geschlecht, sondern auch das Alter bedingt einen anderen Umgang mit mentaler Gesundheit. Ältere Männer nehmen seltener professionelle Hilfe in Anspruch und begehen überdurchschnittlich öfter Suizid als junge Erwachsene. „Bei  älteren Männern ist eher der Fall, dass die alten Bilder davon abhalten, psychotherapeutische Hilfe zu suchen. Bei jüngeren Männern erlebe ich das komplett anders. Oft ist das bei ihnen so, dass sie mit genau der gleichen Selbstverständlichkeit zu mir in die Psychotherapie kommen wie das die Frauen schon immer getan haben“, erzählt Vennen. 

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Psychopharmaka wie Antidepressiva können die Behandlung unterstützen. [Symbolbild: pixabay]

Das Risiko, aufgrund einer psychischen Erkrankung Suizid zu begehen, ist hoch: In 90 Prozent aller Fälle eines Suizids waren die Personen psychisch erkrankt, wobei Depressionen die am häufigsten diagnostizierte Krankheit ist. Die Suizidrate ist bei Männern in Deutschland mehr als dreimal so hoch als bei Frauen, obwohl Suizidversuche von Frauen häufiger zu beobachten sind. Dieses Phänomen ist in der Forschung als Gender Paradox bekannt. In weiten Teilen der Gesellschaft gilt Suizid weiterhin als Tabuthema. Für Prof. Dr. Reinhard Lindner, Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland (NaSPro), ist jedoch eine Sensibilisierung erkennbar: „Es gibt eine langsame Entwicklung in Deutschland hin zu einer größeren Offenheit dafür, in der Öffentlichkeit über den Suizid, seine Bedeutung und seine Hintergründe zu sprechen.“ 

Behandlungen helfen 

Für Betroffene bestehen diverse Möglichkeiten, die Erkrankung professionell behandeln zu lassen. „Ansprechpartner für Depression ist der Facharzt, also der Psychiater oder Nervenarzt. Weiter gibt es als Anlaufstelle die psychologischen Psychotherapeuten. Das sind Psychologen mit einer Spezialausbildung, die wie Ärzte über die Kassen abrechnen können. Viele Menschen mit Depressionen werden zudem vom Hausarzt behandelt“, so Hegerl. 

Trotz der hohen Suizidrate bei psychisch erkrankten Männern sind speziell zugeschnittene Angebote rar.

Bezüglich der Therapie gibt es verschiedene Ansprechpartner:innen. Neben Hausärtz:innen können Psychiater:innen Therapien mit Antidepressiva durchführen. Bei psychologischen Psychotherapeut:innen findet die Behandlung ohne Medikamente statt. Bis eine Therapie oder Behandlung beginnt, kann jedoch einige Zeit vergehen: „Dass ein akut erkrankter Mensch mit einer schwereren Depression Wochen auf einen Termin bei einem Facharzt warten muss, ist komplett inakzeptabel. Hier kommt es leider immer wieder zu längeren Wartezeiten und auch Patient:innenen mit schwereren Depressionen verlieren Zeit, bis endlich eine leitlinienkonforme Behandlung mit Antidepressiva oder Psychotherapie begonnen wird“, kritisiert Hegerl.
Trotz der hohen Suizidrate bei psychisch erkrankten Männern sind speziell zugeschnittene Angebote rar: „Institutionalisierte Beratungs-, Therapie- und Präventionsangebote gibt es nicht, wohl aber immer wieder auch über einige Zeit laufende Projekte, die sich mit bestimmten Männergruppen befassen. Es sollte aber sicher mehr Möglichkeiten für Männer geben, sich Hilfe zu holen“, fordert Lindner.

Selbst aktiv werden

In der Zwischenzeit empfehlen Expert:innen die eigenständige Auseinandersetzung mit der Thematik. Auch für Personen, die keinen Bedarf für eine Behandlung haben, kann Eigeninitiative weiterhelfen. Diverse Online-Programme wie moodgym können laut Vennen Betroffenen helfen, an ihrem Stimmungsbild zu arbeiten. Die meisten Krankenkassen haben auf ihren Internetseiten Angebote, bei denen es um Stressmanagement geht. Dort gibt es Informationen, welche Maßnahmen bei Depressionen ergriffen werden können. 
Für Hegerl stellen Online-Programme eine passende Ergänzung dar, die eine klassische Therapie aber nicht ersetzen können: „Sinnvoll sind derartige Programme dann, wenn sie mit professioneller Begleitung durch einen Arzt oder psychologischen Psychotherapeuten angeboten werden.“ 

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 „Depression ist kein persönliches Versagen” [Illustration: Regina Cekaskin]
 

Neben digitaler Programme und der eigenständigen Auseinandersetzung mit Symptomen kann sportliche Betätigung eine positive Wirkung auf Betroffene haben: „Wenn man nur von der psychoaktiven Wirkung profitieren möchte – also die angstlösende oder die antidepressive Wirkung erleben möchte – dann reicht das, wenn man dreimal pro Woche 20 Minuten was macht“, rät Vennen.

Wie können Angehörige helfen?

Trotz Wissen über Krankheitssymptome oder Anlaufstellen in Bezug auf eine Behandlung, kann das Nachfragen von professioneller Hilfe ausbleiben. Angehörige sind in vielen Fällen mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie der Person helfen können. Zusätzlicher Druck und Stress auf die Betroffen können die Symptome ihrer Erkrankung verstärken. „Für Angehörige ist zunächst wichtig, sich gut zu informieren: Was ist eigentlich eine Depression? Mit diesem Wissen kann das veränderte Verhalten besser eingeordnet werden und wird nicht so leicht als ein sich-gehen-lassen, als Lieblosigkeit oder Rücksichtslosigkeit missverstanden“, rät Hegerl.
Angehörige können unterstützend tätig werden, indem sie Organisatorisches übernehmen oder Betroffene begleiten: „Sie können beispielsweise beim Hausarzt oder beim Psychiater anrufen, einen Termin vereinbaren und den Erkrankten in den Arm nehmen und hinbringen. Dies gilt in besonderer Weise, wenn eine Suizidgefährdung besteht“, so Hegerl. 

Bei der Kommunikation mit Betroffenen ist zu beachten, dass die Formulierungen und die Art und Weise der Äußerungen weitere Schuldgefühle vermeiden können. Vennen empfiehlt hierbei eine sensible Herangehensweise: „Nicht mit Vorwürfen, sondern mit Ich-Botschaften arbeiten: Dadurch, dass du belastet bist, bin ich auch mitbelastet. Mir würde es besser gehen, wenn du dich in professionelle Hände begibst.“

Die Auseinandersetzung innerhalb der Gesellschaft mit mentaler Gesundheit kann Männern helfen, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen. Auch die Enttabuisierung von Suiziden und der Ausbau von Suizidprävention können dazu beitragen, wobei für Lindner Handlungsbedarf besteht: „Eine größere öffentliche Förderung der Suizidprävention ist in Deutschland notwendig und wünschenswert.“
 

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