Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Praxiserfahrung vs. Bücher wälzen

Früher Überstunden auf der Arbeit, jetzt Nachtschichten in der Bib.
[Foto: Julia Segantini]

22.01.2020 14:22 - Julia Segantini

Eine Ausbildung vor dem Studium ist Zeitverschwendung? Welche Vorteile man im Unialltag gewinnt, haben uns Zuzanna und Sven, beide Studierende an der UDE, erzählt. Ist eine Ausbildung schädlich für den BAföG-Antrag? Kann man sich Leistungen aus der Ausbildung anrechnen lassen? Das erklären Wolfgang Hamann, Vorsitzender des Prüfungsausschusses Wirtschaftswissenschaften, und Stefan Naevecke vom Praktikumsbüro Erziehungswissenschaft.

Erst das Abitur, dann das Studium, dann in den Beruf. So sieht der typische Werdegang vieler Studierender aus. Aber nicht alle gehen diesen Weg. NRW-weit haben 24 Prozent der Studierenden vor der Uni bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen. An der UDE, der Folkwang Universität und der Hochschule Ruhr West sind es zusammen 16 Prozent. Eine davon ist die 23-jährige Zuzanna*.

Sie studiert Lehramt für Wirtschaftswissenschaften und Englisch an Berufskollegs an der Universität Duisburg-Essen (UDE), davor ließ sie sich zur Bankkauffrau ausbilden. Im Januar 2017 beendete sie die Ausbildung und begann im Oktober das Studium. In der Zeit dazwischen arbeitete sie Vollzeit in der Bank, in der sie die Ausbildung gemacht hat.

Späterer Start ins Studium

Warum sie sich nach der Schule zunächst für eine Ausbildung entschied, weiß sie noch genau. Mit 17 hatte sie bereits das Abitur in der Tasche und war sich ihrer nächsten Schritte nicht sicher. Für eine Ausbildung entschied sie sich vor allem deshalb, weil ihr so ein Umzug erspart blieb. „Ich habe damals nach freien Ausbildungsstellen gegoogelt und das konnte ich mir halbwegs vorstellen, weil ich es cool fand, mich jeden Tag schick anzuziehen", sagt sie lachend.

„Ich habe mich auch stur nur bei dieser Bank beworben, sonst hätte ich ein freiwilliges soziales Jahr oder so gemacht", erinnert sie sich. Gleich ein Studium in der Betriebswirtschaft zu beginnen, stand für sie nicht zur Debatte. „Ich bin ein sehr sicherheitsbedürftiger Mensch", meint sie. BWL sei ihr zu riskant gewesen. Die Jobchancen rechnete sie sich deshalb niedrig aus, weil es jährlich so viele Absolvent*innen in diesem Fach gibt. „Es erschien mir einfach komplett sinnfrei, etwas zu studieren, wovon ich nicht zu 100 Prozent überzeugt bin", fasst sie zusammen.

Auch Sven entschied sich vor seinem Studium zu einer Lehre. Der ebenfalls 23-jährige gelernte Erzieher mit dem Schwerpunkt Jugendhilfe studiert jetzt Soziale Arbeit im ersten Semester an der UDE. Zwischen seinem Abschluss und dem Studium hatte er nur zwei Monate frei, während der er Arbeitslosengeld 1 bezog und nicht arbeitete. Die Lehre ebnete für ihn den Weg an den Campus. „Ich habe erst eine Ausbildung in einem ähnlichen Bereich gemacht, da ich durch mein Abi von 2,7 über den NC nicht ins Studium gekommen bin und dann die Ausbildung genutzt habe, um Wartesemester zu sammeln", erzählt er.

„Eine pauschale Ablehnung der Anerkennung oder Anrechnung darf nicht erfolgen."

Während der Ausbildung merkte er, wie viele wertvolle Erfahrungen er sammeln konnte, die ihm auch im Studium weiterhelfen. Die meisten seiner Kommiliton*innen stünden nach ihrem Bachelor mit sehr wenig Praxiserfahrung da, weshalb viele dann ein Anerkennungsjahr machen. „Ich habe ja jetzt schon deutlich über ein Jahr in der Jugendhilfe gearbeitet. Dementsprechend habe ich Leuten, die direkt ins Studium gestartet sind, einiges an Praxiserfahrung voraus", meint er.

Nach Ansicht von Irina Löchte, Pressesprecherin der Agentur für Arbeit im westlichen Ruhrgebiet, haben Studierende wie Zuzanna und Sven ihren Kommiliton*innen gegenüber sowohl Vor- als auch Nachteile . So könnten die beiden Aussicht auf ein höheres Gehalt haben, insbesondere, da ihr Studienfach inhaltlich auf den Ausbildungsberuf aufbaut. Außerdem könnte ihnen so ein „schnellerer Berufseinstieg nach dem Studium, gegebenenfalls sogar beim gleichen Arbeitgeber" ermöglicht werden. Ihrer Auffassung nach sind viele Studierende, die zuvor eine Ausbildung abgeschlossen haben, sogar zielstrebiger.

Finanzielle Umstellung

Nachteile könnten sich in der Finanzierung ergeben, so Löchte. „Es kann sein, dass man seinen Lebensstandard im Studium wieder etwas zurückschrauben muss. Die Finanzierung eines eigenen Autos dürfte zum Beispiel schwierig werden. Auch wer vorher bereits eine eigene Wohnung hatte, wird vielleicht in eine WG umziehen", gibt sie zu bedenken. Ein finanzieller Nachteil müsse aber nicht zwangsläufig entstehen. So könnte sich der Anspruch auf elternunabhängiges BAföG ergeben, wenn man nach Abschluss der Ausbildung noch einige Jahre im Ausbildungsberuf gearbeitet hat, bevor man das Studium aufnimmt.

Mit der Finanzierung hatte Zuzanna wenig Probleme. „Als mir nach einem Lehrjahr klar wurde, dass ich studieren will, wusste ich, dass ich dann erstmal finanziell schlechter aufgestellt bin. Ich habe mir ausgerechnet, wie viel ich während des Studiums so zur Verfügung habe, und habe den Rest gespart", erzählt sie. Durch die frühe Vorbereitung war die finanzielle Umstellung für sie nicht so gravierend. Weil das Ersparte allein nicht reicht, arbeitet sie 16 Stunden pro Woche als Englischlehrerin.

Sven bekam den finanziellen Umbruch deutlicher zu spüren. „Geldmäßig war die Umstellung eher heikel. Ich komme gut aus, aber ich habe deutlich weniger als die Hälfte an finanziellen Mitteln zur Verfügung", gibt er zu. Momentan finanziert er sein Studium über das Kindergeld und Ersparnissen aus der Ausbildung, den Semesterbeitrag übernehmen seine Eltern. Auf Dauer reicht ihm das aber nicht: „In nächster Zeit werde ich mir einen Job suchen, wahrscheinlich wird es auf Nachtbereitschaften hinauslaufen." BAföG berechtigt ist er nicht.

Dass eine Ausbildung kein Hindernis für einen BAföG-Antrag ist, bestätigt auch Dietmar Kalupa vom Amt für Ausbildungs­förderung der UDE: „Eine betriebliche Ausbildung von der IHK [Anm. d. Red.: Industrie- und Handelskammer], für die kein BAföG bezogen werden konnte, ist auf keinen Fall schädlich. Da muss man nur die Altersgrenze einhalten", erklärt er. Die liegt im Bachelor bei 30, im Master bei 35 Jahren. Dabei gebe es allerdings Ausnahmen.

Ein Beispiel: „Wenn jemand erst eine Lehre gemacht und dann gearbeitet hat, dann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholt, dieses im Sommer abschließt und direkt im Winter das Studium beginnt, könnte er den Bachelor gefördert bekommen, auch wenn er schon 32 ist." Es komme immer auf den Einzelfall an, jeder Antrag werde einzeln geprüft. Mit Sicherheit könne er aber sagen, dass es für das BAföG keinen Unterschied macht, ob die Ausbildung fachähnlich ist oder nicht.

Einfach mal zurücklehnen

Nicht nur die finanzielle Umstellung fiel Zuzanna leicht, auch der Alltag bereitete ihr wenig Schwierigkeiten. „Am Anfang des Studiums haben alle über die viele Arbeit gemeckert. Für mich war das voll der Luxus, weil ich ja an eine 40-Stunden-Woche gewöhnt war", erinnert sie sich. Trotzdem fällt ihr jetzt auf: „Ich merke, dass je weiter ich mich von meinem Arbeitsalltag entferne, ich auch anfange, darüber zu meckern."

Außer einer hohen Belastbarkeitsgrenze brachte die Ausbildung noch andere Vorteile. So fielen ihr einige Fächer wie zum Beispiel Rechnungswesen leichter, weil ihr die Inhalte bereits vertraut waren. Damit sie sich in diesen Fällen nicht langweilt, hat sie eine einfache Lösung gefunden: „Oft gehe ich da nicht hin. Bei Wirtschaft war ich mal mitten im Semester sechs Wochen in Asien", gibt sie zu. In dieser Zeit schrieb eine Kommilitonin für sie mit. „Ohne diese Person wäre es nicht gegangen", ist sie sich sicher. Für das Bestehen der Klausur war ihre Anwesenheit im Seminar nicht erforderlich, entschied Zuzanna. Der Erfolg gibt ihr recht: „Bei Rechnungswesen habe ich mir das einen Tag vor der Klausur angeguckt und trotzdem mit 1,3 bestanden."

Anrechnungsprobleme trotz Bologna – Und nun?

Prüfungausschussvorsitzender Osthus erklärt, warum die Anrechnungen von Prüfungsleistungen bei Hochschulwechseln so schwierig ist.
 

Auch Sven genießt es, im Studium mehr Zeit für sich und seine Freund*innen zu haben. „Ich bin momentan sehr froh darüber, erstmal nicht mehr jeden Tag zehn Stunden arbeiten zu müssen", freut er sich. Der kognitive Anspruch sein nun ein anderer als in der Ausbildung, aber bisher würde das nicht für Probleme sorgen. Ein Bonuspunkt: Auch er hat es im universitären Alltag manchmal leichter als seine Kommiliton*innen, zum Beispiel im Methodik-Seminar. Dort geht es unter anderem um Gesprächstechniken bei Beratungen.

„Techniken wie Framing, dass man immer gucken soll, dass man möglichst das Positive aus den Aussagen der Klienten zieht. Das habe ich alles in der Ausbildung schon gemacht", erklärt der Student. Er ist nicht der einzige, dem es in seinem Studiengang so geht. Dort gebe es Viele, die vor dem Studium eine Ausbildung absolviert haben. „Deshalb bin ich so ziemlich im Altersdurchschnitt", sagt der 23-Jährige.

Credit Points für Praktika

Aufgrund dieser Überschneidungen informierte sich Sven zu Beginn seines Studiums, ob er sich Credit Points anrechnen lassen kann. Dass die Anrechnung von außerhochschulischen Leistungen grundsätzlich möglich ist, erklärt Stefan Naevecke vom Praktikumsbüro Erziehungswissenschaft, denn dort gilt Ähnliches wie bei Soziale Arbeit: „Zunächst einmal können laut Prüfungsordnung zur Zulassung zum Bachelor Erziehungswissenschaft in der beruflichen Bildung und Berufspraxis erworbene Kompetenzen berücksichtigt werden."

So könne zum Beispiel eine Ausbildung eine nicht erworbene Hochschulreife ausgleichen. Nach den Regelungen der Prüfungsordnung ist das aber nur möglich, „wenn die Bewerberin oder der Bewerber im Rahmen einer Eignungsprüfung oder Eignungsfeststellung eine besondere studiengangbezogene fachliche Eignung nachweist."

Diese Eignung kann eine abgeschlossene Lehre, eine mindestens drei Jahre andauernde Haupt- oder Nebenberufstätigkeit in einem fachaffinen Bereich, eine Facharbeit oder ein Fachgespräch sein. Auch die konkrete Anrechnung von Credit Points ist laut Naevecke möglich: „Für den Bachelor Erziehungswissenschaft ist eindeutig geregelt, dass eine abgeschlossene einschlägige Berufsausbildung als Äquivalent zu dem im Studiengang geforderten Pflichtpraktikum anerkannt werden kann."

Das regelt Paragraph 5 der Praktikumsordnung. Dabei muss es sich allerdings um einen Abschluss von einer staatlichen oder staatlich anerkannten Berufsakademie handeln. Auch außerhalb des Praktikumsmoduls kann eine Anrechnung von Leistung erfolgen. „In unserer eigenen Anerkennungspraxis haben wir für Modul 12 oder 13 auch schon mal berufspraktische Erfahrungen beziehungsweise nachgewiesene einschlägige nonformale Weiterbildungen berücksichtigt, wenn es uns im Einzelfall vertretbar erschien", so Naevecke.

Sven hatte bei seinem Versuch, sich Credit Points anrechnen zu lassen, Probleme. „Es war leider nicht möglich, mir effektiv Punkte anrechnen zu lassen, obwohl es zwischen Ausbildung und Studium einige Überschneidungspunkte gibt", sagt er. Er hat sich an seine Fachbereichsleitung gewandt. „Gerade beim Praktikum hatte sie gesagt, dass ich mir da nichts anrechnen lassen kann, weil ich zwar in der Jugendhilfe war, aber meine Anleiterin eine Erzieherin war und keine Sozialpädagogin und das habe keinen Wert fürs Studium.

Was irgendwie schwachsinnig ist, weil das an sich auch ein Feld ist, wo Sozialpädagogen arbeiten", beschwert er sich. Dass sein Berufskolleg von einem größeren Jugendhilfeträger finanziert wurde, teilte er der Fachbereichsleitung nicht mit und er unternahm keine weiteren Versuche, sich Punkte anrechnen zu lassen. Das will er allerdings nachholen.

Anerkennung ist nicht gleich Anrechnung

Auch in den Wirtschaftswissenschaften kann die Anrechnung von Leistungen unter Umständen schwierig werden. Bei der Anerkennung geht es um Leistungen, die an einer Uni erbracht wurden, bei der Anrechnung hingegen geht es um außeruniversitäre Leistungen. Bei letzterem gibt es strenge Maßstäbe. „Während bei der Anerkennung nur geprüft wird, ob zwischen den zu vergleichenden Leistungen kein wesentlicher Unterschied besteht, geht es bei der Anrechnung um die Gleichwertigkeit der Leistungen", erklärt Wolfgang Hamann, Vorsitzender des Prüfungsausschusses Wirtschaftswissenschaften.

Trotz aller Hürden wagen einige diesen Schritt – mit Erfolg. Laut des Vorsitzenden des Prüfungsausschusses Wirtschaftswissenschaften wurden vom Wintersemester 2017/18 bis heute bei „110 von 111 Anträgen eine Ausbildung auf das Modul Berufsfeldpraktikum im Umfang von 6 ECTS-Credits in den Bachelorstudiengängen mit Lehramtsoption im Fach Wirtschaftswissenschaft und Informatik angerechnet", berichtet Hamann. Auch wer das Praktikumsmodul bereits abgeschlossen hat, könnte Glück haben, denn es seien auch Anrechnungen im Studium Liberale des Ergänzungsbereichs möglich.

Wer wie Zuzanna Lehramt an Berufskollegs studiert, muss ein Berufsfeldpraktikum mit einer Dauer von mindestens vier Wochen beziehungsweise 80 Stunden und eine einschlägige fachpraktische Tätigkeit, die sogar 52 Wochen andauern muss, nachweisen. Zeit, die Zuzanna sich durch ihre Ausbildung sparen konnte. Außerhalb dieser beiden Optionen ist eine Anrechnung von Leistungen meist nicht möglich.

Keine Zeitverschwendung

Trotzdem macht Hamann Mut, denn: „Eine pauschale Ablehnung der Anerkennung oder Anrechnung darf nicht erfolgen." Ein Versuch lohnt sich also. Die meisten Schwierigkeiten ergeben sich daraus, dass Antragstellende häufig keine aussagekräftigen Unterlagen vorzuweisen hätten, so der Vorsitzende. „In aller Regel enthalten die Abschluss- und Prüfungszeugnisse weder ausreichend Informationen über die konkreten Veranstaltungsinhalte noch die Arbeitsstunden", bemängelt er. Hamann rät: „Deshalb sollten unbedingt zusätzlich Zertifikate, Kursbeschreibungen und Inhaltsangaben sowie Lern- und Arbeitsmaterialien eingereicht werden." Die einzelnen Anträge findet ihr hier.

Auch wenn die Ausbildung sich nicht zahlenmäßig auf die Credit Points niederschlägt, sind Sven und Zuzanna froh, nicht direkt ins Studium gestartet zu sein. Zuzanna ist sich sicher: „Wobei mir die Ausbildung extrem geholfen hat, ist, Verträge abzuschließen. Da bin ich durch meine Ausbildung viel selbstständiger geworden."

Auch Sven ist davon überzeugt, dass die Lehre keine Zeitverschwendung war. Nicht nur die Praxiserfahrung erweist sich für ihn als Vorteil, auch er persönlich sei an der Ausbildung gewachsen. „Bei mir ging es viel darum, an seiner eigenen Persönlichkeit zu arbeiten. Wir haben einiges Biografisches bei uns aufgearbeitet und uns viel selbst reflektiert. Das sind Sachen, die mich weitergebracht haben", betont er.

*Name von der Redaktion geändert
 

StuPa-Wahl: Wofür stehen die Listen?

Vom 18. bis zum 22. November finden an der UDE StuPa-Wahlen statt. Welche Listen antreten und wofür sie stehen, lest ihr hier.
 

Mehr als „nur“ antriebslos: Studieren mit psychischen Erkrankungen

Angststörungen, Depressionen: Wie kommen Studierende mit psychischen Erkrankungen durchs Studium?
 

Keine Kohle: Internationale Härtefälle

Immer mehr internationale Studis beantragen finanzielle Hilfe beim AStA, weil sie sich das Semesterticket nicht leisten können.
 
Konversation wird geladen