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SCHWERPUNKT

PornHub: Der Preis für Schutz

PornHub zeigt nur noch Inhalte von verifizierten Nutzer:innen.
[Screenshot: Erik Körner]

03.01.2021 20:38 - Erik Körner

Nach jahrelanger Kritik verspricht PornHub, ihre Website fortan gegen Missbrauchsvideos jeglicher Art abzusichern. Womöglich zu spät, da momentan geplante Maßnahmen gegen digitale Pornografie zunehmen - zum Leidwesen von Sexarbeiter:innen im Internet.

Triggerwarnung: Dieser Artikel beschreibt sexualisierte Gewalt.

„Ich habe PornHub in Mails angebettelt. Ich habe sie angefleht. Ich habe geschrieben, dass ich minderjährig sei, dass es sexualisierte Gewalt war und sie es bitte runternehmen sollen“, erinnert sich Rose Kalemba im Gespräch mit dem BBC. Mit 14 Jahren wurde sie vergewaltigt, der Täter filmte den Übergriff und lud das Video später auf der Pornowebsite PornHub hoch. Erst als sie einen Anwalt einschaltete, verschwand das Video innerhalb der nächsten 48 Stunden. Kalembas Geschichte ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren häuften sich Berichte, laut denen PornHub, zugehörig zum Mediennetzwerk Mindgeek, Missbrauchsvideos oder sogar Kinderpornografie nachlässig gehostet hat.

Über Pornografie schreiben: Eine schlüpfrige Angelegenheit

 

Jetzt gelobt PornHub Besserung. Am 14. Dezember verkündeten sie in einem Blogpost: „Wir haben es für sämtliche nicht-verifizierte Uploader unmöglich gemacht, Inhalte hochzuladen, haben das Download-Feature abgeschafft.“ Zwischen Veröffentlichung des Posts und Umsetzung des Plans verstrich wenig Zeit. Als die ersten Medien davon berichteten, waren rund 80 Prozent aller ehemals 14 Millionen Videos verschwunden. Auf der Startseite der weltweit größten Pornoseite finden Besucher:innen nun ausschließlich Accounts mit einem blauen Haken hinter den jeweiligen Namen, das Symbol der Verifikation. Darunter fallen offizielle Content Partner oder Mitglieder von PornHubs eigenem Model Program.

Ein Anfang

Damit versucht PornHub, zwei ihrer größten Probleme zu lösen. Seit dem Start der Website im Mai 2007 konnte jede Person einen Account anlegen und sofort Videos hochladen. Eine Prüfung der Inhalte beim Upload fand lediglich durch ein Team von Moderator:innen und Algorithmen statt. Dass bei der Flut an neuen Inhalten nicht jedes Video sachgemäß überprüft werden konnte, ist nicht auszuschließen. Das Ende des Download-Features bedeutet auch das Ende einer einfachen Weiterverbreitung beziehungsweise einfachen Re-Uploads von Missbrauchsvideos, wie im Fall von Rose Kalemba, auf PornHub oder ähnlichen Seiten. Für einen Videodownload reichte ein Account auf der Website.

Diese Entscheidung von PornHub scheint zu spät gekommen zu sein. Am 10. Dezember verkündeten die Kreditkartenunternehmen Visa und Mastercard, dass sie PornHub aufgrund der Vorwürfe künftig den Service verweigern würden. Das bedeutet Umsatzeinbrüche für die Website. Bisher waren und sind Kreditkarten die gängigste Bezahlmethode auf pornografischen Seiten. Zwar existieren Alternativen, sie sind aber eine Ausnahme. Die womöglich geläufigste Option, PayPal, hat die Kooperation bereits im November 2019 gekündigt. Anscheinend notgedrungen hat PornHub zurzeit den Kauf von Videos und Fotos temporär deaktiviert. 

Besonders schwer dürfte diese Entscheidung Sexarbeiter:innen treffen, die ihre Inhalte selbstbestimmt auf PornHub zum Kauf anbieten und womöglich auf die Einnahmen angewiesen sind. Sinnvolle Alternativen zu finden, zumal welche mit ähnlich großer Reichweite, könnte eine Herausforderung darstellen. Denn ob andere Websites ähnlich strenge Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz aller Beteiligten wie jetzt PornHub implementieren werden, ist momentan ungewiss.

Das Gesetz, das Sexarbeit bedroht

Der Rückzug von Visa und Mastercard ist nicht die einzige schlechte Neuigkeit für Sexarbeiter:innen. Zwei US-amerikanische Senatoren arbeiten derzeit an einem Gesetzesentwurf namens „Stop Internet Sexual Exploitation Act“ (SISEA), der künftig Websites strenger regulieren soll, die pornografische Inhalte für anbieten oder dulden. Demnach sollen Nutzer:innen und Betreiber:innen von Plattformen bestraft werden, die nicht-einvernehmlich aufgenommenes Material verbreiten beziehungsweise nicht unumgänglich entfernen. Dadurch soll wiederum die strafbare Verbreitung von Missbrauchsvideos oder „Revenge Porn“, Sexvideos, die aufgrund eines Rachemotivs nicht-einvernehmlich verbreitet werden, gänzlich ein Ende finden.

Damit es nicht erst zu einer solchen Verbreitung kommt, sollen Nutzer:innen nicht nur ihre Accounts per Video verifizieren, sondern auch per Upload ein Formular einreichen, das das Einverständnis aller im Video oder Foto sichtbaren Personen mittels Unterschrift bestätigt. Ähnlich strikt würden die Auflagen für die Betreiber:innen solcher Websites aussehen. Auch sie müssten die Download-Funktion für Inhalte entfernen. Ebenso wäre ein 24 Stunden erreichbarer Telefonservice Pflicht, der sich um Forderungen nach dem Löschen von Inhalten kümmert. Zudem müssten gemeldete Inhalte binnen zwei Stunden nach einem Report entfernt werden.

Obwohl die Richtlinien in der Theorie klingen, als garantierten sie höchstmögliche Sicherheit, kritisieren Sexarbeiter:innen den Entwurf. So klagt Sexarbeiter:in Ashley Lake auf Twitter, dass SISEA das Grab der digitalen Sexarbeit ausheben würde. Lake schreibt: „Seiten (wie Twitter oder Reddit) könnten sich einfach dafür entscheiden, sämtliche Erwachseneninhalte komplett zu verbieten, anstatt sich an diese schwierigen, extrem spezifischen Vorschriften zu halten.“ Damit würde ein essenzieller Teil der Existenzgrundlage von Sexarbeiter:innen wegbrechen. Lake schätzt die Lage hochgradig kritisch ein: „Im schlimmsten Fall bannen solche Seiten Sexarbeiter komplett, wodurch sie nicht nur ihr ihre Communitys, sondern auch ihre politische Stimme verlieren werden.“

Weitere Folgen für Sexarbeiter:innen abzusehen, ist derzeit schwierig. Der SISEA-Entwurf enthält keine Richtlinien, was mit Accounts von Sexarbeiter:innen passiert, sollten die Betreiber:innen der Websites präventiv pornografische Inhalte verbieten. Wahrscheinlich ist, dass ihre Accounts gelöscht werden, Betroffene auf neue Plattformen ausweichen und sich dort eine neue Community aufbauen müssten. Sollte sich SISEA aber durchsetzen, könnte die Menge potenzieller und sicherer Plattformen drastisch sinken. 

Lake weist am Beispiel der Blogging-Seite Tumblr darauf hin, dass es selbst dann wenig zielführend sei, Accounts behalten zu dürfen, solang man nicht-jugendfreie Inhalte entfernt: „Tumblr hat das versucht, geholfen hat es aber nicht. Sie haben irgendwann alle verloren.“ Am 17. Dezember 2018 verbat und löschte Tumblr nicht nur pornografische, sondern anzügliche Inhalte jeder Art. Laut Statista verlor die Website dadurch innerhalb von zwei Jahren die Hälfte ihrer Nutzer:innen. Wie viele selbstständige Sexarbeiter:innen von SISEA betroffen sein werden, ist ebenfalls unklar. Lediglich PornHub legt die Zahl der Mitglieder ihres Partnerprogramms offen: rund 52.000.

Auch in Deutschland in der Kritik

Während Teile der Legislative der USA gezielt am limitierten Zugang zu Internetpornografie arbeitet, stellt in Deutschland der Jugendschutz weiterhin ein juristisches Problem dar. Derzeit steht zwischen dem Konsum pornografischer Videos und potenziellen Konsument:innen nur ein Fenster, das nach der Volljährigkeit fragt. Ein Klick auf „Ja“ genügt. Hierzulande ist das problematisch, da die Bereitstellung solchen Materials ohne sachgemäße Altersprüfungen strafbar ist. Dass Seiten wie PornHub überhaupt noch in Deutschland erreichbar sind, liegt an ihrem Sitz im Ausland – Mindgeeks Hauptsitz liegt zum Beispiel in Luxemburg, ist aber ein kanadisches Unternehmen. Auf rechtliche Forderungen aus dem Ausland scheinen sie nicht zu reagieren.

„Im schlimmsten Fall bannen solche Seiten Sexarbeiter komplett.“

Wie die Zeit berichtete, leitete die Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen (LMA) vergangenen November drei Verfahren ein, unter anderem gegen Mindgeek. Nachdem Mindgeek nicht darauf reagierte, wurden die Verfahren an die Kommission für Jugendschutz (KJM) weitergeleitet. Die KJM verlangt künftig zum Beispiel Prüfungen via Ausweis von pornografischen Seiten. Sollte sich Mindgeek weiterhin unkooperativ zeigen, könnte die KJM deutschlandweite Netzsperren mithilfe von Netzprovidern durchsetzen, die den Zugriff auf Seiten wie PornHub verhindern würden. 

Das würde für Sexarbeiter:innen zu zwei Problemen führen. Erstens: Deutsche Sexarbeiter:innen, die an PornHubs Partnerprogramm teilnehmen, würden diese Option und damit Umsatz einbüßen. Zweitens: Für internationale Sexarbeiter:innen fiele der deutschen Markt weg. Möglicherweise ein drastischer Verlust, da sich Deutschland im Jahr 2019 auf Platz sechs von PornHubs Liste der 20 Länder mit den höchsten Besucher:innenzahlen befand. In beiden Fällen könnten Deutsche zwar VPNs nutzen, um die Sperre zu umgehen. Allerdings ist das Umgehen des sogenannten Geoblockings derzeit noch eine rechtliche Grauzone, ergo nicht einhundertprozentig legal.

Weltweit scheint also Schutz derzeit das Wort der Stunde im Gespräch über Pornografie zu sein, in erster Linie von Frauen* und Kindern. Offen bleibt die Frage, warum Sexarbeiter:innen eine Last auf ihren Schultern tragen müssen, die sie selbst nicht zu verantworten haben.

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