Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Menschen, die über Musik schreiben

Foto: Britta Rybicki
03.09.2018 12:04 - Britta Rybicki

Holger Adam ist einer davon. Er schreibt für das Kulturmagazin testcard. Wie er die Vermittlung von popkulturell-gesellschaftlichen Bewegungen, Erscheinungen und Phänomenen in der Musik in den vergangenen Jahren beobachtet hat:

“Besonders die Herangehensweise und die Relevanz einer Musikrezensionen haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert”, sagt Holger Adam und bezieht sich damit auf den “Popjournalismus”. Denn hier bediene sich die Kritik eher sozialwissenschaftlicher statt musikwissenschaftlichen Kategorien. Kurz: Wer spielt in einer Band und wo kommen die Menschen her? Sind es Frauen? Sind es People of Colour? Angelehnt sei diese Orientierung / Rezeption von Popmusik unter anderem an kulturwissenschaftliche und soziologische Theorien (Cultural Studies / Kapitalsorten nach Bourdieu etc.), die ihrerseits ebenfalls Konjunkturen unterlägen.

So habe beispielsweise seit Mitte der 1980er Jahre bis in die 1990er Jahre Pierre Bourdieus Aktualisierung der Marxistische Theorie („Die feinen Unterschiede“) den linken Popjournalismus stark beeinflusst. In diesem Zusammenhang machte der Begriff des „Distinktionsgewinns“ Karriere. Mit seiner Theorie der Lebensstile lieferte Bourdieu Begrifflichkeiten zur popkulturellen Kritik von „Geschmack“: „Meine Platten sind cooler als deine“ – so setzte man sich von anderen ab und konnte einen sogenannten “Distinktionsgewinn” erzielen. Was auch nichts anderes als ein Machtspiel ist, da das Feine, Angesagte, Realste oder Coolste selbst Gegenstand des Streits ist. „Weshalb der vermeintlich gute Musikgeschmack, der eher auf die Favorisierung obskurer Bands oder Tonträger abzielt auch eine Herrschaftsfrage ist. Aber eine kaum bekannte Band oder Platte ist, weil sie sonst niemand kennt, nicht automatisch besser als eine sehr bekannte”, so Adam.

Allgemeiner Bedeutungsverlust

Welche Platten besprochen werden und welche nicht, ist nicht selten eine Frage szene- oder brancheninterner Kontakte. Promotion im klassischen Sinne – wenn man nicht die Spex oder der Rolling Stone ist – erfolgt immer weniger. „Labels verschicken kaum mehr Platten, sondern maximal einen Downloadlink.” Das Drumherum – wie Cover und Paratexte  – fehlen.

“Die Bedeutung von Musik hat sich insgesamt verändert, was sich natürlich auch auf die Rezensionen auswirkt”, sagt Adam. Durch die Musik-Streamingdienste würde man Musik vielmehr fressen, sich aber nicht ernsthaft damit auseinandersetzen. „Vor der digitalen Revolution, mit damals 25 DM erspartem Taschengeld habe ich mir sehr genau überlegt, welche Platte ich mir kaufe. Um mich gewissermaßen abzusichern, dass sie wirklich gut ist, habe ich Rezensionen von Größen wie Diedrich Diederichsen ernst genommen”, so Adam. Damals konnte er dann so ziemlich jede Tracklist seiner Platten im Schlaf auswendig aufsagen. Bei seiner Itunes-Liste sei das nahezu unmöglich. „Das Musik macht Menschen immer noch Spaß, in meiner Wahrnehmung ist sie aber auch nicht mehr das exklusive Medium der Artikulation für Jugendbewegungen. Kids gehen vielleicht lieber auf die Gamescom und schauen sich Youtuber*innen an, in dieser Hinsicht haben Musiker*innen heute mehr Konkurrenz”, sagt Adam.

Eine ebenso große Herausforderung für die Rezensent*innen: Dass sich die stilübergreifende historische Entwicklung weitgehend aufgelöst hat. Es gibt keinen Anfang und kein Ende mehr. „Die lineare, klassische Vorstellung musikhistorischer Entwicklung oder gar Fortschrittsgeschichte vom Folk und Blues und Rock n Roll zum Pop, zum Punk, Post-Punk, Hip-Hop, Indie, Techno ist gegenüber einer stilistisch breit ausdifferenzierten Allgegenwart aller möglichen Musik zurückgetreten, die Lage ist unübersichtlich aber nicht hoffnungslos”, so Adam.

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