Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

„Mein besonderes Kind“

                             

Hand in Hand durch schwere Zeiten [Foto: Lena Janßen]

26.02.2021 13:04 - Lena Janßen

Madita* studiert an der Universität Duisburg-Essen (UDE) und kümmert sich im Alltag um ihren Sohn Philipp*, der mit dem Asperger-Syndrom lebt. Redakteurin Lena Janßen hat mit ihr über ihr Studium, die Pflege ihres Sohnes und finanzielle Sorgen in Zeiten der Corona-Pandemie gesprochen.

Es ist ein regnerischer Donnerstag, kurz vor 15 Uhr. Nach dem dritten Klingeln hebt Madita den Hörer ab. Ihr Alltag ist während der Pandemie stressiger als gewöhnlich. Dennoch hat sie sich die Zeit genommen, um an diesem Nachmittag ein Telefonat mit mir zu führen. Madita ist 42 Jahre alt und studiert Soziologie im fünften Semester an der UDE. Zudem ist sie verheiratet und hat mit ihrem Mann drei Kinder.

Die Situation der Familie während des Lockdowns ist eine herausfordernde. Maditas mittleres Kind, Philipp, ist 10 Jahre alt und lebt mit dem Asperger-Syndrom. „Mein besonderes Kind“, wie Madita ihn nennt. Das Asperger-Syndrom wird zu den Autismus-Spektrum-Störungen gezählt und ist eine Kommunikations- und Kontaktstörung. Das bedeutet: Menschen mit dem Asperger-Syndrom tun sich schwer, mit Mitmenschen zu interagieren, sich in sie hineinzuversetzen und Empathie zu empfinden.

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Madita beschreibt Philipp als einen sehr intelligenten Jungen. „Das gehört bei ihm zum Asperger-Syndrom dazu“, erklärt sie mir. „Sein IQ ist überdurchschnittlich hoch, aber dafür ist seine soziale Kompetenz sehr niedrig.“ Philipp tut sich vor allem schwer in der Kommunikation mit Erwachsenen, er ist schüchtern. Das äußert sich beispielsweise in der Schule: „Er traut sich nicht, sich in der Schule zu melden. Dann fühlt er sich in der Gruppe seiner Mitschüler verloren oder fühlt sich von den Lehrern nicht angesprochen. Wenn er etwas nicht verstanden hat, dann fragt er nicht nach.“ Dadurch kommt es häufig vor, dass Philipp vergisst, seine Hausaufgaben zu notieren, und den Unterrichtsstoff teilweise nicht versteht.

Diagnose: Asperger-Syndrom

Die Diagnose bekam die Familie im Februar vergangenen Jahres. „Es war ein langer Weg für uns, bis wir die Diagnose bekommen haben. Das war sehr anstrengend“, erzählt Madita. „Und kurz nach der Diagnose war sofort die Pandemie da. Wir konnten keine weiteren Schritte einleiten bezüglich einer Behandlung.“ Mittlerweile befindet sich Philipp seit September 2020 in Therapie: „Zwei Mal in der Woche kommt eine Therapeutin zu uns nach Hause. Seitdem bekommen wir auch als Eltern Unterstützung. Wir können dadurch besser einschätzen, was das Asperger-Syndrom bedeutet, wie wir Philipp am besten helfen und ihn zum Beispiel in der Schule unterstützen können.“

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Homeschooling und Online-Vorlesungen werden zur Herausforderung. [Foto: Lena Janßen]
 

Diese Unterstützung in der Schule braucht Philipp vor allem seit der Umstellung aufs Homeschooling. Auch Maditas jüngste Tochter Emma* benötigt viel Hilfe. Sie geht in die erste Klasse. „Sie kann noch nicht selbst lesen, also müssen wir ihr die Hausaufgaben vorlesen und ihr erklären, was sie bei ihren Aufgaben machen muss. Dazwischen müssen wir nach Philipp schauen, ob bei ihm alles gut läuft. Es ist anstrengend zurzeit“, beschreibt mir Madita ihren Alltag. Während die Kinder von 8 bis 13 Uhr im Online-Unterricht sitzen, versucht Madita dann für ihr Studium zu lernen, besucht Online-Vorlesungen und bereitet Material vor.

 

Als ich sie frage, ob sie ihrem Studium aktuell gerecht werden kann, lacht sie: „Das ist eine gute Frage. Ich frage mich das momentan jeden Tag.“ Das Wintersemester neigt sich dem Ende zu und die Klausurenphase steht an, was Madita besondere Sorgen bereitet. Sie denkt darüber nach, eine Pause im Studium einzulegen oder einige Klausuren auf das kommende Jahr zu verschieben. „Das wäre schade, weil ich zwei Drittel dieses Semesters bereits erledigt habe.“ Für sie ist es nicht nur eine Frage der Zeit, sondern auch, ob sie einen freien Kopf für den Lernstoff hat. Sie steht unter enormem Druck. „Heute Morgen hatte ich eine Vorlesung und dann habe ich bemerkt, dass ich mich falsch vorbereitet habe. Das war frustrierend“, gesteht sie. „Das Homeschooling, ein besonderes Kind und ein Studium im fünften Semester sind nicht leicht für mich. Ich spüre auch eine emotionale Belastung, das muss ich ehrlich sagen.“

„Ich möchte mein Studium nicht aufgeben müssen.“

Von Juni bis Dezember 2020 bekam Madita den Chancengleichheitsfonds in Form von 400 Euro von der UDE ausgezahlt. Die zusätzliche Einnahmequelle war eine große Unterstützung für die Familie. Madita kann aufgrund des Studiums und der Kinder keinem Nebenjob nachgehen. Ihr Mann arbeitet als Pfarrer in einer evangelischen Gemeinde, musste sich jedoch während der Pandemie häufig frei nehmen, um Madita mit den Kindern und ihrem Studium zu unterstützen. Finanziell ist es schwierig geworden, seit der Fond nicht mehr verlängert wurde. „Jetzt wo wir 400 Euro weniger im Monat haben, mache ich mir große Sorgen und frage mich: Wo bekomme ich mehr Geld her?“ Für viele Stipendien kommt Madita nicht in Frage, berichtet sie mir. Sie ist älter als 35 Jahre und keine EU-Bürgerin. „Ich klopfe an alle Türen, aber ich komme nicht weiter, weil ich nicht ins Profil passe. Das ist entmutigend“, erzählt sie, während ihre Stimme leiser wird. „Im Moment versuche ich im Freundeskreis private Spender zu finden. Uns fehlt einfach das Geld.“

Wie es in der Zukunft mit ihrem Studium weitergehen wird, weiß sie nicht. Auch wenn es ihr große Freude bereitet: „Es ist eine Sache, die ich für mich selbst mache. Abseits meiner Rolle als Mutter und meiner Rolle als Ehefrau.“ Gerne würde sie nach dem Bachelor noch ihren Master machen. „Die Frage ist aber nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich schaffen kann“, gibt Madita mir gegenüber offen zu. „Ich bin nicht mehr 20. Ich kann nicht die nächsten 10 Jahre an der Uni verbringen.“ Trotz ihrer Situation möchte sie zum Ende unseres Gespräches noch einmal betonen, wie dankbar sie für die finanzielle Unterstützung im vergangenen halben Jahr war: „Es hat die Last der finanziellen Sorgen von meinen Schultern genommen. Dadurch hatte ich Zeit zum Durchatmen.“ Madita möchte am Ball bleiben: „Ich versuche die Herausforderung, eine Balance zwischen meinem Studium, Philipp und meiner Familie zu finden, zu meistern. Ich werde weiter nach einem Stipendium suchen. Ich möchte mein Studium nicht aufgeben müssen.“

*Namen von der Redaktion geändert

 

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