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SCHWERPUNKT

„Man geht ja auch zum Arzt, wenn man einen Schnupfen hat.“

Angststörungen und Depressionen sind die am häufigsten auftretenden psychischen Erkrankungen bei Erwachsenen.[Foto: pixabay]

21.01.2021 16:29 - Canberk Köktürk

Christian ist in seinen Zwanzigern, studiert und leidet unter seiner psychischen Erkrankung. Im Gespräch hat er uns tiefe Einblicke über den Verlauf seiner Erkrankung und seine Erfahrungen mit der Psychotherapie gegeben.

Nach einigen technischen Schwierigkeiten erscheint plötzlich Christian* auf dem Bildschirm. Er sitzt vor einer weißen Wand, die mit drei schlichten Bildmotiven beschmückt ist. Sein Headset leuchtet blau. Pandemiebedingt erzählt er via Videochat von seinen Erfahrungen über seine psychische Erkrankung und der damit verbundenen Therapie: „Als ich die Panikattacken auch als solche wahrgenommen habe, bin ich 2018 zu meinem Hausarzt. Der hat mir angeboten, zu einer Psychologin zu gehen. Ich war aber zu faul und habe das zunächst ignoriert.“

In der achten Klasse hat Christian unbemerkt seine erste Panikattacke. Die Angst davor, Schwäche zu zeigen, gemobbt zu werden und sich peinlich zu verhalten, findet seinen vorläufigen Höhepunkt bei einem Abend mit Freunden: „Wir wollten einen Horrorfilm schauen. Ich konnte dieses Gefühl nicht einordnen und dachte, ich muss mich übergeben“, reflektiert er seine Erinnerungen, als würde sich in diesem Moment jede einzelne Sekunde vor seinem inneren Auge abspielen. „Das erste Mal, als mir klar wurde, dass das eine Panikattacke sein muss, war einige Jahre später während eines Seminars für das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ). Bei dem Film Das Experiment ging ein Schock durch mich durch. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte und bin im Kreis gelaufen, um mich abzulenken. Das war für alle Anwesenden sicher befremdlich.“

Die ständige Anspannung kurz vor einer Panikattacke erlebt Christian dann fast täglich. Sie gehört von da an zu seinem Alltag, weswegen er sich für eine Psychotherapie entscheidet. „Meine damalige Freundin hat mir auch nahegelegt, zu einer Psychotherapie zu gehen, da meine Erkrankung unsere Beziehung in vielen Facetten beeinträchtigt hat.“ Seinen Therapieplatz bekommt er dann überraschenderweise relativ schnell nach nur drei Wochen. Er weiß aber, dass das bei anderen Personen länger gedauert hat.

Die typischen Sätze „Sei ein Mann” oder „Das ist nur eine Phase”, hört er in seinem Umfeld weniger, da bereits einige Menschen aus seiner Familie Erfahrungen mit einer Psychotherapie haben: „Aber ich selbst habe mich einige Zeit lang immer gefragt: „Warum nehme ich mir das Recht raus, dass es mir schlecht geht? Ich bin doch ein ziemlich privilegierter Typ. Es gibt doch sicher Menschen, denen ich die Möglichkeit wegnehme.“

Psychotherapie ist harte Arbeit

Neben seiner Angststörung hat Christian auch eine Soziale Phobie. „Mir sind die ersten Therapiesitzungen sehr schwer gefallen. Ich konnte mich aufgrund meiner Phobie kaum öffnen und dementsprechend hat das alles ein wenig gedauert.“ Die Fortschritte, die er durch die Psychotherapie gemacht hat, helfen ihm sehr, seinen Alltag zu bewältigen: „Ich initialisiere viel mehr die positiven Dinge, die ich erlebe und mir ist klarer, dass ich viel positiver wahrgenommen werde als ich denke. Die Therapie hat mir auch bewusst gemacht, dass ich vor Dingen Angst habe, die gar nicht real sind.“ Christian hält kurz inne, überlegt einen Moment und fügt hinzu: „Ich weiß, dass andere vielleicht viel mehr Druck oder Vorurteile von außen bekommen als ich, und sich vielleicht gegen eine Therapie entscheiden. Zu diesen Menschen möchte ich sagen: Man geht ja auch zum Arzt, wenn man einen Schnupfen hat. Warum sollte man nicht zu einer Therapie, wenn man psychisch erkrankt ist?“

Gelegentlich macht es ihm zu schaffen, ob seine Erkrankungen einen Einfluss auf seine zukünftige Karriere haben könnten: „Es wird sehr häufig Teamfähigkeit und Kommunikation gefordert. Manche Menschen brauchen halt länger, um sich zu öffnen, vor allem mit einer Sozialen Phobie. Ich wünschte, dass solche Dinge viel öfter berücksichtigt würden.“

Kurz vor dem Ende des Videocalls bemerkt Christian, dass ihm noch eine Sache auf dem Herzen liegt: „Manchmal kommt einem die Therapie so vor, als sei es nur ein Gespräch. Ich komme hin und wieder sehr verschwitzt aus einer Sitzung raus, weil ich aktiv an meinen Problem mitarbeite.“ Nach dem Satz ist von Christian ein leichter Seufzer zu hören. Die Verabschiedung fällt kurz aus, das Fenster des Videochats schließt sich.

*Name von der Redaktion geändert

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