Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Leistungsanrechnung: Ein bürokratischer Albtraum

 Die Anrechnung von Studienleistungen kann knifflig werden. [Foto: Anna Riemen]

15.07.2019 12:00 - Anna Riemen

Nach den Bologna-Prozessen wurde um die Jahrtausendwende das System der Bachelor- und Masterstudiengänge in Europa eingeführt. Der Studienverlauf ist durch eine Abfolge von Modulen strukturiert, die einzelne Veranstaltungen zu einem „Wissensblock“ zusammenfassen. Die Regelungen sollen das Studium eigentlich vergleichbar machen und ermöglichen, leicht zwischen Universitäten zu wechseln. Dabei gibt es allerdings oft Probleme.

Ein Modul ist eine Kombination aus Kursen mit klar definierten Zielen, die für die Studierenden transparent gemacht werden müssen. Sie müssen somit nicht nur in Studien- und Prüfungsordnung des Studienganges, sondern auch im Modulhandbuch explizit erklärt werden. So soll genau festgelegt werden, welche Kompetenzen der*die Student*in, nach Abschluss des Kurses gelernt haben muss. Seit der Bologna-Reform wird jedes Modul mit einer Prüfung abgeschlossen. Aus diesen Modulnoten setzt sich letztendlich die Abschlussnote zusammen.

Die Darstellungen des Studienverlaufs in den Modulhandbüchern des jeweiligen Studiengangs können miteinander abgeglichen werden, wenn Studierende während des Bachelorstudiums die Hochschule wechseln und dort denselben Studiengang weiterstudieren möchten. Da ein Studium letztendlich durch die regelmäßige Abfrage von Wissen in Prüfungsform strukturiert ist, wird für die neue Hochschule schnell ersichtlich, auf welchem Wissensstand der*die Studierende sich gerade befindet. Daraus ergibt sich, welche Studienleistungen ihm*ihr für das Studium an der Universität, an die er*sie wechseln möchte, angerechnet werden können und welche noch erbracht werden müssen.

Die Strukturvorgaben für den Aufbau von Bachelor- und Masterstudiengängen der Kultusministerkonferenz von 2003 sollten den Hochschulen als Orientierungsrahmen für die Planung und Konzeption dieser dienen. Ein Blick ins Handbuch für Prüfungsausschussvorsitzende der Universität Duisburg-Essen eröffnet jedoch den Blick auf die nüchterne Realität: „Die Empfehlungen der Konferenz sind mangels Gesetzeskraft in der Regel rechtlich nicht bindend, also nicht zwingend.“

Unterschiedliche Struktur ergibt Chaos

Sich als Hochschule an die Strukturvorgaben für den Aufbau von Studiengängen zu halten sei zwar zur Verwirklichung der Ziele des Bologna-Prozesses beachtenswert, die Vorgaben letztendlich jedoch nur Empfehlungen – und nicht gesetzlich bindend. Wie unterschiedlich die empfohlenen, jedoch nicht verbindlich gemachten Strukturvorgaben seit 2003 umgesetzt wurden, ist bezüglich ihrer realen Ergebnisse beachtlich: Oft sind die Lehrinhalte eines Studiengangs an verschiedenen Hochschulen zwar ähnlich, die zeitliche Struktur des Studienverlaufs unterscheidet sich jedoch.

An einigen Hochschulen wird ein Modul etwa in zwei Teilen über mehrere Semester gestreckt und mit zusätzlichem Wissen vermengt, bei anderen sind sie dagegen in einem Semester komprimiert. Auch in welchem „Block“ im Studienverlauf, beziehungsweise in welchem Semester Lerninhalte genau durchgenommen werden, kann variieren. „Die Studiengänge werden an der jeweiligen Hochschule aufgebaut und die Fakultät an der Hochschule entscheidet, wie das Programm aussieht“, fasst Juliane Bischof, Mitarbeiterin des Prüfungswesens am Campus Duisburg, zusammen.

Die Bologna-Reform

1999 erklärten 29 europäische Bildungsminister in Bologna ihre Absicht, bis Ende 2010 einen einheitlichen europäischen Hochschulraum mit vergleichbaren Studienabschlüssen zu schaffen. Mittlerweile beteiligt sich fast das ganze geografische Europa an der Bologna-Reform. Die unterzeichnenden Länder haben alle – mehr oder weniger – flächendeckend ihr Studiensystem auf Bachelor und Master umgestellt.

Manchmal sind die Unterschiede zwischen den Modulen der jeweiligen Hochschulstudiengänge nur marginal, doch sie führen trotzdem dazu, dass das Modul bei einem Universitätswechsel nicht angerechnet wird. „Bei einem Modul hier an der UDE waren noch zusätzliche Kompetenzen, ein Computerprogramm etwa, mit drin. Die Inhalte waren komplett gleich, bis auf diesen Zusatz. Das war bei den anderen Fächern genauso. Deshalb hat man mir das hier nicht anerkannt“, so Amanda*, die fünf Semester lang Maschinenbau* an der Ruhr-Universität Bochum studierte, bevor sie aus beruflichen Gründen beschloss, an die Universität Duisburg-Essen zu wechseln.

Die Aufteilung der Lehrinhalte auf die einzelnen Module und deren Lage im Studienverlaufsplan sei dort anders gestaffelt gewesen, so sagt sie. Von etwa zehn Modulen, die sie sich habe anrechnen lassen wollen, seien nur sechs tatsächlich angerechnet worden. „Ich war ein bisschen eingeschüchtert, weil mir so vieles nicht angerechnet wurde. Ich war dann auch erstmal total down“, sagt sie leise.

Von ihrer Hoffnung, durch den Wechsel ihr Studium in Regelstudienzeit oder sogar noch ein bisschen eher abschließen zu können, habe sie sich verabschieden müssen. „Da hat mir ein Prüfer gesagt: ‚Warum bist du eigentlich rüber gekommen? Hättest du da mal weiter gemacht.‘ Hier ist alles so anders.“ Laut ihres Professors liege das auch daran, dass die verschiedenen Hochschulen verschiedene Schwerpunkte in ihren Studiengängen setzen und die Lerninhalte daran angleichen. Universitäten legen Wert auf ein bestimmtes Profil, dass sie von anderen abhebt – und das nicht nur beim Studiengang Maschinenbau.

Naturwissenschaftliche Studiengänge wie Chemie haben immerhin ein vorgegebenes Grundcurriculum, das deutschlandweit gilt. Die einzige Problematik ist, dass sich im Zuge der Umstellung auf das Bachelorlehramtsstudium der Studienplan an der UDE änderte. Dies erschwert den Wechsel vom Bachelor Chemie auf Lehramt zum klassischen Bachelor Chemie. Lehramtsstudiengänge für sich genommen haben zumindest in Nordrhein-Westfalen denselben Vorteil wie die Naturwissenschaften: Durch das Lehramtsausbildungsgesetz und die entsprechenden Lehramtszugangsverordnungen haben sie ebenfalls Standards bezüglich der Inhalte, die in jedem Studienfach zu einem gewissen Anteil vorhanden sein müssen.

Masterwechsel nur innerhalb NRWs reibungslos

Deswegen herrscht innerhalb von Nordrhein-Westfalen keine völlige, aber eine relativ hohe Gleichheit zwischen den Lehramtsstudiengängen — im Gegensatz zu vielen Zweifach-Bachelor- und Masterstudiengängen, die nahezu individuell von den jeweiligen Hochschulen gestaltbar sind. Lehramtstudierende, die ihren Bachelor in einem anderen Bundesland gemacht haben und für den Master nach Nordrhein-Westfalen ziehen möchten, profitieren von diesem in NRW etablierten Grundgerüst jedoch wenig.

So auch Mara*, die ihren Zwei-Fach-Bachelor im Profil Lehramt in Niedersachsen abschloss und die bei der Einschreibung in den Master an der UDE in einen „bürokratischen Auswuchs der Hölle“ hineinstolperte. „Sämtliche Verantwortliche für die Prüfung des Antrags auf Anerkennung waren entweder nicht erreichbar, im Urlaub oder hatten nur einmal pro Monat Sprechstunde, da Semesterferien waren. Der Prozess der Prüfung zog sich bis in den September, sodass ich mich erst danach einschreiben konnte. Neben all dem Stress, über 90 Euro Fahrtkosten und drei Monaten Ungewissheit, verzögerte sich die Bearbeitung meines Antrags auf BAföG ebenfalls, da ich weder eine Unikennung noch eine Immatrikulationsbescheinigung vorweisen konnte“, schildert sie. Ihr Abschluss mit „Profil Lehramt“ sei nicht als gleichwertiger Lehramtsbachelorabschluss anerkannt worden.

Aus diesem Grund war es ihr nicht erlaubt, sich zuerst einzuschreiben und erst dann den Antrag auf Gleichstellung zu stellen und Unterlagen nachzureichen. Eine Möglichkeit, die Studierenden mit einem Abschluss aus NRW eingeräumt wird. Erst nach der Prüfung des Antrags, der sie ebenfalls vor einige Rätsel stellte, durfte sie mit der Einschreibung fortfahren. „Auf einem DIN A4 Zettel standen nur einige wenige Informationen, darunter eine Tabelle mit den einzutragenden Fächern inklusive Zuständige für die Prüfung des Antrags. Wo die zu finden waren? Konnte mir keiner sagen. Im Internet fanden sich spärliche Infos zu den Zuständigen, E-Mails wurden entweder nicht beantwortet oder dreimal weitergeleitet, bevor sie bei der richtigen Person landeten“, klagt sie.

Credits und Workload sind entscheidend

Maras Ärgernis ist kein Einzelfall. „Ja, das kann bei nicht-nordrhein-westfälischen Bachelorabschlüssen passieren“, kommentiert Dietmar Osthus, Vorsitzender des Prüfungsausschusses für alle Bachelor-Lehramtsstudiengänge der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Er sieht Gründe für solch unglückliche Starts in Lehramtsmasterstudiengänge darin, dass in anderen Bundesländern die Verteilungen der Lerninhalte verschieden getaktet sind.

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Welche Leistungen Studierende im Antrag aufführen, hängt davon ab, ob ein Studiengangwechsel, einer Anerkennung im gleichen Studiengang oder ein Hochschulwechsel stattfinden soll. [Foto: Anna Riemen]

„Einige fachdidaktische Studienanteile kommen dort etwa erst im Master dran. Wir haben in Nordrhein-Westfalen aber einige obligatorische Module, die hier auf jeden Fall erbracht werden müssen, ehe ein Masterzeugnis ausgestellt werden kann. Wenn sie im Bachelor noch nicht vorkamen, müssen sie hier parallel zum Masterstudium nachgeholt werden.“

In der Regel sollte eine Mastereinschreibung aber auch dann möglich sein, wenn weniger als 45 Credit Points nachstudiert werden müssen. Dennoch sind die bürokratischen Wege lang, die gegangen werden müssen, bis der Abgleich zwischen den in einem anderen Bundesland geleisteten Kompetenzen mit den an der UDE geforderten abgeschlossen ist. „Einschreibungswesen und Leistungsanerkennung sind tatsächlich Bereiche, die relativ kompliziert sind und in der bestmöglichen aller Welten würde alles viel glatter funktionieren als es in den Einzelfällen meistens passiert“, findet Osthus.

Die Schwierigkeiten, die Lehramtstudiengangwechsler*innen auf Bundesebene haben, sind für andere, besonders Studierende von Zwei-Fach-Bachelor und -Mastern, auch innerhalb NRWs Alltag. „Eigentlich müssten sich die Hochschulen untereinander mehr austauschen und sich innerhalb Nordrhein-Westfalens länderspezifisch bei Anerkennungen entscheiden. Im Moment ist das eher eine Hoheitsaufgabe“, meint Juliane Bischof vom Prüfungswesen.

Besonderheiten nach Bologna

Gebhard Haberbauer, Prüfungsausschussvorsitzender des Studiengangs Chemie, sieht die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen als die Wurzel der Probleme: „Die Idee dahinter ist an sich recht gut. Das Problem war dann die Umsetzung. Man hat sich gedacht: ‚Ein Europa. Wir führen Credit Points ein, sodass die Studierenden einfach zu jeder Zeit beliebig wechseln können.‘ Das ist am Schreibtisch gut gedacht. In der Realität kam es anders.“

Beim Diplomsystem habe es eine abschließende Prüfung gegeben, auf die viel Wert gelegt worden sei. Bei einem Wechsel habe man großzügig sein dürfen, denn egal, auf welchem Stand der*die Studierende zuvor gewesen sei, vor der Ablegung der finalen Prüfung seien alle wieder auf dem gleichen Wissenslevel gewesen. Nun müsse man auf die Ergebnisse jeder einzelnen Modulabschlussprüfung schauen, alles sei viel bürokratischer geworden. „Heutzutage ist die Summe des Bachelors nichts weniger als die Summe der Einzelprüfungen,“ fasst er zusammen.

Das Credit-Point-System führe außerdem dazu, dass es schwierig sei, an der eigenen Hochschule ein Modul anzuerkennen, das an einer anderen Universität inhaltlich ähnlich war, jedoch mit weniger ECTS akkreditiert wurde. „Wenn jetzt einer wechselt und der hat lauter Veranstaltungen mit vier Credit Points, aber wir haben hier Sechs-Credit-Points-Veranstaltungen, wäre es nicht legitim, ihm die zu bescheinigen. Man hat nicht mehr die Möglichkeit, kulanter zu sein,“ bedauert er. Diese Bürokratie habe sich in seinen Augen für die Studierenden als negativ herausgestellt: Es wechselten viel weniger Studierende.

Wie läuft die Anerkennung von Leistungen ab?

Prüfungsausschussvorsitzende wie Haberbauer und Osthus haben die höchste Autorität bei der Anrechnung von Leistungen. Jedes Fach hat einen eigenen Prüfungsausschuss, meistens haben die Lehramtsstudiengänge des jeweiligen Faches noch einen eigenen. Es gibt also etwa sowohl einen Prüfungsausschuss für Bachelor und Master of Science Physik,  als auch einen für Physik auf Lehramt.

Der*die Prüfungs-ausschussvorsitzende schaut sich die Anträge an, wenn es Streitfälle, Unklarheiten oder Fragen gibt.

Einzige Ausnahme ist die Geisteswissenschaftliche Fakultät: Sie vereint so viele einzelne Fächer, dass es hier einen Prüfungsausschuss für alle Lehramtsstudiengänge und einen für alle Nicht-Lehramtsstudiengänge gibt. Aus welchen Mitgliedern sich ein Prüfungsausschuss jeweils zusammensetzt, kommt auf die jeweilige Prüfungsordnung an, einen gewählten Vorsitzenden haben sie jedoch alle.

Ausschlaggebende Kriterien für die Anrechnung von Leistungen sind die Inhalte der Module laut Modulhandbuch sowie der Workload in Credit Points. Die Kompetenzen, die der*die Student*in an ihrer alten Hochschule erbracht hat , werden hinsichtlich darauf geprüft, ob sie zu dem, was an der eigenen Hochschule gelehrt wird, äquivalent sind. Es gibt Onlineformulare und auch Vordrucke, in die der*die Studierende ausfüllt, welche Leistungen er*sie gerne anerkannt haben möchte. Dieser Antrag wird dann zusammen mit den passenden Leistungsnachweisen ans Prüfungswesen gesendet, welches es an die jeweilige Fakultät weiterleitet. Welche Leistungen er*sie sich konkret anerkennen lassen will und somit im Antrag aufführt, ist unterschiedlich.

Je nachdem ob ein Studiengangwechsel, eine Anerkennung im gleichen Studiengang oder ein Hochschulwechsel stattfinden soll. Wer genau sich die Anträge anguckt und fachlich beurteilt, ist von Fakultät zu Fakultät verschieden. In der Geisteswissenschaft sind es die Kustod*innen der jeweiligen Fächer, in Chemie ist es der*die Studienkoordinator*in.
Bei einigen technischen Studiengängen, wie dem, den Amanda studiert, müssen Studierende mit ihren Modulhandbüchern jeden Lehrstuhl einzeln besuchen und sich jedes einzelne Modul auf ihrem Antrag vom leitenden Professor abzeichnen lassen. Der*die Prüfungsausschussvorsitzende schaut sich die Anträge an, wenn es Streitfälle, Unklarheiten oder Fragen gibt.

Er*sie kann dann entscheiden, ob Anerkennung möglich ist oder nicht. „Eigentlich haben wir ja im Bolognaprozess die Umkehr der Beweislast. Das heißt, im Grunde müsste gerechtfertigt werden, eine externe Leistung nicht anzuerkennen, während die Anerkennung der Regelfall ist,” fasst Osthus die Absurdität der geltenden Anrechnungspraktiken abschließend zusammen.

*Name und Studiengänge der Redaktion bekannt

 

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