Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Keine Zeit für mich

Alles unter einen Hut zu bringen, zerrt an den Kräften.
[Illustration: Pia Ribnikar] 

01.02.2021 10:29 - Canberk Köktürk

Nebenjob, Studium und eine Pflegetätigkeit in der Familie. Unser Redakteur hatte bis zur Pandemie eine 90 Stunden Woche. Die andauernden Gedanken an die Care-Arbeit und eigenen Zukunftspläne, sorgten letztendlich dafür, dass seine bezahlte Arbeit zur Entspannungsoase wurde.

Eine Kolumne von Canberk Köktürk

Um 6:30 Uhr klingelte der aggressive Wecker meines Smartphones. Hätte ich einen sanfteren Ton ausgewählt, wäre ich vermutlich liegen geblieben und sehr viele Menschen hätten sich gefragt, wo ich denn bleibe. Manchmal war der Gedanke, einfach liegen zu bleiben so schön, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Ich stand trotzdem auf. Die Angst davor, jemanden zu enttäuschen sowie Existenz- und Zukunftsängste, gaben mir die nötige Motivation, meine eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

Die Tage verliefen immer ähnlich. Gegen 7:30 Uhr fuhr ich zu meiner Familie, um die anderen bei der Care-Arbeit abzulösen, damit sie zur Arbeit konnten. Dort begann ich mit den typischen Haushaltssachen: Frühstück vorbereiten, Aufräumen, Staubsaugen, Mittagessen kochen und so weiter, und so fort. Zwischen den Mahlzeiten und den Aufgaben konnte ich, wenn es mal eine ruhige Phase gab, Vorlesungen oder Seminare nachholen. Eine Seltenheit. Es gab immer irgendeine Aufgabe. Sei es im Haushalt, Arzttermine, Medikamente organisieren oder zu Physiotherapien fahren. Die meisten Probleme konnte man nicht im Voraus planen, da sie spontan entstehen. Ständig für die nächste Sache bereit zu stehen, egal wie klein sie auch sein mochte, machte einen großen Teil meiner Anspannung aus. Gegen 16 Uhr fuhr ich dann entweder zur nächsten Acht-Stunden-Schicht auf die Arbeit, zum Einkaufen oder musste mich in meiner eigenen Wohnung um den Haushalt kümmern.

„Warum tust du dir das überhaupt an?“

Diesen Satz habe ich oft aus dem Freundeskreis gehört. Das Problem ist und war nicht die Care-Arbeit selbst, da wir uns in der Familie die Aufgabenbereiche relativ gut aufgeteilt hatten. Auch die Fortschritte der Pflegeperson werden immer größer. Eine große Freude, sie dabei zu begleiten. Aus Liebe und Hingabe macht man diese Arbeit gerne. 
Nicht alle Familien können ihren Kindern finanziell helfen. Viele Studierenden gehen einer Nebentätigkeit nach. Die klassischen Branchen sind Gastronomie, Nachhilfe, Verkauf und Kultur. Auch für mich ging es in eine dieser Branchen.

Kolumne Schwerpunkt.jpg
Keine Sekunde für die eigenen Bedürfnisse. [Symbolbild: pixabay]
 

Ein möglicher Vorteil der Kultur- und Gastrobranche ist, dass man am Wochenende oder am späten Abend arbeiten kann. Damit konnte ich sowohl die Care-Arbeit, Studium und Lohnarbeit unter einen Hut bringen. Während ruhigerer Tage bei meinem Nebenjob konnte ich Seminare und Vorlesungen nachholen. Als die Arbeit der einzige Ort zum Entspannen und Lernen wurde, hätten die Alarmglocken läuten müssen. Falls sie geläutet haben, dann war mein Kopf so überfüllt mit Gedanken, dass die Glocken nur ein nerviger Ton aus weiter Ferne waren.

 Urlaub für die Prüfungen

Um im Studium einigermaßen weiter zu kommen, musste ich mir einen Tag in der Woche aussuchen, an dem ich von Morgens bis Abends so viele Seminare wie möglich besuchte. Die Vorlesungen holte ich immer mit Hilfe der Literatur und Vorlesungsfolien nach. Sobald die Prüfungsphase losging, musste ich meinen Urlaub bei meiner Nebentätigkeit aufbrauchen, damit ich mich gut vorbereiten konnte. Eine ausreichende Auszeit konnte ich mir nicht leisten. Ohne weiteren Urlaubsanspruch musste ich weiterarbeiten und teilweise einen saisonalen zweiten Nebenjob annehmen, damit ich einen Notfallgroschen hatte. 

Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich jeden einzelnen Millimeter in jeder Faser meines Körpers spürte. Ich verlor in der Woche zehn Stunden durch Warte- und Fahrtzeiten an Bahnhöfen und Zügen. Während ich kreuz und quer durch das Ruhrgebiete pendelte, kümmerte ich mich um Telefontermine oder arbeitete an den Seminarlektüren. An den meisten Tagen überlegte ich, vor meinem Ziel auszusteigen und Nichts zutun. Ich wollte mich einfach irgendwo hinsetzen. „Deine Schicht hat begonnen, wo bist du?!“ – ich würde mein Smartphone wegwerfen und nur noch sitzen.

Und jetzt?

Als ich meinen Nebenjob durch die Corona Pandemie verlor, war ich, obwohl die Ungewissheit uns alle wahnsinnig machte, erleichtert. Ich hatte plötzlich Zeit für mich. Ich verbrauchte meinen Notgroschen, um mir in Ruhe eine neue Nebentätigkeit zu suchen. Als die Universitäten sich für ein digitales Semester entschieden, konnte ich auf einmal von überall an den Vorlesungen teilnehmen: während der Care-Arbeit oder beim Geschirrspülen in meiner Küche. Die ganze Welt musste scheinbar stehen bleiben, damit ich meinem Studium richtig nachgehen konnte. Aber ich bin nur ein Beispiel von viel zu vielen. 

Es gibt noch mehr Studierende, die einer Pflegetätigkeit nachgehen. Einige haben keine anderen Familienmitglieder, die ihnen dabei helfen können. Andere müssen in der Woche arbeiten und deshalb ihren Hauptjob vernachlässigen: Ihr Studium. Die Pandemie hat gezeigt, wie die tatsächliche Lebenssituation von Studierenden aussieht. Viele haben weitere Verpflichtungen und nicht die Flexibilität, die ein Vollzeitstudium verlangt. Diese Menschen finanziell zu unterstützen und ihnen weitere Optionen anzubieten wie beispielsweise digitale Seminare, sollte das Mindeste sein, was wir in dieser Hinsicht aus der Corona-Krise lernen sollten.

Was stresst Studierende?

Was stresst Studierende, und was hilft dagegen? Wir fragen Jörn Sickelmann vom Akademischen Beratungszentrum Studium und Beruf.
 

Pflegearbeit statt Studileben

Wie es ist zu studieren und gleichzeitig jemanden zu pflegen? Unsere Gastautorin hat sich mal umgehört.
 

Krankenhäuser als Wirtschaftsunternehmen

Zeit ist Geld - auch im Krankenhaus. Das IAQ berichtet über Einflüsse der Ökonomisierung auf Patient*innen und Personal.
 
Konversation wird geladen