Studentische Monatszeitung für Duisburg, Essen und das Ruhrgebiet

SCHWERPUNKT

Keine Nerven, um sich zu verschulden

Ohne Moos kein Studium, oder so. [Symbolfoto: David Peters]

21.09.2020 10:40 - Dennis Pesch

Seit 1951 lässt das Deutsche Studentenwerk (DSW) durch die sogenannte Sozialerhebung erforschen, wie Studierende in Deutschland wirtschaftlich und sozial durchs Leben kommen. Aus welchen Haushalten kommen Studierende, die Schulden aufnehmen müssen, um ein Studium finanzieren zu können? Wer will sich überhaupt verschulden und wie hoch sind die Beträge, die Studierende in Deutschland dann zurück zahlen müssen?

Das Erste, woran viele denken dürften, wenn Kommiliton:innen erzählen, dass sie für ihr Studium Schulden aufgenommen haben, ist das BAföG. Seit 1971 gibt es das Bundesausbildungsförderungsgesetz. Bei der Einführung war es ausschließlich ein Zuschuss, also kein halbes Darlehen wie heutzutage. Ein Jahr später wurden von 606.000 eingeschriebenen Studierenden 44,6 Prozent gefördert – also fast die Hälfte. 

Ein Blick in die heutige Sozialerhebung des DSW zeigt, dass das BAföG in den vergangenen Jahren erhebliche Abstürze bei der Förderungsquote zu verzeichnen hat. Ein Viertel der Studierenden sagen, dass sie nie einen BAföG-Antrag gestellt haben, weil sie sich nicht verschulden wollen. Besonders hoch ist die Quote bei Studierenden mit „niedriger Bildungsherkunft“, also aus nicht-akademischen Haushalten mit 37 Prozent. Deutlich unter dem Durchschnitt liegt die Gruppe der „hohen Bildungsherkunft“ mit 18 Prozent.

Studierende aus Arbeiter:innenhaushalten fallen zurück

Zwar sind die meisten geförderten Studierenden aus Arbeiter:innenhaushalten mit 27 Prozent, doch die Quote geht zurück, vor allem weil die Einkommen der Eltern gestiegen sind. Je höher die Bildungsherkunft, desto unwahrscheinlicher, dass Studierende staatliche Förderungsgelder erhalten. Das ist sinnvoll, denn das BAföG ist eigentlich ein Instrument, um die in Deutschland seit Jahrzehnten manifestierten Ungerechtigkeiten auszugleichen.

Fraglich ist, ob die Verschuldungen nicht dazu beitragen, die Ungerechtigkeiten weiter zu manifestieren. Eine große Mehrheit derjenigen, die vom BAföG gefördert werden, sagen, es sei eine „Grundvoraussetzung dafür, überhaupt studieren zu können“, knapp vier Fünftel. Studierende mit der Bildungsherkunft „niedrig“ stimmen der Aussage noch deutlicher zu als die übrigen drei Herkunftsgruppen: mittel, gehoben und hoch. 85 Prozent der Menschen mit niedriger Bildungsherkunft geben an, dass sie das BAföG benötigen.

Geben beim BAföG rund 25 Prozent der Befragten in der Sozialerhebung an, vom Staat gefördert zu werden, sind es bei anderen Darlehensgebern deutlich weniger. Den Bildungskredit der staatlichen Bank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bezieht ein Prozent der Studierenden, den Studienkredit der KfW beziehen nur drei Prozent. Kredite von anderen Banken wie beispielsweise von der Sparkasse bekommt ebenfalls ein Prozent der Studierenden.

Wer volle Bezüge erhält, um das Studium zu finanzieren, kann die Hochschule auch mal mit Schulden im fünfstelligen Bereich verlassen. Beim BAföG ist die Darlehensschuld gegenüber dem Staat auf 10.000 Euro begrenzt. Anders sieht es bei Kreditgebern wie der KfW aus. Bis zu 50.000 Euro hoch kann der Studienkredit werden. Signifikante Unterschiede zwischen den Krediten sind, dass bei der KfW oft Zinsen anfallen und dass beim BAföG mindestens die Hälfte der Förderungssumme Zuschüsse sind. Das bringt Studierende teilweise in existenzielle Krisen, denn je nach Kreditgeber ändert sich auch der Druck. Wer ein Darlehen mit Zinsen bei der KfW bezogen hat, zahlt je nach Rückzahlungsrate bis zu 25 Jahre Schulden ab. Bis die Tilgungsbeträge dann die Zinsen übersteigen, kann es manchmal sogar Jahre dauern.

Hohe Verschuldungen nach dem Studium

Eine Erhebung wie hoch die Verschuldung deutscher Studierender nach dem Studium ist, gibt es nicht. BAföG-Ämter führen keine Statistiken dazu und von der Sozialerhebung des DSW wird dieser Bereich nicht abgedeckt, da er nicht der Forschungsfrage entspricht.Schließlich beginnt die Rückzahlung erst nach dem Studium und erst dann ist dadurch auch die Verschuldungshöhe klar.

Fraglich ist, ob die Verschul-dungen dazu beitragen, die Ungerechtig-

keiten nicht weiter zu manifestieren.

Dennoch gibt es Umfragen, die sich damit beschäftigen, wie hoch die Verschuldung der ehemaligen Studierenden ist. Das Leiharbeitsunternehmen „Univativ“ führte 2016 eine solche Umfrage mit 350 Hochschulabsolvent:innen im Alter von bis zu 34 Jahren durch. „44 Prozent müssen nach dem Studium teils erhebliche, in ihrer Ausbildungszeit angehäufte Schulden begleichen, mehrheitlich weit über 6.000 Euro“, heißt es im Bericht zur Umfrage. Und die Schulden sollen teilweise über den Deckelungsbetrag im BAföG hinausgehen: „Beträge von mehr als 10.000 Euro sind keine Seltenheit“, so das Fazit.

Das Leiharbeitsunternehmen konstatiert eine „hohe finanzielle Belastung“ bei Hochschulabsolvent:innen. Der Umfrage nach gingen zwölf Prozent mit 10.000 bis 19.999 Euro Schulden in die Lohnarbeit, elf Prozent mit 6.000 bis 9.999 Euro, acht Prozent mit 3.000 bis 5.999 Euro. „Nur bei zehn Prozent lagen sie darunter“, so die Umfrageergebnisse. Mehr als 20.000 Euro Schulden mussten der Umfrage nach neun der insgesamt 350 Befragten aufnehmen. Repräsentativ sind diese Ergebnisse nicht, sie geben lediglich einen Einblick.
 

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