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Insektensterben bedroht Artenvielfalt

Rund 3.000 Insektenarten stehen auf der roten Liste. [Foto: David Peters]
06.10.2020 12:51 - David Peters

2017 veröffentlichte der Entomologische Verein Krefeld die sogenannte Krefelder Studie, die in Fachkreisen und Medien für Aufsehen sorgte. Die Krefelder Insektenforscher:innen verzeichneten bei ihren Untersuchungen einen Rückgang der Biomasse bei Fluginsekten um mehr als 75 Prozent.

Insekten scheinen für viele Menschen lästig: Mücken, die unangenehme Stiche hinterlassen oder Wespen, die einem das Eisessen versauen, sind die wohl häufigsten Assoziationen. Doch Insekten sind für die Natur ein essentieller Bestandteil. Sie übernehmen die Blütenbestäubung und leisten einen Beitrag zur Fruchtbarkeit des Bodens. Indem sie Blätter und Nadeln fressen, geben sie durch ihren Kot dem Boden Nährstoffe zurück. Insekten dienen auch als Nahrung für Vögel, Fische und andere Lebewesen. Diese können ebenfalls bedroht sein, wenn die Masse der Insekten zurückgeht. 

Die Krefelder Entomolog:innen hatten seit 1989 an rund 60 Standorten über einen Zeitraum von 27 Jahren mit sogenannten Malaise-Fallen die Biomasse der Fluginsekten untersucht – allerdings nicht mit dem vordergründigen Ziel, einen Rückgang nachzuweisen. „Anfang der 2000er war der Punkt erreicht, an dem man feststellte, dass gar nicht mehr so große Flaschen für die jeweiligen Proben benötigt werden, weil nicht mehr so viele Insekten in die Fallen fliegen“, erklärt Thomas Hörren vom Entomologischen Verein Krefeld. Erst 14 Jahre später habe man sich in einer Metastudie näher damit befasst: „Wir haben 2013 und 2014 an einem Standort ganz gezielt alle Biomassefänge und alle Proben aus unserem Archiv angeschaut. Dabei haben wir festgestellt, dass in einem Zeitraum von 27 Jahren die Biomasse der Fluginsekten um knapp 76 Prozent zurückgegangen ist.“ Diese Erkenntnis sei nur möglich gewesen, weil im Entomologischen Verein alle Proben archiviert werden. An Universitäten würden diese nach einigen Jahren einfach entsorgt, so Hörren. Das Archivieren der Proben sei nicht nur für solche Studien nötig, sondern auch, um zukünftigen Generationen einen Zugang zu den Ergebnissen zu ermöglichen.

3.000 Insektenarten auf der Roten Liste

Doch nicht nur der Rückgang der gesamten Biomasse sei bemerkbar, so Hörren. Auch ein Artenschwund sei festzustellen: „Wir schauen uns nicht nur die Fluginsekten als Biomasse an, sondern wir werten auch die einzelne Arten aus. Da hat sich gezeigt, dass bei einigen Arten, wie zum Beispiel den Schwebfliegen, ein sehr starker Rückgang zu verzeichnen ist. Manche tauchen sogar nicht mehr auf.“ Laut Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz befinden sich in den Roten Listen Nordrhein-Westfalens knapp über 3.000 Insektenarten. Davon gelten 52 Prozent als gefährdet oder ausgestorben.

Das genaue Ausmaß ist für die rund 25.000 Arten in NRW weitgehend unbekannt, so das Ministerium. Aktuell laufen im Auftrag der zuständigen Ministerien mehrere Monitoringprogramme, die den Biomasserückgang der Insekten erforschen sollen. Ein weiteres Forschungsprojekt untersucht in Zusammenarbeit mit dem Entomologischen Verein Krefeld die Veränderungen der Artenzusammensetzung in den Krefelder Insektenproben. Zudem werden von der Landesregierung mehrere Programme unterstützt, die eine Bepflanzung von Brachflächen oder Jagdschneisen mit speziellen Blütenmischungen fördern. Dadurch soll gerade in den Randbereichen von landwirtschaftlich genutzten Flächen die Biodiversität erhöht werden.

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Der drastische Rückgang der Insekten – aber auch anderer Tierarten – veranlasste dieses Jahr ein Bündnis aus Naturschutzverbänden eine Initiative zu starten. Bestehend aus den NRW-Landesverbänden des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Landesgemeinschaft Naturschutz und Umwelt NRW (LNU) und dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) wurde die „Volksinitiative Artenvielfalt“ unter dem Motto „Insekten retten – Artenschwund stoppen“ gestartet. Das Bündnis möchte mindestens 66.000 Unterschriften sammeln. Diese sind notwendig, damit der Landtag Nordrhein-Westfalens sich mit der Volksinitiative beschäftigt.

Maßnahmen zum Insektenschutz nicht ausreichend

Die Ursachen des Insektenrückgangs sind komplex, so Entomologe Hörren. Ein großes Problem sei die Zerstückelung der Naturschutzgebiete: „Seit Jahrzehnten ist es wissenschaftlicher Konsens, dass die eigentlichen Lebensräume der Insekten stark fragmentiert wurden. Manchmal gibt es nur noch kleine Inseln. Alle Arten, die dort leben, von den Vögeln bis zu den Insekten, bräuchten eigentlich mehrere Quadratkilometer für ihren Lebensraum.“ Allein in NRW gibt es mehr als 3.200 Naturschutzgebiete. Durch die geringe Größe des Lebensraumes verliert er auch an Qualität, erklärt Hörren. „Wir haben mehrere große Probleme: die zu kleine Fläche der Lebensräume, eine abnehmende Qualität der Lebensräume und keine Verbindung der Lebensräume untereinander.“ Dazu kämen menschengemachte Probleme, wie unsere Landnutzungsformen oder Pestizide. „Was wir gerade zum Insektenschutz machen, ist nicht ausreichend“, bilanziert Hörren.

Hier möchte auch die Initiative des Bündnisses der Naturschutzverbände ansetzen. Dazu hat sie acht konkrete Forderungen an die Politik. Sie umfassen unter anderem einen Stopp des Flächenfraßes, mehr naturbelassene Waldflächen und die Ausweitung des Biotopverbundes. Mit Flächenfraß meinen die Naturschützer:innen den Flächenverbrauch. Rund zehn Hektar Fläche würden in NRW täglich für neue Wohn- und Gewerbegebiete, Straßenbau und die Rohstoffgewinnung verloren gehen, erklären sie. Auch müsse der ökologische Landbau deutlich ausgeweitet, ein Verbot von Pestiziden in Naturschutzgebieten durchgesetzt, sowie Gewässer und Auen wirksam geschützt werden. „In all diesen Politikfeldern sehen wir Stillstand oder Rückschritte“, kritisierte der BUND-Landesvorsitzende Holger Sticht zum Start der Initiative. „Wir können nicht erkennen, dass die Landesregierung gewillt ist, dem dramatischen Verlust an biologischer Vielfalt konsequent zu begegnen.“ 

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