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SCHWERPUNKT

„Ich kenne meine Rechte” - Als Sprachstudentin in Deutschland

Destina kämpft mit der deutschen Bürokratie. [Foto: Saskia Ziemacki]

22.06.2021 14:33 - Saskia Ziemacki

Destina ist eine sogenannte Sprachstudentin aus der Türkei, die eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland hat, solange sie an einer Universität zugelassen ist und jedes Semester einen Sprachkurs absolviert. Da der ganze bürokratische Vorgang in Corona-Zeiten abgewickelt wurde, ist es mit der Ausländerbehörde zu Unstimmigkeiten gekommen: Destina droht die Abschiebung. 

Verzweifelt hält Destina einen Brief in der Hand: „Anhörung gemäß § 28 Verwaltungsverfahrensgesetz zur beabsichtigten Versagung der Aufenthaltserlaubnis und Androhung der Abschiebung“ lautet der Titel. Das Dokument besagt, dass Destina sich ohne Zulassung eines Vollzeitstudiums nach ihrem Erasmus nicht mehr in Deutschland aufhalten darf, solange sie nur Sprachkurse macht. „Ich weiß nicht, warum mir die Ausländerbehörde diesen Brief geschickt hat, aber ich weiß, dass es eine ernste Sache ist“, sagt Destina. Sie ist sich sicher, dass etwas mit ihren Unterlagen schiefgelaufen ist und sie sich schnellstmöglich darum kümmern muss.

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Mit einem Erasmus fing die Reise nach Deutschland im Oktober 2019 für sie an. Destina studiert Linguistik in der Türkei und macht ihre Erasmus-Kurse in Turkistik an der Universität Duisburg-Essen (UDE). Im März 2020 verlängert sie ihren Erasmus für ein weiteres Semester. „In diesem März ist Corona das erste Mal in Deutschland eingeschlagen und ich konnte keinen Visumstermin bekommen“, erklärt Destina. Also schickt sie eine E-Mail mit allen Unterlagen der UDE und ihrer Universität in der Türkei zur Verlängerung des Erasmus an die Ausländerbehörde. Doch dabei läuft etwas schief: „Eigentlich muss man dort hingehen und die Unterlagen persönlich abgeben, wie überall in Deutschland, aber wegen Corona ging es nicht“, so Destina. Der vermeintliche Stand der Ausländerbehörde: Destina habe bereits im März 2020 angefangen, Sprachkurse ohne Zulassung einer Universität zu belegen. 

„Während des Erasmus habe ich alles dafür getan, eine reguläre Studentin zu werden“, erzählt Destina. So bekommt sie eine Zulassung als sogenannte Sprachstudentin an der UDE im Oktober 2020. Ihr Studienfach ist damit nicht mehr Turkistik, sondern Englisch und Türkisch auf Lehramt. Da es nicht mehr rein auf Türkisch ist, benötigt sie innerhalb eines Jahres das deutsche Sprachniveau C1. „Ich muss der Uni jedes Semester den Nachweis über einen Sprachkurs geben. Dafür geben sie mir die Studienbescheinigung und das Semesterticket“, sagt Destina. Mit diesem Status kann sie jedoch keine Prüfungen an der Uni ablegen, sondern nur als Gasthörerin an den Vorlesungen teilnehmen. Sie konzentriert sich voll und ganz auf die Sprachkurse, auch wenn das in Zeiten der Pandemie alles andere als einfach ist. 

Deutsch lernen in Corona-Zeiten

Destina kommt mit dem Anfänger-Sprachniveau A1 nach Deutschland. Sie macht einen B1-Kurs an der Volkshochschule, der zur Hälfte online, zur Hälfte in Präsenz ist. Der darauffolgende B2-Kurs ist komplett online. „Ich fühle mich nicht wohl mit Online-Kursen. Jedesmal dachte ich, nichts gelernt zu haben, nachdem ich den Laptop zugeklappt habe“, sagt Destina frustriert. „Wenn man zu Hause lernt, gibt es so viele Ablenkungen. Man kann sich kaum konzentrieren und macht weniger Notizen. Es ist einfach nicht effizient.“ Auch ihre Arbeit in einem Callcenter macht Destina von zu Hause aus. Doch ohne diesen Job könnte sie sich die Sprachkurse, die pro Niveaustufe um die 500 Euro kosten, nicht leisten.  

Destina wohnt im Studierendenwohnheim in Essen in einem 20 Quadratmeter großen Einzimmerapartment. Sie isst, schläft, arbeitet und lernt im selben Raum. „Im Studentenwohnheim ist es sehr hart, Deutsch zu lernen“, gesteht Destina. Denn dort habe sie bisher nur Erasmus-Studierende kennengelernt, die kein Deutsch für ihr Studium benötigen und alle sechs Monate wieder wechseln. „Selbst wenn ich Deutsch sprechen will – und ich versuche es oft – klappt es nicht“, so Destina. Auch ihre Freunde, die sie im Erasmus oder im Wohnheim kennengelernt hat, wollen weder Online-Kurse, noch in diesen Zeiten überhaupt eine Sprache lernen. 

Also wartet Destina ein paar Monate, bis die Kurse wieder in Präsenz sind. „Ich muss mich jetzt darum kümmern, aber ich bin so müde“, gibt Destina zu. Denn um die Sprache besser zu lernen und ihre verlorene Zeit wieder aufzuholen, muss sie einen Intensivsprachkurs machen, der jeden Tag stattfindet. „Arbeiten kann ich zur Not auch nachts“, erklärt Destina. Doch auch das Problem mit der Ausländerbehörde laugt sie aus. Aus Angst, abgeschoben zu werden, kontaktiert sie einen Rechtsanwalt für Migrationsrecht.

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Destinas Leben spielt sich in ihrem kleinen Zimmer im Studierendenwohnheim Meistersingerstraße ab. [Foto: Saskia Ziemacki]
 

„Der Anwalt wollte nur das Geld“

Die Kanzlei antwortet Destina um 9 Uhr abends und gibt ihr direkt einen Termin für den nächsten Tag. „Das macht mich nervös, weil sie es anscheinend als sehr dringend ansehen“, sagt Destina. Sie zeigt auf das Datum des Briefes der Ausländerbehörde. Er ist auf den 19. Mai datiert. Ab da habe sie vier Wochen Zeit gehabt, eine Antwort mit ihren Unterlagen zu schicken. Angekommen ist der Brief jedoch erst eine Woche später. Viel Zeit bleibt ihr nicht mehr. „Ich hoffe, dass ich bereits alles bei der ersten Beratung mit dem Anwalt klären kann, denn dafür muss ich schon 150 Euro zahlen“, erzählt Destina. Sie weiß von einer Beratungshilfe vom Amt, sieht es jedoch als letzten Ausweg an, da es vermutlich wieder mit viel Bürokratie und Wartezeiten verbunden ist.

Nach dem Termin in der Kanzlei ruft Destina aufgelöst an: „Der Anwalt wollte nur das Geld.“ Er rechne ihr eine 50 prozentige Chance aus, dass sie bleiben kann. Ihre beste Option sei es, in die Türkei zu gehen und den Visumsprozess von dort laufen zu lassen. „Der Anwalt will Unterlagen aus der Türkei anfordern und dafür 1000 Euro verlangen, danach noch 500 Euro für die Beratung“, erklärt Destina. Eine Summe, die sie unmöglich dafür aufbringen kann. Also versucht sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. „Ich habe die Ausländerbehörde erreicht und festgestellt, dass mein Sachbearbeiter in Rente gegangen ist und somit die Unterlagen nicht mehr da sind“, erzählt sie aufgeregt. Es bestehe also immer noch die Chance, dass ein erneutes Schicken der Studienbescheinigung der UDE ausreicht, um weiterhin in Deutschland bleiben zu können. 

„Ich kenne meine Rechte und das müssen sie wissen“, so Destina. Denn laut § 16b, dem Paragrafen zum Studium im Aufenthaltsgesetz, ist „der Besuch eines studienvorbereitenden Sprachkurses, wenn der Ausländer zu einem Vollzeitstudium zugelassen worden ist“, ein Grund zu bleiben. „Ich habe so Angst. Wie könnte ich das alles hier verlassen?“ gesteht Destina. Jetzt muss sie auf die Antwort der Ausländerbehörde warten und hoffen, dass alles nur ein Missverständnis war. Denn dann kann sie sich in Ruhe darum kümmern, intensiv Deutsch zu lernen und ihr Wunschstudium an der UDE aufzunehmen.

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